Grazer Grundschulkongress 2026
6. - 8. Juli 2026 | Graz, Österreich
Veranstaltungsprogramm
Eine Übersicht aller Sessions/Sitzungen dieser Veranstaltung.
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Symposium 16a
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Achtsame Beobachtung und fundiertes Beurteilen – ein Weg zur Förderung individueller Stärken von Kindern Die Beobachtung stellt eine zentrale pädagnostische Aufgabe pädagogischer Fachkräfte dar. Ihr Ziel besteht in der differenzierten Erfassung von Lernprozessen und Lernständen, um darauf aufbauend gezielte pädagogische Interventionen und Lernangebote abzuleiten. Im Mittelpunkt steht dabei nicht die Bewertung des Kindes, sondern die Bildung eines professionellen Urteils über seine individuellen Entwicklungs- und Lernbedingungen. Beobachtung fungiert somit als Grundlage reflexiver und adaptiver Bildungsprozesse. In der Elementarpädagogik haben sich ressourcenorientierte Beobachtungsverfahren etabliert, die das Kind in seiner Ganzheit in den Fokus rücken. Diese Ansätze verfolgen das Ziel, individuelle Stärken, Interessen und Potenziale sichtbar zu machen, anstatt Defizite zu diagnostizieren. Der Perspektivenwechsel von der Beurteilung des Kindes hin zur Selbstreflexion der Fachkraft markiert einen paradigmatischen Wandel hin zu einer stärkenorientierten Pädagogik. Das Beobachtungsinstrument B-O-B bietet in diesem Kontext ein strukturiertes und theoretisch fundiertes Verfahren, das ressourcenorientierte Diagnostik mit pädagogischer Handlungsrelevanz verbindet. Seine Anwendung erlaubt eine systematische Erfassung individueller Lernverläufe und kann Fachkräften eine fundierte Grundlage für die Planung weiterführender Bildungsangebote bieten. Die Qualität und der Nutzen des Instruments sollen im Rahmen einer Evaluationsstudie empirisch überprüft werden, um die Wirksamkeit ressourcenorientierter Beobachtungsverfahren in der pädagogischen Praxis evidenzbasiert zu untermauern. Auch in der Begabungsförderung zeigt sich die Bedeutung eines breit angelegten Beobachtungs- und Förderansatzes. Hierbei wird die Vielfalt kindlicher Ausdrucks- und Lernformen berücksichtigt, um Potenzialentwicklung in unterschiedlichen Domänen zu ermöglichen. Beiträge des Symposiums Vom Beobachten und Urteilen Betrachtet man die Lernmöglichkeiten von Kindern bis zum 10. Lebensjahr aus entwicklungs-psychologischer Perspektive, so zeigen sich große Unterschiede in ihrem Zugang zum Lernen und der Erweiterung ihrer Fähigkeiten. Das Beobachten ihrer Lernzugänge ist ein Auftrag, der sowohl in den Bildungsrahmenplänen des Kindergartens (BMBWF, 2020) als auch im Lehrplan der Volksschule (BMBWF, 2023) fest verankert ist. Pädagog*innen stehen vor der Frage mit welchem Ziel und welcher Haltung dieses Beobachten und das Beurteilen der Beobachtungsergebnisse erfolgen soll. Liegt dabei der Fokus auf dem Befähigen jedes Kindes seine Möglichkeiten zu erweitern oder auf der Zuweisungs- und Selektionsfunktion im Bildungssystem? Kinder vor dem Schuleintritt sind frei von altersnormierten Leistungsanforderungen und deren Überprüfung. Dem Spiel - der wichtigsten Form der kindlichen "Aneignung der Welt" (BMBWF, 2020, S. 10) kommt hohe Bedeutung zu. Pädagog*innen sind beauftragt die angeborene Spielfähigkeit zu nutzen, Neugier, Aktivität und intrinsische Motivation der Kinder aufzugreifen und ihre Ressourcen und Kompetenzen in dynamischen wechselseitigen Beziehungen ko-konstruktivistisch weiterzuentwickeln (S. 5/11). Auch der neue Lehrplan für die Grundstufe 1 und den Schuleingang sieht die „kognitive Aktivierung“ des Kindes als vorrangige Aufgabe (BMBWF, 2023, S. 4). Mit dem Blick auf das Kind und seine Potentiale liegt ein pädagnostischer Zugang nahe. Pädagnostik (Kretschmann, 2004, S. 181; Hollerer, 2024, S. 10) versteht Beobachtung und Beurteilung als hilfreiche Rückmeldung in einem laufenden zirkularen Prozess und als Grundlage qualitätsvollen pädagogischen Handelns. Ein Zugang, um Kinder in der Zone ihrer proximalen Entwicklung zu begleiten und sie zu befähigen Kompetenzen aufzubauen, die vielfältig einsetzbar sind. B-O-B eval: Evaluierung des ressourcenorientierten Beobachtungsverfahrens B-O-B 3-6plus Als ressourcenorientiertes Beobachtungs- und Dokumentationsverfahren erfasst B-O-B (Beobachten-Orientieren-Begleiten) die aktive, interessierte Zuwendung in entwicklungspsychologisch relevanten Bereichen. B-O-B 3-6plus dient der strukturierten Beobachtung und Dokumentation kindlicher Entwicklungsprozesse vom Kleinkindalter bis zum Übergang ins Schulalter und steht seit 2022 auch als digitale Version zur Verfügung. Zur Qualitätssicherung und -verbesserung wurde im Herbst 2025 eine Evaluationsstudie durchgeführt, um Qualitätskriterien und Nutzen des Verfahrens sowie die Zufriedenheit der Anwender*innen zu erfassen. Nutzer*innen von B-O-B 3-6plus wurden zur Teilnahme an einer kurzen Online-Befragung mittels SoSciSurvey eingeladen. Die Items zur Erfassung von Qualität und Nutzen orientierten sich an den Qualitätskriterien für Beobachtungs- und Dokumentationsverfahren nach Walter-Laager et al. (2022), die von der Abteilung 6 des Landes Steiermark – Kinderbildung und -betreuung – empfohlen werden. Neben Angaben zur Person und Nutzung des Instruments wurden vier Dimensionen mit Ratingfragen erfasst: (1) Allgemeine Zufriedenheit – 2 Items, (2) Zieldimensionen – 4 Items, (3) Bildungsdokumentation und Elternarbeit – 4 Items sowie (4) Praktikabilität und Integration in den pädagogischen Alltag – 7 Items. Ergänzend machten die Teilnehmer*innen offene Angaben zu Erfahrungen bei der Elternarbeit, besonders positiven Aspekten des Instruments, Schwierigkeiten bei der Anwendung sowie gewünschten Adaptierungen. Insgesamt konnten 85 Fragebögen in die Auswertung einbezogen werden. Die Teilnehmer*innen war vornehmend weiblich (97.6%) und in Kindergärten tätig (85.9%). 31.8% hatten eine Leitungsposition inne und 63.5% verfügten über eine mehr als 10jährige Berufserfahrung. Mehr als 85% waren mit dem Instrument zufrieden und würden es weiterempfehlen. Insgesamt verweisen die Evaluationsergebnisse auf eine hohe Qualität und Praktikabilität des Verfahrens und liefern wertvolle Hinweise für dessen Weiterentwicklung. Breite Begabungsförderung für alle Kinder Der Beitrag diskutiert zunächst eine Abgrenzung des Begriffs Begabungsförderung im Sinne von „die Entwicklung der Potenziale von Kindern und Jugendlichen bestmöglich zu unterstützen“ (Weilguny et al., 2011, S. 13) von jenen der Begabten- und Exzellenzförderung. Aufbauend auf vorangegangenen Beiträgen zur Beobachtung von Stärken und Interessen von Kindern, beschäftigt sich dieser Beitrag zunächst mit der besonderen Bedeutung welche Pädagog*innen in der Primarstufe (sowie zuvor jenen in der Elementaren Bildung) bei der Identifikation von Potenzialen zukommt. Anschließend wird der Einfluss von Schulen und Lehrpersonen bei der Schaffung von begabungs- und interessensförderlichen Umwelten für Schüler*innen dargestellt, da der Besuch von Bildungseinrichtungen Kindern Zugang zu breiteren Angeboten ermöglicht. Dies ist insbesondere im Sinne einer aktiven und evokativen Anlage-Umwelt Passung (vgl. Plomin et al.,1977) besonders relevant. Die aktive interessierte Zuwendung zu Inhalten sowie daraus resultierende Handlungen (vgl. Aktiotop Modell; Ziegler, 2005) bilden schließlich die notwendige Grundlage um (möglicherweise noch unentdeckte) Potenziale auch in sichtbare Kompetenzen und Leistungen überführen zu können. Neben aktuellen Methoden der Begabungsförderung in der Primarstufe auf fachlicher Ebene, soll im Beitrag besonders auch die Relevanz der Förderung überfachlicher Kompetenzen in den Vordergrund gerückt werden. Diese sind in zweifacher Hinsicht bedeutsam: einerseits scheitert eine erfolgreiche Verwicklung von Potenzialen bei Schüler*innen häufig nicht an deren bereichsspezifischen Fähigkeiten, sondern eben an personalen, sozialen oder lernmethodischen Kompetenzen bzw. motivationalen Einstellungen. Andererseits sind es genau diese Fähigkeiten, die – unabhängig von fachlichen Inhalten – für alle Schüler*innen, gerade mit Hinblick auf unklare Anforderungen in der Zukunft, relevant sind und wohl noch weiter an Bedeutsamkeit gewinnen werden. | ||
