Veranstaltungsprogramm
Eine Übersicht aller Sessions/Sitzungen dieser Veranstaltung.
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Session 5: Rollenbilder der Kommunikator*innen
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Sollen Journalist*innen politische Informationen vermitteln? Wie Politiker*innen das sehen – und wie sie (mit Journalist*innen) kommunizieren TU Dortmund, Deutschland Im Beitrag wird dargestellt, inwieweit Politiker*innen der Aussage "Ich erwarte von Journalist*innen, dass sie Informationen liefern, die Menschen brauchen, um politische Entscheidungen zu treffen" zustimmen, wie sie mit Journalist*innen kommunizieren, welche Kommunikationskanäle sie außerhalb von Wahlkämpfen nutzen und wie alle drei Aspekte zusammenhängen. Insgesamt unterscheiden sich vor allem Politiker*innen der AfD, die vom Verfassungsschutz als rechtsextremistischer Verdachtsfall eingestuft wurde, in ihren Antworten von Politiker*innen anderer Parteien. Bspw. haben weniger von ihnen Kontakt zu Journalist*innen und mehr kommunizieren via Social Media. Die Daten stammen aus einer Befragung von Politiker*innen auf Bundes-, Landes- und Kommunalebene in Deutschland (N=668) und wurden 2024 erhoben. Pluralisierung oder Polarisierung? Rollenorientierungen alternativer Nachrichtenproduzenten im Kontext demokratischer Resilienz Friedrich-Schiller-Universität Jena, Deutschland Demokratische Resilienz bezeichnet die Fähigkeit demokratischer Systeme, auf Krisen stabilisierend zu reagieren, ohne ihre grundlegenden Werte zu verlieren (Boese et al., 2021). Medien spielen dabei eine zentrale Rolle, da sie öffentliche Diskurse strukturieren und eine Kontrollfunktion gegenüber politischen Institutionen einnehmen (Fawzi, 2021). In den letzten Jahren haben alternative Nachrichtenmedien eine zunehmend sichtbare Rolle in der digitalen Öffentlichkeit eingenommen (Andersen et al., 2023; Klawier, 2024). Sie bieten Deutungsrahmen an, die sich häufig explizit von denen traditioneller Medien absetzen (Holt et al., 2019). Indem sie journalistische Normen wie Objektivität, Faktizität oder Repräsentation neu interpretieren oder bewusst infrage stellen, können sie sowohl zur Pluralisierung des öffentlichen Diskurses beitragen als auch anti-systemische Narrative verstärken, die demokratische Institutionen delegitimieren. Während die Inhalte alternativer Nachrichtenmedien gut erforscht sind (Freudenthaler & Wessler, 2022), blieben die Rollenorientierungen ihrer Produzenten bislang weitgehend unbeachtet. Im traditionellen Journalismus beschreibt Rollenorientierung die diskursive Konstruktion von Werten und Überzeugungen über die gesellschaftliche Funktion des Journalismus (Hanitzsch & Vos, 2017). Die Untersuchung der Rollenorientierungen von Produzenten alternativer Medien berücksichtigt das theoretische Verständnis dieser Medien als „Korrektiv“ zu etablierten Medien und ermöglicht eine Typologie unterschiedlicher Rollenprofile, die deren Heterogenität sichtbar machen. Theoretischer Zugang Zur Einordnung alternativer Nachrichtenmedien greifen wir das Konzept der Interlopers (Holton & Bélair-Gagnon, 2018) auf: Alternative Nachrichtenmedien können sich als Außenseiter (explizite Interloper) oder als kritische Teilnehmer des traditionellen Journalismus (implizite Interloper) positionieren. Zur Analyse individueller Positionierungen nutzen wir das Konzept der Rollenorientierung mit den Dimensionen Rollennormen und Rollenwerten (Hanitzsch & Vos, 2017). Rollennormen umfassen gesellschaftlich wünschenswerte Eigenschaften von Journalisten. Für Rollennormen orientieren wir uns am liberalen Öffentlichkeitsmodell, das Normen wie Objektivität, Faktizität und Repräsentation priorisiert und dem partizipativen Öffentlichkeitsmodell, das Normen wie bürgerliche Einbindung und Ermächtigung priorisiert (Jandura & Friedrich, 2014). Rollenwerte beinhalten die persönliche Übersetzung dieser Normen und persönliche Motivationen von Journalisten. Wir integrieren das Social Identity Model of Collective Action (SIMCA) (van Zomeren, 2016), um insbesondere die politischen Motivationen alternativer Nachrichtenproduzenten abzubilden. SIMCA nennt vier Motivationen des politischen Handelns: Identität, Emotion, Handlungsfähigkeit und Moral. Damit lassen sich Rollenwerte nicht nur als normative Zuschreibungen, sondern auch als Ausdruck politischer Motivationen verstehen. Vor diesem theoretischen Hintergrund stellen wir die Forschungsfragen FF1: Wie beurteilen alternative Nachrichtenproduzenten die Normen des traditionellen Journalismus und inwieweit können sie sich mit ihnen identifizieren? FF2: Wie beschreiben alternative Nachrichtenproduzenten die Rollenwerte, die ihre (politische) Nachrichtenpraktiken motivieren? FF3: Wie lassen sich alternative Nachrichtenproduzenten anhand ihrer journalistischen und politischen Rollenorientierungen typologisieren? Samplingstrategie und Auswertung Die Stichprobe umfasst Nachrichtenproduzenten expliziter und impliziter Interloper-Medien, basierend auf deren Selbstverständnis gegenüber traditionellen Medien. Von März 2025 bis Juli 2025 wurden 21 alternative Nachrichtenmedien für ein Interview angefragt (vgl. Tab. 1). Tabelle 1: Angefragte alternative Nachrichtenmedien 13 Personen wurden interviewt (vgl. Tab. 2). Die Gespräche fanden via Zoom statt und dauerten zwischen 35 Minuten und zwei Stunden. Für die Auswertung haben wir Hauptkategorien aus theoretischen Überlegungen abgeleitet und induktive Subkategorien aus dem Material gebildet (Kuckartz, 2020), um daraus typologische Rollenorientierungen zu erarbeiten (vgl. Tab. 3 im Anhang). Tabelle 2: Übersicht über interviewte alternative Nachrichtenproduzenten Ergebnisse FF1 adressierte die Bewertung traditioneller journalistischer Normen. Alternative Nachrichtenproduzenten betonen häufig liberale Normen wie Objektivität und Repräsentativität, aber auch die Beteiligung der Bürger (Ermächtigung) und marginalisierter Perspektiven. Dennoch werden Normen im Kontext persönlicher Ansichten neu interpretiert – beispielsweise wenn Faktizität als Beweisführung gegen traditionelle Medien verstanden wird. In Bezug auf persönliche Werte (FF2) sehen wir, dass Befragte, die sich mit dem liberalen öffentlichen Modell identifizieren, persönliche Werte wie Integrität und Wahrhaftigkeit betonen. Befragte, die sich mit dem partizipativen öffentlichen Modell identifizieren, betonen eher persönliche Werte, wie eine moralische Verpflichtung, Inhalte zu produzieren oder sich für soziale Gerechtigkeit einzusetzen. Aus diesen Orientierungen wurden vier idealtypische Rollenorientierungen (FF3) ermittelt (vgl. Tab. 3 im Anhang): (1) Der kritische Normjournalist folgt den Normen des liberalen Öffentlichkeitsmodells wie Objektivität und Faktizität. Er versteht sich als Teil einer systemimmanenten Gegenöffentlichkeit mit dem Ziel, traditionelle Berichterstattung zu bewahren. Getrieben wird er von einem starken Pflichtgefühl gegenüber journalistischen Normen sowie persönlichen Werten wie Integrität und Wahrhaftigkeit. Seine starke Identifikation als „aufrechter Journalist“ verankert sein Handeln im Feld. Er positioniert sich auf einer Mikro-Ebene als impliziter Interloper. (2) Der autonome Systemkritiker orientiert sich an Normen des partizipativen Öffentlichkeitsmodells, indem er aus seiner Sicht vernachlässigte Stimmen einbezieht. Er agiert im Widerstand gegen das etablierte Mediensystem. Seine Motivation speist sich aus Empörung über traditionelle Berichterstattung. Konfrontation und Enthüllung dienen als Legitimationsnarrativ. Er positioniert sich explizit außerhalb der traditionellen Berichterstattung. (3) Der ethisch-reflexive Reformer verbindet Elemente des liberalen und partizipativen Öffentlichkeitsmodells. Er übernimmt selektiv Normen wie Ermächtigung, lehnt aber Neutralität ab. Sein Gegenöffentlichkeitsverständnis ist dialogisch. Er fühlt sich ethisch-politischen Werten wie Teilhabe verpflichtet. Moralisches Verantwortungsbewusstsein motiviert ihn, er sieht sich selbst tendenziell als impliziter Interloper. (4) Der differenzstiftende Intellektuelle steht außerhalb journalistischer Standards. Er irritiert bewusst bestehende Normen und versteht Öffentlichkeit als philosophischen Denkraum. Ihn treibt intellektuelle Eigenständigkeit an. Als Außenseiter verlässt er das journalistische Feld zugunsten individueller Wirksamkeit. Die vier Rollentypen entfalten unterschiedliche Effekte auf demokratische Resilienz. Der kritische Normjournalist kann durch Betonung journalistischer Standards Vertrauen in Berichterstattung stärken. Der autonome Systemkritiker begünstigt durch institutionelle Delegitimierung potentiell Misstrauen gegenüber traditionellen Medien und entfremdeten Öffentlichkeiten. Der ethisch-reflexive Reformer besitzt das größte demokratiefördernde Potenzial, da er Teilhabe betont, ohne sich antagonistisch abzugrenzen. Der differenzstiftende Intellektuelle bereichert Diskurse durch Irritation, gefährdet jedoch Anschlussfähigkeit, indem er sich bewusst journalistischen Normen entzieht. Insgesamt zeigt sich, dass alternative Nachrichtenproduzenten sowohl demokratiestärkend als auch demokratiezersetzend wirken können, abhängig von normativen Orientierungen, aber auch konkreter Rollenperformanz, auf die eine Anschlussstudie fokussiert. Die Limitationen der Studie diskutieren wir im Vortrag. Literatur Andersen, K., Shehata, A., & Andersson, D. (2023). Alternative News Orientation and Trust in Mainstream Media: A Longitudinal Audience Perspective. Digital Journalism, 11(5), 833–852. https://doi.org/10.1080/21670811.2021.1986412 Boese V.A., Edgell A.B., Hellmeier, S., Maerz, S.F., Lindberg, S.I. (2021). How democracies prevail: democratic resilience as a two-stage process. Democratization. 27(5), 885-907. doi: 10.1080/13510347.2021.1891413. Freudenthaler, R., & Wessler, H. (2022). How Alternative Are Alternative Media? Analyzing Speaker and Topic Diversity in Mainstream and Alternative Online Outlets. Digital Journalism, 1–21. https://doi.org/10.1080/21670811.2022.2117715 Hanitzsch, T., & Vos, T. P. (2017). Journalistic roles and the struggle over institutional identity: The discursive constitution of journalism. Communication Theory, 27(2), 115–135. https://doi.org/10.1111/comt.12112 Holt, K., Ustad Figenschou, T., & Frischlich, L. (2019). Key dimensions of alternative news media. Digital Journalism, 7(7), 860–869. https://doi.org/10.1080/21670811.2019.1625715 Holton, A. E., & Belair-Gagnon, V. (2018). Strangers to the game? Interlopers, intralopers, and shifting news production. Media and Communication, 6(4), 70–78. https://doi.org/10.17645/mac.v6i4.1490 Jandura, O., & Friedrich, K. (2014). 18. The quality of political media coverage. In C. Reinemann (Ed.), Political Communication (pp. 351–374). DE GRUYTER. https://doi.org/10.1515/9783110238174.351 Klawier, T. (2024). How many people use alternative media in Germany and how can we measure it? Journal of Quantitative Description: Digital Media, 4. https://doi.org/10.51685/jqd.2024.016 Kuckartz, U. (2020). Typenbildung. In G. Mey & K. Mruck (Hrsg.), Handbuch Qualitative Forschung in der Psychologie: Band 2: Designs und Verfahren (S. 795–812). Springer Fachmedien. Van Zomeren, M. (2016). Building a tower of Babel? Integrating core motivations and features of social structure into the political psychology of political action. Political Psychology, 37(S1), 87–114. https://doi.org/10.1111/pops.12322 Von ihrem Publikum enttäuscht? Wie Journalistinnen und Journalisten das demokratische Verhalten der Bürgerinnen und Bürger bewerten JGU Mainz, Deutschland Bisherige Forschung hat vor allem untersucht, wie Bürger:innen den Journalismus bewerten (z.B. Loosen et al., 2020; Von Garmissen et al., 2025). Weitgehend unerforscht ist hingegen, wie Journalist:innen das demokratische Verhalten der Bürger:innen einschätzen und ob eine Art Publikumsverdrossenheit im Journalismus vorherrscht (Ausnahme vgl. Coddington et al., 2021; Scholl et al., 2014). Obwohl Bürger:innen im „social contract“ (Strömbäck, 2005, S. 332) zwischen Medien und Demokratie eine ebenso zentrale Rolle einnehmen wie Journalist:innen, mehren sich kritische Positionen, die in Frage stellen, ob sie journalistische Informationen überhaupt entsprechend aufnehmen und verarbeiten können und wollen (Ryfe, 2019, S. 296). Gerade vor dem Hintergrund der zunehmenden Orientierung des Journalismus an seinem Publikum (audience turn, Costera Meijer, 2020) ist es wichtig, neben der Wahrnehmung des Journalismus durch sein Publikum außerdem zu betrachten, wie der Journalismus sein Publikum bewertet. Diese Studie untersucht daher, wie Journalist:innen das demokratische Verhalten der Bürger:innen bewerten und setzt dies ins Verhältnis zu den Erwartungen, die sie an die Bürger:innen knüpfen. Grundlage bilden normative Ansprüche an Good Citizenship, die aus Öffentlichkeitstheorien abgleitet werden, und die mithilfe einer Befragung von Politikjournalist:innen und Bürger:innen in Deutschland empirisch überprüft werden. Like, Share, Vote – Die Rezeption von Influencer:innen in der politischen Kommunikation und ihre Wahrnehmung als Meinungsführer:innen 1LMU München, Deutschland; 2Universität Wien; 3Medizinische Universität Wien Der Beitrag untersucht, über welche Typen politischer Influencer:innen und Plattformen junge Erwachsene politische Inhalte rezipieren, welche Interaktions- und Beziehungsformen auftreten und ob Influencer:innen tatsächlich - wie häufig theoretisch vorangenommen - als Meinungsführer:innen fungieren. Methodisch nutzt die Studie, die sich derzeit in der Datenerhebung befindet, ein präregistriertes Linkage-Design, das eine Onlinebefragung (N=2.000) mit einer quantitativen Inhaltsanalyse der jeweils genannten politischen Influencer:innen verknüpft, um Expositionsmodi, (trans-)parasoziale und direkte Interaktionen, Personalisierung, Status und Expertencues gemeinsam zu modellieren. Theoretisch werden hypothesengeleitet Unterschiede nach PSMI-Typen und Mechanismen der Zuschreibung von Informations-, Orientierungs- und Interessensfunktionen geprüft. Erwartet werden differenzierte Erkenntnisse und Implikationen für Theorieentwicklung sowie politische Bildung und politische Informationsnutzung. Listening for Democracy? Journalists Perspective on Bridging Polarization 1Gesis Leibniz - Institut für Sozialwissenshaften; 2Johannes Gutenberg-Universität Mainz Across democratic societies, political discourse is increasingly marked by polarization and antagonism, posing challenges even in stable democracies like Germany. While journalism is often seen as amplifying these divisions, it also holds the potential to foster constructive dialogue. This study explores how German journalists perceive polarization and their role in mitigating it, with a focus on the concept of democratic listening—a communicative practice emphasizing openness and engagement with differing perspectives. Drawing on 22 semi-structured interviews with journalists from diverse media outlets, we examine their experiences with polarization, their perceived responsibilities in depolarizing public discourse, and the relevance of listening-oriented practices. Preliminary findings suggest that while polarization is widely recognized and concerning, journalists are divided on whether addressing it falls within their professional remit. However, many highlight democratic listening as a promising tool for fostering empathy and understanding. This study contributes to debates on journalism’s democratic function and identifies listening as a potential strategy for enhancing resilience in polarized societies. | ||