Veranstaltungsprogramm
Eine Übersicht aller Sessions/Sitzungen dieser Veranstaltung.
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5.1: Körperbild und Ernährung: Entstigmatisierung und Chancengerechtigkeit (Vorträge)
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Niederschwellige, kostenfreie Ernährungsberatung für sozial benachteiligte Gruppen: Ein steiermarkweites Modell zur Förderung gesundheitlicher Chancengerechtigkeit 1: FH JOANNEUM, Österreich; 2: Gesundheitsfonds Steiermark, Österreich Hintergrund: Sozioökonomisch benachteiligte Bevölkerungsgruppen weisen ein erhöhtes Risiko für Übergewicht und Adipositas auf und haben gleichzeitig einen limitierten Zugang zu qualitätsgesicherter Ernährungsberatung. Das steiermarkweite Programm „GEMEINSAM G’SUND GENIESSEN – daheim und unterwegs“ adressiert diesen Bedarf durch kostenfreie, individualisierte und niederschwellige Ernährungsberatung mit dem Ziel, gesundheitliche Chancengerechtigkeit zu fördern. Methode: Seit 2018 wird das Programm vom Gesundheitsfonds Steiermark finanziert und vom Institut Diätologie der FH JOANNEUM in Kooperation mit regionalen Diätolog:innen in allen steirischen Bezirken (exkl. Graz Stadt) umgesetzt. Pro Jahr stehen 1.500 Beratungsstunden zur Verfügung. Die Ernährungsberatungen erfolgen nach dem Diätologischen Prozess, werden standardisiert dokumentiert und qualitätsgesichert. Die Diätolog:innen übernehmen weiters eine Lots:innenfunktion hin zu relevanten Gesundheitsangeboten. Es erfolgt eine fortlaufende deskriptive Auswertung zur Zielgruppenerreichung und Wirksamkeit mittels subjektiv empfundener Zielerreichung; Kontrollgruppenvergleiche werden nicht durchgeführt. Ergebnisse: Zwischen 2018 und 2025 wurden insgesamt 3.167 Personen in 11.110,5 Ernährungsberatungsstunden betreut. Frauen und Mädchen stellen 71,4 % der Klientel dar, 64,2 % verfügen über einen Lehr- oder Pflichtschulabschluss als höchsten Bildungsabschluss. Der Anteil an Personen mit maximal Pflichtschulabschluss (26,6 %) liegt deutlich über dem regionalen Durchschnitt (13,9 %). Insgesamt waren 17,7 % der Klient:innen rezeptgebührenbefreit. Übergewicht und Adipositas stellten mit 57,8 % die häufigste Beratungsindikation dar. Von 2.168 abgeschlossenen Klient:innen erreichten 80,1 % das Behandlungsziel sehr gut bis befriedigend (Schulnotenskala), 40,1 % bewerteten die Zielerreichung mit der Note 1. Bei 13,7 % war keine Beurteilung möglich; 6,1 % erreichten die Ziele unzureichend, häufig aufgrund psychologischer oder existenzieller Belastungen. Ergänzend stärkt das Programm die interprofessionelle regionale Gesundheitsversorgung durch strukturierte Rückmeldungen der Diätolog:innen an zuweisende Ärzt:innen sowie durch aktive Vermittlung an kostenfreie bzw. kostengünstige Angebote im Gesundheits- und Sozialbereich. Schlussfolgerung: Das niederschwellige Angebot erreicht sozioökonomisch benachteiligte Steirer:innen effektiv und leistet einen wesentlichen Beitrag zur Förderung der gesundheitlichen Chancengerechtigkeit. Die kontinuierliche diätologische Betreuung ermöglicht eine hohe Zielerreichung und unterstützt nachhaltig gesundheitsförderliches Ernährungsverhalten sowie die Prävention ernährungsassoziierter Erkrankungen. Effektivität und Implementierbarkeit evidenzbasierter Kurzinterventionen zur Ernährungsberatung in der österreichischen Vorsorgeuntersuchung: Ein Umbrella Review und qualitative Befragung Austrian Institute for Health Technology Assessment, Österreich Hintergrund: Lebensstilbedingte Erkrankungen sind für 82 % der Todesfälle in Österreich verantwortlich und reduzieren die gesunden Lebensjahre der Bevölkerung erheblich. Die Vorsorgeuntersuchung wurde 2005 um gesundheitsfördernde Lebensstilberatung erweitert, seither jedoch nicht aktualisiert - während sich lebensstilbezogene Gesundheitsindikatoren verschlechtert haben. Ziel dieser Arbeit ist die Analyse der Effektivität von Kurzinterventionen für gesunde Ernährung und eine explorative Untersuchung ihrer Umsetzbarkeit in der Lebensstilberatung der Vorsorgeuntersuchung. Methoden: Ein Umbrella Review wurde nach PRISMA-Leitlinien mittels systematischer Suche nach Reviews (2015-2025) in drei Datenbanken (Medline, Embase, Cochrane Library) durchgeführt. Studien wurden verblindet nach PICO-Kriterien ausgewählt; die Qualitätsbewertung erfolgte mittels ROBIS-Tool. Vierzehn österreichische Ärzt*innen wurden zur Implementierbarkeit qualitativ befragt. Ergebnisse: Ein systematisches Review (55 Studien, 23.327 Teilnehmende) wurde eingeschlossen; das Verzerrungsrisiko des Reviews war unklar. Einzelsitzungen zur gesunden Ernährung zeigten gemischte Ergebnisse. Aufklärung allein war nicht effektiv; die Kombination mit Feedback und/oder maßgeschneiderter Beratung zeigte in einigen Studien signifikante Steigerungen des Obst- und Gemüseverzehrs (6 Wochen) sowie Reduktionen der Fettzufuhr (1-6 Monate). Auch Aktionsplanung und positiv formulierte Motivationsbotschaften demonstrierten positive Effekte. Ärzt*innen identifizierten kritische Beratungsbarrieren für Kurzinterventionen allgemein: inadäquate Zeitallokationen sowie die eingeschränkte Gesundheitskompetenz und Änderungsmotivation der Zielgruppe, Sprachbarrieren sowie das Nichterreichen von Risikogruppen. Evidenzbasierte Interventionen zur Ernährung bewerteten sie als überfordernd. Die Ergebnisse weisen auf Diskrepanzen zwischen Standards der Vorsorgeuntersuchung und der Praxisrealität hin. Schlussfolgerung: Während die Evidenz auf potenzielle Wirksamkeit hindeutet, bestehen substanzielle Implementierungsbarrieren und Limitationen. Die Evidenzqualität variiert, die Langzeitwirksamkeit und klinische Relevanz bleiben unklar, und die Übertragbarkeit auf Österreich ist aufgrund kontextueller Unterschiede und methodologischer Limitationen eingeschränkt. Zur Weiterentwicklung der Lebensstilberatung sollten strukturierte Überweisungssysteme für Ernährungsberatung entwickelt und Lücken zwischen aktueller Praxis und Vorsorgeuntersuchungsstandards geschlossen werden. Ein multimodaler Ansatz mit strukturellen Anpassungen, angemessener Honorierung, interdisziplinären Kooperationen und Begleitforschung ist langfristig zur Weiterentwicklung der österreichischen Vorsorgeuntersuchung nötig. Komplementär sind effektive verhältnispräventive Maßnahmen relevant. Bericht: https://eprints.aihta.at/1576/1/HTA-Projektbericht_Nr.170a.pdf Strategien zur Reduktion von Gewichtsstigmatisierung bei Personen mit Übergewicht oder Adipositas im Gesundheitswesen HTA Austria - Austrian Institute for Health Technology Assessment GmbH, Österreich Hintergrund/Problemstellung Gewichtsstigmatisierung bezeichnet die gesellschaftliche Abwertung von Personen aufgrund ihres Körpergewichts. Im Gesundheitswesen ist dieses Phänomen besonders verbreitet: Laut internationalen Studien sind zwei Drittel der Erwachsenen mit Übergewicht oder Adipositas von Gewichtsdiskriminierung durch Gesundheitsfachkräfte betroffen. Gewichtsstigmatisierung geht mit respektlosem Umgang, einer verminderten Versorgungsqualität seitens der medizinischen Fachkräfte sowie der Vermeidung von Untersuchungen einher und hat negative Auswirkungen auf die Gesundheit der Betroffenen. Ziel dieses Berichts war es, Strategien zur Reduktion von Gewichtsstigmatisierung im Gesundheitswesen zu identifizieren und deren Wirksamkeit zu bewerten. Methode Es wurde eine systematische Literatursuche in fünf Datenbanken durchgeführt. Für die Übersicht zu empfohlenen Strategien wurden 13 Leitlinienpapiere und 13 Übersichtsarbeiten eingeschlossen. Für die Wirksamkeitsanalyse wurden 30 Primärstudien in einem Mixed-Methods-Review zusammengefasst. Ergebnisse Empfohlene Strategien umfassen die Reflexion eigener Gewichtsvorurteile, Aus- und Weiterbildungen, stigmafreie Kommunikation, strukturelle Anpassungen sowie politische Maßnahmen. Die stärksten Hinweise auf einen positiven Effekt hinsichtlich der Reduktion von Gewichtsstigmatisierung zeigten mehrtägige Weiterbildungen für Gesundheitspersonal. Eintägige Kurse zeigten ebenfalls positive Effekte, z.B. bei den Glaubenssätzen und den expliziten Gewichtsvorurteilen bei Gesundheitspersonal. Die Effekte von Simulationen oder Meditationen waren umstritten. Informative Videos für das Gesundheitspersonal erwiesen sich als ineffektiv. Bei Betroffenen zeigten sich unter anderem signifikante Verbesserungen der internalisierten Gewichtsvorurteile nach Gruppenkursen, unterstützten Selbsthilfekursen sowie informativen Videos. Schlussfolgerungen/Empfehlungen Die stärkste Evidenz liegt für mehrtägige Fortbildungen vor, die auch in Leitlinien empfohlen werden. Interventionen mit positiven Effekten wie Rollenspiele oder Meditation sind hingegen nicht in Leitlinien vertreten, während für andere empfohlene Strategien noch keine Evidenz vorliegt. Bei der Interpretation sind methodische Limitationen der Studien, die Übertragbarkeit auf Österreich sowie mögliche negative Konsequenzen zu berücksichtigen. Weitere Untersuchungen zu Prävalenzen, Auswirkungen sowie Akzeptanz von Interventionen in Österreich sind notwendig. Entwicklung von Strategien zur Reduktion von Gewichtsstigmatisierung von Kindern und Jugendlichen im Gesundheitswesen Gesundheit Österreich GmbH, Österreich Hintergrund Vorliegende Evidenz deutet darauf hin, dass Gewichtsstigmatisierung langfristig negative Auswirkungen und schwerwiegende Folgen für die körperliche und psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen hat, die bis ins Erwachsenenalter fortbestehen können. Ziel der Studie war es, gemeinsam mit Expert:innen aus dem Gesundheits- und Sozialbe-reich, Maßnahmen zu identifizieren, die Potenzial für eine nachhaltige Veränderung haben – und deren konkrete Umsetzung zu gestalten. Methode In einem ersten Schritt wurde auf Grundlage einer Literaturübersicht eine systematische Analyse der Evidenz zu Kindern und Jugendlichen durchgeführt, welche Strategien zur Reduktion von Gewichtsstigmatisierung für Kinder und Jugendliche mit Übergewicht oder Adipositas im Gesundheitssektor empfohlen werden. Das Ergebnis wurde 29 Teilneh-mer:innen aus 19 verschiedenen Organisationen im Rahmen eines Workshops präsentiert. Die Strategien wurden nach ihrer Wichtigkeit geordnet. Die ersten fünf Strategien wurden partizipativ mit der World Café Methode weiterentwickelt. Während jeder Diskussionsrunde wurden die Ideen auf einem standardisieren Arbeitsblatt dokumentiert und anschließend daraus ein Wirkmodell entwickelt. Ergebnisse Das Wirkmodell beschreibt umfassende Strategien zur Entstigmatisierung von Kindern und Jugendlichen mit Adipositas im Gesundheitswesen: ausgehend von der weit verbreiteten Gewichtsstigmatisierung und ihren psychosozialen Folgen werden Maßnahmen entwickelt, die auf empathischer, gewichtsneutraler Kommunikation basieren. Diese wird durch praxis-nahes Kommunikationstraining, Selbstreflexion, Kommunikationsleitlinien, und Verweis auf gewichts-neutrale soziale Medien ermöglicht. Es wird postuliert, dass Entstigmatisierung durch qualifizierte Aus und Weiterbildung von Gesundheitspersonal sowie aktiver Einbindung betroffener Kinder und Jugendlicher ermöglicht wird. Ergänzend werden Eltern durch wertfreie Beratung und Austauschformate unterstützt. Die systematische Erhebung von Stigmaerfahrun-gen und internalisierten Vorurteilen liefert die Grundlage für evidenzbasierte, partizipativ entwickelte Leitlinien, die in Prozesse der Qualitätssicherung eingebettet werden. Schlussfolgerungen / Empfehlungen Ziel der entwickelten Strategien ist eine diskriminierungsfreie pädiatrische Versorgung, die Resilienz fördert, gesundheitsbezogenes Verhalten stärkt und langfristig gesundheitliche Risiken reduziert. Diese Studienerkenntnisse mögen als Grundlage für die Entwicklung von Empfehlungen, in gesundheits- und sozialpolitische Entscheidungsfindung einfließen. | |