21. Jahrestagung der
Gesellschaft für Hochschulforschung (GfHf)
18.-20. März 2026 | Universität Paderborn
Veranstaltungsprogramm
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Die momentane Konferenzzeit ist: 10. März 2026 00:00:00 MEZ
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Sitzungsübersicht |
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Session 3.03 (Symposium): Private Hochschulbildung: Ansprüche und Verantwortung aus organisationaler und individueller Perspektive
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Private Hochschulbildung: Ansprüche und Verantwortung aus organisationaler und individueller Perspektive In Deutschland existieren etwa 110 staatlich anerkannte private Hochschulen, die aktuell und mit steigender Tendenz rund 13% aller Studierenden ausbilden – und hierbei auch Bildungsräume für nicht-traditionelle Studierende (z.B. Hekking 2021) öffnen. Private Hochschulen operieren unter besonderen gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen (Kehm 2022). Sie müssen Ansprüche diverser Stakeholder berücksichtigen, was oft durch Konflikte – beispielsweise zwischen individuellen Interessen und organisationalen Rahmenbedingungen sowie Wirtschaftlichkeit/ Wettbewerb und traditionellen, wissenschaftlichen Werten und Normen geprägt ist. Dieses Symposium soll aufzeigen, wie sich private Hochschulen innerhalb dieser Spannungsfelder positionieren und wessen Werte und Ansprüche auf welche Weise in Entscheidungen bezüglich und die Gestaltung der Hochschullehre einfließen. Es erfolgt eine Betrachtung auf organisationaler sowie individueller Ebene. Folgende Fragestellungen werden adressiert und in der abschließenden Diskussion systematisch miteinander verknüpft: Wie sieht die Governance privater Hochschulen aus? In welcher Verantwortung sehen sich Lehrende und wie spiegelt sich dies in Lehr-Lern-Konzepten wider? Welche kollektiven Unterstützungsstrukturen ermöglichen es insbesondere First-Generation-Studierende an privaten Hochschulen zu studieren? Welche Erwartungen formulieren Studierende an das Studium an privaten Hochschulen? Beiträge des Symposiums Governance privater Hochschulen Private Hochschulen operieren unter besonderen gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen (Kehm, 2022) und müssen Ansprüche diverser Stakeholder berücksichtigen. Wie dies erfolgt und welche Einflüsse unterschiedliche Stakeholder auf die Ausrichtung und Gestaltung der Lehre an privaten Hochschulen haben ist, insbesondere im deutschen Kontext, bislang weitestgehend unklar. Im Rahmen dieses Beitrags werden deshalb folgende Forschungsfragen adressiert: Wie sieht die Governance privater Hochschulen aus? Wessen und welche Ansprüche fließen in die strategische Ausrichtung sowie Entscheidungen in Bezug auf die Lehre an privaten Hochschulen ein? Um Stakeholder-Konstellationen und Stakeholder-Einflüsse auf die Lehre an unterschiedlichen Typen privater Hochschulen (Frank et al., 2020) herauszustellen, greift der Beitrag auf die Kategorien des Governance-Rasters nach Goedegebuure & de Boer (1996) (Actors, Policy Issues, Manner of Participation) zurück. Die Datengrundlage bilden qualitative Fallstudien sieben ausgewählter privater Hochschulen (Analyse von Webseiten und Dokumenten, 18 Interviews mit Hochschulleitungen, Studiendekan*innen und Studiengangleitungen) mit Fokus auf Studiengänge aus den Bereichen Medizin & Gesundheit, Betriebswirtschaft, sowie Psychologie. Zudem wurden sechs Expert*inneninterviews mit unterschiedlichen Akteuren (Akkreditierer, Ministerien, Geschäftsführungen, Interessensverbände) durchgeführt. Die Daten werden inhaltsanalytisch nach Kuckartz (2018) ausgewertet. Eine vorläufige Auswertung deutet auf disziplinäre Unterschiede hin, wobei Ansprüche des Berufsfeldes insbesondere im Bereich von Medizin und Gesundheit stark ausgeprägt sind. Zudem können Unterschiede nach Hochschultyp festgestellt werden. Die Ansprüche individueller Arbeitgeber*innen bei berufsorientierten Hochschulen scheinen hierbei bei berufsorientierten Hochschulen stärker berücksichtig zu werden. Im Unterschied zu privaten Fachhochschulen scheint die Außensteuerung privater Universitäten schwächer ausgeprägt. Die Daten weisen darauf hin, dass das Erreichen organisationaler Ziele eine starke Zusammenarbeit der (internen wie externen) Stakeholder privater Hochschulen erfordert und traditionelle Grenzen, u.a. zwischen Hochschulleitung und Professor*innen sowie Wissenschaft und Verwaltung, verschwimmen. Private Hochschulbildung: Ansprüche und Verantwortung aus organisationaler und individueller Perspektive In diesem Vortrag wird untersucht, welche Lehr-Lernkonzepte an privaten Hochschulen existieren, auf welchen hochschuldidaktischen Grundsätzen sie beruhen und wie sie unter Berücksichtigung gesellschaftlicher Entwicklungen entwickelt und von Lehrenden umgesetzt werden. Methode: Die Analyse erfolgte in zwei Schritten: Zunächst wurden in Form einer zweistufigen Dokumentenanalyse über 550 Studiengänge der Fachgebiete Gesundheit/Medizin, Psychologie und Management sowie 31 Modulhandbücher qualitativ-inhaltsanalytisch nach dem READ-Approach ausgewertet. Daran anschließend wurden leitfadengestützte Interviews mit Lehrenden und Studiengangsleitungen durchgeführt und mittels qualitativer Inhaltsanalyse nach Kuckartz analysiert. Für jeden Forschungsschritt wurde jeweils ein Kodierleitfaden entwickelt, unter Bezug auf verbandliche Vorgaben und Kategorien sowie in der Interviewphase unter Einbezug des Kategoriensystems der erweiterten Normalisierungsprozesstheorie (May 2013). Ergebnisse und Diskussion: Die Dokumentenanalyse diente vor allem der Systematisierung und Strukturierung des Forschungsfeldes entlang der Forschungsfrage. Die Interviewphase ermöglichte daraus resultierende Ergebnisse sowohl theoretisch als auch praktisch einzuordnen und zu konkretisieren. Es wurde deutlich, dass private Hochschulen eine hohe Heterogenität aufweisen. Digitale und hybride Studienangebote dominieren und ermöglichen den Hochschulen eine große Breite an Studienangeboten in den Fachgebieten. Gleichzeitig bieten sie den Studierenden hohe Flexibilität und damit eine Individualisierung bei der Gestaltung und dem Verlauf des Studiums, begrenzen jedoch das Potenzial für kooperative Lehr-Lernformate wie Peer-to-Peer oder synchrone digitale Lehre. Dies gilt auch für Innovative Lehr-Lernkonzepte wie Kompetenzentwicklung, Praxislernen, diskursives und reflexives sowie forschendes Lernen, Service Learning und interprofessionelles Lernen, die zwar adressiert werden, aber im Rahmen des Studienformates unterschiedliche Potenziale besitzen. Die Interviews verdeutlichten, dass Lehrende sich sowohl in Hinsicht auf den jeweiligen Hochschultypus als auch in Hinsicht auf ihren Fachbezug durch eine hohe Kohärenz auszeichnen, was sie in Bezug auf die Konzeptionierung, Implementierung und praktische Ausgestaltung von Studiengangsangeboten und Lehr-Lernkonzepten zu einer bedeutenden Ressource macht. First-Generation-Studierende als Zielgruppe privater Hochschulen: Spannungsfelder zwischen normativen Zielen, studentischen Erwartungen und organisationalen Bedingungen Im BMFTR-geförderten Forschungsprojekt FiPHo untersuchen wir Bedingungen und Formen organisationaler Unterstützung von Studierenden aus nicht-akademischen Elternhäusern, die rund 70 Prozent der neuimmatrikulierten Studierenden an der untersuchten privaten Hochschule ausmachen. In drei Teilprojekten werden die Erwartungen von First-Generation-Studierenden (FGS), organisationale Unterstützungsbedingungen sowie Perspektiven von Lehrenden analysiert. Grundlage sind Gruppendiskussionen mit Studierenden, Beratenden und Lehrenden sowie Beobachtungsprotokolle von Beratungs- und Lehrsituationen, die wir dokumentarisch auswerten (Bohnsack 2021). Die Analyse zeigt, dass der im Leitbild der Hochschule verankerte Anspruch, Bildung für alle zu eröffnen, nach außen sichtbar gemacht wird (Fuß et al. 2025, i.E.; Fuß/Kessler 2025, i.E.) und sich in den Studierendenzahlen niederschlägt. In der konkreten Arbeitspraxis werden Standards einer habitus- bzw. herkunftssensiblen Bildungsarbeit (u.a. Schmidt 2020; Kergel/Heidkamp 2019) jedoch nicht systematisch berücksichtigt. Die Studierenden verstehen sich selbst nicht explizit als Bildungsaufsteiger:innen (Brändle 2014) und sind sich ihrer besonderen Situation vor den Gruppendiskussionen häufig nicht bewusst. Sie reagieren jedoch positiv auf einen stark begleitenden Modus in der Studieneinstiegsphase und im weiteren Studienverlauf. Obwohl Studienberatende keine ausgeprägte Sensibilität für Bildungsherkunft zeigen, trägt eine Beratung für alle dazu bei, insbesondere FGS in Fragen und Unsicherheiten zu unterstützen. Sie stellt damit eine von FGS als förderlich erlebte organisationale Bedingung für den Hochschulzugang dar. Unsere Rekonstruktionen zeigen jedoch, dass die Beratungspraxis nicht durchgängig auf eine Passung zwischen Studierenden und Studiengängen bzw. Praxisstellen im dualen Studium ausgerichtet ist, was auf mögliche Herausforderungen während des Studienverlaufs verweist. Das von uns untersuchte Lehrhandeln zeigt sich weitestgehend heterogenitäts- und diversitätsunsensibel; dementsprechend stellt das Differenzierungsmerkmal der sozialen Herkunft keine konstitutive Orientierungsfigur dar. Trotzdem lassen sich – unabhängig von ihrer Intentionalität – unterstützende Praktiken rekonstruieren, die im Spannungsgefüge zwischen Vorgaben der privaten Hochschule, Studierendenwünschen sowie zu vermittelnden akademischen Standards verortet sind. Abschließend werden Spannungen zwischen normativem Anspruch, organisationalem Handeln und individueller Praxis aufgezeigt sowie erste Handlungsempfehlungen formuliert. Studierendenerwartungen an privaten Hochschulen in Deutschland Der Anteil der Studierenden an privaten Hochschulen stieg von einem Prozent im Jahr 2000 auf 13 Prozent im Jahr 2025. Trotz obligatorischer Studiengebühren entscheiden sich vergleichsweise viele Personen für ein Studium an einer privaten statt an einer öffentlichen Hochschule (Frank et al. 2020; Herrmann 2021). Diese Entwicklung lässt sich auf spezifische Erwartungen und Gründe zurückführen, die an öffentlichen Hochschulen für diese Studierenden offensichtlich nicht hinreichend berücksichtigt werden. Wir gehen in unserem Teilvorhaben im Forschungsprojekt ELLpH (www.ellph.de) der Frage nach: Was erwarten Studierende von einem Studium an einer privaten Hochschule? Die empirische Bearbeitung der Fragestellung erfolgt im Zeitraum von Oktober 2024 bis März 2025 sowohl mittels qualitativer Interviewstudien als auch mithilfe eines quantitativen Fragebogens. Die kontrastierende Inhaltsanalyse konnte zunächst aufdecken, dass hinsichtlich der Erwartungen grundlegende Unterschiede zwischen Studierenden aus Präsenz- und Fernstudiengängen existieren. Die deskriptiven und multivariaten Analysen erweiterten dieses Bild und zeigten, dass Studierende, die ein Präsenzstudium absolvieren, ein strukturiertes, vorgegebenes Programm erwarten, das Theorie und Praxis eng miteinander verbindet. Außerdem erwarten sie kleine Lerngruppen und Möglichkeiten zum Aufbau eines (beruflichen) Netzwerks. Für Studierende im Fernstudium hat hingegen Flexibilität oberste Priorität. Das Angebot an Seminaren, Lernzeiten und Prüfungszeiten sollte so flexibel wir möglich gestaltet sein. Was ein hohes Maß an Selbstorganisation und Selbstmotivation einfordert um das Studium abzuschließen. Die Analysen zeigen zudem auf, dass dies Studierenden bestimmte Merkmale aufweisen besonders mit Blick auf Berufstätigkeit, Familie und Kinderbetreuung und deshalb ein hohes Maß an Flexibilität benötigen. Unter Berücksichtigung der vorliegenden Entwicklungen der Studierendenzahlen begegnen öffentliche Hochschulen diesen Erwartungen anscheinend nicht angemessen, weshalb sich an den privaten Einrichtungen mit Fernstudienangeboten sich nur spezifische Studierende einschreiben und damit eine gewisse Bündelung von Personengruppen stattfindet. Frank, A., Kröger, A., Krume, J., Meyer-Guckel, V. (2020). Private Hochschulen. Edition Stifterverband, Essen. Herrmann, S. (2021). Private Hochschulen in Deutschland (Dissertation). München: LMU. | ||