Grazer Grundschulkongress 2026
6. - 8. Juli 2026 | Graz, Österreich
Veranstaltungsprogramm
Eine Übersicht aller Sessions/Sitzungen dieser Veranstaltung.
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Symposium 12a
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Raumvorstellung - Eine zentrale Kognition in der Primarstufe Raumvorstellung umfasst das Verstehen der Lage von Objekten und Formen, ihrer räumlichen Beziehungen zueinander sowie ihre mentale Manipulation (vgl. Tam & Chan, 2022). Diese Fähigkeiten sind nicht nur im Alltag wie z. B. beim Einparken oder Navigieren relevant sondern auch grundlegend für das mathematische Lernen von Kindern (Verdine et al., 2017; Xie et al., 2020), da sie die Fähigkeit unterstützen, numerische Informationen zu repräsentieren, zu organisieren und zu manipulieren. Insbesondere für den Bereich Arithmetik zeigen mittlerweile zahlreiche Studien Zusammenhänge zur Raumvorstellung auf (vgl. Graß & Krammer, 2018; Graß, 2023). Im Symposium wird die zentrale Rolle der Raumvorstellung für mathematische Kompetenzen in der Grundschule aus kognitions-, neurowissenschaftlicher und fachdidaktischer Perspektive beleuchtet. Im ersten Vortrag zeigt Karl-Heinz Graß, dass visuell-räumliche Kognition und Zahlenverständnis enger miteinander verknüpft sind, als dies auf den ersten Blick erscheint. Anhand aktueller Ergebnisse aus der Neuro- und Kognitionswissenschaft verdeutlicht er, wie räumliches Vorstellungsvermögen grundlegende Rechenfertigkeiten, sogenannte basisnumerische Fertigkeiten unterstützt. Schließlich wird über das Grundvorstellungskonzept die Verbindung zur Mathematikdidaktik hergestellt, um die Relevanz psychologischer Grundlagenforschungsergebnisse für die Fachdidaktik und damit die Praxis zu verdeutlichen. Sabrina Stimpfl vertieft diesen Ansatz im zweiten Vortrag empirisch. Zahlreiche Studien belegen die Beziehung zwischen Raumvorstellung und arithmetischen Fähigkeiten, etwa über die räumliche Repräsentation von Zahlen auf dem mentalen Zahlenstrahl, den SNARC- und Distanzeffekt sowie die Rolle des visuell-räumlichen Arbeitsgedächtnisses. In einer longitudinale Interventionsstudie mit 400 Zweitklässler:innen wird ein gezieltes Raumvorstellungstraining eingesetzt, um Effekte auf zentrale Rechenfertigkeiten zu untersuchen. Erste Ergebnisse aus der Pilotphase des Dissertationsprojekts werden vorgestellt und sollen praxisrelevante Implikationen für die Grundschule liefern. Günter Maresch ergänzt die Perspektive durch die Auswertung von über 4,5 Millionen Aufgaben der Online-Plattform RIF 3.0. Die Analyse zeigt alters- und geschlechtsspezifische Muster räumlicher Fähigkeiten. Mädchen und Jungen sind in vielen Bereichen gleichauf, nur bei mentaler Rotation haben Burschen einen Vorteil. Während der Pubertät ändern sich die Fähigkeiten kaum, im Erwachsenenalter steigt die Erfolgswahrscheinlichkeit in allen Bereichen. Das Symposium verbindet damit theoretische, empirische und praxisnahe Erkenntnisse und unterstreicht die Bedeutung der Raumvorstellung als zentrale kognitive Ressource in der Primarstufe. Beiträge des Symposiums Raumvorstellung – Eine zentrale Kognition für die Zahlenverarbeitung, das Rechnen und den Aufbau tragfähiger Grundvorstellungen Zahlen und räumliches Vorstellungsvermögen sind für die meisten von uns zwei getrennte Bereiche, mit wenigen, bis keinen Interferenzen. Denken Sie an die Rechenaufgabe 3+8 und an eine simple Würfeldrehaufgabe, wie sie oft bei Intelligenztests oder auch im Quiz-Teil von Zeitschriften vorkommt. Der Vortrag geht der Frage nach, warum etwa die Fähigkeit solche Würfeldrehaufgaben zu meistern auch für das Lösen der oben genannten Rechnung von Bedeutung ist. Konkret wird der Zusammenhang zwischen Zahlenverständnis und visuell-räumlicher Kognition auf Basis bisheriger kognitions- und neurowissenschaftlicher Evidenz dargestellt und ein Bogen zum Grundvorstellungsbegriff aus der Mathematikdidaktik gespannt. Letzteres dient insbesondere dazu, die Relevanz von Ergebnissen aus der Bezugsdisziplin Psychologie für die Mathematikdidaktik hervorzuheben und Parallelstrukturen sichtbar zu machen. Die Rolle der Raumvorstellung beim Aufbau mentaler Repräsentationen für die Zahlenverarbeitung und das Rechnen Zahlreiche Studien aus der Kognitions- und Neurowissenschaft weißen auf einen Zusammenhang zwischen Raumvorstellung und arithmetischen Kompetenzen hin (vgl. Graß, 2023; Graß & Krammer 2018; Vogel & de Smedt, 2021). So werden etwa Zahlen räumlich entlang eines mentalen Zahlenstrahls repräsentiert (Lindemann & Fischer 2015). Dies bestätigen sowohl der SNARC-Effekt, bei dem kleinere Zahlen mit der linken und größere mit der rechten Raumhälfte assoziiert werden, als auch der Distanzeffekt, wo größere numerische Differenzen zu schnelleren Reaktionen führen (Dehaene et al. 1993, Moyer & Landauer 1967). Neurowissenschaftliche Studien weißen auf die zentrale Rolle des intraparietalen Sulcus für die numerische Kognition hin, ein Gehirnareal, das auch für die Verarbeitung räumlicher Informationen verantwortlich ist (Hawes et al. 2019). Zudem spielt das Arbeitsgedächtnis – insbesondere der visuell-räumliche Notizblock – eine entscheidende Rolle für Rechenleistungen und stellt damit einen weiteren indirekten Zusammenhang zwischen Raumvorstellung und arithmetischen Kompetenzen her (Landerl, Vogel & Kaufmann 2022; Zhang et al. 2022). Bislang wenig Evidenz gibt es jedoch hinsichtlich des kausalen Zusammenhangs zwischen Raumvorstellung und Arithmetik im Grundschulalter. Im Vortrag wird dazu eine längsschnittliche Interventionsstudie mit 400 Schüler:innen der zweiten Schulstufe durchgeführt. Dabei erhält die Interventionsgruppe ein strukturiertes Raumvorstellungstraining. Veränderungen in zentralen arithmetischen Kompetenzen werden mittels Pre-, Post- und Follow-Up-Test erfasst, um sowohl kurzfristige als auch nachhaltige Effekte sichtbar zu machen. Der Beitrag gibt einen Einblick in das Studiendesign und präsentiert erste Ergebnisse aus der Pilotierungsphase. Die Ergebnisse sollen nicht nur die Bedeutung von Raumvorstellungsübungen für die arithmetische Kompetenzentwicklung verdeutlichen, sondern auch praxisrelevante Implikationen für die Grundschulmathematik aufzeigen. Die Online-Lernplattform RIF 3.0 - Ergebnisse aus über 4,5 Millionen bearbeiteter Raumvorstellungsaufgaben Die Ergebnisse von mehr als 4,5 Millionen bearbeiteter Aufgaben auf der freien Online-Plattform für räumliches Denken RIF 3.0 (https://rif4you.eu/) wurden wissenschaftlich ausgewertet. Die große Datenmenge ermöglicht facettenreiche Analysen und verschiedenste Interpretationen der räumlichen Denkfähigkeiten von Lernenden im Alter von 7 Jahren bis 99 Jahren. Die Daten wurden unter anderem hinsichtlich alters- und geschlechtsspezifischer Unterschiede sowie der Leistungen in den verschiedenen Bereichen des räumlichen Denkens untersucht. Im Vortrag wird einerseits die Online-Lernplattform RIF 3.0 kurz vorgestellt und andererseits werden die Ergebnisse der ausgewerteten Daten präsentiert. Diese zeigen klare Trends: (1) Mädchen und Burschen verfügen in zahlreichen Teilbereichen des räumlichen Denkvermögens über gleich gute Fähigkeiten. (2) Burschen haben (nur) im Bereich der mentalen Rotation einen klaren Vorteil. (3) Die räumlichen Fähigkeiten von Jugendlichen verbessern sich während der Pubertät (im Alter zwischen 12 und 16 Jahren) kaum. (4) Mit zunehmendem Alter steigt die durchschnittliche Wahrscheinlichkeit, die Aufgaben richtig zu lösen, für die Lernenden in allen Bereichen des räumlichen Denkens. | ||
