Grazer Grundschulkongress 2026
6. - 8. Juli 2026 | Graz, Österreich
Veranstaltungsprogramm
Eine Übersicht aller Sessions/Sitzungen dieser Veranstaltung.
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Diskussionsforum 1
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Offene und raumbasierte Lernsettings als Antwort auf vielfältige Lebensrealitäten: Wie kann die Schule von heute auf die Gesellschaft von morgen vorbereiten? Das Diskussionsforum widmet sich der Leitfrage, was Bildung bewirken soll und wie Unterricht in der Grundschule unter den Bedingungen einer multikulturellen, mehrsprachigen und inklusiven Gesellschaft gestaltet werden soll, um diese Ziele zu erreichen (Parseka et al., 2011). Unter Berücksichtigung des Veranstaltungsthemas „Beobachten, Beurteilen, Befähigen“ werden mehrere Jahre Unterricht in den Blick genommen, die im urbanen Raum aufgrund ausgeprägter Heterogenität der Lernenden besondere Herausforderungen birgt. Im Zentrum steht die Entwicklung eines offenen, raumbasierten Unterrichtskonzepts, das im letzten Schuljahr in einer ersten Klasse Primarstufe erprobt wurde. Ausgangspunkt waren die Beobachtungen einer Primarpädagogin in der Schuleingangsphase, sowie ihre Erfahrungen im unterrichtlichen Geschehen, das durch eine zunehmend diverse Schüler:innenschaft, einen Anstieg der Mehrsprachigkeit sowie steigende Aufmerksamkeitsdefizte und soziale Schwierigkeiten geprägt war (Jürgens, 2018). Traditionelle Unterrichtsformen erwiesen sich als unzureichend, sodass nach umfassender Literaturrecherche alternative didaktische Ansätze erprobt wurden. Aufbauend auf mehrjährigen Erfahrungen entstand – in Anlehnung an das Churermodell (Thöny, 2020) – ein Konzept, das den Lernraum systematisch in die Unterrichtsgestaltung integriert und von Beginn an auf offene Lernsettings setzt. Zur wissenschaftlichen Begleitung wurde eine Kooperation mit der Pädagogischen Hochschule Wien etabliert. Masterstudierende untersuchten die Umsetzung im Rahmen verschiedener Forschungsdesigns und erhoben quantitative wie qualitative Daten zu zentralen Entwicklungsbereichen: dem Zweitspracherwerb, den mathematischen Basiskompetenzen sowie der Motivation, Lernbereitschaft und sozialen Entwicklung der Kinder. Die Analysen wurden in mehreren Masterarbeiten dokumentiert und bilden die Grundlage für eine kritische Betrachtung der Wirksamkeit des Konzepts. Im Diskussionsforum werden die Genese des Unterrichtsmodells, dessen Potenziale und Herausforderungen, sowie erforderliche Adaptationen vorgestellt. Darüber hinaus wird die Frage in den Raum gestellt, was Bildung bewirken soll und welche Ziele durch offene und raumbasierte Unterrichtsformen erreicht werden können. Weiters werden die Schwierigkeiten der Fairness in der Beurteilung beleuchtet und diese als mögliches Hemmnis von Schulentwicklung, hin zum vom Lehrplan geforderten Unterricht, hinterfragt. Im Diskussionsforum soll ein dialogischer Austausch mit Lehrkräften und Expert:innen zu Visionen, Erfahrungen, Alternativen und Weiterentwicklungsmöglichkeiten stattfinden. Ziel ist es die Relevanz der Auseinandersetzung mit innovativen Unterrichtsformen in Hinblick auf gesellschaftliche Herausforderungen zu verdeutlichen, tradierte Unterrichtsformen zu hinterfragen und aufzuzeigen, dass durch die Beobachtung und die datenbasierte Analyse Lehrende animiert und befähigt werden können, ein chancengerechtes, barrierearmes Bildungswesen aktiv mitzugestalten. Beiträge des Symposiums Auf der Suche nach dem „guten“ Unterricht: Schule, die Bedürfnisse von Lehrenden und Lernenden gleichermaßen berücksichtigt besonders der Übergang in die Grundschule fordert Kinder in sozialer, emotionaler, kognitiver und sprachlicher Hinsicht heraus. Einschreibungen zeigen zunehmend Förderbedarfe, insbesondere im sozial-emotionalen und sprachlichen Bereich. Für den erfolgreichen Erwerb von Transitionskompetenzen sind institutionelle Kooperationen, eine enge Zusammenarbeit zwischen Pädagog:innen, Eltern und Kindern sowie personale Ressourcen wie Selbstregulation und Empathie zentral (Parz-Kovacic & Schmuck, 2020). Auch die Raumgestaltung kann den Übergang in die Volksschule erleichtern. Ausgehend von diesen Beobachtungen stellte sich die Frage, welches Lehr-Lernkonzept eine zunehmend kulturell und sprachlich diverse Lerngruppe sowohl in ihrer Kompetenzentwicklung als auch im Aneignungsprozess unterstützt. Nach der Analyse alternativer Unterrichtsmodelle wurde ein Konzept entwickelt, das der Heterogenität der Lernstände sowie den entwicklungsbezogenen Bedürfnissen der Kinder gerecht wird. Aufbauend auf Elementen des Churer Modells und der Montessori-Pädagogik fiel die Entscheidung auf einen offenen, schüler:innenzentrierten Ansatz, der den Lernraum als strukturierendes und lernunterstützendes Element nutzt. Er ermöglicht differenzierte Lerngelegenheiten, fördert selbstreguliertes Arbeiten und unterstützt den Erwerb sozialer und emotionaler Kompetenzen als Grundlage für Lernbereitschaft und eine gelingende Klassengemeinschaft (Dehu et al., 2015). Zur systematischen Beobachtung orientierte sich die Pädagogin am „Lesson Study Cycle“ (Mewald & Rauscher, 2019). Eine digitale Dokumentationsstruktur, eine analoge Magnettafel sowie von den Kindern geführte Lerntagebücher ermöglichten transparente Lernstandsdiagnosen, Entwicklungsgespräche und die Ableitung evidenzbasierter Fördermaßnahmen. Der offene Unterricht führte zudem zu einer deutlichen Entlastung der Lehrkraft. In ihrer neuen Rolle als Schulleiterin einer sprachlich diversen Schule mit vorwiegend lehrer:innenzentriertem Unterricht steht sie nun vor der Herausforderung, geeignete schulentwicklerische Schritte zur Implementierung offener Unterrichtsformen zu identifizieren. Zwischen Theorie und Praxis: Ausbildung – Lehrtätigkeit – Schulentwicklung Die Verzahnung von Theorie und Praxis gilt als zentrale Voraussetzung für die Professionalisierung von Lehrkräften und wird als wesentlich für die Entwicklung fachdidaktischer und pädagogischer Kompetenzen beschrieben (Blömeke et al., 2015). Begleitete Praxiserfahrungen erhalten dabei eine besondere Bedeutung. Die empirische Einbettung einer Masterarbeit in den Schulalltag ermöglicht es, theoretische Konzepte mit konkreten Unterrichtserfahrungen zu verknüpfen. Ausgangspunkt war die Anfrage zur Durchführung einer Studie in einer ersten Klasse. Ein teilstrukturiertes Interview mit der klassenführenden Lehrperson zeigte zunehmende Aufmerksamkeitsprobleme, Verhaltensauffälligkeiten sowie Herausforderungen im Umgang mit mehrsprachigen Kindern (Gomolla et al., 2015). Die qualitative Analyse ergab, dass lehrkraftzentrierte Phasen vermehrt mit Konzentrationsschwierigkeiten, unvollständigen Arbeitsaufträgen und Störungen aufgrund von Unter- bzw. Überforderung verbunden waren. Zur wissenschaftlichen Begleitung wurde vor Schuljahresbeginn eine Kooperation mit der Pädagogischen Hochschule Wien aufgebaut. Studierende begleiteten das erste Lernjahr im Rahmen von drei Masterarbeiten, die unterschiedliche Dimensionen des Churer Modells untersuchten. Zentrale Anliegen waren die Förderung fachlicher und sozialer Basisfähigkeiten, systematische Unterrichtsbeobachtung und die evidenzbasierte Weiterentwicklung von Lernumgebungen. Die Untersuchungen verknüpften theoretische Annahmen zu offenen, binnendifferenzierenden Unterrichtsformen mit empirischen Daten. Analysiert wurde insbesondere, wie Prinzipien des Churer Modells – Eigenverantwortung, Mitbestimmung und kooperatives Lernen – sich in Lernbereitschaft und Sozialverhalten der Kinder zeigen. Vier Beobachtungszeitpunkte umfassten qualitative Protokolle und quantitative Erhebungen zu Motivation, Aufgabenverständnis, Selbstständigkeit sowie Kooperation, Empathie und Regelorientierung. Visualisierungen mittels Netzdiagrammen verdeutlichten Wirkmechanismen des Modells. Insgesamt weisen die Befunde auf das Potenzial offener Lernformen hin, betonen jedoch zugleich die zentrale Rolle der Lehrkraft bei Strukturierung und professioneller Begleitung solcher Prozesse. DaZ: Die Entwicklung von Sprachkompetenz im Churermodell Der Beitrag untersucht, wie sich die Sprachkenntnisse von Schüler:innen mit außerordentlichem Status in einem offenen, lernendenzentrierten Unterricht entwickeln. Ausgangspunkt ist die steigende sprachliche Heterogenität an österreichischen Schulen infolge migrationsbedingter gesellschaftlicher Entwicklungen. Internationale Fluchtbewegungen verstärkten diese Dynamik, sodass 2023 bereits 26,4 % der Bevölkerung einen Migrationshintergrund aufwiesen (Hadj Abdou, 2023). Damit wächst der Anteil von Kindern, die ohne ausreichende Deutschkenntnisse eingeschult werden. Das seit 2018/19 bestehende Deutschfördermodell sieht deren Beschulung in separaten Förderklassen oder -kursen vor (Thomas & Herndler-Leitner, 2024). Evaluationen zeigen jedoch, dass viele Schulen eigene Förderkonzepte entwickeln, was die Frage wirksamer Fördermaßnahmen offenlässt (Müller & Schweiger, 2022). Vor diesem Hintergrund wird ein alternativer Ansatz untersucht, der ab 2024/25 von einer Klassenlehrerin erprobt wird. Die außerordentlichen Schüler:innen werden integrativ in einem offenen Unterricht unterrichtet, der sich am Churer Modell orientiert. Das Forschungsdesign basiert auf teilnehmender Beobachtung, mit der eine Volksschulklasse über ein Schuljahr hinweg begleitet wird. Die Daten werden qualitativ ausgewertet und im Hinblick auf das Unterrichtsgeschehen sowie die dokumentierten Sprachentwicklungsverläufe ausgewählter Kinder analysiert. Ziel ist es, Erkenntnisse zur Weiterentwicklung nachhaltiger Förderpraktiken für Lernende mit unzureichenden Deutschkompetenzen zu gewinnen. Die Ergebnisse zeigen, dass offen gestalteter Unterricht zentrale Voraussetzungen für sprachliche Teilhabe schafft, jedoch nicht ausreicht, um fehlende Deutschkenntnisse systematisch aufzubauen. Ergänzend bedarf es strukturierter, regelmäßig stattfindender Deutschförderung. Die methodische Reflexion verdeutlicht, dass teilnehmende Beobachtung ein geeignetes Verfahren zur Erhebung qualitativer Sprachentwicklungsdaten ist, jedoch eine klare Begrenzung des Forschungsfeldes und präzise Kriterien für die Ergebnisinterpretation notwendig sind, um die Aussagekraft der Untersuchung zu sichern. | ||
