21. Jahrestagung der
Gesellschaft für Hochschulforschung (GfHf)
18.-20. März 2026 | Universität Paderborn
Veranstaltungsprogramm
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Die momentane Konferenzzeit ist: 24. Aug. 2026 02:46:14 MESZ
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Posterpitch Ort: Hörsaal L1 | |
| Präsentation 6 | |
Objektivität und Positionalität: Erfahrungen marginalisierter Wissenschaftler*innen mit Nähe zum eigenen Forschungsgegenstand Humboldt-Universität zu Berlin, Deutschland Das wissenschaftliche Objektivitätsgebot fordert Distanz zum Forschungsgegenstand, doch was geschieht, wenn Forschende Themen untersuchen, die eng mit ihrer persönlichen Lebenswelt verknüpft sind? Besonders Wissenschaftler*innen aus marginalisierten Gruppen geraten in Verdacht, Forschungsthemen, die ihre eigene Marginalisierung betreffen, nicht "objektiv genug" beforschen zu können. Das vorliegende empirische Projekt stellt folgende Forschungsfrage: Welche Erfahrungen machen Wissenschaftler*innen, die einer marginalisierten Gruppe angehören und deren Forschungsthema eng mit jenem Merkmal verknüpft ist, das ihre Marginalisierung definiert? Für die Beantwortung werden narrative Interviews geführt und mit Charmaz' konstruktivistischem Grounded Theory-Ansatz ergebnisoffen ausgewertet. Ziel ist die Entwicklung einer empiriebasierten Theorie zum Spannungsfeld von persönlicher Nähe zum Forschungsgegenstand und dem Objektivitätsideal unter Berücksichtigung zugrundeliegender Machtdynamiken. Der Forschungsstand zeigt vereinzelte ethnographische Reflexionen zur ‚Insider‘-Forschung, jedoch fehlen systematische Untersuchungen zu Erfahrungen marginalisierter Forschender mit Objektivitätsnormen. Als sensibilisierende Konzepte werden klassische Objektivitätstheorien sowie feministische Wissenschaftskritiken herangezogen. Während traditionelle Ansätze "aperspektivische Objektivität" (Daston 1992) als Eliminierung individueller Perspektiven verstehen, betonen kritische Stimmen die erkenntnistheoretische Produktivität marginalisierter Standpunkte. Erste Auswertungen zeigen, dass die Erfahrungen sich je nach Art der Marginalisierung und mehrheitsgesellschaftlicher Relevanz des Forschungsthemas unterscheiden. Während in einigen Kontexten sowohl Thema als auch Forscher*in als unwissenschaftlich bewertet werden (Beispiel Interview 1: Forschung sei zu persönlich, könne keinen akademischen Mehrwert haben), werden sie in anderen als interessant wahrgenommen, aber weitgehend ignoriert (Beispiel Interview 2: Fehlende finanzielle Unterstützung). Die Objektivitätsnorm scheint ambivalent zu fungieren: Einerseits delegitimiert oder unterdrückt sie marginalisierte Perspektiven, andererseits wertet sie sie aufgrund des zusätzlichen Erfahrungswissens auf. Dabei stellt sich die Frage, wann diese Forschung geduldet wird – möglicherweise weil sie systemstützend wirkt – und wann sie subversiv wirkt. Das Projekt trägt zur kritischen Reflexion normativer Wissenschaftsideale bei, indem es die Verflechtung von normativen Erwartungen, marginalisierter Positionalität und wissenschaftlicher Praxis empirisch sichtbar macht. Es zeigt, dass Distanz zum Forschungsgegenstand nicht automatisch vorteilhaft ist und untersucht das Erkenntnispotenzial marginalisierter Perspektiven. | |