Grazer Grundschulkongress 2026
6. - 8. Juli 2026 | Graz, Österreich
Veranstaltungsprogramm
Eine Übersicht aller Sessions/Sitzungen dieser Veranstaltung.
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Symposium 9a Ort: PHSt_A02.06 | |
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Schulen als sicherer Raum für alle Kinder Die UN-Kinderrechtekonvention verpflichtet zum angemessenen Schutz, zur Förderung und zur altersgemäßen Beteiligung von Kindern. In Österreich stehen acht Artikel dieser Konvention im Verfassungsrang (BGBl. I Nr. 4/2011). Kinder, die im häuslichen, schulischen oder außerschulischen Umfeld mit Übergriffen und/oder Gewalt konfrontiert sind, laufen große Gefahr, durch die häufig auftretende Traumatisierung in ihrer Lern-, Konzentrations- und Entwicklungsfähigkeit beeinträchtigt zu werden (Baldus, 2017). Auch wenn manche Lernenden aus sich heraus erstaunliche Resilienz entwickeln, sind Schulen zur Unterstützung der Lernenden durch die Schaffung von sicheren Räumen („Safe places“) bei Verstößen gegen das Kindeswohl aufgerufen. Nachträgliche Angaben im Erwachsenenalter belegen ein hohes Maß an Gewalt an Kindern und Jugendlichen in unserer Gesellschaft (Herrmann et al., 2022): Sowohl im Kontext der Familie als auch im schulischen und außerschulischen Lebensbereich. Bildungsinstitutionen zeigen einen verantwortlichen Umgang mit Gefährdungen und Risiken, indem sie Kinderschutzkonzepte verfassen. Untersuchungen bestätigen, dass Kinder nicht nur im Umfeld der nahen Verwandtschaft von Übergriffen und Gewalt bedroht sind, sondern ebenfalls im schulischen Kontext: Gewalt durch pädagogisches oder nicht-pädagogisches Personal an Bildungseinrichtungen wird dabei ebenso angesprochen wie die große Herausforderung von Gewalt unter Gleichaltrigen. Die Formen der bewussten Übergriffe und Gewalt unter Kindern reichen von physischer, psychischer bis hin zu sexualisierter Gewalt, häufig in Form von (Cyber-)Mobbing. Im Sinne des Kongressthemas gilt es, durch Beobachtung Gewalt an Kindern zu erkennen, diese zu beurteilen und entsprechende Handlungen im Sinne des Kindeswohls zu setzen. Schulen können durch Sensibilisierung und Kinderschutzschulungen Gewalt früher erkennen und Schritte zur Beendigung setzen. Lehrkräfte können die Schüler*innen durch gezielte Präventionsarbeit zur frühzeitigeren Abwehr und Meldung befähigen und im Lernprozess selbst durch entsprechendes, pädagogisches Handeln die Auswirkungen von Traumatisierungen auf Denkprozesse, Lernen, Verhalten und Schulerfolg verringern. Dieses Symposium beschäftigt sich mit dem Themenfeld Kinderrechte/ Kinderschutz als Basis zum Lernen, Empowerment und zur Entwicklung von Selbst- und Sozialkompetenz in der Volksschule in Österreich. Dabei stehen die beiden Forschungsfragen im Fokus: Welche Fortschritte lassen sich bei der Implementierung der Kinderschutzkonzepte an Schulen in Österreich ablesen? Wie kann die Umsetzung der Kinderschutzkonzepte langfristig abgesichert werden? In einem Mixed-Methods-Design wurden dazu Erhebungen sowohl durch quantitative Befragungen als auch durch qualitative Inhaltsanalysen von Gesprächsdaten durchgeführt. Beiträge des Symposiums Theoretischer Hintergrund zur Einführung der Kinderschutzkonzepte in Österreich Der erste Beitrag stellt einleitend die Faktenlage zu Gewalt an Kindern im häuslichen, schulischen oder außerschulischen Umfeld an den Beginn. Retrospektive Befragungen von Erwachsenen zeigen eine hohe Dunkelziffer bei Gewalt an Kindern und Jugendlichen (Herrmann et al., 2022): In der Gesamtbevölkerung erlebten 15% emotionale Misshandlung als Kinder, 12% körperliche Gewalt, 12,7% sexuelle Misshandlung sowie 14,5% schwere Vernachlässigung. Mehrheitlich sind diese Kinder im häuslichen Umfeld von Gewalt betroffen, aber auch in pädagogischen Einrichtungen sind durchschnittlich 5% aller Interaktionen der Erwachsenen als sehr verletzend und 20% als ethisch bedenklich einzustufen (Prengel, Heinzel, Reitz & Winklhofer, 2017). Dies umfasst Formen physischer Gewalt, psychischer Gewalt und sexuelle Übergriffe. Zusätzlich sind Kinder unterschiedlichen Gewaltformen von Gleichaltrigen ausgesetzt, etwa 10% der Schüler*innen sind mit physischer und mehr als 20% regelmäßig mit psychischer Gewalt konfrontiert. Laut Expert*innen tolerieren Lehrkräfte häufig Gewalt unter Schüler*innen, vor allem psychische Gewaltformen (beispielsweise Mobbing). Die Notwendigkeit, das Thema Kinderschutz im pädagogischen Kontext stärker zu fokussieren, mündete in Österreich flächendeckend in der Verordnung zur Implementierung von Kinder- und Jugendschutzkonzepten an pädagogischen Einrichtungen (BGBl. II Nr. 126/2024). Demnach wird ab dem Schuljahr 2024/25 in jeder Schule ein Schutzkonzept formuliert und ein Schulentwicklungsprozess gestartet. Ausgangslage zur Einführung der Kinderschutzkonzepte im Bundesland Steiermark (quantitative Daten) Um die Implementierung von Kinderschutzkonzepten im Zeitverlauf zu untersuchen, wurden zwei quantitative Befragungen an öffentlichen Schulen der Steiermark durchgeführt. Die erste Erhebung (Oktober/November 2024, n = 1.192) mit insgesamt 28 Fragen (geschlossene und offene Formate) diente der Darstellung der Ausgangslage sowie bereits vorhandener Rahmenbedingungen an den Schulen und erfasste den IST-Stand sowie den Sensibilisierungsgrad von Schulleiter*innen und Lehrpersonen. Am Ende des ersten Schuljahres erfolgte im Juni 2025 eine zweite Befragung mit 20 Fragen (n = 1.025), um Fortschritte in der Umsetzung der Kinderschutzkonzepte zu identifizieren. Die Daten wurden statistisch ausgewertet, um Unterschiede zwischen Schularten und Berufsgruppen sichtbar zu machen sowie Zusammenhänge in der Einschätzung relevanter Teilaspekte zu analysieren. Die Ergebnisse der ersten Befragung zeigen unter anderem, dass Gewalt durch pädagogisches Personal von den Befragten als nachrangiges Problem wahrgenommen und das Wissen über Kinderschutz insgesamt als gering eingeschätzt wird. Zudem wird deutlich, welche Elemente der Kinderschutzkonzepte bereits implementiert wurden und in welchen Bereichen die Befragten zentrale Herausforderungen sehen. Die zweite Erhebung erlaubt eine erste Bewertung der Entwicklungen und Fortschritte im Umsetzungsprozess und liefert Ansatzpunkte für weitere Unterstützungs- und Professionalisierungsmaßnahmen. Ressourcen & Verbesserungspotentiale in der Umsetzung der Kinderschutzkonzepte (qualitative Daten) Zur Identifizierung von wahrgenommenen Ressourcen sowie Problemfeldern, Handlungsbedarfen und Verbesserungspotentialen in der Umsetzung der Kinderschutzkonzepte an österreichischen Schulen wurden zusätzlich qualitative Erhebungen durchgeführt und in Form der Qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring analysiert. Zuerst wurden in gesamt 20 leitfadengestützten Interviews (face2face, Zeitraum Mai bis Juli 2025) jeweils fünf Lehrpersonen, fünf Schulleitungen, fünf Erziehungsberechtigte und fünf Schüler*innen befragt. Die Analysen zeigen, dass die Einführung der Kinderschutzkonzepte die Sensibilität für Gewaltprävention stärkt. Als Herausforderungen wurden Zeit- und Ressourcenmangel an Schulen sowie (teilweise) Zurückhaltung im Kollegium genannt. Eltern berichten von unzureichenden Informationen, Schüler*innen erleben nur teilweise Veränderungen durch die Implementierung der Konzepte. Gesamt zeigt sich, dass der Wunsch besteht, die Partizipation von Eltern und Kindern (bzw. Jugendlichen) in der Erstellung zu ermöglichen. Der zweite Abschnitt stellt die qualitativen Analysen aus Fokusgruppendiskussionen mit externen Expert*innen des Kinderschutzes (n= 22) in Österreich vor. In Diskussionen mit Verantwortlichen der Schulaufsicht und Vertreter*innen externer Vereine wurden Einschätzungen der bislang erfolgten Entwicklungen, mögliche weiterführende Handlungsfelder und Maßnahmen zur Qualitätssicherung diskutiert. In diesem Kontext gab es mehrheitlich Einigkeit darüber, dass es weitere Schritte und Aktivitäten aller Verantwortlichen zur langfristigen Absicherung der schulischen Bemühungen rund um den Kinderschutz benötigen wird. | |
