Veranstaltungsprogramm
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Session 4.02: Der Blick auf Studierende
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Wandel des Mindsets durch internationale Studienerfahrungen: Stipendiatinnen aus Kolumbien, Ghana und Indonesien 1IU Internationale Hochschule, Deutschland; 2Hochschule Fulda; 3Universität Gießen Wir beleuchten die internationale Mobilität von Studierenden, die oft als „High Potentials“ in den Arbeitsmarkt eintreten. Studien deuten darauf hin, dass sie ihre lokalen und globalen Gemeinschaften prägen, indem sie die soziale und wirtschaftliche Entwicklung ihrer Heimatländer vorantreiben (Krannich/Hunger 2020; King/Raghuram 2013). Unser Fokus liegt dabei auf ehemaligen Student*innen, die aus dem Globalen Süden kommen und im Globalen Norden mit Hilfe eines Stipendiums studiert haben. Im Zentrum steht die Frage, ob und wie sich ihr Mindset durch das Auslandsstudium verändert hat – etwa in Bezug auf gesellschaftliche Wertvorstellungen, berufliche Kompetenzen und persönliche Haltungen (Kyle et al. 2018). Damit adressiert unsere Untersuchung auch die normativen Dimensionen von Bildung und Wissenschaft: Hochschulen vermitteln nicht nur Fachwissen, sondern prägen Werte, demokratische Haltungen und Verantwortungsbewusstsein (vgl. de Haas 2012, Faist et al. 2013, Portes/Fernández-Kelly 2015). Die Informationen wurden im Rahmen eines kürzlich abgeschlossenen internationalen DFG-Projekts erhoben und beruhen auf einer quantitativen Befragung von über 1000 Alumni aus Kolumbien, Ghana und Indonesien, die mit einem Stipendium in Deutschland oder den USA studiert haben. Diese ergänzen wir durch Interviews, die wir in den drei Ländern mit Rückkehrer*innen und Expert*innen geführt haben. Zusätzlich stellen ghanaische Alumni, die ein Stipendium im Heimatland erhielten (ohne Auslandsaufenthalt), eine Kontrollgruppe dar. In den Befragungen geben die Alumni aus den drei Ländern durchweg einen Mentalitätswandel an: die Alumni sind deutlich widerstandsfähiger gegenüber Hindernissen, offener für kulturelle Normen und besser in der Lage, berufliche Probleme zu lösen. Insbesondere ist auch ihre Bereitschaft gewachsen, sich für die Entwicklung ihres Heimatlandes einzusetzen. In den mündlichen Interviews betonen insbesondere Frauen aus Indonesien, dass sie an Selbstvertrauen und Durchsetzungsfähigkeit gewonnen haben und das Auslandsstudium entscheidend zu ihrer Persönlichkeitsentwicklung beigetragen hat. Insgesamt wird deutlich, dass internationale Studienerfahrungen nicht nur individuelle Bildungsbiografien prägen, sondern auch normative Orientierungen und Verantwortungsübernahmen verstärken und damit Innovationspotenziale für die Gesellschaft freisetzen. Normative Leitbilder in der Studierendenrekrutierung TU Dortmund, Deutschland Hochschulen in Deutschland haben nicht nur Forschungs- und Lehraufgaben, sondern auch eine gesellschaftliche Verantwortung, sodass sie an der sozialen Förderung der Studierenden mitwirken (HRG § 2 Abs. 4) und die Gleichberechtigung fördern (HRG § 3 Abs. 5). Landeshochschulgesetze konkretisieren dies mit Vorgaben zur Förderung von Gleichstellung, zur Ansprache unterrepräsentierter Gruppen und zur Beratung von Studieninteressierten (HG NRW § 3 Abs. 3; BerlHG § 4 Abs. 6). Studierendenrekrutierung ist damit Teil eines normativen Rahmens von Chancengerechtigkeit und Teilhabe. Zugleich hat sie sich seit den 1990er-Jahren zu einem Wettbewerbsfeld entwickelt, in dem Studierendenzahlen durch leistungsorientierte Mittelvergabe zu einer entscheidenden Ressource wurden (Musselin, 2018). Hochschulen agieren folglich als strategische Akteure mit strategischem Verhalten in einem von New Public Management und Wettbewerbsorientierung geprägten Umfeld (Leišytė et al., 2025). Digitalisierungstechnologien haben diesen Wandel zusätzlich befördert, indem sie Hochschulen neue Mittel der Positionierung und Reichweitensteigerung eröffnet haben (Zawacki-Richter & Bedenlier, 2015). Digitale Rekrutierungsstrategien, z.B. Fakultätswebseiten oder Social-Media-Kanäle, gelten in diesem Kontext als zentrale Instrumente, mit denen Hochschulen ihre Sichtbarkeit steigern und Studieninteressierte ansprechen (Bolat & O’Sullivan, 2017). Zugleich bergen diese Strategien Risiken, da sie Stereotype erzeugen können und damit die Unterrepräsentierung von Frauen in männerdominierten Fächern verstärken (Singh et al., 2020). Besonders deutlich wird dies in der Informatik, die durch Fachkräftemangel und eine geringe Beteiligung von Frauen geprägt ist. Daher werden folgende Forschungsfragen gestellt: Wie gestalten Hochschulen digitale Rekrutierungsstrategien in der Informatik? Welche normativen Leitbilder werden dabei sichtbar? Der theoretische Rahmen basiert auf der institutionellen Positionierung (Marginson, 2006), welche die strategische Sichtbarkeitsgestaltung von Hochschulen im Wettbewerb um Studierende als Ressourcen untersucht. Es wurden 19 Interviews und Webseiten von acht Fallstudien in der Informatik in sechs öffentlichen und zwei privaten Hochschulen, die im Sinne einer diverse case strategy (Seawright & Gerring, 2008) ausgewählt wurden, analysiert. Die Auswertung erfolgt derzeit mithilfe einer qualitativen Inhaltsanalyse (Kuckartz, 2018). Demokratiebildung durch die Verknüpfung von Wissenschaft, Praxis und Persönlichkeit:Ehrenamtserfahrungen von Studierenden in die Lehre bringen Universität Hamburg, Deutschland Hochschulen tragen nicht nur zur Vermittlung von Wissen und beruflicher Qualifikation bei, sondern haben ebenso den Auftrag, Studierende zur aktiven Teilhabe an einer demokratischen Gesellschaft zu befähigen. Doch wie kann das gelingen? In unserem Praxisbeitrag stellen wir ein innovatives Lehrformat vor, das Demokratiebildung explizit mit zivilgesellschaftlichem Engagement verknüpft. Im Rahmen der Ringvorlesung „Einfach mal die Welt retten?! Gesellschaftliche Diskurse und Praxisbeispiele rund ums Ehrenamt“ werden Studierende, die bereits ehrenamtlich aktiv sind, als Expert:innen ihrer eigenen Praxis in die Hochschullehre eingebunden. Durch die Begegnung mit Vertreter:innen aus Wissenschaft und Praxis treten sie in einen Dialog, der gesellschaftliches Engagement kritisch reflektiert und zugleich theoretisch fundiert. Begleitet wird die Vorlesung durch ein Lernjournal, in dem die Studierenden ihre Erfahrungen, Wertorientierungen und wissenschaftlichen Einsichten dokumentieren. Das Lernjournal ist ein im deutschsprachigen hochschuldidaktischen Diskurs immer noch recht wenig etabliertes formatives Prüfungsformat (Wilkens 2020), das in unserem Kontext großes Potenzial für die Verknüpfung wissenschaftlicher, praktischer und persönlicher Inhalte bietet. So rückt vor allem die Persönlichkeitsbildung als eine der drei Dimensionen akademischer Bildung (Wissenschaftsrat 2015) in den Vordergrund: Studierende reflektieren ihre Verantwortung als angehende Akademikerinnen und entwickeln ein Verständnis von „responsible citizenship“. Die Lernjournale werden mit Hilfe MaxQdas im Rahmen eines Scholarship of Teaching and Learning (SoTL)-Prozesses qualitativ ausgewertet. Erste Ergebnisse zeigen, dass die veränderte Rolle der Studierenden – von Rezipient:innen hin zu aktiven Mitgestalter:innen – ihre Fähigkeit zur demokratischen Reflexion und zur kritischen Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Fragen stärkt. Der Beitrag diskutiert, inwiefern Hochschullehre normative Orientierungen nicht nur vermittelt, sondern produktiv macht, indem sie Studierende dazu anregt, ihre Werte, Praktiken und wissenschaftlichen Bezüge zu verknüpfen. Damit wird sichtbar, wie Hochschulbildung zur Schaffung einer offenen und inklusiven Gesellschaft beitragen kann – und welche Spannungsfelder zwischen individuellen Erfahrungen, curricularer Rahmung und normativer Aufgabe der Demokratiebildung dabei entstehen. | ||