Veranstaltungsprogramm
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7.2: Geschlecht und Gesundheit: Perspektiven für Public Health (Vorträge)
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Strukturelle Implementierung geschlechtersensibler Gesundheitsversorgung: Kärnten als Modellregion für geschlechterspezifische Medizin 1: Amt der Kärntner Landesregierung, Abteilung 5 – Gesundheit und Pflege, Unterabteilung Sanitätswesen, Geschäftsstelle Geschlechterspezifische Medizin; 2: EPIG GmbH - Entwicklungs- und Planungsinstitut für Gesundheit Hintergrund: Geschlecht als biologischer und soziokultureller Faktor (Sex/Gender) beeinflusst Krankheitsrisiken, Diagnosewege und Therapieverläufe. In der Regelversorgung führt eine mangelnde Berücksichtigung dieser Unterschiede häufig zu Fehl- oder Unterversorgung. Um die gesundheitliche Chancengerechtigkeit zu erhöhen, hat das Land Kärnten die Etablierung einer Modellregion für geschlechterspezifische Medizin initiiert. Ziel ist es, das Bewusstsein zu schärfen und vorhandene Gender-Evidenz nachhaltig in der Gesundheitsversorgung zu implementieren. Methode: Der Prozess startete mit einer Enquete im Kärntner Landtag als politischem Impulsgeber. Auf Basis einer Ist-Analyse und eines fachlichen Austauschs mit Expert:innen der Modellregion Südtirol wurde ein strategischer Rahmen entwickelt. Dieser umfasst fünf Kernziele sowie strukturelle, rechtliche und organisatorische Maßnahmen. Eine Steuergruppe, ein Leitungsteam und ein interdisziplinäres Netzwerk begleiten die Implementierung und die weitere Entwicklung. Ergebnisse: Zentrales Element ist die Geschäftsstelle im Amt der Kärntner Landesregierung als koordinative Drehscheibe. Ein Meilenstein der Strategieumsetzung ist der erstmalig in Österreich durchgeführte und von der Österreichischen Ärztekammer approbierte Diplomlehrgang „Gender Medicine“. Die Absolvent:innen fungieren als Multiplikator:innen in der regionalen Versorgung und der Wissensvermittlung. Weitere Maßnahmen umfassen die Sensibilisierung der (Fach-)Öffentlichkeit, Unterrichtstätigkeiten in Ausbildungseinrichtungen für Gesundheitsberufe sowie den Aufbau nachhaltiger Vernetzungsstrukturen. Schlussfolgerungen: Die Modellregion Kärnten demonstriert, dass die Integration der Gendermedizin in das Gesundheitswesen ein starkes politisches Commitment sowie gesicherte Ressourcen erfordert. Wesentliche Erfolgsfaktoren für Initiativen dieser Art sind die strukturelle Verankerung in der Verwaltung, der Fokus auf Kompetenzaufbau bei medizinischen Fachpersonen und eine kontinuierliche interprofessionelle Vernetzung. Die Modellregion liefert ein transferierbares Rahmenkonzept, das als Vorbild für weitere Implementierungen geschlechtergerechter Versorgung in anderen Regionen oder Bundesländern dient und zur Umsetzung von zentralen Qualitätsstandards moderner Gesundheitsversorgung beitragen kann. Mehr als eine Frage: Gender ganzheitlich erfassen 1: EPIG GmbH- Entwicklungs- und Planungsinstitut für Gesundheit, Graz; 2: FH JOANNEUM Gesellschaft mbH, Graz Hintergrund: In Erhebungsinstrumenten der Gesundheitsforschung und im Bereich Public Health wird Gender häufig über eine einzelne Identitätsfrage erhoben. Die vielfältigen sozialen, kulturellen und strukturellen Dimensionen von Gender werden dabei begrenzt abgebildet und können die Analyse genderbedingter gesundheitlicher Ungleichheiten erschweren. Bislang wird wenig berücksichtigt, in welchem Ausmaß genderbezogene Rollen, Erwartungen und Lebensbedingungen die Gesundheit beeinflussen können. Zudem wird angenommen, dass nicht-inklusive Frageformate und Sprache zur Exklusion bestimmter Bevölkerungsgruppen beitragen können. Methode: Der Beitrag basiert auf einer konzeptionellen Analyse ausgewählter internationaler Literatur zur Erfassung von Gender in der Gesundheitsforschung. Berücksichtigt wurden Publikationen zu genderinklusiver Fragebogengestaltung, zur Operationalisierung gesundheitsrelevanter Gender-Variablen sowie zu methodischen Ansätzen im Umgang mit Gender in Bevölkerungsstudien und bestehenden Datensätzen. Eine explorative Literaturrecherche in MEDLINE (via PubMed) und Google Scholar umfasste Publikationen der letzten zehn Jahre; relevante Arbeiten aus Referenzlisten wurden zusätzlich einbezogen. Ergebnisse: Die Literatur beschreibt unterschiedliche Möglichkeiten, Gender über mehrere Dimensionen zu erfassen, die für Gesundheit relevant sind. Dazu zählen unter anderem i) Rollen- und Care-Belastung, ii) Arbeitsbedingungen, iii) soziale Unterstützung, iv) Diskriminierungserfahrungen und v) Risikoverhalten. Gleichzeitig zeigt sich, dass entsprechende Ansätze in bestehenden Erhebungsinstrumenten im Bereich Public Health bislang nur vereinzelt umgesetzt sind. In einigen Studien werden vorhandene Daten genutzt, um aus Rollen- und Strukturmerkmalen zusammengesetzte Maße zu bilden, die genderbezogene Aspekte näherungsweise abbilden. Die Literatur thematisiert dabei auch methodische Herausforderungen, insbesondere hinsichtlich der Vergleichbarkeit zwischen Studien, Datenqualität und Interpretierbarkeit der Ergebnisse. Schlussfolgerungen: Alternative Zugänge zur Erfassung von Gender erweitern die Perspektiven für Health-Equity-Analysen in Public Health. Ein modularer Ansatz, der Gender-Identität mit ausgewählten gesundheitsrelevanten Gender-Variablen kombiniert, kann dazu beitragen, soziale Ungleichheiten differenzierter abzubilden und die Aussagekraft von Surveys für Forschung und Praxis zu erhöhen. „Solange nichts weh tut, ist eh alles in Ordnung“: Männer und ihr Umgang mit Gesundheit. Eine qualitative Interviewstudie in Niederösterreich Department für Evidenzbasierte Medizin und Evaluation, Universität für Weiterbildung Krems, Österreich Hintergrund Männer haben im Vergleich zu Frauen eine geringere Lebenserwartung, zeigen häufiger riskantes Gesundheitsverhalten, nehmen seltener Vorsorgeangebote oder Unterstützung bei mentalen Problemen in Anspruch. Ihre niedrigen Teilnahmeraten deuten darauf hin, dass sie ein geringeres Interesse an Gesundheitsförderung zeigen. Bisherige Forschung zu förderlichen und hinderlichen Faktoren fokussierte überwiegend auf ältere Männer aus englischsprachigen Ländern. Ziel dieser Studie war es, Einstellungen sowie förderliche und hinderliche Faktoren bei der Teilnahme an Gesundheitsförderungsangeboten bei Männern im jüngeren und mittleren Erwachsenenalter in Niederösterreich zu untersuchen. Methoden Im Rahmen einer qualitativen explorativen Studie führten geschulte Interviewer:innen halbstrukturierte Interviews mit 28 Männern im Alter von 15–29 sowie 45–65 Jahren durch. Teilnehmende hatten niedriges bis mittleres Bildungsniveau, leben oder arbeiten in Niederösterreich und hatten kaum Vorerfahrung mit Gesundheitsförderungsprogrammen. Die Rekrutierung erfolgte auf zwei Arten: Aufruf über Flyer und Social-Media-Kanäle und aufsuchender Zugang in alltagsnahen Settings. Die Interviews wurden transkribiert und thematisch ausgewertet. Ergebnisse Männer bevorzugten Gesundheitsförderungsangebote, die sie wirklich interessieren und ein klares Ziel vermitteln, weil sie einen konkreten Bedarf adressieren und einen klaren persönlichen Nutzen bieten. Interaktive Formate sowie vertrauenswürdige und authentische Kursleitende waren zentrale Voraussetzungen für eine Teilnahme. Fehlten diese, wurde Gesundheitsförderung als verzichtbar oder unattraktiv wahrgenommen. Neben Zeitmangel, unzureichender Information über bestehende Angebote und geringem subjektivem Bedarf stellten traditionelle Männlichkeitsnormen eine zentrale Barriere dar, insbesondere im Zusammenhang mit psychischer Gesundheit. Förderlich wirkten Empfehlungen von Freunden, gemeinsame Teilnahme mit Gleichgesinnten oder Familie oder Verbindlichkeit gegenüber Freunden. Schlussfolgerungen Generell ließen sich drei Gruppen identifizieren: Männer ohne Bedarf an Gesundheitsförderungsangeboten, weil sie selbst organisiert sind und Gesundheit als zentral ansehen. Die skeptischen Männer für die Gesundheitsförderung nicht bedeutsam ist und unentschlossene, aber interessierte Männer, die für Gesundheitsförderung motiviert werden können. Angebote sollten vor allem Wohlbefinden und Lebensqualität adressieren statt Gesundheit; in vertraute soziale Kontexte eingebettet sein sowie geschlechtersensible Strategien wählen, besonders für psychische Gesundheit. Public Female Health: Medikamente im Fokus JUKUS, Österreich Hintergrund / Herausforderung Die medikamentöse Therapie stellt eine der zentralen Säulen der modernen Gesundheitsversorgung dar, birgt jedoch auf Bevölkerungsebene komplexe Herausforderungen im Kontext Public Health, findet jedoch im Diskurs wenig Beachtung. Als kritische Ressource der öffentlichen Gesundheit, erfordern Steuerung und Kontrolle des Arzneimitteleinsatz eine umfassende Public-Health-Strategie. Medikamentenfehlgebrauch und -abhängigkeit sind in Österreich weit verbreitet, dies betrifft „Alltags-Medikamente“ ebenso wie psychoaktive Substanzen. In Deutschland wird davon ausgegangen, dass etwa 3,2% der Bevölkerung von verschriebenen Medikamenten abhängig sind, davon zwei Drittel Frauen . Für Österreich fehlen aktuelle Daten. Nach den Schätzungen des Bundesministeriums für Gesundheit (2016) sind rund 140.000 Personen in Österreich von Beruhigungs bzw. Schlafmitteln abhängig, wobei Frauen überdurchschnittlich oft betroffen sind. Methode JUKUS setzt sich in niederschwelligen Projekten für die Steigerung der Gesundheitskompetenz zu Medikamentengebrauch und der Prävention von Medikamentenabhängigkeit seit 2017 mit der Thematik auseinander. In Workshops mit Multiplikator*innen und Fachpersonal wird, an der Schnittstelle zwischen Compliance und Eigenverantwortung für Arzneimittelgebrauch, Wissen vermittelt, sensibilisiert und Gesundheitskompetenz gefördert. Zuletzt gelang die Entwicklung einer Präventionsmethodik für Jugendliche in Kooperation mit der Fachstelle Suchtprävention Berlin. Ergebnisse Die dabei gewonnenen Beobachtungen und Rückmeldungen aus der Praxis decken sich mit den Hinweisen aus der Literatur, dass Frauen überdurchschnittlich häufig von Medikamentenlangzeitgebrauch und/oder -abhängigkeit betroffen sind. Frauen sprechen offener über Beschwerden, konsultieren häufiger Ärzt*innen und bekommen systematisch häufiger Medikamente verordnet. Dies erfolgt bei unzureichender Forschung zu Gender-Unterschieden hinsichtlich Wirkung und Abbau von Medikamenten. Gesellschaftlich gesehen sind Frauen zudem von Vielfachbelastungen betroffen, deren Symptome (z.B. Schlaflosigkeit) im medizinischen System vielfach auf körperlicher Ebene behandelt werden. Empfehlungen Im Kontext gendersensibler Public Health und Arzneimittel-Therapie sollten folgende Lücken geschlosssen werden. Schaffung einer soliden Datenbasis Genderspezifische Arzneimittelforschung, bereits vor Zulassung Etablierung eines systematisches Monitorings- und Controllings-System für Arznei-mitteltherapien (z.B. über anonymisierte SV Routinedaten) Entwicklung einer Public Health Strategie für Medikamentengebrauch und –abhängigkeit, immer mit dem Blick auf die genderspezifischen Aspekte. | |