Conference Agenda
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Session 3.05 (Symposium): Zwischen Governance und Ermöglichung – Transfer von und an Hochschulen
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Zwischen Governance und Ermöglichung – Transfer von und an Hochschulen Wissens- und Technologietransfer konstituiert ein strategisches Handlungsfeld von Hochschulen. Doch zunehmend wird dieser durch normative Verwaltungsstrukturen geprägt: Rechtliche Regelwerke, administrative Verfahren, Berichtspflichten oder Indikatorensysteme können Transferprozesse unterstützen, aber auch behindern, Handlungsfähigkeit limitieren und Zielkonflikte innerhalb wie außerhalb der Hochschulen evozieren. Dies markiert Barrieren für gelingenden Transfer an den Schnittstellen zwischen operativer Umsetzung, strategischer Zielsetzung und juristischer Regulierung. Und diese fungieren zugleich als Indikatoren struktureller Reibungen und Ansatzpunkte für organisationale Weiterentwicklung. Transfer erscheint damit als ambivalentes Feld zwischen Steuerung und Ermöglichung. In diesem erschließen Akteur*innen sowie Organisationen durch Mikropraktiken, strategische Umgehungen oder kreative Regelanpassungen neue Handlungsräume. Das Symposium nimmt diese Ambivalenz zum Ausgangspunkt und versammelt Beiträge , die formale Strukturbedingungen des Transfers aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchten: Welche normativen, administrativen und strategischen Formate prägen hochschulischen Transfer? Wie beeinflussen sie die operative Praxis von Transferakteur*innen? Welche Parallelen bestehen zu außerwissenschaftlichen Transferfeldern? Und inwiefern liefern beobachtbare Reaktionen – etwa Umgehung, Verzögerung, Übersetzung – Rückschlüsse auf organisationale Lernprozesse und Anpassungsleistungen? Die Beiträge analysieren, wie Hochschulen Spannungen zwischen Steuerung und Autonomie, Rechtssicherheit und Handlungsfähigkeit, Standardisierung und Kontextsensibilität bearbeiten und welche Rolle Akteur*innen dabei einnehmen, diese Strukturen mitzugestalten. Formale Strukturen werden dabei als konstitutive Elemente des Transfers betrachtet – mit eigenen Dynamiken, Reibungen und Widersprüchen. Presentations of the Symposium Transfer unter Regelvorbehalt: Widerstand und Bürokratie im Spannungsfeld organisationaler Praxis Der Wissenstransfer an deutschen Hochschulen ist zunehmend durch bürokratische Strukturen geprägt, deren Ambivalenzen bislang nur unzureichend untersucht wurden. Innerhalb der hochschulpolitischen Landschaft erfahren Förderprogramme und Strategien eine institutionelle Verankerung, die den Transfer als „Third Mission“ bezeichnet (vgl. u.a. Henke, 2019). Empirische Studien zeigen jedoch, dass gerade formale Regulierungen, wie sie etwa in der Vergabe öffentlicher Mittel, im Drittmittelmanagement oder in Governance-Strukturen zu finden sind, signifikante Spannungen erzeugen (Aust et al., 2025; Aust et al., 2023; Stifterverband, 2022). Der Beitrag analysiert auf Basis qualitativer Fallstudien1 typische Widerstandsmuster organisationaler Akteur*innen gegenüber bürokratisch gerahmten Transferprozessen. Das zentrale Erkenntnisinteresse liegt in der Untersuchung der Frage, wie sich Mikropraktiken des Widerstands – wie etwa Umgehungsstrategien, kreative Regelinterpretationen oder strategische Verzögerungen – als Ausdruck institutioneller Reflexivität und organisationalen Lernens deuten lassen. Hierzu werden vier idealtypische Konfigurationen identifiziert: (1) die Bürokratiefalle, (2) Systemkollisionen, (3) Prioritätenfallen und (4) Effizienzdilemmata (Laska et al., 2025; Maue et al., 2025; Schneider et al., 2025; Laska & Aust, in press). Diese verweisen auf strukturelle Inkompatibilitäten zwischen regulatorischen Anforderungen und der komplexen Wirklichkeit von Transfer. Der Beitrag wird theoretisch durch mikropolitische Organisationstheorie (Crozier & Friedberg, 1993; Küpper & Ortmann, 1986; Lang et al., 2023; Mucha et al., 2015) sowie durch Widerstandsforschung im Hochschulkontext (Anderson, 2008; Lust, 2019; Lust & Scheytt, 2017) gerahmt. Die Ergebnisse (Laska et al., 2025; Schneider et al., 2025) zeigen, dass Widerstand nicht primär als Blockade, sondern als Ausdruck von Aushandlung und institutioneller Resilienz zu verstehen ist. Gerade unter hoch formalisierten Bedingungen eröffnen sich durch informelle Praktiken produktive Spielräume, die einen Transfer trotz und mit Bürokratie ermöglichen. Im Sinne einer erweiterten Governance-Perspektive plädiert der Beitrag für eine Neubewertung von Widerständen als Indikatoren funktionaler Ambivalenz organisationaler Steuerung. „Disziplinenspezifische Transferpraktiken zwischen fachlicher Eigenlogik und formaler Rahmung: Die (In-)Formalität des Transfers in vergleichender Perspektive” Wissenstransfer ist eine zentrale Kernaufgabe von Hochschulen und häufig als „Third Mission“ adressiert. Vor diesem Hintergrund rückt der Beitrag die formalen Strukturen in den Mittelpunkt, die Transfer rahmen — rechtliche Vorgaben, administrative Verfahren, indikatorische Berichtssysteme — und untersucht, wie diese mit disziplinären Eigenlogiken interagieren. Ausgangspunkt ist der Transferprozess selbst samt der fachspezifischen Verständnisse von „Transfer“. Methodisch erfolgt ein Mixed-Methods-Design (Survey-Daten, qualitative Tiefenanalysen in ausgewählten Disziplinen) mit einer analytischen Trennung in begrifflich-konzeptuelle (Deutungen, Zwecke, Zielgruppen) und forschungspraktische Ebene (Formen, Strukturen des Transferprozesses). Empirisch zeigen sich vier Interaktionsmuster zwischen disziplinären Eigenlogiken und formalen Strukturbedingungen des Transfers: Konsonanz, Übersetzung, Friktion und Entkopplung. Deutlich wird, dass besonders bidirektionale Transferformate (z.B. transdisziplinäre Koproduktion, Reallabore) Irritationen im Forschungsprozess hervorrufen – durch zusätzliche Aushandlungen, Unsicherheiten und Spannungen mit Publikations- und Qualitätslogiken – und häufig zugleich unter Bedingungen von Ressourcenknappheit realisiert werden müssen. Die Bedingungen dieser Transferformate kollidieren mit bürokratischen Überformungen, die an klassischen, unidirektionalen Konzepten (v.a. linearer Technologietransfer) ausgerichtet sind und lineare Prozesslogiken sowie Outputmetriken privilegieren. Ein zentrales Ergebnis betrifft damit die (In-)Formalität des Transfers: Während Förderinstrumente primär gut messbare, formalisierte Formen (z.B. Patente, Kopublikationen) adressieren, bleiben informelle Kanäle oder Praktiken, die einem weiteren Transferverständnis entsprechen, unterrepräsentiert — mit Folgen für Sichtbarkeit, Bewertung und Förderung. Zugleich offenbart sich die Ambivalenz formaler Strukturen: Sie können Transfer überformen, stellen aber auch relevante Unterstützungsleistungen bereit, die sowohl entlastend als auch (symbolisch) im Sinne der Sichtbarmachung wirken. Aus den Befunden werden Ansatzpunkte für die formale Gestaltung des Transfers abgeleitet: disziplinsensitive Transferverständnisse/-definitionen und – soweit möglich – Indikatorik, Explorationsräume ohne unmittelbaren Impact-Nachweis, spezifische Rollen- und Kompetenzprofile, sowie Governance-Mechanismen, die Übersetzungsleistungen (statt nur Outputs) anerkennen. Der Beitrag liefert neben einer heuristischen Typologie disziplinärer Transferpraktiken konkrete Gestaltungsimpulse an der Schnittstelle von Governance und Ermöglichung – mit dem Ziel, produktive Passungen zwischen fachlichen Eigenlogiken und Transferanforderungen zu stärken und Reibungsverluste in formalen Strukturen zu reduzieren. „Ambivalente Infrastrukturen: Transferstellen als Boundary-Spanning Organisationen im Transferprozess“ In den letzten 45 Jahren haben sich Transferstellen in Deutschland von Einrichtungen mit symbolischer Funktion zu zentralen Infrastrukturen des Wissens- und Technologietransfers entwickelt (Bagdassarov 2012; König 1990). Dieser Wandel ist Ausdruck einer fortschreitenden Institutionalisierung, begleitet von Ausdifferenzierung und Professionalisierung, die sich in erweiterten Aufgaben, wachsendem Personal und der strategischen Verankerung von Transferzielen zeigen (Borggräfe 2018; Roessler 2020). Der Beitrag zeichnet diese Entwicklung nach, diskutiert sie im Licht theoretischer Konzepte von Transferstellen als Intermediäre und Boundary-Spanning Organisationen und illustriert sie mit empirischen Befunden aus dem T-PATHS-Projekt. Aus organisationstheoretischer Perspektive lassen sich Transferstellen als spezialisierte Boundary-Spanning Organisationen begreifen. Sie wirken als Intermediäre zwischen Wissenschaft, Wirtschaft, Gesellschaft und Politik. Ihre Institutionalisierung ist ein dynamischer Prozess, in dem sie sowohl Ergebnis als auch Treiber organisationaler Veränderungen sind (Pinto 2017). Gleichzeitig treten Ambivalenzen zutage: Studien zeigen, dass wesentliche Teile des Transfers formale Strukturen umgehen. Dieses sogenannte Bypassing (Halilem & Diop 2025; Krücken 2003) verweist auf die Grenzen institutionalisierter Verfahren und lenkt zugleich den Blick auf den Bedarf an flexiblen Strukturen, die formelle und informelle Pfade des Transfers miteinander verbinden. Empirische Ergebnisse aus dem T-PATHS-Projekt zeigen, dass Transferstellen in der Biomedizin eine zentrale Bedingung für das Gelingen der Translation von Grundlagenforschung in die Anwendung sind. Zugleich zeigt sich, dass mit der zunehmenden Ausdifferenzierung auch die Zusammenarbeit der Transferstellen innerhalb sowie zwischen Organisationen an Bedeutung gewinnt. Der steigende Bedarf an Koordination und Austausch eröffnet neue Synergien, führt jedoch auch zu Konkurrenz- und Konfliktlagen. Hinzu kommen strukturelle Herausforderungen wie die Diskrepanz zwischen langen Entwicklungszyklen und befristeten Beschäftigungen, Spannungen zwischen globalen Verwertungslogiken und lokalen Ökonomien sowie die Verteilung knapper Ressourcen über ein breites disziplinäres Spektrum hinweg. Auf dieser Basis zeigt der Beitrag, wie sich Transferstellen im Lichte aktueller empirischer Befunde und theoretischer Konzepte als ambivalente Infrastrukturen im Spannungsfeld ihrer Institutionalisierung fassen lassen. Normative und bürokratische Barrieren von organisationsinternem Wissenstransfer Hochschulverwaltungen stehen aufgrund ausgeprägter Formalisierungsgrade in den Verwaltungsstrukturen sowie infolge wachsender institutioneller Anforderungen unter erheblichem Handlungsdruck (Hölscher 2012). Wissen fungiert für Hochschulverwaltungen als „ein zentraler Produktionsfaktor“ (Beutel 2015, S. 125), weshalb eine effektivere Nutzung und Weitergabe von Wissen innerhalb der Organisation maßgeblich zur Bewältigung heterogener Anforderungen von internen und externen Anspruchsgruppen beitragen kann (Rathke et al. 2023). Da insbesondere die Motivation zur Wissensweitergabe, weniger technische Kenntnisse, erfolgskritisch für Transferprozesse ist (Wilkesmann und Wilkesmann 2019), widmet sich der Beitrag der Frage, wie formale Strukturlogiken, bürokratische Hürden und normative Wertvorstellungen die Motivation zur Wissensweitergabe innerhalb von Organisationen beeinflussen. Theoretisch stützt sich der Beitrag auf sozialtheoretische Transfermodelle (u. a. Nonaka 2009; Hacker et al. 2005; Strohm et al. 1997), die den Zusammenhang zwischen organisationalen Strukturen, sozialen Prozessen und Wissensdynamiken betonen. Vor dem Hintergrund hochschulspezifischer „Staatsabhängigkeit im humboldtschen Sinne“ (Huber 2012, S. 142) und einer von formalen Strukturen sowie rechtsförmigen Logiken geprägten Verwaltungsrealität (Busse 2020, S. 353) ergeben sich Parallelen zwischen Hochschulverwaltungen und Kommunalverwaltungen, die empirische Grundlage des Beitrages sind. Für die Analyse werden quantitativen Survey-Daten zweier Projekte herangezogen: Zum einen aus dem AGICA-Projekt, das den Wissenstransfer zwischen Hochschulverwaltung und Forschung beleuchten und zum anderen aus einem Projekt zum Wissenstransfer innerhalb von Kommunalverwaltungen. Zuerst werden in beiden Datensätzen strukturelle und motivationsbezogene Hemmnisse auf den organisationsinternen Wissenstransfer analysiert. Anschließend erfolgt ein Vergleich der Analysen, um Gemeinsamkeiten und Differenzen des Wissenstransfers sichtbar zu machen. Die Ergebnisse der Analysen deuten darauf hin, dass weniger formale und bürokratische, sondern eher normative Barrieren den organisationsinternen Wissenstransfer als Teil institutioneller Transferstrukturen beeinflussen und die Ausgestaltung und Wahrnehmung organisationaler Werte die Motivation zur internen Wissensweitergabe prägen. Abschließend werden Implikationen für die Entwicklung einer wissensförderlichen Organisationskultur, Ansatzpunkte zur Überwindung von Barrieren im Kontext des hochschulinternen Wissenstransfers sowie Handlungsmöglichkeiten für die strategische Hochschulentwicklung aufgezeigt. | ||