Grazer Grundschulkongress 2026
6. - 8. Juli 2026 | Graz, Österreich
Veranstaltungsprogramm
Eine Übersicht aller Sessions/Sitzungen dieser Veranstaltung.
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Symposium 3a Ort: PHSt_A02.06 | |
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Die Selektionsfunktion der österreichischen Volksschule und die Rolle von Noten beim Übergang in die weiterführenden Schulen in verschiedenen regionalen und sozialen Kontexten Ungleichheiten bei Bildungsentscheidungen, insbesondere beim Übergang zwischen Primar- und Sekundarstufe, sind ein viel beforschtes Feld (Pessl-Falkensteiner et al., 2023). Gleichzeitig liegen – insbesondere für Österreich – bislang nur wenige empirische Daten über die konkreten schulischen Praktiken während dieser Übergangsphase sowie über die Orientierungen und Entscheidungskriterien von Schüler:innen und Eltern vor. Diese Praktiken entstehen nicht isoliert, sondern werden durch formale Vorgaben und institutionelle Selektionsmechanismen gerahmt. Dabei spielen die Noten in der Volksschule eine wichtige Rolle an dieser zentralen Schaltstelle des Bildungssystems. So lässt sich im städtischen Raum ein Volksschul-Numerus-Clausus für die begehrten weiterführende Schulen beobachten. Darüber hinaus wird die Verteilung durch Aufnahmeprüfungen bzw. schulprofilspezifische Eignungsanforderungen und durch ressourcenbedingte Beschränkungen der verfügbaren Plätze geregelt. Sozialräumliche Disparitäten führen dazu, dass Grundschulen sehr unterschiedliche Voraussetzungen für den Übergang bereitstellen. Daneben strukturiert die Angebotsstruktur weiterführender Schulen in den verschiedenen Bildungsräumen (Stošić, 2012) die Handlungsspielräume und Praktiken der beteiligten Akteur:innen wesentlich mit. Studien zeigen wiederholt, dass Kinder aus Familien mit umfangreicheren kulturellen, sozialen und ökonomischen Ressourcen im Bildungssystem erfolgreicher sind. Grundschulen können diese Unterschiede nur begrenzt ausgleichen, da ihre Arbeit stark vom sozialen und räumlichen Umfeld des jeweiligen Standorts geprägt ist. Während die Grundschule im Diskurs häufig als „Schule für alle“ und als Ort der Förderung verstanden wird, wird ihre Allokations- und Selektionsfunktion (Fend, 2006) wenig thematisiert. Aufgrund der strukturellen Rahmenbedingungen der österreichischen Volksschule – der kurzen Dauer von vier Jahren und dem frühen Übergang in eine selektive Sekundarstufe – kommt ihr jedoch eine zentrale Rolle in der Reproduktion bestehender Ungleichheiten zu (Breidenstein, 2020). Das Symposium richtet den Blick darauf, welche Selektionskriterien beim Übergang wirksam werden und welche Rolle insbesondere Noten spielen. Auf Basis von Daten aus zwei Forschungsprojekten werden Ähnlichkeiten und Unterschiede kontrastiv analysiert: Welche Rolle spielen Angebotsstrukturen und damit in Verbindung stehende Bewertungen von Schulen im lokalen Schulmarkt? Welche Orientierungen und Praktiken lassen sich bei den unterschiedlichen Akteursgruppen beobachten? Und wie gehen Lehrer*innen der Primar- sowie der Sekundarstufe mit den Herausforderungen und Spannungsverhältnissen in Hinblick auf Übergang und Selektion um? Beiträge des Symposiums Volksschullehrpersonen zwischen Fördern und Auslesen - Bewältigungsversuche der Selektionsaufgabe Lehrpersonen der Volksschule wird in der frühen Übergangsentscheidung in die weiterführenden Schulen eine zentrale Rolle zugewiesen: Durch ihre Notenvergabe gestalten sie den weiteren Bildungsweg, v.a. im städtischen Raum, maßgeblich mit. Die widersprüchliche Aufgabe von Förderung und Selektion (Helsper, 2022) zeigt sich an dieser zentralen Schaltstelle des Bildungssystems besonders deutlich. Sie müssen ihre Schüler:innen auf die weiterführenden Schulen vorbereiten, das Lern- und Arbeitsverhaltens der Kinder mit einer Note bewerten und Schüler:innen und Eltern über die weiterführenden Schulen beraten. Mittlerweile steht im Lehrplan der Volksschule explizit die Aufgabe der „Bildungs-, Berufs- und Lebensorientierung“ als übergreifendes Thema. Noten sollen in diesem frühen Selektionsprozess mehrere Funktionen (Sacher, 2014) übernehmen, u.a. sollen sie Schüler:innen und Eltern informieren und die damit zusammenhängenden Bildungsentscheidungen legitimieren. Die konkreten Praktiken in einzelnen Schulen und die Perspektive der Lehrpersonen sind noch wenig erforscht. Im Rahmen des Forschungsprojekts „Schulübergreifende Kooperationsformen“ wurden Interviews mit 30 Klassenlehrpersonen der 4. Schulstufe in acht städtischen Volksschulen in Tirol geführt. In diesem Beitrag wird der Blick auf die Handlungsanforderungen und Bewältigungsstrategien von Lehrpersonen in dieser Übergangsphase gelegt: Welche Belastungen zeigen sich im Zusammenhang mit der Aufgabe von Förderung und Auslese? Wie erleben sie die Zusammenarbeit mit den Eltern? Wie werden sie von der Schulleitung in dieser Übergangsphase unterstützt? Die Daten zeigen, dass die Übergangsphase von den interviewten Lehrpersonen individuell sehr unterschiedlich erlebt wird. Auch die Selektionsfunktion der Noten variiert an den einzelnen Schulstandorten deutlich. Als belastend erleben Lehrpersonen u.a. den Druck von schulwahlaktiven Eltern oder den Motivationseinbruch der Schüler:innen, wenn sie nicht in ihre Wunschschule kommen. Übergangslogiken im Vergleich: Wie regionale Kontexte die Bedeutung von Noten bei der Schulwahl prägen Dieser Beitrag widmet sich der Frage, wie Übergänge von der Volksschule in die Sekundarstufe I in verschiedenen Bildungsräumen (Stošić, 2012; Fernandez & Zehetner, 2025) gestaltet, erlebt und gerahmt werden. Der Fokus liegt insbesondere darauf, welche Bedeutung Noten als formales Kriterium je nach regionalem und sozialem Kontext entfalten. Untersucht wird aber auch die Rolle darüber hinaus gehender Wahl- und Selektionskriterien sowie unterschiedlicher institutioneller Beratungspraktiken und schulischer Angebotsstrukturen. Grundlage ist eine qualitative Längsschnittstudie mit 208 Schüler:innen, 131 Eltern sowie Lehr- und Leitungspersonen an 9 Volksschulen und 12 Schulen der Sekundarstufe I in städtischen, kleinstädtischen und ländlichen Regionen der Steiermark. Die Auswertung erfolgt aus einer Mehrebenenperspektive und nach den Prinzipien der Grounded Theory (Berg & Milmeister, 2011). Die Ergebnisse zeigen vier unterschiedliche Übergangslogiken. In privilegierten urbanen Räumen gilt der Besuch des Gymnasiums als selbstverständlich und statusstabilisierend, Während die Mittelschule als Schulform abgewertet wird. Noten sind hier von zentraler, statussichernder Bedeutung. In kleinstädtischen Regionen orientiert sich Schulwahl stärker an wahrgenommenen Begabungen und Schulprofilen, wodurch Noten deutlich an Bedeutung verlieren. In peripheren ländlichen Gebieten erfolgt der Übergang überwiegend in die nächstgelegene Mittelschule, die meist als einzige Option angesehen wird. Schulwahl erscheint kaum als aktiver Entscheidungsprozess, weshalb Noten eine untergeordnete Rolle spielen oder gar nicht thematisiert werden. In benachteiligten städtischen Quartieren schließlich wird die Entscheidung stark durch räumliche Nähe und begrenztes Wissen über schulische Optionen geprägt; Beratungsangebote erreichen viele Familien nicht ausreichend, sodass Entscheidungen häufig auf fragmentarischem Wissen beruhen. Gute Noten stellen Grundlage für Hoffnungen auf Bildungsaufstieg dar, die jedoch im Übergang nicht selten enttäuscht werden. Selektion im Übergangsprozess aus der Perspektive der Sekundarstufe: Implizte und explizite Auswahlkriterien in städtischen Bildungsräumen Der dritte Beitrag des Symposiums widmet sich der Perspektive von Lehrer:innen und Schulleitungen der Sekundarstufe, insbesondere in urbanen Gebieten. In Hinblick auf Selektionspraktiken spielen hier die Definition von Auswahlkriterien, auch jenseits von Noten, deren Vermittlung und Legitimation sowie die konkrete Anwendung eine Rolle, jeweils im Zusammenspiel mit formalen Rahmenbedingungen und Vorgaben der Schulerhalter. Gleichzeitig geht es in der Sekundarstufe auch darum, mit den Folgen (unterschiedlicher) Wahl- und Selektionsprozesse umzugehen und die damit verbundene Lenkung und Auswahl von Schülergruppen und ihre Auswirkung auf die Unterrichtsgestaltung praktisch zu bearbeiten. Diese verschiedenen Aspekte werden in Auseinandersetzung mit empirischem Material aus beiden Projekten untersucht: Welche Entwürfe und Bewertungen von Noten und Selektion im Übergangsprozess finden sich bei Lehrpersonen und Schulleitungen der Sekundarstufe? Welche expliziten und impliziten Selektionskriterien werden in den jeweiligen Schulen angewandt, und welche Auswirkungen haben diese? Und wie gehen Schulen der Sekundarstufe mit den Ergebnissen unterschiedlicher Selektionsprozesse und damit verbundenen Herausforderungen um – etwa großer Heterogenität oder (unerwarteten) Problemen und Defiziten. Berücksichtigt werden qualitative Daten von Interviews mit Lehrpersonen und Schulleitungen aus steirischen und Tiroler Schulen (Mittelschulen und Gymnasien), die in Hinblick auf zentrale Probleme, Ähnlichkeiten und Unterschiede befragt werden. Dabei zeigen sich sowohl in den steirischen als auch in den Tiroler Schulen eine hohe Bedeutung von Noten der Volksschule für die begehrten Schulen, was als „Volksschul-Numerus Clausus“ verstanden werden kann. Gleichzeitig zeigen die Interviews mit Schulleiter:nnen und Lehrpersonen v.a. von den beteiligten Gymnasien eine deutliche Infragestellung der Noten des Volksschulzeugnisses, wobei vor allem derenfehlende Aussagekraft kritisiert wird. | |
