21. Jahrestagung der
Gesellschaft für Hochschulforschung (GfHf)
18.-20. März 2026 | Universität Paderborn
Veranstaltungsprogramm
Eine Übersicht aller Sessions/Sitzungen dieser Veranstaltung.
Bitte wählen Sie einen Ort oder ein Datum aus, um nur die betreffenden Sitzungen anzuzeigen.
Wählen Sie eine Sitzung aus, um zur Detailanzeige zu gelangen.
Bitte beachten Sie, dass sich alle Zeitangaben auf die Zeitzone des Konferenzortes beziehen.
Die momentane Konferenzzeit ist: 10. März 2026 00:10:34 MEZ
|
Sitzungsübersicht |
| Sitzung | ||
Session 3.01 (Symposium): Positivismus-Streit revisited: Hochschule in Zeiten normativer Verunsicherung
| ||
| Präsentationen | ||
Positivismus-Streit revisited: Hochschule in Zeiten normativer Verunsicherung In einer Zeit, in der Hochschulen im Zentrum gesellschaftlicher Auseinandersetzungen um das Verständnis von Wahrheit und hegemonialem Wissen stehen, wird die Normativität von Forschung und Lehre besonders relevant. Der Positivismusstreit der 1960er Jahre verdeutlichte die Spannung zwischen objektivistischen Ansprüchen und den normativen Verpflichtungen, die wissenschaftliches Arbeiten begleiten (Adorno 1980). Im Kulturkampf, in dem Wissenschaft als „ideologisch“ oder "gefährlich" diffamiert wird, wird die Normativität der Hochschullehre sichtbar. Dies zeigt sich in aktuellen Beispielen wie etwa in den USA oder Ungarn. Wissenschaft und ihre Institutionen geraten zunehmend unter Druck. Diese Angriffe auf sozialwissenschaftliche Disziplinen zeigen, dass die Freiheit von Forschung und Lehre gefährdet ist. Es ist daher an der Zeit, einen Positivismus-Streit 2.0 ins Leben zu rufen. Dieses Symposium zeigt, dass Lehrende nicht neutral sein können – sie müssen sich bewusst positionieren. Anhand fünf spezifischer Erfahrungen aus verschiedenen Lehr-/Lernsituationen diskutieren wir, welchen Beitrag eine kritische, normativ orientierte Lehre zur Verteidigung akademischer Freiheiten leistet: von der Debatte über KI und Diversität bis zur kritischen Auseinandersetzung mit wissenschaftlichen Evidenzen. Wir zeigen, dass eine verantwortungsvolle Hochschulbildung nicht nur Wissen vermittelt, sondern auch demokratische Haltung formt und die akademische Freiheit verteidigt. Normativität ist keine Schwäche, sondern die Voraussetzung für eine lebendige, demokratische Hochschule. Beiträge des Symposiums Zwischen Szientismus und Wissenschaftsskepsis: Herausforderungen für die Hochschullehre Frieder Vogelmanns (2023) Diagnose eines Spannungsfeldes zwischen Idealisierung und Verachtung von Wissenschaft stellt auch für die Hochschullehre eine zentrale Herausforderung dar. Die gesellschaftliche Sehnsucht nach empirisch-analytischer Eindeutigkeit in unsicheren Zeiten hat eine technokratische Wissenschaftsauffassung gestärkt, die gesellschaftliche Phänomene auf quantifizierbare Daten reduziert. Diese Entwicklung birgt jedoch die von Adorno (2022 [1954], S. 358) beschriebene Gefahr einer „Beschränkung aufs Unwesentliche im Namen unbezweifelbarer Richtigkeit“. Die Hoffnung auf eine Entpolitisierung der Politik durch sozialwissenschaftliche Expertise (Staab 2022) verstärkt das Problem einer instrumentellen Wissenschaftsauffassung, die das Versprechen der Naturbeherrschung in sich trägt (Horkheimer 2008; Marcuse 2014). Trotz des formulierten Anspruchs kann Wissenschaft diese Erwartungen oftmals nicht erfüllen, was Vertrauenskrisen entstehen lässt (Hendricks 2023). Diese werden durch Szientifizierung beantwortet. Dinge sollen genauer gemessen oder besser erklärt werden. Dies stellt auch für die Hochschullehre eine Herausforderung dar, die Oskar Negts Konzept des „exemplarischen Lernens“ (1971) und Mills „soziologische Phantasie“ (1959) als zu Unrecht vergessene Ansätze erscheinen lässt. Anstatt Debatten über abstrakte Methoden oder praktische Maßnahmen und Tools zu führen, ermöglichen diese Ansätze auch in der Lehre eine kritische Wissenschaftsreflexion, die an den konkreten Erfahrungen der Studierenden ansetzt. Das exemplarische Vorgehen macht die gesellschaftliche Bedingtheit wissenschaftlicher Erkenntnisproduktion transparent, indem es von konkreten Problemlagen ausgeht und deren strukturelle Einbettung in gesellschaftliche Machtverhältnisse aufdeckt. Wenn Studierende beispielsweise ihre eigenen Erfahrungen mit Leistungsdruck, prekären Arbeitsverhältnissen oder digitaler Überwachung zum Ausgangspunkt nehmen, können sie erkennen, wie scheinbar objektive wissenschaftliche Kategorien und Messverfahren diese Verhältnisse reproduzieren oder verschleiern. Dadurch entwickeln Lernende ein kritisches Bewusstsein für die Grenzen und gesellschaftlichen Funktionen wissenschaftlicher Methoden, ohne in wissenschaftsskeptische Verweigerung zu verfallen. Sie erfahren Wissenschaft nicht als neutrale Technik, sondern als gesellschaftliche Praxis, die sowohl emanzipatorisches Potenzial als auch herrschaftsstabilisierende Funktionen haben kann. Es wird dabei auf transformative Lernprozesse abgezielt, die der von Adorno (2020 [1959], S. 183) kritisierten Transformation zweckgerichteten Erkenntnisgewinns in „Aberglauben“ entgegenwirken. Angewandte Evidenz? Wenn wir doch schon alles wissen, warum handeln wir nicht danach? Eine Frage, die nicht nur Armin Nassehi (2019) aus seinen Lehrveranstaltungen hört, sondern mit der die Lehre – insbesondere in den angewandten Wissenschaftsbereichen – permanent konfrontiert wird. Die Verortung von guten und schlechten Dingen fällt den Studierenden nach dem Erlernen verschiedener Fachinhalte meist recht leicht. Die Konfrontation mit Berufspraktiken ernüchtert vielerorts. Lehren wir also, was nicht angewandt werden kann? Die Literatur der Gesundheitsförderung und der Hochschulentwicklung beschreibt die Notwendigkeit der Erhöhung des aktiven Anteils in den Lehrveranstaltungen – etwa durch aktive Pausen – eindeutig. An verschiedenen Stellen von Hochschulen und Universitäten werden Studentische Gesundheitsmanagements unterschiedlich eingesetzt. Förderprogramme unterstützen dies. Im Rahmen verschiedener Lehrveranstaltungen in verschiedenen Fachsemestern der Gesundheitsförderung und Prävention (Pädagogische Hochschule Schwäbisch Gmünd) wurde im WS24/25 und SoSe 25 eine Pilotstudie zur Umsetzung von sogenannten Aktivteams durchgeführt. Diese Aktivteams wurden offiziell im Rahmen der Lehrveranstaltungen gewählt und für jeweils ein Semester zur Verantwortung gezogen. Angesichts der curricularen Lehrinhalte sind die Studierenden Expert:innen für bewegte Pausen. Ihnen wurden pro Sitzung maximal 10 Minuten gewährt, die sie für die Gesunderhaltung und das Wohlbefinden einsetzen können. Diese Implementierung wurde ethnographisch mittels Feldprotokoll durch die Dozentin sowie teilweise auch durch Studierende beobachtet. Im ersten Semester fand dies verblindet, also ohne das Wissen über die Beobachtung, statt. Was passiert also mit der Lehr- Lernsituation, wenn sie mit den Ansprüchen an die Anwendungsfelder hinsichtlich evidenzbasiertem Handelns konfrontiert wird und welche Rolle nehmen Dozent:innen und Studierende dabei ein? Dieser Beitrag präsentiert die Ergebnisse der Pilotstudie und gibt einen Ausblick auf den weiteren Umgang damit. Dabei wird zur Diskussion gestellt, welche Evidenz- und Anwendungsverständnisse vorherrschen und in der Lehre zu reflektieren sind. Willkommen an der Uni: Erstsemester zwischen Gestaltungswille und Frustration Junge Menschen, die eine akademische Ausbildung beginnen finden sich zu Beginn des ersten Semesters mit den unterschiedlichsten Vorstellungen und Erwartungen in den Hochschulen ein. Doch eines haben sie alle gemeinsam: ab sofort geht es um ihre Zukunft. Nicht nur in Bezug auf ihre persönliche Erwerbsbiografie (viele Studierende begründen ihre Studienwahl mit Berufszielen), auch ihr „Blick auf die Dinge“ – das merken Studierende schnell – verändert sich durch die Beschäftigung mit soziologischer Literatur und Theorie. Dozierende sind neben der Vermittlung von Fachwissen mit der zusätzlichen Herausforderung konfrontiert, Studierende zwischen „mitgebrachten Alltagsgewissheiten“ und deren Verunsicherung durch sozialwissenschaftliches Wissen abzuholen und anzuleiten. Ein klassisches Beispiel aus meinem seit mehreren Semestern an der Hochschule München angebotenen Literaturseminar „Einführung in die Soziologie: Klassiker und Gegenwart der Gesellschaftskritik“ stellen die Diskussionen über die Gestaltbarkeit von Gesellschaft und damit Zukunft. So zieht der Studiengang „Management soziale Innovationen“, innerhalb dessen das Seminar angeboten wird, in großer Zahl Studierende an, die große Hoffnungen in ihre eigene Möglichkeit die Zukunft der Welt mitzugestalten, mitbringen. Das Lesen und Lernen über die Stabilität, Widerständigkeit und Komplexität historisch gewachsener, sozialer Verhältnisse und Strukturen frustriert diesen „Gestaltungsdrang“ grundlegend. Mark Fisher kommentierte ähnliche Beobachtungen bei seinen Studierenden in den 2000er Jahren so: Wir brauchen also einen Weg, der aus der Binarität von Motivation und Demotivation hinausweist, sodass ein Nicht-Identifizieren mit dem Kontrollregime nicht zwangsläufig in der Form einer entmutigten Apathie enden muss.“ (Fisher 20013: 40) Ausgehend von meinen eigenen Lehrerfahrungen, sowie den Beobachtungen von Mark Fisher, möchte ich diskutieren, inwiefern Hochschullehre einerseits der Vermittlung „vermeintlich gesicherten Fachwissens“ und dessen Anerkennung verpflichtet ist und andererseits eine Verantwortung dafür hat, den Optimismus von Studierenden nicht schlicht zu frustrieren, sondern gezielt „in akademische Bahnen“ zu lenken. „Ich will doch nur Lehrerin werden“: Warum Lehramtsstudierende wissenschaftliche Inhalte selten hilfreich finden und kaum in Handeln umsetzen. Normative Glaubenssätze und professionelle Identität bei Lehrkräften Wer Lehramt studiert, wird an Hochschulen sowohl in den gewählten Fächern als auch im Bereich der Erziehungswissenschaften akademisch gebildet mit dem Ziel, diese wissenschaftlichen Erkenntnisse im eigenen Handeln anzuwenden und dieses kritisch zu reflektieren. Dieser Anteil der Ausbildung stößt bei den Studierenden aber oft auf Skepsis, das Gelernte habe nichts mit der zukünftigen Tätigkeit zu tun (Egger/Ophoff 2020). Die vorgestellte Studie untersucht, wie Studierende die Inhalte eines Seminars zum Thema „Diversität in der Schule“ verarbeiten und im eigenen (hypothetischen) Handeln umsetzen. Normative Vorstellungen über soziale Kategorien der Diversität und tradierte Glaubenssätze über Normalität an Schulen scheinen eine Rolle bei der Ablehnung von wissenschaftlichen Erkenntnissen zu spielen. Allein können sie diese aber nicht erklären. Die bereits zu Beginn des Studiums beginnende Integration der zukünftigen Lehrkräfte in den normativ geprägten Diskurs zu Diversität (Schmidt/Wächter 2023) an den Schulen und die Ausbildung einer professionellen Identität (Ashcraft 2013), die eine Aufnahme in die Ingroup der Profession zum Ziel hat, lassen eine Veränderung der eigenen Einstellungen durch akademische Bildung unvorteilhaft erscheinen. Der Social Identity Approach (Hornsey 2008) stellt einen vielversprechenden Zugang dar, um einer Erklärung der Dynamiken näher zu kommen. In der Hochschullehre sollte aufbauend darauf versucht werden, schon früh eine professionelle Identität bei den Studierenden anzuregen, in deren Zentrum das Handeln entlang wissenschaftlicher Erkenntnisse und ein Verständnis des Sozialen als Konstruktion der Beteiligten stehen. Jenseits von Utopie und Dystopie: Künstliche Intelligenz, Normativität und Verantwortung in der Lehre Hochschulen vermitteln nicht nur Wissen und Kompetenzen, sondern tragen auch Verantwortung dafür, wie ein verantwortungsvoller Umgang mit KI-Technologien gestaltet werden kann. In meinem Seminar "Die (All-)Macht von Künstlicher Intelligenz in der Arbeitswelt" steht die gesellschaftliche Relevanz von Künstlicher Intelligenz (KI), insbesondere in der Arbeitswelt, im Vordergrund. Im ersten Teil des Seminars haben wir die grundlegenden Mythen der Neutralität und Objektivität von KI dekonstruiert. Im zweiten Teil befassen wir uns mit den komplexen Wechselwirkungen zwischen KI und den normativen Implikationen für die Hochschulbildung. Der Hintergrund sind Diskussionen an unserem Institut, dass Studierende generative KI für Hausarbeiten missbrauchen könnten. Diese Bedenken führten zu einem Ausschluss von KI bei der Erstellung von Hausarbeiten, wodurch der Dialog über die tatsächlichen Nutzungsmöglichkeiten von KI zwischen Lehrenden und Studierenden abgebrochen wurde. Aktuelle Studien zeigen, dass die Nutzung und die Qualität von KI im Studienalltag in den altbekannten Dimensionen sozialer Ungleichheit wirksam sind. Daher ist es normativ geboten, die Praxis der KI-Nutzung im Studium zu thematisieren. Die Lehre über KI ist nicht neutral – sie ist normativ. Wir müssen Lehrende und Studierende dazu befähigen, diese nicht nur zu nutzen, sondern auch zu fragen: Wer profitiert? Wer wird ausgegrenzt? Im Seminar haben Studierende Interviews mit Kommiliton:innen geführt (Freise 2018), um herauszufinden, wie KI im Studienalltag genutzt wird. Diese Umfragen zeigen, dass der Einsatz von KI komplexer und vielfältiger ist, als oft angenommen. Nicht nur die Seminardiskussionen, sondern auch die Interviews haben gezeigt, dass eine kritische Auseinandersetzung mit den ethischen und normativen Implikationen von KI in der Lehre unerlässlich ist, um eine inklusive und verantwortungsbewusste Bildungsumgebung zu schaffen. Der Vortrag beabsichtigt, die Rolle von Normativität innerhalb dieser Forschung zu beleuchten und zu diskutieren, wie Hochschulen aktiv Werte in der Ausbildung fördern können, um den gesellschaftlichen Herausforderungen des digitalen Zeitalters – insbesondere im Kontext des Digitalen und politischen Drucks – gerecht zu werden. | ||