21. Jahrestagung der
Gesellschaft für Hochschulforschung (GfHf)
18.-20. März 2026 | Universität Paderborn
Veranstaltungsprogramm
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Die momentane Konferenzzeit ist: 09. März 2026 22:30:49 MEZ
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Sitzungsübersicht |
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Session 4.01: Methodische und methodologische Fragen 1
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Von einer Theorie-Ästhetik zu einer Theory Literacy. Theoriekulturen und ihre normativen Grenzziehungen Rhine Ruhr Center for Science Communication Research, Deutschland Eine Kategorie der Normativität ist, so meine These, die der Ästhetik. Diese Perspektive entfalte ich in meinem Promotionsprojekt „Theorie-Ästhetik. Formen und Formate der Kommunikation theoretischen Wissens“. Anknüpfend an die ersten Erkenntnisse des Projekts möchte ich meine Konzeption einer Theory Literacy (Radtke 2016) vorstellen, die eine Schnittstelle zwischen den Themenfeldern „Normativität als implizite Grundlage wissenschaftlicher Praxis“ und „Demokratieerziehung und hochschulische Bildung“ schafft. Mit Blick auf „Theorie“ untersuche ich anhand von Lexika, Handbüchern u.ä. sowie der Weiterführungen des Post Theory-Diskurses seit 2001 (Schauer u. Lepper 2017, Eggers & Robanus 2023) die Abgrenzungsbewegungen (Boundary Work) der Natur-, Geistes-, Sozial-, Kultur-, Literatur- und Designwissenschaften. In den von mir betrachteten Debatten wird zunehmend deutlich, dass ästhetische Argumente zur Bewertung und Anerkennung/Ablehnung bestimmter Formen von „Theorie“ verwendet werden. „Theorie“ wird in diesen Debatten als ‚schön‘ (Krohn 2006) bezeichnet oder erhält eine ästhetische Aufladung durch die Bezeichnung als ‚Trend‘ (Felsch 2019, Beregow 2021). Die Abgrenzungsarbeit wird jedoch nicht nur als Begriffsarbeit vollzogen, sondern auch anhand von Formen und Formaten von „Theorie“. Das Promotionsprojekt diskutiert diese Perspektive ausgehend von der Skepsis, ob Theoriebildung durch „Formatvorgaben und Traditionen sowie überhaupt im Medium des Buches oder des digitalen Textes“ (Mersch, Sasse & Zanetti 2019, S. 19) beschränkt werde. Die Idee der Formen hebt dabei einerseits auf die bei der Theoriebildung entstehenden Formen wie beispielsweise das Diagramm (Guggenheim 2024) ab. Andererseits erweitert eine medienkulturwissenschaftliche Konzeption des Formatbegriffs (Volmar 2020) die Perspektive hin zu einer Betrachtung von „Theorie“ als publikationsindustriell motivierter Form, wodurch auf die Ökonomien der Theoriebildung und -kommunikation hingewiesen werden kann: Wer kann und darf Theorie ‚machen‘? Die von mir skizziert Theory Literacy ist für die interdisziplinäre Zusammenarbeit, aber auch für die Grundausbildung von Studiereden relevant, da sie es ermöglich Aussagen wie „Soziologen sind keine Theoretiker, sondern Hypothetiker!“ zu dekonstruieren. Ist das ‚echte‘ Forschung? – SoTL im Spannungsfeld normativer Ansprüche der Lehr-Lern-Forschung und disziplinärer Anerkennung 1Justus-Liebig-Universität Gießen, Deutschland; 2Hochschule Nordhausen, Deutschland; 3Universität Münster, Deutschland; 4Montanuniversität Loeben, Österreich Ob das Scholarship of Teaching and Learning (SoTL) als “Forschung“ im engeren Sinne gilt, ist umstritten (s. z.B. Bohndick et al., 2025). Die Diskussionen zeigen, dass es für die Umsetzung von SoTL stets einer Positionierung im Kontinuum zwischen der Rolle des “reflective Practitioner” (Schön, 1983) und derjenigen von hochschuldidaktisch Forschendenden bedarf. Doch ab wann gilt die reflexive und untersuchende Auseinandersetzung mit der (eigenen) Lehre als “vollwertige” Forschung? Welche wissenschaftlichen Standards können helfen, SoTL innerhalb dieses Kontinuums zu verorten? Und welche normativen Setzungen sind diesen Verortungen immanent? In Anlehnung an Döring und Bortz (2016, S.7) zeichnet sich wissenschaftliche Forschung durch die Anwendung anerkannter Methoden und Methodologien auf Basis des bestehenden Forschungsstandes, die systematische Gewinnung von Erkenntnissen, die sorgfältige Dokumentation des Prozesses sowie die Veröffentlichung der Ergebnisse aus. Das SoTL-Verständnis nach Huber (2013) integriert diese Elemente. Huber betont, dass SoTL nicht nur der Weiterentwicklung der (eigenen) Hochschullehre dient, sondern die dabei gewonnenen Erfahrungen, Ergebnisse und Einsichten systematisch erfasst, dokumentiert und einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden sollen. Huber berücksichtigt dabei jedoch nicht explizit die Frage der Anerkennung von eingesetzten Methoden – ein zentraler Punkt der Diskussion: SoTL ist disziplinübergreifend und was in einer bestimmten Disziplin als "anerkannt” gilt, ist sowohl spezifisch als auch wandelbar (s. z.B. Bohndick et al., 2025; Yeo et al., 2024). Der Beitrag zeigt auf, dass die Debatte darüber, was als “Forschung” gilt, im Kontext von SoTL stark normativ geprägt ist (z.B. Disziplinenspezifizität). So wird sichtbar, dass der Forschungsbegriff nicht frei von Wertungen und Grenzziehungen ist und sein kann, sondern stets durch disziplinäre Zugänge, Qualitätsstandards und Fachkulturen (Jenert & Scharlau, 2022) geprägt wird. Unter Rückbezug auf ein Grundverständnis von Forschung wird im Rahmen des Vortrags diskutiert, wie disziplinübergreifende “Mindeststandards” für SoTL aussehen könnten, die einerseits für dessen Qualitätssicherung notwendige normative Setzungen enthalten, andererseits aber auch Gestaltungsspielräume für die disziplinspezifische Umsetzung von SoTL-Projekten eröffnen. Das Konzept der ‘Normativen Valenzen’ als Begriffs- und Beobachtungsinstrument zur Beschreibung der Verwobenheit von empirischer Forschung und Normativität Universität Leipzig, Deutschland In diesem Vortrag diskutieren wir das Konzept der ‘Normativen Valenzen’ als einen Versuch, die Verwobenheit von Normativität und Deskription in der empirischen Forschung begrifflich zu fassen und selbst empirisch beobachtbar zu machen. Wir gehen davon aus, dass (sozial-)wissenschaftliche Beobachtung nicht ohne Beobachterstandpunkt und Perspektivität (u.a. Fuchs 2001, 18f.), mithin nicht ohne Verortung in normativ geprägten gesellschaftlichen Verhältnissen (vgl. Ahrens u.a. 2008) zu haben ist. Dies wird am Beispiel der Erziehungswissenschaft, als unserer disziplinären ‘Heimat’, kurz dargestellt (z.B. Balzer & Bellmann 2019), und damit das Verständnis von Normativität als wertbezogene Perspektive in der empirischen Deskription begründet, als eingewoben in die empirische Beschreibung. Um diese Verwobenheit begrifflich zu fassen, wird der Begriff der normativen Valenzen expliziert: Gemeint sind damit rahmende, aber nicht determinierende Ermöglichungen und Begrenzungen z.B. von Fragestellungen, gegenstandstheoretischen Konzepte (i.S. von thick ethical concepts: Putnam 2004, 145; van der Weele 2021, 2f.), Methodologien und methodischen Entscheidungen. Darauf aufbauend stellen wir anhand unserer eigenen Arbeiten (z.B. Hallitzky u.a. 2018, Herfter u.a. 2019) Beobachtungen zu normativen Valenzen von Theorieentscheidungen (in unserem Fall: der Wahl bestimmter didaktischer Theorien in der qualitativ-rekonstruktiven Unterrichtsforschung) dar: Wir zeigen, dass und wie nicht nur explizite normative Setzungen der Theorien (z.B. pädagogische Wertmaßstäbe) weitere Forschungsentscheidungen (z.B. Fragestellungen, aber auch Fallauswahlen) rahmen, sondern dass auch sozialtheoretische Annahmen, die als solche keine normativen Entscheidungen sind (vgl. Vogel 2016, 323), normative Valenzen für weitere Forschungsentscheidungen aufweisen (Herfter u.a. 2019, 265f.). Unser Interesse ist es, die Anschlussfähigkeit der bisher für die Unterrichtsforschung gewonnenen Begrifflichkeiten für die interdisziplinäre Diskussion über die Verwobenheit von Normativität und Deskription in der Hochschulforschung zu eruieren. Hierfür stellen wir zudem methodische Überlegungen für die Ermöglichung einer systematischen empirischen ‚Beobachtung zweiter Ordnung‘ von Forschungsprozessen hinsichtlich der normativen Valenzen von Theorie- und Forschungsentscheidungen vor. | ||