Vom Fall zur Fallstudie: Über Ansätze, Designs und methodologische Zugänge in der Hochschulforschung
Dr. Lisa Walther
Leibniz Center for Science and Society, Leibniz Universität Hannover
Fallstudien- oder Case-Study-Designs scheinen in der Hochschulforschung- und Wissenschaftsforschung weit verbreitet. In den Titeln von Publikationen und Vorträgen finden sich häufig Bezeichnungen wie ‚Fallstudie‘ oder ‚(empirischer) Fall‘. Die Ausführungen zum zugrundeliegenden Fallstudienansatz der Studien sind allerdings meist oberflächlich. Aufbauend auf dieser Beobachtung stellt sich die übergeordnete Frage, was eine sozialwissenschaftliche Fallstudie eigentlich ausmacht. Diese Frage lässt sich mit einem vergleichenden Blick in die einschlägige Literatur allerdings nicht so leicht beantworten.
Ziel des vorliegenden Beitrages ist es entsprechend, sich der übergeordneten Frage anzunähern, dabei zunächst erstmal – aufgrund ihrer disziplinären Vielfalt – ausschließlich die Hochschulforschung in den Blick zu nehmen. Im Fokus des Beitrags stehen zwei Fragen:
- Wie sind Fallstudien in der Hochschulforschung konzipiert?
- Welches Fallstudienverständnis liegt den empirischen Studien zugrunde?
Datengrundlage der Analyse sind empirische Forschungsartikel der Jahre 2014-2024 von zehn für die Hochschulforschung einschlägigen internationalen Fachzeitschriften. Primäre Datenquelle ist die Web of Science Core Collection, als ergänzende Datenquellen werden die Plattformen ERIC sowie FIS-Bildung herangezogen. Die Auswahl der zu analysierenden Beiträge wird auf Basis der Titel und Abstracts getroffen. Die Artikel werden sodann qualitativ analysiert, um ein Bild vom method(olog)ischen Zugang sowie dem Fallstudien- und Fallverständnis zu erhalten. Die systematische Analyse soll verschiedene methodologische Ansätze, die Verwendung unterschiedlicher Kombinationen von Erhebungs- und Auswertungsmethoden sowie unterschiedliche Typen von Fallstudien explorieren. Außerdem sollen Falleinheiten der Analysen und Themen identifiziert werden, die mittels Fallstudien in der Hochschulforschung bearbeitet werden.
Der Beitrag ist ein Ausschnitt einer umfangreicheren Studie, die sich auf Basis von dreißig internationalen Fachjournalen mit dem Fallstudien- und Fallverständnis in der Wissenschaft- und Hochschulforschung beschäftigen wird. Die Diskussion der Erkenntnisse, die sich zunächst auf die Beiträge in einschlägigen Fachzeitschriften der Hochschulforschung beschränken, soll in die Überlegungen der weitergehenden Analysen einfließen.
Nur das, was man von hier aus sehen kann
Dr. Anita Mörth
FernUniversität in Hagen, Deutschland
Mit dem Versuch sozialwissenschaftlicher Forschung eine naturwissenschaftlicher Forschung vergleichbare Gültigkeit zu erlangen, gehen meist positivistische Grundannahmen und quantitative Zugänge einher. Wenngleich qualitativ-interpretative Forschung sich davon abgrenzt, halten sich auch dort positivistische Ansprüche hartnäckig, wenn etwa quantitative Methoden integriert werden in der Hoffnung, relevant für politische Maßnahmen oder erfolgreich in meist neoliberal geprägten (quantitative Forschung bevorzugenden) Forschungsförderlogiken zu sein (Clarke et al., 2015). Solche Positivismus- und Objektivitätsansprüche an Forschung(serkenntnisse) lassen sich von unterschiedlichen Seiten aus dekonstruieren: Einerseits zeigen (insbesondere auch feministische) Science and Technology Studies (STS) die soziale Konstruiertheit wissenschaftlicher Wissensansprüche auf: Wissenschaft ist nie objektiv, Theorien und Methoden untrennbar verstrickt, „Wahrheiten“ abhängig von historisch und geopolitisch bedingten Erkenntnistheorien, Wissensproduktionsprozessen und vielfältigen Akteur:innen (Clarke et al., 2015; Haraway, 1988; Latour, 1987; Star, 1983; Weber, 2017). Andererseits ändern Natur-/Technikwissenschaften ihre Ansprüche an Objektivität und Wahrheit selbst wenn sie in zunehmend anwendungsorientierter Forschung wie im Modus 2 (Gibbons et al., 2010) vielmehr nach Lösungen als nach Wahrheiten suchen oder bislang als fehlend kritisierte Konzepte wie Situiertheit oder Verkörperung integrieren (Weber, 2017). Die sich an wandelnden Ansprüchen und Grundannahmen von Natur-/Technikwissenschaften zeigende Kontingenz von „Wissenschaftlichkeit“ soll als Argument dienen, eigene Ansprüche einer qualitativ-sozialwissenschaftlichen Hochschulforschung an Wissenschaftlichkeit in Unabhängigkeit von diesen zu bringen und vermeintliche Schwächen durch (selbst-)reflexive (Forschungs-)Praktiken in Stärken umzudeuten. Der Beitrag arbeitet heraus, wie sich Hochschulforschung in Anlehnung an Konzepte der STS wie Symmetrie, Unparteilichkeit und Reflexion als Forschung konzeptualisieren kann, die einen Unterschied macht im Sinne von „social science that matters“ (Flyvberg, 2001 in Clarke et al., 2015, S. 42), Kontexte, Praxis, Erfahrungen und lokal gültiges Wissen und Erkenntnistheorien durch partizipative Methoden einbezieht und damit zu sozialer Gerechtigkeit betragen kann. Das Reflexivitätspostulat als Kern dient dazu, eigenen Geltungsansprüche sowie die der Wissensproduktion und -repräsentation zugrunde liegenden Theorien laufend zu reflektieren (Clarke et al., 2015; Keller, 2014; Wehling, 2017).
Ethische Begründungen für gute wissenschaftliche Praxis als Ausdruck von Normativitätsreflexion bezüglich Wissenschaft und Forschung
Prof. Dr. Kirsten Brukamp
Evangelische Hochschule Ludwigsburg, Deutschland
Die Reflexion der ethischen Normativität von Wissenschaft und Forschung besitzt eine überragende Bedeutung für die Konstitution des akademischen Lebens. Allgemein formulierte Kriterien für gute wissenschaftliche Praxis wurden in Deutschland durch hochrangige Institutionen entwickelt, wie Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), Hochschulrektorenkonferenz (HRK), Wissenschaftsrat und Deutschen Hochschulverband (DHV). Akademische Forschung mit Menschen stellt einen besonders herausfordernden Anwendungsbereich der Wissenschafts- und Forschungsethik dar. Kodizes und Empfehlungen für das Gesundheitswesen dienten als Modelle für rechtliche Normenniederlegungen in Arzneimittelgesetz und Medizinproduktegesetz. Vergleichbare Ansätze zur Forschung mit Menschen wurden inzwischen aus der Gesundheitsversorgung in viele Bereiche und Disziplinen übernommen, und die Orientierung am Design klinischer Studien mit Menschen resultierte in Forschungsethikkommissionen beispielsweise für Psychologie und Soziologie. Die Reflexion der Normativität im Hinblick auf gute wissenschaftliche Praxis und verantwortliche Forschung einerseits versus wissenschaftliches Fehlverhalten und Forschungsbetrug andererseits geht jedoch weit über die Festlegung einzelner Definitionen, Verfahrensregeln, Empfehlungen und Sanktionen hinaus. Sie betrifft auch die Frage nach fundamentalen Werten und Prinzipien hinsichtlich der wissenschaftlichen Tätigkeit insgesamt. Die Zielsetzung einer ehrlichen Kommunikation über aktuelle Wissensbestände darf als konstitutives Element des Ethos der Wissenschaft betrachtet werden. Dieses Ethos impliziert die Unabhängigkeit von Institutionen, die finanzielle Förderung geben, bei Gewinnung und Präsentation wissenschaftlichen Wissens. Aus der ethischen Dimension der Gerechtigkeit folgt eine angemessene Zuschreibung wissenschaftlicher Leistungen zu Personen und Gruppen. Die Gemeinwohlorientierung darf als Ausdruck des Prinzips der Fürsorge verstanden werden und geht mit einer ethischen Verantwortung gegenüber der Gesellschaft einher. Eine Finanzierung aus öffentlichen Mitteln beinhaltet den normativen Auftrag, Ergebnisse und Methoden aus Wissenschaft und Forschung für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Generell besteht ein Desiderat, die unterschiedlichen Abstraktionsebenen der ethischen Fundamente, der Konzepte guter wissenschaftlicher Praxis und der teilweise disziplinspezifischen Ausprägungen von Fehlverhalten aufeinander zu beziehen, um Begründungen für differenzierte Ziele der wissenschaftlichen Tätigkeit, aber auch notwendige Konsequenzen für negative Handlungsweisen zu erzielen.
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