Grazer Grundschulkongress 2026
6. - 8. Juli 2026 | Graz, Österreich
Veranstaltungsprogramm
Eine Übersicht aller Sessions/Sitzungen dieser Veranstaltung.
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Partizipation, Haltung und Leadership als Befähigungsstrukturen: Delphi-Studie zur zukunftsorientierten Schulentwicklung an Grundschulen
Pädagogische Hochschule Schwäbisch Gmünd, Deutschland
Stetige Wandlungsprozesse erfordern eine Neuausrichtung der Grundschule, um Kinder für eine unbekannte Zukunft zu befähigen (Bennet & Lemoine 2014; Czerwenka, 2014). Doch welche Strukturen sind hierfür notwendig? In einer dreistufigen Delphi-Studie (n=50 Expert:innen aus Wissenschaft, Lehrkräfteprofessionalisierung, Bildungsadministration und Praxis der DACH-Region; Häder, 2014; Niederberger & Renn, 2019) wurden Schlüsselthemen zukunftsorientierter Schulentwicklung identifiziert und konsentiert.
Die Ergebnisse konturieren vier Befundkomplexe:
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Befähigen: Sichtbar wird eine produktive Spannung zwischen der Priorisierung traditioneller Kulturtechniken und gezielter Medienkompetenzförderung (94% Zustimmung). Kooperatives Lernen wird als zentrale Methode hervorgehoben. Ziel ist das Kind als „Gestalter:in der Zukunft".
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Beurteilen: Die Expert:innen fordern eine Transformation der Prüfungskultur hin zu prozessbegleitender Leistungsbewertung (87%) und lehnen rein substituierende Digitalisierung ab (nur 26% Zustimmung).
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Haltungsarbeit als Querschnittsdimension: Eine offene Fehlerkultur (97%), Experimentierfreude (94%) und der Wandel vom Einzelkämpfertum zur Teamarbeit (93%) bilden das Fundament für nachhaltige Veränderungsprozesse.
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Leadership: Gelingensbedingung dafür ist eine verteilte Führung mit Fokus auf Empowerment aller Akteur:innen sowie eigeninitiierte Entwicklungsprojekte statt formaler Gremienarbeit.
Der Beitrag stellt ein erweitertes Modell zukunftsorientierter Schulentwicklung an Grundschulen (Autenrieth 2025) vor, das etablierte Dimensionen (Buhren & Rolff 2012; Eickelmann & Gerick 2017) um Partizipation ergänzt. Während die Studie primär Befähigungs- und Beurteilungspraktiken adressiert, zeigen die Befunde, dass beide auf einer Haltungskultur aufbauen, die auch systematisches Beobachten erst ermöglicht. Prozessbegleitende Beurteilung setzt kontinuierliche Beobachtung voraus; Befähigung gelingt, wenn Beobachtung nicht defizitorientiert, sondern entwicklungsoffen erfolgt. Das Modell verdeutlicht damit, dass die drei Bs nicht isoliert, sondern als kulturelle Transformation zusammengedacht werden müssen, getragen von partizipativen Strukturen, die Kinder als Gestalter:innen ihrer eigenen Bildungsbiografie wirksam werden lassen.
Details zur Session:
EBE3: EBE3
Zeit: 07.07.2026: 12:00-12:30 · Ort: PPH_C.3.50
KI als Privileg der Lehrkräfte? Ergebnisse der Studie LENS-AI zur Nutzung und Haltung von Lehrkräften gegenüber generativer Künstlicher Intelligenz in der Grundschule
1: PH Ludwigsburg, Deutschland; 2: RWTH Aachen
Hintergrund
KI berührt zentrale Fragen von Grundschulbildung: Wie begegnen Lehrkräfte jedoch jenen Fragen im Spannungsfeld zwischen eigener Nutzungspraxis und pädagogischer Verantwortung? Die Ergebnisse der Studie verweisen auf Praktiken und Haltungen, die durch traditionelle Technologieakzeptanzmodelle nicht hinreichend erklärt werden. Die Studie verbindet Perspektiven der Akteur-Netzwerk- sowie Habitus-Theorie, um Dispositionen und Haltungen als Erklärungsfaktoren zu analysieren.
Methodik
Genutzt wurde ein Mixed-Methods-Design (N=285; Lehrkräfte aus Baden-Württemberg; n=96 Grundschullehrkräfte (34% der Gesamtstichprobe)) dessen Erhebungsinstrument KI-Nutzungspraktiken, Wahrnehmungen zur Schüler:innen-Nutzung sowie Einstellungen zu KI im Bildungskontext erfasste. Die quantitative Auswertung erfolgte mittels deskriptiver Statistiken und Spearman-Korrelationen, die qualitativen Daten wurden inhaltsanalytisch ausgewertet.
Zentrale Befunde
Die Studie dokumentiert schulartübergreifende Asymmetrien mit besonderen grundschulbezogenen Ausprägungen: Während 77% aller Lehrkräfte KI privat nutzen, liegt die unterrichtliche Nutzung in Grundschulen bei 56%. Die Korrelationsanalysen offenbaren konträre Bewertungsmuster: Private Nutzung korreliert signifikant positiv mit wahrgenommener Lebensverbesserung, schulische Nutzung hingegen signifikant negativ. Die qualitative Analyse zeigt hinsichtlich Schüler:innen eine Fokussierung auf kognitive Bedrohungen (89%) wie den Verlust eigenständigen Denkens. 59% der Lehrkräfte unterbinden KI-Nutzung zur Ideenfindung durch Schüler:innen. Demgegenüber berichten 67% der Nutzer:innen von positiven Haltungsveränderungen durch eigene Erfahrungen.
Diskussion
Die Befunde legen nahe, dass der mediale Habitus als Wahrnehmungsfilter fungiert, der im schulischen Kontext spezifische Risikowahrnehmungen aktiviert. In der Grundschule scheint sich dies durch einen pädagogischen Habitus mit Schutzverantwortung und Priorität basaler Kulturtechniken zu verstärken. Lehrkräfte agieren als Gatekeeper, mit potenziellen Konsequenzen für Bildungsgerechtigkeit. Der Beitrag diskutiert vor diesem Hintergrund die Rolle transformativer Bildungsprozesse zur Befähigung von Lehrkräften sowie deren transitive Effekte auf Schüler:innen.
Details zur Session:
Einzelbeitrag 46
Zeit: 07.07.2026: 16:30-17:00 · Ort: PHSt_A02.16
Latente Präferenzmuster von KI-Systemen verstehen und gestalten. Praxeologische Perspektiven für die Lehrkräftebildung
1: Universität Regensburg, Deutschland; 2: Autenrieth & Partner
Ausgangslage & theoretischer Hintergrund: Während Künstliche Intelligenz (KI) häufig primär als Werkzeug konzipiert und verstanden wird, begreift dieser Beitrag KI-Systeme im Sinne der Akteur-Netzwerk-Theorie als relationale:n Partner:in in Bildungsprozessen. Im Zentrum steht die Frage nach ihrer pädagogischen Ausrichtung: Welche wertebezogenen latenten Präferenzmuster sind in Large Language Models eingeschrieben, und wie lassen sich diese im Sinne von Autonomie, kritischer Reflexion und Handlungsmacht pädagogisch adressieren bzw. konfigurieren? Vor dem Hintergrund dieser Fragestellungen rückt die professionelle Gestaltung von Interaktionen zwischen menschlichen und nicht-menschlichen Akteur:innen in den Blick.
Forschungsfrage und Ziele: Wie können praxeologische Zugänge in der Lehrkräftebildung dazu beitragen, KI-Systeme als pädagogische Akteur:innen zu verstehen, deren Wertorientierungen beobachtbar, professionell beurteilbar und methodisch-didaktisch gestaltbar sind? Ziel ist die Herausarbeitung handlungsorientierter Kompetenzen, die eine kritische Ko-Konstruktion der Mensch-Maschine-Interaktion in Bildungsprozessen ermöglichen.
Methode, Design, Sample: Die Studie folgt einem Design-based-Research-Ansatz (DBR) (2024-2026) im Rahmen eines hochschuldidaktischen Pilotprojekts an der Universität Regensburg (N=50 Studierende). Die Studierenden entwickeln partizipativ KI-gestützte Spiele für den Sachunterricht, konfigurieren dabei aktiv die pädagogische Ausrichtung von KI-Agenten und dokumentieren ihre Beobachtungs-, Beurteilungs und Befähigungsprozesse in Forschungstagebüchern sowie in begleitenden Podcasts. Videobasierte ethnografische Beobachtungen in Kooperationsschulen ergänzen den DBR-Prozess und ermöglichen eine kontextnahe Validierung des entwickelten Designs (WiSe 2025/26).
Ergebnisse und Diskussion: Die Analyse der ersten Pilotphase deutet bereits darauf hin, dass sich Lehramtsstudierende Kompetenzen im Beobachten emergenter KI-Verhaltensweisen, im professionellen Beurteilen impliziter Wertesysteme sowie in der Befähigung von Grundschulkindern zur aktiven Mitgestaltung pädagogischer Akteurs-Netzwerke entwickeln, mit dem Potential, Bildungsprozesse jenseits einer rein instrumentellen Techniknutzung transformativ zu erweitern.
Details zur Session:
Einzelbeitrag 65
Zeit: 08.07.2026: 10:30-11:00 · Ort: PHSt_A02.21
