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Kollektives Erfahrungswissen und akademische Forschung: (wie) geht das gemeinsame Forschen von Akteur:innen mit unterschiedlichen Wissen(schaft)skulturen?
Zeit:
Freitag, 06.12.2024:
14:45 - 16:15
Ort:Atelier 2
Personen: 64
Präsentationen
Kollektives Erfahrungswissen und akademische Forschung: (wie) geht das gemeinsame Forschen von Akteur:innen mit unterschiedlichen Wissen(schaft)skulturen?
Sebastian von Peter1, Ute Maria Krämer1, Robel Afeworki2, Bertold Scharf3, Irmhild Rogalla3, Barbara Neukirchinger3
Historisch gingen sie getrennte Wege: die akademisch verankerte Forschung und die Wissensproduktionen von Menschen mit oft intersektional verschränkten Diskriminierungs- und Marginalisierungserfahrungen. Als ‘Outsider Within‘‘ entwickelten selbst betroffene Wissenschaftler:innen neue emanzipatorische Ansätze: die Disability Studies mit dem sozialen Modell von Behinderung, die Betroffenenkontrollierte Forschung und die Mad Studies im Bereich Psychiatrie, die anti-rassistischen Forschungsansätze von BIPoC Wissenschaftler:innen. Diese brachten vormals ausgeschlossenes subjektives und kollektives Erfahrungswissen in die akademischen Wissenschaften, wo sie mit ihren Theorien von Betroffenen bisher geltende Theorien über Betroffene herausforderten. Ebenfalls entwickelten sie innovative oder hybride Methoden, um subjektive und kollektive Erfahrungen, Narrative und Materialien aus den sozialen Bewegungen in methodisch nachvollziehbare Wissensherstellung einzuarbeiten.
Im Rahmen vieler Diskurse der akademisch angesiedelten partizipativen/ transdisziplinären Forschung werden die oben genannten, emanzipatorischen Ansätze nur marginal berücksichtigt. Es kommen die Konzepte und Theorien dieser emanzipatorischen Wissens(schaft)sansätze in Wissenschaftspolitiken nur als Feigenblatt oder gar nicht vor. Auch werden ihre inklusiv-hybriden Methoden oder Verbreitungsformate durch wenige engagierte akademische Wissenschaftler:innen oder wissenschaftlich arbeitende Aktivist:innen aufgenommen. Die Gefahr, dass akademisch angesiedelte partizipative Forschung Kernelemente dieser emanzipatorischen Ansätze exkludieren oder vereinnahmen, ist groß – und teils bereits eingetreten. Im vorliegenden Symposium präsentieren selbst betroffene und andere Wissenschaftler:innen diverse konzeptuelle und methodische Innovationspotentiale und spezifische Barrieren im akademischen Umsetzen partizipativ-emanzipatorischer Forschungsansätze.
Der erste Vortrag (Dr. Irmhild Rogalla, Dr. Barbara Neukirchinger, Bertold Scharf) möchte einen Beitrag zur Reflexion von Machtverhältnissen in der Wissenschaft leisten. Er thematisiert den mangelnden Einbezug von behinderten Menschen und Wissenschaftler:innen in Forschungsprozessen. Inwieweit ist die Betroffenenperspektive wichtig oder notwendig? Welche Erfahrungen haben behinderte Wissenschaftler:innen damit?
Im zweiten Vortrag spricht Ute Krämer über gelebtes Erfahrungswissen in einem partizipativen Forschungsprojekt mit psychiatrieerfahrenen Akteuren. In Tagesworkshops mit je 10-12 Teilnehmenden entfaltete sich das kollektive, dialogische Wissen ‘‘im Zwischen‘‘. Die davon gemachten Transkripte aber repräsentieren nur Einzel-Aussagen. Wie geht gelebtes Wir-Wissen durch das Nadelöhr der Analyse? Welche Rolle haben dabei Wissenschaftler:innen? Sie – und nicht die Transkripte – erinnerten körperlich und reflexiv das gelebte Workshop-Wissen. Ist das überhaupt eine Methode? Was vom gelebten Miteinander-Wissen lässt sich (überhaupt und wie) durch wissenschaftliche Themenbildung und Vertextung darstellen?
Daran anschließend führt Robel Afeworki in das Konzept Cultural Humility ein und thematisiert dabei, wie konstruktives Scheitern und kulturelle Demut als integrale Bestandteile und als ertragreiche Instrumente zur kontinuierlichen Reflexion methodisch-methodologischer und forschungsethischer Frage partizipativer Forschungsprozesse nutzbar gemacht werden können.
Die abschließende Diskussion bietet Gelegenheit zum Austausch im Sinne eines kritischen Denkraums.