Veranstaltungsprogramm
Eine Übersicht aller Sessions/Sitzungen dieser Veranstaltung.
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Sitzungsübersicht |
Datum: Montag, 08.09.2025 | |
8:15 - 8:45 | Registrierung Ort: Foyer |
8:45 - 9:15 | Begrüßung Ort: Großer Saal |
9:15 - 10:45 | Zwo, Eins, Risiko? Neueste Erkenntnisse zu Diagnostik, Prognose, Risikofaktoren, Bindungsstilen und Furchtverarbeitung bei Psychopathie Ort: Großer Saal |
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Symposium
Stichworte: Psychopathie, antisoziale Persönlichkeit, Furchtverarbeitung, Gewalt, Bindungsstil Beiträge des Symposiums Latente Strukturen psychopathischer Persönlichkeitsmerkmale: Eine Analyse kontinuierlicher und kategorialer Variablenansätze Psychopathie bezeichnet tiefgreifende affektive, interpersonelle und behaviorale Abweichungen. Die Studie untersuchte psychopathische Persönlichkeitsmerkmale anhand des Elemental Psychopathy Assessment–Short Form (EPA-SF) bei 686 Männern aus Justizvollzugsanstalten und der Allgemeinbevölkerung. Ziel war es, multivariate Zusammenhänge zwischen den EPA-SF-Traits, aversiven Kindheitserfahrungen (ACEs), externalisierenden und internalisierenden Auffälligkeiten zu analysieren – unter Einsatz kontinuierlicher sowie kategorialer latenter Variablenansätze. Eine Messinvarianzprüfung per explorativer Strukturgleichungsmodellierung bestätigte erwartungsgemäß die konfigurale Vier-Faktoren-Struktur des EPA-SF (Antagonismus, Disinhibition, Narzissmus, Emotionale Stabilität) über beide Gruppen hinweg. Metrische und skalare Invarianz wurden nur partiell nachgewiesen. Eine anschließende Mediationsanalyse, über einen sogenannten Structural-after-Measurement-Ansatz für kleine Stichproben, ergab, dass in der Allgemeinbevölkerung Antagonismus und Disinhibition den Zusammenhang zwischen ACEs und internalisierenden sowie externalisierenden Auffälligkeiten signifikant vermittelten. In der Gefängnisstichprobe zeigten sich komplexere Muster: ACEs scheinen über beide Traits indirekt risikosteigernd, gleichzeitig aber auf direktem Wege möglicherweise abmildernd zu wirken. Aufgrund partieller Invarianz wurden gruppenspezifisch separate Profilanalysen mittels Factorscores durchgeführt. Es fanden sich je drei unterschiedlich konfigurierte Profile pro Gruppe. Innerhalb der Gruppen unterschieden sich die Profile signifikant hinsichtlich ACEs, Internalisierung, Externalisierung und weiterer Persönlichkeitsmerkmale. Die Profile mit den höchsten Psychopathie-Ausprägungen zeigten zugleich die stärksten Auffälligkeiten – besonders im Straftätersample. Die Ergebnisse zeigen, dass die Verwendung von kontinuierlichen und kategorialen latenten Variablenansätzen ein detaillierteres Verständnis von Psychopathie ermöglicht. Trotz mutmaßlich valider dimensionaler Verteilungsannahme variieren psychopathische Persönlichkeitsmerkmale offenbar nicht nur im quantitativen Ausprägungsgrad zwischen den Gruppen – vielmehr deuten sich auch Unterschiede in der qualitativen Konstitution, Funktionsweise und Auswirkung auf relevante Außenkriterien an. Unter anderem unterschiedliche Gruppengrößen und das querschnittliche Design limitieren die Ergebnisse der Studie. Breaking Bad: Die Rolle aversiver Kindheitserfahrungen auf die Entwicklung von Antisozialität und Psychopathie im DSM-IV vs. DSM-5-AMPD Neuere Entwicklungen schlagen eine veränderte Konzeptualisierung von Psychopathie vor. Dabei wird Psychopathie zunehmend über pathologische dysfunktionale Ausprägungen allgemeiner Persönlichkeitsmerkmale wie Antagonismus (als Gegenteil von Verträglichkeit) und Enthemmung (als Gegenteil von Gewissenhaftigkeit) im Rahmen der antisozialen Persönlichkeitsstörung (ASPD) beschrieben, ergänzt durch spezifische Psychopathie-Deskriptoren – sogenannte „Specifiers“ –, welche Kühnheit bzw. furchtlose Dominanz beschreiben sollen. Diese modernere Operationalisierung findet unter anderem im DSM-5-Alternativmodell für Persönlichkeitsstörungen (DSM-5-AMPD) Berücksichtigung. Die vorliegende Studie überprüfte die ätiologische Validität bekannter Risikofaktoren für die Entwicklung antisozialer und psychopathischer Persönlichkeitszüge und untersuchte, ob belastende Kindheitserfahrungen (Adverse Childhood Experiences, ACE) mit spezifischen Persönlichkeitsmerkmalen assoziiert sind, die sich in Antisozialität und Psychopathie widerspiegeln – und ob sich Unterschiede zwischen der Erfassung nach DSM-IV und DSM-5-AMPD ergeben. Teilnehmende aus der Allgemeinbevölkerung bearbeiteten im Rahmen einer Online-Befragung den Childhood Trauma Questionnaire (CTQ), die Assessments of DSM-IV Personality Disorders (ADP-IV) sowie das Personality Inventory for DSM-5 – Faceted Brief Form (PID-5-FBF). Die Auswertung erfolgte mittels regressionsanalytischer Verfahren unter Kontrolle des Geschlechts. Im Fokus stand die Frage, inwiefern Art und Ausmaß verschiedener ACE mit spezifischen Facetten von ASPD und Psychopathie – gemäß DSM-IV und DSM-5-AMPD – in Zusammenhang stehen. Die Ergebnisse werden vor dem Hintergrund aktueller Diskussionen zur Klassifikation und Diagnostik antisozialer und psychopathischer Persönlichkeitsstörungen reflektiert. Die Befunde liefern neue Perspektiven für die entwicklungspsychologische Einordnung von Antisozialität und Psychopathie im Rahmen klinisch-idiografischer Prognose. Von Persönlichkeit zu Partnerschaft: Wie destruktive Konfliktstrategien den Zusammenhang zwischen Psychopathie und unsicheren Bindungsstilen mediieren Psychopathie ist mitunter gekennzeichnet durch emotionale Distanz und die Unfähigkeit, langfristige Beziehungen aufzubauen und aufrechtzuerhalten – Eigenschaften, die darauf hindeuten, dass psychopathische Personen weder warme noch fürsorgliche Partner sind. Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass die Ausprägungen primärer und sekundärer Psychopathie mit dem eigenen Bindungsstil und dem des romantischen Partners zusammenhängen. Zudem besteht ein Zusammenhang beider Konstrukte mit destruktiven Konfliktstrategien (z.B. körperliche Aggression, verbale Aggression, Lügen). Das Zusammenspiel zwischen den drei Komponenten Psychopathie, unsichere Bindung (d. h. ängstliche und vermeidende Bindung) und der Anwendung von Konfliktstrategien wurde bisher jedoch nicht empirisch untersucht. Im Rahmen dieser dyadischen Tagebuchstudie wurden romantische Paare zunächst gebeten, an einer Eingangsbefragung zur Erhebung von psychopathischen Eigenschaften und Bindungsstilen teilzunehmen. Anschließend erfassten beide Partner über einen Zeitraum von 14 Tagen täglich Daten zu ihrem Konfliktverhalten und ihrer Beziehungszufriedenheit. Mittels actor–partner interdependence models konnten für sekundäre psychopathische Eigenschaften sowohl Einflüsse auf die eigene Person (actor effect) als auch auf den Partner oder die Partnerin (partner effect) in Bezug auf bindungsbezogene Angst und vermeidungsbezogene Angst festgestellt werden. Bei primären psychopathischen Eigenschaften zeigten sich actor effects für beide Arten der unsicheren Bindung, doch nur die psychopathischen Eigenschaften der männlichen Partner sagten eine unsichere Bindung bei ihren Partnerinnen voraus – nicht umgekehrt. Alle gefundenen Effekte wurden durch die im Querschnitt erhobenen destruktiven Konfliktstrategien mediiert – nicht aber durch das täglich erhobenen Konfliktverhalten. Das Herz des Psychopathen schlägt für Furcht: Eine Psychophysiologische Untersuchung der Subjektiven Furchtwahrnehmung bei Psychopathie Die vorliegende Studie repliziert und erweitert empirische Befunde zur Fear Enjoyment Hypothesis (FEH), welche postuliert, dass Individuen mit erhöhten Psychopathie-Merkmalen furchtauslösende Reize weniger negativ und mehr positiv bewerten. Um diese Annahme umfassender zu untersuchen, wurden neben subjektiven Bewertungen furchteinflößender Stimuli auch physiologische Reaktionen hierauf in Form der Herzfrequenz erfasst. An der Studie nahmen 119 Personen teil (68,9 % weiblich, MAlter = 35,04 Jahre), die Fragebögen zur Selbsteinschätzung von Psychopathie-Merkmalen ausfüllten. In einem kontrollierten Laborumfeld wurden furchtauslösende, aufregende und neutrale Videos aus der Ich-Perspektive präsentiert, während die Herzfrequenz gemessen wurde. Ergänzend gaben die Teilnehmenden subjektive Bewertungen sowie offene Beschreibungen ihrer individuellen Furchtwahrnehmung ab. Die Hypothesen wurden unter Anwendung linearer gemischter Modelle, ANOVA mit Messwiederholung, Korrelations- und Regressionsanalysen überprüft. Höhere Werte bei Merkmalen primärer - und Faktor 1 Psychopathie gingen mit einer signifikant geringeren negativen und stärkeren positiven Bewertung furchtauslösender Videos einher. Zudem bestand ein positiver Zusammenhang zwischen genannten Psychopathie-Merkmalen und der Tendenz, Furchterleben mit positiven Begriffen zu beschreiben. Ferner war eine erhöhte Herzfrequenz während furchtauslösender Clips mit einer positiveren Bewertung dieser Stimuli assoziiert. Diese Befunde legen nahe, dass Personen mit ausgeprägteren Psychopathie-Merkmalen Erregung in Furchtsituationen als positiv interpretieren. Die Ergebnisse replizieren zentrale Befunde früherer Studien und stützen die FEH. Sie unterstreichen, dass Individuen mit erhöhten Psychopathie-Merkmalen eine physiologische Erregung in Furchtsituationen aufweisen und diese Erregung positiver erleben. Durch die Integration physiologischer und subjektiver Maße wird der Komplexität der emotionalen Verarbeitung bei Psychopathie Rechnung getragen. Zukünftige Forschung sollte größere und forensische Stichproben einbeziehen, um die Generalisierbarkeit der Befunde zu erhöhen. Psychopathie und Gefährlichkeit Im klinischen Sinne ist Psychopathie ist eine schwerwiegende Variante der Antisozialen Persönlichkeitsstörung. Aufgrund ihres Zusammenhangs mit Delinquenz, vor allem mit Gewaltdelinquenz, gilt die Eigenschaftsausprägung als ein Indikator für ein hohes Risiko. In den letzten Jahren ist eine Vielzahl an Selbstberichtsverfahren entwickelt worden, vornehmlich für subklinische Ausprägungen von Psychopathie. Die zugrunde liegenden Konstrukte unterscheiden sich teilweise erheblich; folglich sind auch die Übereinstimmungen zwischen den Messungen mit verschiedenen Selbstberichtsverfahren mitunter nur gering. Im Justiz- und Maßregelvollzug sowie im Rahmen der Begutachtung ist nach wie vor die Fremdbeurteilung die Methode der Wahl, vornehmlich mithilfe der Hare Psychopathy Checklist-Revised (PCL-R). Die PCL-R konzeptualisiert Psychopathie anhand vier interkorrelierter Faktoren (Interpersonell, Affektiv, Lebensstil, Antisozial) bzw. anhand zweier Faktoren zweiter Ordnung (Kernpersönlichkeitsmerkmale [F1], soziale Abweichung [F2]). Im Vortrag werden die Ergebnisse einer aktuellen Meta-Analyse zur prognostischen Validität der PCL-R und ihrer Varianten (PCL, PCL:SV) vorgestellt (Holper et al., 2025; J Pers Assess https://doi.org/10.1080/00223891.2025.2469268). Es handelt sich um die bis dato umfassendste Meta-Analyse zum Einsatz der PCL-Instrumente im Kontext der forensischen Risikobeurteilung (Gesamt-N = 46,857; 217 Stichproben bzw. 227 Studien). Über alle Outcome-Kriterien (Delikt-, Gewalt-, sexueller Rückfall; Auffälligkeiten / Übergriffe im Vollzug; Partnerschaftsgewalt) erwies sich die Effektstärke als mittelgradig. Die Vorhersage war für sexuelle Rückfälle und Partnerschaftsgewalt geringer als für die übrigen Kriterien. Soziale Abweichung (F2) wies einen höheren prädiktiven Wert auf als die Kernpersönlichkeitsmerkmale (F1). Eine Multi-Model-Moderator-Analyse ergab keine Hinweise auf differenzielle Effekte zwischen Männern und Frauen für den PCL-Gesamtwert oder F2, wohl aber für F1 (tendenziell stärkere prädiktive Validität bei Frauen). |
9:15 - 10:45 | Risikofaktoren und Prävention sexualisierter Gewalt Ort: Max-Planck Saal Chair der Sitzung: André Körner |
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Forschungsreferat
Stichworte: Aggressive Sexual Fantasies, Hostile Attitudes Towards Women, Sexual Aggression Bi-Directional Links between Hostile Masculinity, Aggressive Sexual Fantasies, and Sexual Aggression: Evidence from a Three-Wave Longitudinal Study Psychologische Hochschule Berlin, Deutschland Higher levels of hostile masculinity have been shown to be a pertinent risk factor for sexual aggression. In addition, it has been linked to other risk factors for this behavior, such as aggressive sexual fantasies (ASF). There are opposing theoretical assumptions about these relations: some suggest that ASF develop early in life and that hostile attitudes are then needed as justifications for the execution of these fantasies. Others conceptualize ASF as a consequence of hostile masculinity when devaluations of women due to negative experiences with them transfer into fantasies of dominance and aggression against women. Because there is a lack of research examining the bi-directional longitudinal relations between hostile masculinity, ASF, and sexual aggression, the present study set out to close this gap in research. We use data from a longitudinal study with three measurement points set six months apart, respectively, and 2,357 participants at T1 (18 to 80 years, M = 32.86, SD = 12.01; 61% female). Inspections of zero order correlations showed the expected positive associations between hostile masculinity, ASF and sexual aggression. After preregistration, we will compute latent (random intercept) cross-lagged panel models to test the longitudinal bidirectional associations between the three variables. The findings will offer important contributions to both research and practice because the longitudinal design allows for identifying potential mediating effects as well as entry points for effective preventive measures. Forschungsreferat
Stichworte: Intimate Partner Homicide, Risk Assessment, Threat Assessment, Warning Signs, Leaking Intimate Partner Homicide: Comparing the Predictive Validity of the Danger Assessment and the GaTe-Risk Assessment Instrument 1Psychologische Hochschule Berlin, Deutschland; 2Freie Universität Berlin Risk assessment of rare phenomena, including intimate partner homicide (IPH), faces several methodological and practical challenges. Most importantly, many risk assessment instruments for IPH, such as the prominent Danger Assessment tool (DA, Campbell et al., 2009) heavily rely on factors that are more closely associated with intimate partner violence (IPV) which does not always precede IPH. Thus, it is important to consider additional criteria in the reliable prediction of IPH, including announcements of the offenses (so called “leaking”) and other warning signs, as in the newly developed GaTe-Risk Assessment Instrument (GaTe-RAI). We applied both tools to a German sample of 79 cases of IPHs and 139 controls, who threatened to kill their partner without murdering them, to examine and compare the predictive validity of both tools in successfully predicting IPH. In the present sample, GaTe-RAI (AUC = .83) showed a substantially greater predictive validity than the DA (AUC = .56). Therefore, in a second step, we examined whether both instruments could be meaningfully combined. Through hierarchical regressions we show that including leaking and other warning signs enhances the detection of IPHs. Our findings support previous research that suggests that relying on aspects of IPV is insufficient to predict IPH. They suggest that practitioners should be encouraged to consider leaking and other warning signs to improve risk assessment results. Forschungsreferat
Stichworte: Legalprognose, Rückfälligkeit von Sexualstraftätern, Conjoint-Analysen, implizite Risikomodelle Implizite Risikobewertungen bei der Rückfallprognose von Sexualstraftätern: Ein Conjoint-Analytischer Ansatz Medical School Berlin, Deutschland Die Einschätzung von Rückfallrisiken bei Sexualstraftätern ist ein zentrales Thema der forensischen Psychologie. Meta-analytische Befunde haben verlässliche Risikofaktoren identifiziert, die als Grundlage für standardisierte, aktuarische Verfahren dienen (Mann et al., 2010). Solche Instrumente (bspw. Stable-2007) werden in kriminalprognostischen Gutachten eingesetzt, um individuelle Rückfallwahrscheinlichkeiten zu bestimmen. In der Praxis greifen Fachkräfte jedoch häufig auch auf intuitive Einschätzungen zurück, etwa in Behandlungsprogrammen – mit begrenzter Validität. Unklar bleibt im Prozess der Entscheidungsfindung meist auch, wie einzelne Risikofaktoren final gewichtet werden. Mittels Choice-Based Conjoint-Analysen untersuchten wir deshalb, wie forensische Sachverständige, Studierende der Rechtspsychologie und Fachkräfte aus dem Strafvollzug Risikofaktoren bei der Rückfallprognose gewichten. Die Teilnehmenden bewerteten Täterprofile, die sich in drei empirisch belegten Risikofaktoren (Beziehungsfähigkeit, Impulsivität, multiple Paraphilien) sowie einem nicht evidenzbasierten Faktor (mangelnde Opferempathie) unterschieden. Jeder Faktor lag in drei Ausprägungen vor und variierte über neun softwaregenerierte Wahlsets hinweg. Die Ergebnisse zeigen, dass empirisch fundierte Risikofaktoren über alle Gruppen hinweg stärker gewichtet wurden als mangelnde Opferempathie. Dennoch betrachteten Fachkräfte im Strafvollzug diesen Faktor als besonders prädiktiv für Rückfälligkeit. Studierende und Sachverständige zeigten ähnliche Gewichtungsmuster, wobei letztere Opferempathie tendenziell stärker einbezogen. Die Entscheidungsmuster blieben insgesamt stabil, wiesen jedoch einige gruppenspezifische Unterschiede auf. Die Befunde liefern neue Einblicke in die implizite Gewichtung von Risikofaktoren und verdeutlichen die Gefahr nicht evidenzbasierte Aspekte in Legalprognosen einzubeziehen. Wir diskutieren den Einsatz empirisch fundierter Bewertungsverfahren im Zusammenhang mit strukturierten Entscheidungsprozessen, um mögliche intuitive Verzerrungen zu minimieren. Gleichzeitig geben wir Hinweise zum Einsatz entscheidungsbasierter Verfahren in der rechtspsychologischen Forschung. Forschungsreferat
Stichworte: Pornografie, Gewaltprävalenz in Medien, Sexuelle Sozialisation Porn to be wild: Eine differenzierte und standardisierte Inhaltsanalyse von Gewalt in Mainstream- und Alternativpornografie. Universität Kassel, Deutschland Durch die weite Verfügbarkeit im Internet ist Pornografie zunehmend ein selbstverständlicher Bestandteil des Alltags vieler Menschen geworden. An Selbstverständlichkeit gewinnt auch die Darstellung gewaltvoller Inhalte in der Onlinepornografie. Dies ist besorgniserregend, da Pornografie nicht nur der sexuellen Lust dient, sondern auch zur sexuellen Sozialisation beitragen kann - etwa dann, wenn Zuschauende ihre normativen Vorstellungen von Sexualität und Geschlechterverhältnissen an pornografisch inszenierten Szenen ausrichten. Tatsächlich wird der Konsum gewaltvoller Pornographie in der Literatur mit einer höheren Akzeptanz sexualisierter Gewalt, geschlechtsbezogener Stereotype und der Objektivierung von Frauen in Verbindung gebracht. Während kostenlose, kommerzielle Plattformen wie Pornhub hinsichtlich gewalthaltiger Inhalte mittlerweile gut untersucht sind, fehlen systematische Vergleiche mit sogenannter „alternativer Pornografie“. Letztere umfasst etwa feministische, queer-freundliche oder ethisch produzierte Angebote, die meist nicht kostenlos verfügbar sind. Diese Studie analysiert die in Deutschland beliebtesten Videos von Pornhub sowie führenden alternativen Plattformen mithilfe eines quantitativen Kodierschemas, welches eine breite Palette sexueller Handlungen erfasst – von milderen Praktiken wie Spanking bis hin zu Degradierung und schwerer Gewalt. Zudem wird erhoben, an welchen Personen die jeweiligen Handlungen ausgeführt werden. Vorläufige Befunde zeigen, dass Gewalt und Erniedrigung fester Bestandteil kommerzieller Pornografie sind, in der Frauen überwiegend als unterwürfige Opfer und Männer als dominante Aggressoren dargestellt werden. Das differenzierte Kodierschema erlaubt eine präzisere Einschätzung von Gewaltprävalenz und ihrer geschlechtsspezifischen Verteilung in Mainstream- und Alternativproduktionen. Die Ergebnisse geben Hinweise darauf, wie unterschiedliche Formen von Pornografie zur sexuellen Sozialisation beitragen können. Forschungsreferat
Stichworte: Entitlement, Frauenfeindlichkeit, Sexualstraftaten, Missbrauchsabbildungen, Fokusgruppe Entitled to sex? Die Erhebung von Masculine Sexual Entitlement im sexualforensischen Kontext Medical School Hamburg, Deutschland Frühere Forschungsarbeiten haben gezeigt, dass bestimmte Formen von sexueller Anspruchshaltung im Sinne von tatbegünstigen Kognitionen zum Verständnis von Sexualstraftaten beitragen können, z.B. bei innerfamiliärem sexuellem Missbrauch. Das Konstrukt “Masculine Sexual Entitlement“ (MSE; zu Deutsch: Männliche sexuelle Anspruchshaltung) wurde in den USA auf Grundlage verschiedener vorhandener Konzepte wie sexueller Narzissmus und hegemoniale Männlichkeit definiert und beschreibt Einstellungen, Normen und Verhaltensweisen, die eine übertriebene Überzeugung eines männlichen Anspruchs auf Sex beinhalten, sowie das Aufrechterhalten und Verstärken von Mustern, die zu diesen Dynamiken beitragen. In der Präsentation wird zunächst die Relevanz des Konstrukts „Entitlement“ für die rechtspsychologische Forschung und Praxis diskutiert. Anschließend wird die deutschsprachige Übersetzung und Validierung der Masculine Sexual Entitlement Norms Scale (MSEN25) vorgestellt. Die konvergente Validität wurde mithilfe der Sexual Narcissism Scale (SNS) und der Hostility Towards Women Scale (HTW) analysiert. Zum Schluss wird auf Basis erster qualitativer Erkenntnisse einer Fokusgruppenstudie mit Männern, die Missbrauchsabbildungen konsumiert haben, die Anwendbarkeit der MSEN25 im sexualforensischen Kontext diskutiert. |
9:15 - 10:45 | Rehabilitation von Straftätern Ort: Kleiner Saal Chair der Sitzung: Mark Stemmler |
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Forschungsreferat
Stichworte: desistance, supervision, rehabilitation Assisting desistance in the community: A pilot study of desistance-oriented practices amongst community corrections officers in Germany 1Flinders University, Australien; 2Johannes Gutenberg-Universität Mainz The number of people on community-based supervision orders has steadily increased globally in recent years, but mainstream approaches are limited in their ability to promote rehabilitative outcomes. In response, there has been a shift in the international literature towards rehabilitative practices based on desistance theories. However, little is known about how widespread desistance-oriented practices are in community supervision in Germany, and whether these practices influence correctional outcomes. A survey of community correctional officers examined the extent to which officers engaged in desistance-oriented practices, the relationship between such practices and officer-reported client (engagement, breaches) and staff (self-efficacy, burnout) outcomes, and attitudinal drivers of desistance-oriented practice. Implications for enhancing supervision experiences and outcomes are discussed. Forschungsreferat
Stichworte: Procedural Justice, Punishment Motive Attributions, Personality, Motivation to change Gerechtigkeit, Persönlichkeit und Motivation zur Veränderung: Einsichten aus der forensischen Psychiatrie Ludwig-Maximilians-Universität München, Deutschland Bisher ist wenig darüber bekannt, auf welche Motive Straftäter ihre Strafe zurückführen, ob diese Attributionen durch Erfahrungen im Bestrafungsprozess oder durch Persönlichkeitseigenschaften beeinflusst werden und wie sie die Reaktion auf die Strafe beeinflussen. In einer Feldstudie mit forensischen Patienten in Bayern (N = 244) untersuchten wir den Einfluss der absoluten Straflänge, distributiver Gerechtigkeit (relative Straflänge), prozeduraler Gerechtigkeit (Behandlung vor Gericht, im Gefängnis und in der forensischen Klinik) sowie verschiedener Persönlichkeitsmerkmalen auf die Zuschreibung von Bestrafungsmotiven. Darüber hinaus analysierten wir, wie diese wahrgenommenen Bestrafungsmotive mit der Akzeptanz der Strafe, der Fairnesswahrnehmung und der Motivation zur Veränderung zusammenhängen. Die Ergebnisse zeigten, dass längere Strafen über eine geringere Wahrnehmung prosozialer Bestrafungsmotive indirekt zu niedrigerer Fairnesswahrnehmung und Veränderungsmotivation führen. Umgekehrt erhöhen eine als gerecht empfundene Straflänge und eine faire Behandlung sowohl die Akzeptanz der Strafe als auch die Fairnesswahrnehmung. Eine faire Behandlung vor Gericht und in der Klinik förderte zusätzlich die Veränderungsmotivation. In den meisten Fällen wirkte die Wahrnehmung prosozialer Motive als Mediator. Auch Persönlichkeitsmerkmale spielten eine Rolle: Ehrlichkeit-Bescheidenheit und Täter-Sensitivität standen positiv mit wahrgenommenen prosozialen Bestrafungsmotiven in Zusammenhang, während grandioser Narzissmus negativ damit assoziiert war. Wahrgenommene kompetitive und individualistische Bestrafungsmotive zeigten negative Zusammenhänge mit Ehrlichkeit-Bescheidenheit und positive mit feindlichem Attributionsbias, Opfer-Sensitivität und grandiosem Narzissmus. Die Ergebnisse geben wichtige Einblicke in kognitive Mechanismen der Strafverarbeitung und betonen die Bedeutung, prosoziale Bestrafungsmotive zu fördern, um die Veränderungsbereitschaft von Straftätern zu stärken. Forschungsreferat
Stichworte: Evaluierbarkeit, Justizvollzug, soziale Kompetenzen, Kriminaltherapie Trainings sozialer Kompetenzen im Justizvollzug: Eine Evaluation der Evaluierbarkeit Kriminologischer Dienst Niedersachsen, Deutschland Die psychologische Evaluationsforschung zu verhaltensändernden Maßnahmen im Justizvollzug hat zuletzt mehr Aufmerksamkeit erhalten. Prominent ist aktuell der Vorschlag, die Vielfältigkeit der Interventionsformen und –bausteine bewusst zu nutzen, statt wie bisher letztlich von homogenen Interventionen auszugehen. Dabei wird ein typisches Dilemma der Evaluationsforschung im Justizvollzug deutlich: Einerseits sind die Fallzahlen pro Justizvollzugsanstalt und Maßnahme klein und die bestehende Dokumentation ist meist nicht längsschnittlich angelegt. Andererseits sind die Maßnahmen möglicherweise zu unterschiedlich, um sie über Durchgänge und Anstalten hinweg zu aggregieren. Um angemessen auf solche strukturellen Herausforderungen reagieren zu können, bedarf es einer umfassenden Vorbereitung und Vorprüfung. In der Evaluationsforschung gibt es mit der „Evaluation der Evaluierbarkeit“ entsprechende Ansätze, die bisher aber nicht oder zumindest nicht explizit im Kontext Justizvollzug angewendet werden. Um die Nützlichkeit dieses Ansatzes exemplarisch zu prüfen, wurden für alle Varianten von „sozialen Trainings“ (Trainings sozialer Kompetenzen) der Jahre 2022 und 2023 in allen niedersächsischen Justizvollzugsanstalten Daten zur Evaluierbarkeit erhoben und die jeweiligen Konzepte ausgewertet (90 Interventionen mit insgesamt 217 Instanzen). Soziale Trainings bzw. Trainings sozialer Kompetenzen bieten sich als „proof of concept“ an, denn sie sind typische und weit verbreitete verhaltensändernde Interventionen im deutschen Justizvollzug. Im Beitrag werden Ergebnisse zur Prüfung der Evaluierbarkeit und der Konzeptanalyse vorgestellt. Daraus wird eine Art Blaupause abgeleitet, wie mit vergleichbar geringem Aufwand geprüft werden kann, ob und welche Art von Evaluationsforschung zu bestimmten Maßnahmen und darüber hinaus zu diesen Maßnahmen als Teil größerer Interventionen (Sozialtherapie, Justizvollzug insgesamt) möglich ist. Forschungsreferat
Stichworte: Haft, Opioidsucht, Opioidsubstitution, Evaluationsstudie, HOpE Studie Eine Längsschnittstudie zur Wirksamkeit der Substitutionsbehandlung bei opioidabhängigen Strafgefangenen nach ihrer Entlassung 1Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, Deutschland; 2SRH University, Campus Fürth; 3Kriminologischer Dienst des bayerischen Justizvollzugs, Erlangen Hintergrund: Opioidabhängige Inhaftierte stellen in Europa und damit auch in Deutschland einen nicht unerheblichen Anteil an den Gefangenenpopulationen dar (European Monitoring Centre for Drugs and Drug Addiction, 2022; Länderarbeitsgruppe „Bundeseinheitliche Erhebung zur stoffgebundenen Suchtmittelproblematik im Justizvollzug“, 2023). Die Studienlage zur Behandlung von opioidabhängigen Personen im Vollzug ist jedoch bislang uneinheitlich, vorhandene Studien stammen primär aus den USA und englischsprachigen Ländern. Für Europa und speziell für Deutschland sind kaum Studien vorhanden. Ziel: Das vom bayerischen Staatsministerium der Justiz geförderte Forschungsprojekt „Haft bei Opioidabhängigkeit – eine Evaluationsstudie (HOPE; Stemmler et al., 2023)“ hat das Ziel zu klären, ob bei opioidabhängigen Inhaftierten jeweils die Substitutionsbehandlung oder die primär abstinenzorientierte Behandlung zu günstigeren Verläufen hinsichtlich der Legalbewährung nach der Entlassung, der sozialen Eingliederung, des illegalen Drogenkonsums und des Gesundheitszustands führt. Methode: Verglichen werden opioidabhängige Personen, die in Haft entweder substitutionsorientiert oder abstinenzorientiert behandelt wurden, im Hinblick auf Entzugserscheinungen, illegalen Drogenkonsum allgemein sowie illegalen Opioidkonsum in Haft und nach der Haftentlassung. Dafür wurden die Daten von N = 247 opiodabhängigen Gefangenen kurz vor der Entlassung erhoben (n = 139 wurden substitutionsorientiert und n = 108 abstinenzorientiert behandelt). In einem Längsschnittdesign wurden Katamnesedaten bis hin zu einem Zeitraum von mehr als zwei Jahren nach der Entlassung erfasst. Resultate: Einige abhängige Variablen belegen eine signifikante Überlegenheit der Substitutionstherapie (Geißelsöder et al., 2024). Die signifikanten Ergebnisse verschwinden jedoch weitgehend nach einem Jahr. Zu diesem Katamnese-Zeitpunkt befinden sich mehr nicht-substituierte (47%) als substituierte (23%) Personen in Freiheit in Arbeit. Forschungsreferat
Stichworte: Desistance, Peer-to-peer-Mentoring, Credible Messenger, Jugendhilfe, Prävention Jugenddelinquenz Straßenabitur statt Hochschulabschluss - Ein Pilotprojekt zum Credible Messenger-Ansatz Justizvollzugsanstalt Tegel, Deutschland Wie kann desistance gelingen – und wer kann dabei Unterstützung leisten? In diesem Beitrag wird ein Pilotprojekt in Deutschland vorgestellt, das dem sogenannten Credible Messenger-Ansatz folgt; ehemals inhaftierte Menschen begleiten straffällig gewordene oder hierfür gefährdete Jugendliche als Mentoren. Ziel des Beitrages ist es, die Besonderheiten dieser peer-to-peer Beziehung zu erfassen, insbesondere mit einem besonderen Blick darauf, was diese Beziehung im Vergleich zu einer professionellen Helferbeziehung leisten kann. Die vorgestellte qualitative Studie basiert auf Interviews mit den Credible Messengern, der Projektleitung und Kontextakteuren aus dem Helfersystem. Im Zentrum steht die Frage, wie gelebte Erfahrung, Identifikation und Beziehungsgestaltung dazu beitragen können, Perspektiven für ein straffreies Leben zu schaffen - auf beide Seiten. Die Ergebnisse dieser Arbeit sollen nicht nur zur weiteren Auseinandersetzung mit peer-to-peer basierten Interventionen beitragen, sondern auch Impulse für die Zukunft geben; als erstes seiner Art in Deutschland liefert das Projekt eine Idee davon, wie ein niedrigschwelliges Präventionsangebot aussehen kann. |
10:45 - 11:15 | Kaffeepause Ort: Foyer |
11:15 - 12:45 | Ätiologische Aspekte sexualisierter Gewalt: Die Relevanz von sexuellen Phantasien, Hypersexualität und Persönlichkeit(-sstörungen) Ort: Großer Saal |
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Symposium
Stichworte: Sexualstraftaten, Risikofaktor, Ätiologie, sexuelle Phantasien, Persönlichkeitsstörung Beiträge des Symposiums More than the Sum of Its Parts: The Prediction of Sexual Aggression by Aggressive Sexual Fantasies and Their Interactions with Further Pertinent Risk Factors Aggression-related sexual fantasies (ASF) have been identified as a strong correlate of sexual aggression, but their potential interplay with other risk and protective factors in the prediction of sexual aggression as suggested by the Motivation-Facilitation-Model of sexual aggression remains unexplored. The present study, therefore, examined whether ASF predict sexual aggression six months later and whether they interact with other risk and protective factors in doing so. We used data from an international sample of 2,469 participants (62% women; Mage = 33.2 years, SD = 12.3) at first measurement and structural equation models. Participants completed questionnaires on ASF, aggression-related sexual interests, antisocial tendencies, facilitating attitudes and beliefs, hypersexuality, protective factors (empathy, inhibition, emotion regulation), and sexual aggression. Confirmatory factor analysis indicated that ASF and aggression-related sexual interests are best represented by a single latent factor rather than two separate factors. This combined ASF/interest factor consistently predicted sexual aggression in the total sample including both, men and women. Facilitating attitudes and hypersexuality were the most consistent predictors of sexual aggression in both, men and women. The association between the ASF/interest factor and sexual aggression was facilitated by higher levels of antisocial tendencies, facilitating attitudes, and hypersexuality. Protective factors did not buffer the relation between the ASF/interest factor and T2 sexual aggression. This study indicates the importance of ASF in predicting sexual aggression in the long run and highlights their complex interplay with both, other motivating and facilitating factors. Zwanghaftes Sexualverhalten als Risikofaktor für die Entwicklung sexuell devianter Interessen Eine Vielzahl devianter sexueller Interessen kann unter der Kategorie der Paraphilien konzeptualisiert werden. Während all diese sexuellen Interessen durch das Hauptmerkmal der sexuellen Erregung durch atypische Präferenzen, insbesondere in Verbindung mit nicht einwilligungsfähigen Personen, gekennzeichnet sind, stellt sich die Frage, ob diese heterogenen Interessen unter einer gemeinsamen Kategorie zusammengefasst werden können. Aktuelle Forschungsergebnisse zeigen eine starke positive Assoziation zwischen zwanghaftem Sexualverhalten (CSB) und devianten sexuellen Interessen. Bisher konzentrieren sich Studien auf die korrelative Verbindung zwischen CSB und devianten sexuellen Interessen, vernachlässigen jedoch die Kausalrichtung dieser Beziehung. Die vorliegende Studie untersucht daher die Struktur devianter sexueller Interessen sowie die Wirkrichtung der Assoziation zwischen CSB und devianten sexuellen Interessen mithilfe der Strukturgleichungsmodellierung (SEM). Zur Überprüfung dieser Hypothesen wurde eine Teilstichprobe der ALFA-Studie herangezogen, bestehend aus 2.297 Teilnehmenden zu T1 und 860 Teilnehmenden zu T2. Modellvergleiche zwischen dem Paraphilie-Hauptfaktormodell und dem Modell ohne übergeordneten Paraphilie-Faktor bestätigten zu beiden Messzeitpunkten die überlegene Passung des Modells ohne Paraphilie-Faktor. Die Analyse des Cross-Lagged-Panel-Modells ergab, dass weder bei Männern noch bei Frauen CSB zu T2 signifikant durch eine der devianten sexuellen Interessen zu T1 vorhergesagt wurde. Sadismus und Frotteurismus zu T2 wurden bei Frauen signifikant durch CSB zu T1 vorhergesagt, während Exhibitionismus zu T2 bei Männern signifikant durch CSB zu T1 vorhergesagt wurde. Diese Ergebnisse verdeutlichen die Notwendigkeit, deviante sexuelle Interessen differenziert zu betrachten und CSB als potenziellen Risikofaktor für die Entwicklung devianter sexueller Interessen zu verstehen. Sex im Kopf – Zusammenhänge zwischen sexuellen Fantasien, deren subjektiver Bewertung und dem Strukturniveau nach OPD Sexuelle Fantasien sind ein zentraler Bestandteil individueller Sexualität. Ihre Bedeutung und subjektive Bewertung sowie persönlichkeitsbezogene Einflussfaktoren auf die Fantasietätigkeit sind bislang unzureichend erforscht. Im Rahmen dieser Studie wurde das Strukturniveau definiert nach der Operationalisierten Psychodynamischen Diagnostik (OPD-2) als Prädiktor für bestimmte Inhalte sexueller Fantasien sowie für deren subjektive Bewertung untersucht. Die Ergebnisse zeigen, dass Personen mit einem geringeren Strukturniveau signifikant mehr negative Affekte in Bezug auf ihre Fantasien erleben und häufiger Fantasien vom Typ Unterwerfung berichten. Für eine differenziertere Erfassung wird in einem nächsten Schritt an einer anderen Stichprobe untersucht, ob sich Subgruppen sexuell Fantasierender identifizieren lassen, die sich hinsichtlich Strukturniveau, Art und Häufigkeit bestimmter Fantasien sowie deren subjektiver Bewertung unterscheiden. Zusätzlich werden Pornografiekonsum und Geschlecht als Kovariaten einbezogen. Mittels latenter Klassenanalyse sollen dabei auch latenter Muster identifiziert werden, unabhängig von der Prävalenz einzelner Variablen, sodass auch seltene Fantasietypen, wie dissexuelle Fantasien, berücksichtigt werden können. Die Ergebnisse können zu einer systematischeren und differenzierteren Betrachtung individueller Fantasiemuster und ihrer Zusammenhänge mit verschiedenen Persönlichkeitsmerkmalen und Verhaltensmustern beitragen. Beide Teilstudien sollen vorgestellt und diskutiert werden. Neues Modell, bessere Prognose? Persönlichkeitsfunktion vs. kategoriale Diagnosen von Persönlichkeitsstörungen bei der Vorhersage sexueller Rückfälle Neue dimensionale Ansätze zur Diagnose von Persönlichkeitsstörungen betonen zwei zentrale Kriterien: das Funktionsniveau der Persönlichkeit (Kriterium A) und problematische Persönlichkeitsmerkmale (Kriterium B; American Psychiatric Association, 2013). Angesichts der Bedeutung von Cluster-B-Persönlichkeitsstörungen in der Risikobewertung von Straftätern ist zu prüfen, ob dieser neue diagnostische Ansatz einen zusätzlichen prädiktiven Wert im forensischen Kontext bietet. Diese Studie vergleicht die prädiktive Validität des Funktionsniveaus der Persönlichkeit (Kriterium A) mit traditionellen kategorialen Diagnosen hinsichtlich der Vorhersage sexueller Rückfälle bei einer Stichprobe von 59 männlichen Sexualstraftätern, die im österreichischen Strafvollzug begutachtet und über durchschnittlich 6,3 Jahre nachverfolgt wurden. Mittlere Effektstärken wurden für den Zusammenhang zwischen Persönlichkeitsfunktion und sexuellem Rückfall beobachtet, erreichten jedoch aufgrund der geringen statistischen Power keine Signifikanz. Die prädiktiven Effektstärken für die Persönlichkeitsfunktion übertrafen jedoch jene der kategorialen Diagnosen. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass das dimensionale Modell gegenüber traditionellen Diagnosen Vorteile in der Risikobewertung bieten könnte. Dies ist besonders relevant, da die dimensionale Diagnostik künftig auch in der klinischen Praxis eingeführt wird und weitreichende Auswirkungen auf Diagnostik, Risikobewertung und Behandlung haben könnte. Die Bedeutung psychischer Störungen im Risikomanagement bei Männern, die aufgrund eines Sexualdeliktes verurteilt wurden Psychische Störungen finden sich deutlich häufiger bei straffällig gewordenen Männern als bei Männern aus der Allgemeinbevölkerung. Darüber hinaus konnte in früheren Untersuchungen gezeigt werden, dass einzelne psychische Störungen mit einem höheren Risiko mit einem erneuten Gewaltdelikt auffällig zu werden, assoziiert sind. Inwiefern sich dieser Zusammenhang auch bei Männern, die aufgrund eines Sexualdelikt verurteilt wurden findet, war bisher unklar. In zwei aktuellen Untersuchungen wurde daher zunächst die Prävalenz psychischer Störungen bei insgesamt 1511 Sexualstraftäter aus dem österreichischen Justizvollzug, die mit dem Strukturierten Klinischen Interview für Achse I und Achse II Störungen untersucht, erhoben. Hierbei konnte bei über 90% der untersuchten Personen mindestens eine psychische Störung diagnostiziert werden. Am häufigsten waren hierbei Alkohol- oder Drogenkonsumstörungen, paraphile Störungen und Persönlichkeitsstörungen. In einem zweiten Schritt wurde der Zusammenhang zwischen den gefundenen psychischen Störungen und Rückfälligkeit mit einem Gewalt- und/oder Sexualdelikt untersucht. Es zeigte sich, dass insbesondere paraphile Störungen und Persönlichkeitsstörungen mit gewalttätiger und sexueller Rückfälligkeit korrelierten, wobei der Zusammenhang schwächer ausgeprägt war als initial vermutet. Eine Analyse verschiedener Subgruppen (z.B. Täter mit erwachsenen Opfern vs. Täter mit kindlichen Opfern) erbrachte darüber hinaus weitere relevante Unterschiede. Die Ergebnisse der aktuellen Untersuchungen legen nahe, dass die Prävalenz psychischer Erkrankungen bei Männern, die aufgrund eines Sexualdelikts verurteilt wurden, erheblich ist. Die Behandlung psychischer Störungen kann einen deliktpräventiven Effekt entfalten und sollte daher im Risikomanagement berücksichtigt werden. |
11:15 - 12:45 | Jugendliche / Familienrecht Ort: Max-Planck Saal Chair der Sitzung: Alexander Bodansky |
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Forschungsreferat
Stichworte: child psychological maltreatment, risk assessment, social information processing Der Einfluss elterlicher kognitiver und affektiver Schemata auf funktionales und dysfunktionales Erziehungsverhalten 1Universität Basel, Schweiz; 2Carl von Ossietzky Universität, Oldenburg Das Erleben von Kindeswohlgefährdung ist häufig mit schweren psychischen und körperlichen Erkrankungen im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter verbunden. Um eine Gefährdung frühzeitig zu erkennen, müssen relevante Risikofaktoren identifiziert werden. Während diese für körperliche Misshandlung und Vernachlässigung bereits gut erforscht sind, ist das Wissen über Risikofaktoren psychischer Misshandlung noch begrenzt. Das Modell der sozialen Informationsverarbeitung (SIP-Modell) geht davon aus, dass Eltern mit stärkeren kognitiven Verzerrungen in verschiedenen Phasen der Informationsverarbeitung mit höherer Wahrscheinlichkeit dysfunktionales Erziehungsverhalten zeigen. Die vorliegende Studie untersucht erstmals die erste Phase des SIP-Modells – kognitive und affektive Schemata – im Zusammenhang mit funktionalem und dysfunktionalem Erziehungsverhalten sowie mit Verhaltensweisen im Rahmen psychischer Misshandlung von Kindern. Es wird angenommen, dass größere Defizite in kognitiven und affektiven Schemata mit einem höheren Ausmaß an dysfunktionalem und potenziell psychisch misshandelndem Verhalten einhergehen. Hierzu wurde eine Fragebogenerhebung mit 1.024 Eltern von Kindern im Alter von 0 bis 18 Jahren aus Deutschland und der Schweiz durchgeführt. Erfasst wurden kognitive Schemata (Einstellungen, Zuschreibungen, Kontrollüberzeugungen, Erwartungen), affektive Schemata (Empathie, Selbstwertgefühl, Wut, Feindseligkeit, ängstlicher und depressive Affekt) sowie das Erziehungsverhalten. Auf Basis von Pfadanalysen lassen sich unterschiedliche Wirkbeziehungen zwischen kognitiven und affektiven Schemata und den verschiedenen Facetten des Erziehungsverhaltens ableiten. Die Befunde liefern somit wertvolle Ansatzpunkte für die Praxis, um bestehende Risikoeinschätzungsverfahren bei potenzieller Kindeswohlgefährdung weiterzuentwickeln. Forschungsreferat
Stichworte: Prozessanalyse, Validität von Testverfahren, inkrementelle Validität Psychologische Testverfahren als Quelle der späteren gutachterlichen Empfehlung 1Universität Hamburg; 2IGG Ahrensburg; 3Universität Basel Familiengerichtliche Gutachten nutzen psychologische Testverfahren zumeist, um das Beziehungserleben der betroffenen Kinder (z.B. SKEI, EBF-KJ, SPEF, EWU) oder das Erziehungsverhalten der Eltern zu erheben. Eine im Rahmen eines Projektes zur Testnormierung (Bodansky & Krüger, 2020) erhobene Stichprobe (n =803 Lebensmittelpunktempfehlungen; n= 575 Vaterumgangsempfehlungen) wurde nun verwendet, um zu prüfen, inwiefern und zu welchem Ausmaß die Testergebnisse gutachtlicher Empfehlungen zum Lebensmittelpunkt bzw. zum Umgang beeinflussen bzw. welche Testergebnisse hier die nachfolgende Empfehlung am besten vorhersagen. Detaillierter wird dargestellt, welche Skalen der Tests die Lebensmittelpunkt- und Umgangsempfehlungen am besten vorhersagen. Dadurch wird ein Blick mit hoher ökologischer Validität auf die Entscheidungsfindung im familiengerichtlichen Begutachtungsprozess möglich. Implikationen der gefundenen Zusammenhänge für den Begutachtungsprozess aber auch für die Testentwicklung und hier spezifischer für die Nützlichkeit als auch Validität von psychologischen Testverfahren werden diskutiert. Forschungsreferat
Stichworte: Crime Interventions, Callous-Unemotional Traits, Social Competence, Adolescence Prävention von Jugendkriminalität: Eine Metaanalyse zu Interventionen mit Fokus auf Callous-Unemotional Traits und sozialen Kompetenzen Helmut-Schmidt-Universität Hamburg, Deutschland Unsere derzeit in Bearbeitung befindliche Metaanalyse untersucht die Wirksamkeit von Gewalt- und Kriminalpräventionsprogrammen im Jugendalter, mit besonderem Fokus auf Callous-Unemotional Traits sowie verschiedene Facetten sozialer Kompetenzen. Callous-Unemotional Traits, darunter ein Mangel an Schuld- und Reuegefühlen, fehlende Empathie, Missachtung der Gefühle anderer sowie oberflächlicher oder eingeschränkter Affekt, gelten als robuste Prädiktoren für zukünftiges delinquentes Verhalten, einschließlich Verhaftungen, Rückfälligkeit und allgemeiner Kriminalität (Byrd et al., 2012; Loeber et al., 2006; López-Romero et al., 2012; McMahon et al., 2010; Salekin, 2008; Vincent et al., 2003). Soziale Kompetenzen, verstanden als die Fähigkeit zu positiver und effektiver Interaktion mit anderen, stellen hingegen einen zentralen protektiven Faktor dar. Fehlende soziale Kompetenzen werden in der Literatur wiederholt als charakteristisch für aggressive und delinquent handelnde Jugendliche beschrieben (z. B. Coie & Dodge, 1998; Farrington & Loeber, 2001; Frick, 1998). Ziel dieser Metaanalyse ist es, durch die Integration der Ergebnisse bestehender Interventionsstudien zu prüfen, inwieweit Interventionsprogramme, die auf Callous-Unemotional Traits und soziale Kompetenzen abzielen, geeignet sind, das Risiko zukünftiger krimineller Verhaltensweisen zu reduzieren. Dabei wird untersucht, welche Rolle Callous-Unemotional Traits und soziale Kompetenzen für die Entstehung und Aufrechterhaltung delinquenten Verhaltens spielen und ob entsprechende Interventionen präventiv wirksam sind. Die Befunde sollen zu einem besseren Verständnis von auf Callous-Unemotional Traits und soziale Kompetenzen fokussierten Interventionen in der Jugendkriminalprävention beitragen und zugleich methodische Implikationen für die Evaluation dieser Programme aufzeigen. Forschungsreferat
Stichworte: Tatthemen, Jugendliche Gewaltstraftäter, Sozialisationsbesonderheiten junger Gewaltstraftäter Sozialisation und Tatthemen junger Gewaltstraftäter Universität Hildesheim, Deutschland Nachdem in vergangenen Jahren für Sexualstraftäter mit Gewinn die Tatthemenanalyse nach David Canter aus dem polizeipsychologischen Feld („statistical profiling“) für unterschiedliche kriminalpsychologische und prognostische Probleme adaptiert werden konnte (zusammenfassend: Lehmann, 2014), wurden inzwischen erste Versuche unternommen, den auf objektiven Merkmalen des Tatverhaltens basierenden Ansatz auch bei jungen Gewaltstraftätern zu erproben. So konnte Leichter (2018) theoriegeleitet an einer Stichprobe von N=204 schweren Gewaltdelikten mit dem Canter ́schen methodischen Ansatz insgesamt vier Themen identifizieren – instumental-controlled, instrumental-impulsive, affective-controlled, affective-impulsive – und nach testtheoretischen Gesichtspunkten zu Tatverhaltensskalen entwickeln. Der vorliegende Beitrag geht der Frage nach, ob die Ausprägung der so erfassten Tatthemen schwerer gewalttätiger Delikte mit Besonderheiten der Sozialisation der jungen Gewalttäter zusammenhängen und ob sie gewalttätige disziplinarische Vorkommnisse im Jugendstrafvollzug vorhersagen. Forschungsreferat
Stichworte: Prävention, Radikalisierung, Evaluation Entwicklungsorientierte Radikalisierungsprävention. Kurz- und Langzeiteffekte der Präventionsprogramme PARTS und Bleib-Menschlich Friedrich-Schiller-Universität Jena, Institut für Psychologie, Deutschland Der Beitrag gibt zunächst einen Überblick zu den theoretischen Hintergründen, Inhalten und Methoden der Präventionsprogramms PARTS (Programm zur Förderung von Akzeptanz, Respekt, Toleranz und sozialer Kompetenz) und Bleib-Menschlich. Die Programme wurde für Kinder der dritten und vierten Klasse zur Vorurteilsprävention und Toleranzförderung (PARTS) bzw. für Jugendliche im Alter von 14 bis 16 Jahren als integriertes Modell der Radikalisierungsprävention (Bleib-Menschlich) für den Einsatz im schulischen Kontext entwickelt. PARTS wurde im Rahmen der Thüringer Studie zur Vorurteilsentwicklung und Toleranzförderung in einer kombinierten Längsschnitt-/ Interventionsstudie an mehr als 500 Grundschulkindern evaluiert. Neben kurz- und mittelfristigen Erfolgen im Hinblick auf Intergruppen-Einstellungen (Vorurteile, Toleranz) zeigten sich sechs Jahre nach der Teilnahme im Vergleich zur Kontrollgruppe positivere politische Einstellungen sowie eine reduzierte Affinität zu extremistischen Einstellungen. Das Bleib-Menschlich-Programm wurde im Rahmen eines quasi-experimentellen Designs mit drei Messzeitpunkten (Prä- und Post-Test, 1-Jahres-Follow-Up) ebenfalls an mehr als 500 Jugendlichen evaluiert. Hierbei zeigten sich im Vorher-Nachher-Vergleich positive Präventionseffekte für Jugendliche in Bezug auf Einstellungen zu Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechten, die Affinität zu extremistischen Inhalten oder psychologische Variablen wie Dissozialität und Selbstwert. Beide Studienergebnisse verweisen auf die Potential einer frühen und psychologischen Prävention von Radikalisierungstendenzen junger Menschen. |
11:15 - 12:45 | Wahrnehmung & Bias Ort: Kleiner Saal Chair der Sitzung: Susanne Schmittat |
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Forschungsreferat
Stichworte: Fehlergewichtung, Antworttendenzen, Gerechtigkeit, Framing, Expertise Fehlergewichtung im Recht: Der Einfluss von Framing und Expertise auf das Gerechtigkeitsempfinden von juristischen Laien und Expert:innen LMU München, Deutschland Im deutschen Rechtssystem wiegen falsche Verurteilungen schwerer als falsche Freisprüche. Diese Fehlergewichtung wird zum Beispiel im Mehrfachverfolgungsverbot abgebildet, das Angeklagte nach einem Freispruch auch bei neuen Beweisen vor einer Wiederaufnahme des Strafverfahrens schützt. Öffentliche Vorstellungen von Gerechtigkeit werden zugleich maßgeblich durch mediale Darstellungen rechtlicher Sachverhalte geprägt. Bislang ist jedoch unklar, wie einseitiges Framing der beschriebenen Fehlergewichtung das Gerechtigkeitsempfinden von Laien sowie juristisch geschulten Personen beeinflusst. In zwei Onlinestudien (N = 420 juristische Laien, N = 400 juristische Expert:innen) untersuchten wir, wie sich die Darstellung des Mehrfachverfolgungsverbots auf dessen wahrgenommene Gerechtigkeit auswirkt. Dabei wurde das Verbot der Wiederaufnahme unter der Annahme tatsächlicher Unschuld oder Schuld einer freigesprochenen, jedoch aufgrund neuer Beweise wiederum verdächtigten Person dargestellt. Für die Laienstichprobe beinhalteten wir zusätzlich eine Kontrollgruppe mit neutraler Perspektive, das heißt, ohne Information über die tatsächliche Schuld einer freigesprochenen Person. Wir nahmen an, dass die Unschuld-Perspektive mit höherem Gerechtigkeitsempfinden einhergeht als die Schuld-Perspektive und erwarteten, dass die Anfälligkeit für Framing-Effekte mit zunehmender juristischer Expertise abnimmt. Die Ergebnisse bestätigten einen signifikanten Framing-Effekt bei juristischen Laien (d = .44), welcher insbesondere durch negativere Bewertungen in der Schuld-Perspektive im Vergleich zur neutralen Kontrollgruppe (d = 0.25) hervorgerufen wurde. Der Framing-Effekt trat jedoch nicht bei Jura-Studierenden oder juristisch Berufstätigen auf. Dies deutet darauf hin, dass das Gerechtigkeitsempfinden rechtlicher Laien durch kontextuelle Darstellungen beeinflusst wird, während Expert:innen über alle Karrierephasen hinweg stabilere Voreinstellungen aufweisen. Unsere Befunde liefern Einblicke in die gesellschaftliche Bewertung rechtlicher Sachverhalte und heben insbesondere die Folgen einer einseitig negativen Kommunikation wichtiger Rechtsprinzipien hervor. Forschungsreferat
Stichworte: Sexueller Missbrauch, sexualisierte Gewalt, Gesetzesentwurf „Sexueller Missbrauch“ oder „sexualisierte Gewalt“? Sprachliche Einflüsse auf Wahrnehmung und Anzeigebereitschaft in der Allgemeinbevölkerung 1Medical School Berlin; 2Charité Hintergrund: Mit der Gesetzesreform zur Bekämpfung sexualisierter Gewalt gegen Kinder wurde im Jahr 2021 der Begriff „sexualisierte Gewalt“ eingeführt. Diese Begrifflichkeit ist sowohl in der Forschung als auch in Praxis umstritten. Aufgrund fehlender empirischer Studien ist unklar, inwiefern unterschiedliche Begriffe die Wahrnehmung und das Anzeigeverhalten in der Allgemeinbevölkerung beeinflussen. Ziel der Studie war es, Unterschiede in der Wahrnehmung und Anzeigebereitschaft in der Allgemeinbevölkerung in Bezug auf die Begriffe „sexueller Missbrauch“ und „sexualisierte Gewalt“ zu untersuchen. Methodik: In einer vignettenbasierten Online-Befragung wurden 502 Personen (18 bis 69 Jahre alt, 82% weiblich) befragt. Den Teilnehmenden wurden 16 Vignetten mit (sexuellen) Handlungen gegen Kinder unterschiedlichen Schweregrads vorgelegt. Für jede Vignette wurde erhoben, inwieweit die Handlungen als „sexueller Missbrauch“ (Bedingung 1) oder als „sexualisierte Gewalt“ (Bedingung 2) wahrgenommen werden und ob eine Anzeige in Erwägung gezogen würde. Die Auswertung erfolgte varianzanalytisch. Ergebnisse: Die Analyse ergab signifikante Unterschiede in der Wahrnehmung und Anzeigebereitschaft in Abhängigkeit vom verwendeten Begriff. Insbesondere bei mittlerem Schweregrad wurden Handlungen unter dem Begriff sexueller Missbrauch häufiger als sexuelle Gewalt wahrgenommen und als anzeigewürdig eingestuft. Weitere Effekte zeigten sich in Abhängigkeit von Täter*innenbekanntheit. Fazit: Die Ergebnisse legen nahe, dass die verwendeten Begriffe einen Einfluss auf Wahrnehmung und Anzeigebereitschaft haben. Mögliche Konsequenzen für kriminalpolitische Maßnahmen und zukünftige Forschung werden diskutiert. Forschungsreferat
Stichworte: credibility, video-mediated communication, fluency, witnesses, testimony Distorted Images, Distorted Trust? The Subtle Impact of Video Quality on Witness Evaluation Johannes Kepler Universtiät Linz, Österreich As video-mediated communication (VMC) becomes increasingly common in legal contexts, it is critical to understand whether technical glitches can bias judgments of witness credibility. This preregistered study tested whether Zoom malfunctions—such as frozen screens or audio-video asynchrony during witness interviews—affect how credible a witness is perceived. In a 3 (technical quality: no interruption, brief video freezes during critical content, or continuous audio-video asynchrony) × 2 (veracity: truth vs. lie) between-subjects design, 342 participants evaluated one of two witness statements. Participants rated the witness’s credibility, content quality, nonverbal and paralinguistic cues, perceived authenticity (e.g., whether the witness seemed to play a role). Participants also indicated their own fluency (ease of understanding), cognitive load, and emotional response (e.g., irritation, boredom), which served as mediators. Ambiguity intolerance was measured as an exploratory moderator (MSTAT–II). MANOVAS showed no direct effects of technical glitches, veracity, or their interaction on the main dependent variables. However, malfunctions reduced perceived fluency and increased irritation, while truthful witnesses were rated as more fluent. Two mediation analyses confirmed the hypotheses that fluency partially mediated the effects of both technical glitches and veracity on credibility. A moderated mediation showed that participants low in ambiguity intolerance were more sensitive to fluency disruptions, while those high in intolerance were less affected—possibly due to generalized mistrust or cognitive overload. These findings highlight how subtle video issues can impact justice and underscore the need for high-quality standards in virtual courtrooms. Forschungsreferat
Stichworte: strategic use of evidence, investigative interviewing, memory, ecological validity The impact of delay and intentionality of encoding on innocent mock suspects' forthcomingness 1Universität Luzern, Schweiz; 2Universität Bern, Schweiz The Strategic Use of Evidence (SUE) technique is an investigative interviewing strategy designed to amplify differences between suspects who truthfully or deceptively deny their crime involvement. Previous mock crime studies have shown that innocent suspects, compared to guilty ones, provide more forthcoming statements, i.e., volunteer more critical information and show greater consistency with available evidence, particularly when interviewed using the SUE technique. However, these findings are often based on memory-conducive experimental setups, including salient details and immediate questioning, which differ from real-world investigative contexts. Moreover, the instructions innocent suspects receive regarding the inconspicuous activity they are later questioned about frequently remain unspecified, although these may affect encoding intentionality. Notably, a study by Sukumar et al. (2018), in which innocent suspects were given a cover story and questioned after a delay, found greater statement-evidence inconsistencies than typically observed. The reason for this finding remains unclear. Consequently, the present study investigates how memory-related factors, often overlooked in SUE research, influence innocent suspects’ ability to be forthcoming. We test, in a 2x2 between-subjects design, how encoding intentionality (incidental vs. intentional) and time of questioning (immediate vs. 3-weeks delay) affect forthcomingness in a written interview. We expect forthcomingness to be especially low when encoding is incidental and questioning is delayed. We also examine whether the typically large differences in forthcomingness between innocent and guilty individuals persist under these more ecologically valid conditions, by including a guilty immediate and a guilty delay condition. Results and implications for the generalisability of SUE research will be discussed. Forschungsreferat
Stichworte: Schweigerecht, polizeiliche Vernehmung, Geständnis, Entscheidungsfindung bei Verdächtigen Wie freigesprochene Verdächtige entschieden: Schweigen, Leugnen oder Gestehen 1Department of Clinical Psychological Science, Maastricht University, Maastricht, The Netherlands; 2Department of Criminal Law and Criminology, Maastricht University, Maastricht, The Netherlands Die Forschung zur Vernehmungsstrategie von Verdächtigen konzentriert sich überwiegend darauf, warum sie gestehen. So werden Geständnisse oft durch die wahrgenommene Beweisstärke, das Bedürfnis nach Gewissensentlastung, polizeilichen Druck oder die Hoffnung auf Strafmilderung beeinflusst. Hingegen gibt es nur wenige Studien zu den Motiven für Leugnen oder Schweigen. Leugnen basiert demnach auf tatsächlicher Unschuld, einer schwachen Beweislage und der Hoffnung auf Strafvermeidung. Schweigen hingegen basiert häufig auf anwaltlichem Rat, strategischen Überlegungen zur Beweislage oder dem Schutz vor einer potenziellen Fehlinterpretation der eigenen Aussagen. Bisherige Untersuchungen konzentriert sich fast ausschließlich auf verurteilte Straftäter. In der aktuellen Studie befragten wir daher beschuldigte, jedoch freigesprochene Verdächtige, um zu untersuchen, inwiefern sich die Gründe für das Leugnen, Gestehen oder Schweigen zwischen Verurteilten und freigesprochenen Verdächtigen unterscheiden. Mithilfe eines anonymen Online-Fragebogens erfassten wir die Erfahrungen von freigesprochenen Verdächtigen in den Niederlanden und in Belgien mit polizeilichen Vernehmungen sowie deren Beweggründe im Laufe einer Vernehmung zu gestehen, zu leugnen oder zu schweigen. Zudem gaben die Teilnehmenden an, ob sie sich selbst als schuldig oder unschuldig betrachteten. Die Ergebnisse der Studie werden im Kontext der früheren Untersuchungen mit verurteilten Straftätern diskutiert und liefern neue Erkenntnisse über die Entscheidungsfindung von freigesprochenen Verdächtigen. |
12:45 - 14:15 | Mittagspause Die Verpflegung während der Mittagspause erfolgt individuell. Für Ihr leibliches Wohl stehen Ihnen in unmittelbarer Umgebung des Veranstaltungsortes diverse Restaurants und Cafés zur Verfügung. |
14:15 - 15:45 | Aussagepsychologie I Ort: Großer Saal Chair der Sitzung: Jonas Schemmel |
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Forschungsreferat
Stichworte: Suggestion, Psychotherapie, Falsche Erinnerung, Erinnerungsveränderung Veränderungen kontinuierlicher Trauma-Erinnerungen durch traumafokussierte Psychotherapie – Eine Umfrage unter unter Psychotherapeut:innen in Deutschland 1FernUniversität Hagen, Deutschland; 2Psychologische Hochschule Berlin In der Debatte über suggestive Einflüsse in der Psychotherapie ist eine zentrale Frage, ob sich traumatische Erinnerungen, die zu Beginn der Therapie bestehen, durch traumafokussierte Interventionen verändern. Während dieses Phänomen aktuell vor allem mithilfe experimenteller Laborparadigmen untersucht wird, stellt die vorliegende Präsentation Ergebnisse einer Umfrage unter N = 242 Psychotherapeut:innen in Deutschland mit Erfahrung in der Traumatherapie vor. Insgesamt berichteten 83,2 % der Befragten, mindestens einmal Veränderungen von Trauma-Erinnerungen nach traumafokussierten Interventionen beobachtet zu haben, wobei etwa 60 % angaben, solche Veränderungen nur manchmal oder noch seltener festgestellt zu haben. Am häufigsten betrafen die Veränderungen traumatische Ereignisse wie sexuellen Missbrauch in der Kindheit, emotionale Misshandlung und Vernachlässigung. Am häufigsten bezogen sich die beobachteten Erinnerungveränderungen auf die retrospektive Bewertung des Ereignisses (82 %), die emotionalen Reaktionen zum Zeitpunkt des Ereignisses (66 %) und die Art und Weise, wie die Patient:innen das Ereignis beschrieben (59 %). Zudem berichteten 52 % der Teilnehmenden von Veränderungen peripherer Details sowie kleineren Anpassungen zentraler Details. Allerdings gaben nur 16 % an, deutliche Veränderungen zentraler Details beobachtet zu haben. Diese Ergebnisse werden im Zusammenhang mit den Überzeugungen der Teilnehmenden hinsichtlich Trauma und Gedächtnis diskutiert und in die breitere Debatte über das Potenzial der Psychotherapie zur Verfälschung von Trauma-Erinnerungen eingeordnet. Forschungsreferat
Stichworte: Glaubhaftigkeitsbegutachtung, alternatives Hypothesentesten, kognitive Verzerrungen, Debiasing, Expertenbefragung Das Testen alternativer Hypothesen in der Praxis der Glaubhaftigkeitsbegutachtung – Eine Expertenbefragung 1Psychologische Hochschule Berlin, Deutschland; 2Freie Universität Berlin, Deutschland Mit der Entscheidung des Bundesgerichtshofs (BGH) im Jahr 1999 wurden Mindeststandards für Glaubhaftigkeitsgutachten formuliert, die unter anderem die Generierung und Prüfung alternativer Hypothesen vorsehen. Während methodische Empfehlungen hierzu existieren, bleibt unklar, wie und mit welchen Herausforderungen Sachverständige diese Vorgabe in der Praxis umsetzen. Diese Studie untersucht die praktische Anwendung des alternativen Hypothesentestens mittels Experteninterviews mit zehn zertifizierten Fachpsycholog:innen für Rechtspsychologie (BDP/DGPs). Sachverständige wurden über das Rechtspsychologenregister des Berufsverbands Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP) identifiziert und zufällig ausgewählt. Die Interviews wurden telefonisch oder online durchgeführt, transkribiert und mittels einer qualitativen Inhaltsanalyse nach Kuckartz ausgewertet. Durchschnittlich verfügten die Befragten über 16 Jahre Berufserfahrung und hatten jeweils etwa 160 Glaubhaftigkeitsgutachten verfasst. Die Ergebnisse zeigen, dass das alternative Hypothesentesten von den Sachverständigen als unterstützende und alternativlose Begutachtungsmethode betrachtet wird. Als Herausforderung wurde jedoch die Kommunikation der Methodik gegenüber anderen Verfahrensbeteiligten und Betroffenen gesehen. Methodisch schwierige Fallkonstellationen betreffen insbesondere Aussagen zu wenig komplexen Kerngeschehen. Die Problematiken von kognitive Verzerrungen sind den Sachverständigen bewusst, als schwierig wurden unter anderem einschlägige Vorstrafen der Beschuldigten oder das Auftreten von Sympathien bzw. Antipathien benannt. In solchen Fällen werden häufig zusätzliche Debiasing-Strategien angewandt. Bezüglich möglicher Verbesserungsansätze herrscht Uneinigkeit: Während einige Sachverständige detailliertere Leitlinien befürworten, wird gleichzeitig befürchtet, dass zu starre Vorgaben den individuellen Einzelfällen nicht gerecht werden. Zudem bestehen divergierende Einschätzungen darüber, ob die Methodik für alle Verfahrensbeteiligten ausreichend nachvollziehbar ist. Die Ergebnisse liefern wertvolle Einblicke in die praktische Umsetzung der Mindeststandards des BGH, identifizieren Herausforderungen in der aussagepsychologischen Begutachtung und zeigen mögliche Ansatzpunkte für die Optimierung der Methodik auf. Forschungsreferat
Stichworte: Suggestion, Aussagepsychologie, Sexueller Missbrauch von Kindern Differenzielle Suggestivität? Vorhersage von suggestivem Frageverhalten durch „Kognitionen & Emotionen im Umgang mit Sexuellem Kindesmissbrauch“ (CECSA) in drei Untersuchungsparadigmen 1Macromedia Hochschule für angewandte Wissenschaften Berlin; 2Europa Universität Flensburg; 3Fachhochschule für Verwaltung und Dienstleistung, Fachbereich Polizei, Altenholz; 4Psychologische Hochschule Berlin In Befragungen von Kindern zu Verdachtsfällen von sexuellem Missbrauch können Voreingenommenheit (Bias) und Suggestion seitens der Befragenden zu falschen Angaben und Erinnerungsverzerrungen auf Seiten der Kinder führen. Obwohl Befragungen individuell unterschiedlich gestaltet werden, sind differenzielle Komponenten von Voreingenommenheit und Suggestivität kaum untersucht. Der Fragebogen zu „Kognitionen und Emotionen im Umgang mit sexuellem Kindesmissbrauch“ (Cognitions and Emotions about Child Sexual Abuse [CECSA; Gewehr et al., 2025]) bildet auf drei Skalen (Unreflektierte Gewissheit, Emotionale Reaktivität, Misstrauen in das Justizsystem) individuelle Unterschiede ab, die Voreingenommenheit in Richtung der Missbrauchshypothese vorhersagen können. Die drei hier vorgestellten Vignettenstudien untersuchen Zusammenhänge zwischen den CECSA Skalen und einem suggestivem Befragungsstil: Insgesamt 674 Studierende verschiedener Disziplinen (Humanwissenschaften, Lehramt, Polizeistudium) wurden gebeten, für fiktive Gespräche mit Kindern zum Abklären von Missbrauchsverdachtsfällen Fragen auszuwählen (Studie 1), schriftlich zu formulieren (Studie 2) oder in Interaktion mit virtuellen Kindern verbal zu formulieren (Studie 3). Die Fragen variierten (Studie 1) oder wurden hinsichtlich ihrer Suggestivität codiert (Studien 2 und 3). Über die drei Studien und eine meta-analytische Integration hinweg zeigten sich robuste Vorhersagen von Suggestivität durch die Skalen „Unreflektierte Gewissheit“ und „Emotionale Reaktivität“, nicht jedoch durch die Skala „Misstrauen in das Justizsystem“. Die Skalen können diagnostisch, etwa zur Auswahl geeigneter Befragungspersonen, oder zur Evaluation und Individualisierung von Befragungstrainings eingesetzt werden. Forschungsreferat
Stichworte: Aussagepsychologie, Glaubhaftigkeitsgutachten, Kritik, Gutachtenanalyse Benachteiligt die aussagepsychologische Begutachtung vulnerable Zeug*innen? 1Psychologische Hochschule Berlin, Deutschland; 2FernUniversität in Hagen, Deutschland Aussagepsychologische Gutachten zur Frage der Glaubhaftigkeit von Zeugenaussage werden in Deutschland insbesondere in Aussage-gegen-Aussage-Konstellationen herangezogen. Der Bundesgerichtshof erklärte 1999 ein hypothesengeleitetes Vorgehen zum methodischen Standard aussagepsychologischer Gutachten (BGH St 45, 164). An der Methodik der aussagepsychologischen Begutachtung wird jedoch auch Kritik geäußert. Im Fokus dieser Kritik steht eine behauptete systematische Benachteiligung bestimmter vulnerabler Gruppen, deren Aussagen zu häufig nicht als glaubhaft eingestuft würden. Das betreffe insbesondere traumatisierte Zeug*innen, aber auch jüngere Kinder, Menschen mit intellektuellen Einschränkungen oder schwer psychisch beeinträchtige Menschen. Bisher mangelte es dieser Diskussion jedoch an einer empirischen Grundlage. Wir präsentieren Ergebnisse einer Analyse von 521 zwischen 1988 und 2015 am Institut für Forensische Psychiatrie der Charité Berlin erstellten aussagepsychologischen Gutachten. Konkret wird untersucht, inwiefern das Gutachtenergebnis als Funktion der vulnerablen Gruppen variiert, wobei mögliche besondere Fallkonstellationen berücksichtigt werden. Die Ergebnisse werden kritisch dahingehend eingeordnet, ob sie für oder gegen eine Benachteiligung sprechen, welche Ursachen mögliche Ergebnisunterschiede zwischen den Gruppen haben könnten und ob sich Konsequenzen für die aussagepsychologische Begutachtung ergeben. Forschungsreferat
Stichworte: Traumatherapie, Aussagepsychologie, traumatherapeutisches Dilemma, wiederentdeckte Erinnerungen Psychotherapie im Kontext von Strafverfahren: Klinisch-psychologische Perspektiven auf das traumatherapeutische Dilemma LMU München, Deutschland Viele Menschen erleben im Laufe ihres Lebens potenziell traumatisierende Ereignisse wie Gewalt- oder Sexualstraftaten, die bei einem Teil der Betroffenen zu Traumafolgestörungen wie einer akuten Belastungsreaktion oder einer Posttraumatischen Belastungsstörung führen können. Es besteht breiter wissenschaftlicher Konsens darüber, dass eine frühzeitige psychotherapeutische Behandlung unter Anwendung evidenzbasierter traumafokussierter Methoden essenziell ist, um einer Chronifizierung der Symptomatik entgegenzuwirken. In der Praxis wird mutmaßlichen Opfern jedoch immer wieder von einer traumafokussierten Therapie vor oder während eines laufenden Strafverfahrens abgeraten. Dies basiert auf der Annahme, dass es im Rahmen psychotherapeutischer Interventionen zu suggestiven Prozessen kommen könnte, was in der Folge die Glaubhaftigkeit von Zeugenaussagen beeinträchtigen könnte. Diese Problematik führt zum sogenannten „traumatherapeutischen Dilemma“, bei dem Betroffene zwischen notwendiger therapeutischer Hilfe und der Wahrung der Aussageglaubhaftigkeit wählen müssen. In dem vorliegenden Forschungsreferat wird eine experimentelle Studienreihe vorgestellt, die untersucht, ob und inwiefern sich traumafokussierte Interventionsmethoden auf die Qualität und Konsistenz der Erinnerung an ein belastendes Ereignis auswirken. Ergänzend werden empirische Daten zu wiederentdeckten Erinnerungen im Rahmen psychotherapeutischer Prozesse präsentiert. Die Ergebnisse ermöglichen eine differenzierte Bewertung der Risiken und Chancen frühzeitiger Psychotherapie im juristischen Kontext. |
14:15 - 15:45 | Lockerungen im Straf- und Maßregelvollzug: Prognosepraxis und Evaluation Ort: Max-Planck Saal |
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Symposium
Stichworte: Vollzugslockerungen, Maßregelvollzug, Prognose, Evaluation Beiträge des Symposiums Methodische Herausforderungen bei der Evaluation von Vollzugslockerungen Die Lockerung des Vollzugs bietet eine Vielzahl an potenziellen Nutzen: Lockerungen können durch Maßnahmen induzierte Fortschritte verstetigen, können Teil der Motivationsarbeit im Vollzug sein oder der Erprobung von Verhaltensweisen außerhalb des Vollzugs dienen. Die Evaluation von Lockerungen und somit die Frage, welche Veränderungen sich durch die Lockerungsgewährung konkret ergeben und welche Rolle Vollzugslockerungen als Maßnahme bei Erreichung des Vollzugsziels spielen, steht jedoch vor einigen methodischen und praktischen Herausforderungen. Diese umfassen potenzielle Selektionsprozesse bei der Gewährung, die Vielfältigkeit der Ausgestaltung und die Bestimmung von Erfolgsmaßen. Der Vortrag greift einige der Herausforderungen der Evaluation von Lockerungen heraus und diskutiert diese im Spannungsfeld aus praktischer Umsetzbarkeit und methodischen Herausforderungen. Es werden dabei verschiedene Fragestellungen berührt: Wie werden Lockerungen ausgestaltet? Welche Veränderungen werden durch die Lockerungsgewährung erwartet? Welche Veränderungen stellen sich aus Sicht der Gefangenen und aus der Sicht des Vollzuges ein? Und: Wie gelingt eine effiziente und gleichzeitig ausreichende Datenerhebung? Ausgehend von diesen Fragen werden im Rahmen des Vortrags mögliche Lösungen und die Anlage eines geplanten Erhebungsinstruments dargestellt. Die Wirkung vollzugsöffnender Maßnahmen auf die Rückfälligkeit unter strikter Kontrolle von Selektionseffekten Vollzugsöffnende Maßnahmen gelten als zentrale Instrumente der Resozialisierung. Ihr konkreter Einfluss auf die Legalbewährung ist jedoch insbesondere im Kontext des deutschen Strafvollzugs bislang nicht abschließend geklärt. Während internationale Studien auf rückfallmindernde Effekte hinweisen, zeigen deutsche Untersuchungen bislang uneinheitliche Befunde und leiden häufig unter methodischen Schwächen. Vor allem die unzureichende Kontrolle selektiver Zuweisungsprozesse in Lockerungsmaßnahmen stellt dabei ein zentrales Problem dar. Die vorliegende Studie untersuchte daher den Einfluss des offenen Vollzugs sowie unbegleiteter Vollzugslockerungen im geschlossenen Vollzug auf die Rückfallwahrscheinlichkeit. Auf Basis einer Stichprobe von N = 907 haftentlassenen Personen wurden mithilfe von Conditional Inference Forests und statistischem Balancing potenzielle Störfaktoren kontrolliert, um belastbare Schätzungen der Effekte auf allgemeine Rückfälligkeit sowie neue Haftstrafen zu ermöglichen. Die Ergebnisse zeigen, dass der offene Vollzug im Vergleich zum geschlossenen Vollzug die Rückfallwahrscheinlichkeit signifikant reduziert. Für unbegleitete Lockerungen fällt der Effekt weniger eindeutig aus; es finden sich jedoch Hinweise auf eine rückfallmindernde Wirkung bei Personen, die typischerweise für diese Maßnahme infrage kommen. Die Befunde sprechen dafür, vollzugsöffnende Maßnahmen verstärkt als wirksame Elemente der Resozialisierung zu nutzen. Weitere Implikationen und Ansätze für zukünftige Forschung werden in dem Vortrag diskutiert. LIVELT – Ein neues Instrument zur Vorhersage von Lockerungsmissbräuchen im Maßregelvollzug Mit der Liste zur Vorhersage von Entweichungs- und Lockerungsmissbrauchstendenzen (LIVELT) liegt ein Prognoseinstrument vor, dessen Fokus im Gegensatz zu etablierten kriminalprognostischen Verfahren nicht auf Rückfällen, sondern dezidiert auf Lockerungsmissbräuchen und Entweichungen im Kontext des Maßregelvollzugs liegt. Das Instrument umfasst 35 Items aus den fünf inhaltlichen Bereichen Anamnestische Faktoren, Klinische Faktoren, Behandlungsverlauf, Stationsalltag und Stationsklima. In einer ersten Studie zur tatsächlichen Vorhersage von Lockerungsmissbräuchen konnten die Daten von N = 131 Patient:innen aus dem Maßregelvollzug aus den Jahren 2014 bis 2018 berücksichtigt werden. Die Ergebnisse wurden differenziert für Patient:innen, die aufgrund einer psychiatrischen Erkrankung (§ 63 StGB) bzw. aufgrund einer Substanzabhängigkeit (§ 64 StGB) untergebracht wurden, betrachtet. Zusätzlich wurde auch zwischen verschiedenen Lockerungsstufen differenziert, die innerhalb der betrachteten Einrichtung definiert sind. ROC-Analysen zeigten eine gute prädiktive Validität für die Gruppe der § 63-Unterbringungen bei niedrigeren Lockerungsstufen, wohingegen keine signifikante Vorhersage in der Gruppe der nach § 64 StGB Untergebrachten gefunden werden konnte. Insgesamt liegt geteilte Evidenz für die prognostische Validität der LIVELT in ihrer aktuellen Version vor und es ergeben sich konkrete Ansatzpunkte für die Weiterentwicklung und Verbesserung des Instruments. Die LIVELT im Vergleich mit anderen Prognoseinstrumenten Für die Lockerungsprognose kommen in der Regel kriminalprognostische Verfahren zum Einsatz, welche zum Zweck der Rückfallprognose entwickelt wurden. Demgemäß verglichen wir die LIVELT (Liste zur Vorhersage von Entweichungs- und Lockerungsmissbrauchstendenzen) mit der Prognoseleistung der 3. Version der Offender Group Reconviction Scale (OGRS-3), der revidierten Version des Violence Risk Appraisal Guide (VRAG-R) und des Screening Instrument for the Prediction of Violent Recidivism (SVG-5). Wir testeten die konvergente Validität der LIVELT und die prädiktive Validität der genannten Prognoseinstrumente hinsichtlich des Kriteriums des Lockerungsmissbrauchs an einer Stichprobe von N = 131 Patient:innen einer forensischen Klinik. Die LIVELT wies keine signifikanten Zusammenhänge mit den anderen Prognoseinstrumenten auf. ROC-Analysen zeigten, dass die OGRS-3 und der VRAG-R Lockerungsmissbräuche vorhersagten, jedoch lediglich bei Patient:innen, die aufgrund von Suchterkrankungen in der Klinik untergebracht waren (§64 StGB). Die LIVELT erwies sich hingegen nur für Patient:innen mit psychischer Erkrankung (§63 StGB) prädiktiv valide. Darüber hinaus ergaben sich ähnlich zum Befund zur LIVELT bei allen Instrumenten Hinweise auf eine unterschiedliche Vorhersagegüte je nach Lockerungsstufe. Die gefundenen Unterschiede werden vor dem Hintergrund möglicher Implikationen für die Praxis diskutiert. |
14:15 - 15:45 | Zwischen Fiktion und Realität: Verschiedene Perspektiven auf fiktionale Darstellungen sexuellen Kindesmissbrauchs Ort: Kleiner Saal |
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Symposium
Stichworte: Kindesmissbrauchsabbildungen, textbasierte Darstellungen, Darknet Beiträge des Symposiums Zwischen Fantasie und Risiko: Forschungslücke textbasierte Darstellungen sexuellen Kindesmissbrauchs Textbasierte Darstellungen sexuellen Missbrauchs an Minderjährigen (CSEAM) sind bislang ein wenig erforschtes und international oftmals rechtlich uneinheitlich geregeltes Phänomen. Dieser Vortrag gibt einen systematischen Überblick über die bisherige – stark begrenzte – Literatur zu diesem Thema. Dabei werden verschiedene Begrifflichkeiten, juristische Definitionsansätze sowie zentrale Herausforderungen dargestellt. Zudem werden auf Grundlage der bisherigen empirischen Befunde mögliche psychologische Risiken und Schutzfaktoren diskutiert, etwa in Bezug auf kognitive Verzerrungen, die Rolle von Fantasie und die potenzielle Normalisierung problematischer Narrative, aber auch die Verwendung von textbasiertem CSEAM als mögliche Ersatzhandlung. Ziel ist es, eine differenzierte Grundlage für die weitere Forschung und rechtliche Auseinandersetzung mit textbasiertem CSEAM zu schaffen. Fiktionale vs. reale Darstellungen sexuellen Kindesmissbrauchs: Risikoprofile von Darknet-Nutzern im Vergleich Mit den Fortschritten der künstlichen Intelligenz ist fiktionales Material über sexuellen Kindesmissbrauch (CSEAM) immer leichter zugänglich geworden und hat neue Bedenken hinsichtlich möglicher Auswirkungen aufgeworfen. Es wird angenommen, dass Personen, die ausschließlich fiktionales CSEAM ansehen, ein geringeres Risiko haben, sexuelle Kontaktstraftaten zu begehen und ein weniger bedenkliches Gesamtrisikoprofil aufweisen als Personen, die reales CSEAM ansehen. In dieser Umfrage unter 2.837 männlichen Darknet-Nutzern berichteten 37 % ausschließlich Konsum von fiktionalem CSAM, 59 % berichteten Konsum von sowohl fiktionalem als auch realem CSEAM und 0,4 % berichteten ausschließlich Konsum von realem CSAM. Die Studie exploriert, inwieweit sich Personen, die ausschließlich fiktionales CSAM konsumieren, von Personen unterscheiden, die auch reales CSAM konsumieren – hinsichtlich ihrer selbstberichteten Neigung zu Sexualstraftaten und früherer Sexualstraftaten. Wir vergleichen die Gruppen auch im Hinblick auf risikorelevante Merkmale wie antisoziales Verhalten, Hypersexualität und sexuelles Interesse an Kindern. Die Ergebnisse sollen die Strafverfolgungsbehörden bei der Risiko-Priorisierung unterstützen und einen Beitrag zur laufenden Diskussion darüber leisten, ob fiktionales CSEAM in Präventions- und Interventionsstrategien unterschiedlich berücksichtigt werden sollte. Inhaltsbeschreibung textbasierter Darstellungen sexuellen Kindesmissbrauchs – ein erster qualitativer Ansatz Wovon erzählen Geschichten, die sexuellen Kindesmissbrauch explizit und detailliert beschreiben? Während die Debatte sich, sofern überhaupt vorhanden, oft auf die Wirkung solcher Texte konzentriert, ist über deren Inhalte selbst kaum etwas bekannt. Dabei weisen erste Befunde darauf hin, dass in textbasiertem CSEAM im Durchschnitt extremere Inhalte dargestellt werden als in visuellem CSEAM (z. B. Beschreibungen jüngerer Kinder oder penetrativer sexueller Handlungen). Zur Untersuchung dieses Themenfeldes wurde ein Kodiermanual zur Beschreibung textbasierten CSEAMs entwickelt und auf alle Erzählungen angewandt, die auf einem großen Darknet-Forum gefunden wurden. Die Studie soll einen Einblick in dieses Kodiermanual geben, die Inhalte der kodierten Erzählungen beschreiben und erste Ansätze zur inhaltlichen Gruppierung und Überarbeitung der kodierten Faktoren präsentieren. Abschließend werden die Ergebnisse im Hinblick darauf beleuchtet und diskutiert, ob der Konsum von textbasiertem CSEAM einen Risiko- oder Schutzfaktor darstellen kann. Textbasierte Darstellungen sexuellen Kindesmissbrauchs: Welche Arten gibt es und wie werden sie aufgenommen? In einschlägigen Darknet-Foren kursieren fiktionale Erzählungen, die explizit sexuelle Gewalt an Kindern beschreiben. Wir präsentieren eine Pilotstudie für einen Mixed-Methods-Ansatz, in dem Geschichten aus einem Darknet-Forum für den Austausch von CSEAM einer Topic Analyse unterzogen werden. Dabei werden die Stories durch ein modernes Embedding-Modell quantifiziert und durch eine Clusteranalyse inhaltlichen Gruppen zugeordnet, die semantisch und syntaktisch charakterisiert werden. Somit stellen wir dem vorangegangenen qualitativen Ansatz eine quantitative Methode entgegen. Diese Texte existieren jedoch nicht für sich allein: Sie sind eingebettet in soziale Kontexte, in denen Nutzer:innen nicht nur konsumieren, sondern kommentieren, bewerten und miteinander interagieren. Diese Kommentare durch andere werden einer qualitativen Analyse unterzogen und die dadurch herausgearbeiteten Inhalte mit den Topics in Verbindung gesetzt. Somit können sie als erster Indikator für die Rezeption von textbasiertem CSEAM durch Nutzer:innen einschlägiger Foren im Darknet dienen. |
15:45 - 16:15 | Kaffeepause Ort: Foyer |
16:15 - 17:15 | Adapting Evidence-Based Investigative Interviewing to New and Emerging Contexts Julia Korkman Ort: Großer Saal |
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Keynote
Investigative interviewing is a critical component of effective and ethical criminal investigations, particularly in sensitive cases such as child sexual abuse and human trafficking. Evidence-based practices, including those outlined in the Méndez Principles and the European Association of Psychology and Law (EAPL) White Paper on child abuse investigations, provide structured, non-coercive frameworks for eliciting accurate and reliable information. These approaches emphasize rapport-building, open-ended questioning, and the avoidance of suggestibility or leading techniques. Recent developments in investigative contexts—specifically the rise in online-facilitated abuse and transnational trafficking—have introduced additional complexities, including the increased presence of interpreters and culturally diverse victims and witnesses. These factors can significantly impact the effectiveness of interviews, particularly when interviewers are untrained in managing linguistic and cultural variables. This talk reviews current evidence-based practices in investigative interviewing and discusses recent adaptations made to address challenges posed by digital abuse and cross-border investigations. It further examines the role of interpreters, the implications of cultural competence in interviews, and the risks associated with miscommunication and misinterpretation. Drawing from emerging research and practice guidelines, practical considerations for interview planning and implementation in these complex cases will be discussed. The aim is to contribute to ongoing discussions about improving the quality and fairness of interviews while ensuring that victims’ rights and the integrity of the investigative process are upheld. Implications for training, policy, and interdisciplinary collaboration are also discussed. |
17:30 | Geführte Stadttour/Tour "Gedenkstätte Weiße Rose" |
19:00 | JuMi-Stammtisch |
Datum: Dienstag, 09.09.2025 | |
8:45 - 9:30 | Justice Gap? Zur Fallselektion im Sexualstrafverfahren und zum Umgang mit strukturellem Nicht-Wissen Ralph Kölbel Ort: Großer Saal |
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Keynote
Im Strafverfahren kommt es auf jeder Entscheidungsstufe – bei der Ermittlung von Verdächtigen, über die Anklageerhebung bis hin zur Verurteilung – zu einer immer stärkeren Konzentration auf immer weniger Fälle. Das „System“ filtert zahlreiche Konstellationen aus, indem dort die Aufklärung oder die Anklage oder die Verurteilung unterbleibt. In Sexualstrafsachen ist dieser „Strafverfolgungstrichter“ jedoch in einem ungewöhnlich starken Maße verengt. Die Wahrscheinlichkeit, mit der es – gemessen an der Anzahl der tatverdächtigen Personen – zu einem Schuldspruch kommt, ist hier viel kleiner als in den meisten anderen Deliktsbereichen. Diese „attrition rate“ wurde in internationalen sowie international vergleichenden Untersuchungen immer wieder belegt – und natürlich auch zum Anlass für die Frage nach ihren Gründen genommen. Der Beitrag diskutiert die wichtigsten dazu formulierten Thesen und befragt sie anhand des für Deutschland verfügbaren Materials auf ihre Stimmigkeit hin. Im Ergebnis zeigt sich die Notwendigkeit einer wissenschaftlichen Selbstvergewisserung darüber, wie man gerade bei gesellschaftspolitisch „heiklen“ Materien mit einem begrenzten Erkenntnisstand umgehen soll. |
9:30 - 10:15 | Zur Zukunft der entwicklungsorientierten Kriminalitätsprävention Andreas Beelmann Ort: Großer Saal |
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Positionsreferat
Stichworte: Prävention, Entwicklung, Kriminalität Die entwicklungsorientierte Kriminalitätsprävention kann mittlerweile auf eine etwa 40-jährige Geschichte zurückblicken. Ziel war und ist es, mithilfe von empirischen Erkenntnissen zur positiven, normalen und abweichenden Sozialentwicklung altersangemessene Maßnahmen abzuleiten, um damit deviante und kriminelle Entwicklungsverläufe gänzlich zu vermeiden oder abzupuffern. Der große anfängliche Optimismus, mit diesem Ansatz zu einer erheblichen Reduktion von Prävalenzzahlen beizutragen, ist mittlerweile einer realistischen und zum Teil ernüchternden Ergebnisbilanz gewichen. Im Beitrag soll zunächst ein Überblick zum Stand der entwicklungsorientierten Kriminalitätsprävention im Hinblick auf theoretische, konzeptionelle und empirischen Erkenntnisse gezogen werden. Ausgehend von aktuellen Ergebnisbilanzen und Forschungsbefunden, die kritische Aspekte der Wirkung wie etwa den fehlenden Nachweis von Langzeitwirkungen auf Kriminalitätsparameter thematisieren, werden Weiterentwicklungen dieses Ansatzes vorgeschlagen, die sich insbesondere auf die Konstruktion neuer Maßnahmen und Anwendungsmodalitäten sowie den Grundbedingungen für eine erfolgreiche Implementation beziehen. Die geschieht vor dem Hintergrund eines Rahmenmodells psychologischer Interventionen mit dem Anspruch, damit zu deutlich verbesserten Präventionsmodellen und –anwendungen beitragen können. Die entwicklungsorientierte Kriminalitätsprävention wird im Kern als ein wichtiges Element der Kriminalpolitik angesehen, die jedoch notwendige Schritte der Weiterentwicklung gehen muss, um ihr vollen Potential auszuschöpfen. |
9:30 - 10:15 | Why I Believe That We Need to Rethink CBCA Research Aileen Oeberst Ort: Max-Planck Saal |
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Positionsreferat
Stichworte: CBCA, credibility assessment, SVA, lie detection, ecological validity The validity of Criteria Based Content Analysis (CBCA) as a tool for differentiating between fabricated and experience-based statements has proven robust in several meta-analyses. However, while field studies lack ground truth, lab studies regularly fail to consider relevant forensic aspects, such as the voluntary nature of lying. Previous lab studies neglected this notion of self-selection and requested fabricated statements from all participants instead. Motivational research, however, would suggest that voluntary liars are more motivated and put more effort into their fabricated statements. Involuntary liars, in contrast, might even show reactance. Consequently, voluntary lies would be expected to be of a higher quality than involuntary lies. This, however, could threaten the validity of content-related lie detection methods such as CBCA. In its worst case, CBCA (and similar methods such as RM and SCAN) might not distinguish between experience-based statements and voluntary lies – those lies that matter most in the real world. I will present two studies addressing this issue. In Study 1, I provided participants (n = 462) with a scenario that was previously used in lie detection research and openly asked them how they would react in this situation. Only about 20-30% of all participants indicated that they would have fabricated a statement. In the preregistered Study 2 (n = 445), I analyzed the quality of voluntary and involuntary lies and compared them to the quality of experience-based statements. Several implications for lie detection research seem to follow; practical implications will be discussed. |
9:30 - 10:15 | Die Relevanz von Evidenzbasierung in der Behandlung psychisch kranker Straftäter*innen - Vorstellung der Interessengruppe „Evidenzbasierte Psychotherapie im (teil)stationären Setting“ und ihrer Anknüpfungspunkte an die Rechtspsychologie Jan Querengässer Ort: Kleiner Saal |
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Positionsreferat
Stichworte: Forensische Psychotherapie, evidenzbasierte Medizin, Versorgungsforschung, Wirksamkeitsforschung Bei der Behandlung psychisch kranker Straftäter*innen in Institutionen wie Maßregelvollzugskliniken, sozialtherapeutischen und Haftanstalten bestehen große Lücken bezüglich Evidenzbasierung und Wirksamkeitsforschung. Dies ähnelt der überwiegend als mangelhaft zu bezeichnenden Evidenzlage für stationäre Psychotherapie im nicht-forensischen Kontext. Psychotherapieforschung wird überwiegend im ambulanten Setting betrieben. Im forensischen Bereich erschweren weitere Faktoren die Schaffung einer zufriedenstellenden Evidenzlage: ethische und formale Hürden in der Forschung mit untergebrachten Personen; das Spannungsfeld zwischen juristischen, politischen und Sicherheitsinteressen und dem Anspruch nach effektiven und innovativen Ansätzen; die Beschäftigung unterschiedlicher Disziplinen (forensische Psychiatrie, Kriminologie, Rechts- und klinische Psychologie) mit derselben Thematik unter Rückgriff auf unterschiedliche Herangehensweisen und Meta-Modelle. Internationale Forschungsergebnisse lassen sich wegen der unterschiedlichen Rechtssysteme selten direkt auf das deutsche System übertragen und Befunde aus nicht-forensischer Forschung geben keine Auskunft zur kriminalpräventiven Wirksamkeit. Zugleich fordert der Gesetzgeber wegen Eingriffsintensität und hoher Kosten forensischer Behandlungen sowie der Bedeutsamkeit gelingender Interventionen für die öffentliche Sicherheit zurecht Wirksamkeitsbelege. Innerhalb der DGPs-Fachgruppe klinische Psychologie gründete sich vor zwei Jahren die Interessengruppe „Evidenzbasierte Psychotherapie im (teil)stationären Setting“, die Lobbyarbeit für eine bessere Evidenzbasierung psychotherapeutischer Versorgung im institutionellen Setting betreibt. Ein Anliegen, dass aus den geschilderten Gründen auch im forensischen Kontext wichtig erscheint. Das Positionsreferat stellt die Interessengruppe und ihre Ziele vor, benennt Anknüpfungspunkte und Überschneidungsbereiche zur Rechtspsychologie und diskutiert, welchen Mehrwert rechtspsychologische Expertise in der Behandlungsforschung zu psychisch kranken Straftäter*innen darstellen kann. Als Position wird vertreten, dass Psycholog*innen auch und gerade im forensischen Bereich die Forderung nach Evidenzbasierung klar formulieren und methodische und konzeptionelle Lösungsansätze präsentieren sollten, um die erkannten Forschungslücken zu verringern. |
10:15 - 11:15 | Kaffeepause / Postersession Ort: Foyer Die Posterausstellung kann am 09.09. den ganzen Tag über im Foyer im 2. Stock besucht werden. Im Rahmen der Postersession (10:15-11:15 Uhr) stehen die Autoren und Autorinnen an ihren jeweiligen Postern für Fragen und Forschungsdiskussionen zur Verfügung. |
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Poster
Stichworte: child emotional maltreatment, child psychological abuse, risk factors, protective factors, meta-analysis (1) Risk and Protective Factors for Child Emotional Maltreatment: A Systematic Review and Meta-Analysis 1Psychologische Hochschule Berlin, Deutschland; 2Universität Basel, Schweiz Of all forms of child maltreatment, child emotional maltreatment (CEM) has the highest prevalence rate, causes equal or greater harm compared to other forms, and has the longest lasting effects (Brassard et al., 2020; Hart et al., 2017). Nevertheless, CEM has received less consideration in research and literature than child physical and sexual abuse. For effective assessment, intervention, and prevention understanding risk and protective factors related to CEM is crucial. The aim of this systematic review and meta-analysis is, to identify and synthesize existing research on the risk and protective factors associated with CEM perpetrated by parents/primary caregivers. A series of meta-analyses are conducted to determine the influence of the risk and protective factors for CEM we found in the literature. Data from 86 studies from 27 countries examining risk factors on child, caretaker, and community level were analyzed. Three of these studies also examined protective factors on child, and caretaker level. Findings suggest that various factors, such as family conflict, parental stress, and socioeconomic conditions, are linked to the risk of emotional maltreatment. Protective factors, including social support and personal coping strategies, were also identified, though they have been less frequently studied. Our findings contribute to the existing literature by quantitatively integrating findings on risk and protective factors for CEM. This can help improve prevention and intervention strategies, as well as improve the quality of risk assessments regarding CEM. Our findings highlight the necessity for future research to bridge gaps particularly in exploring protective factors. Poster
Stichworte: CU-Traits, Diagnostik, limitierte prosoziale Emotionalität (2) Callous Unemotional Traits bei Kindern und Jugendlichen Diagnostizieren: Zur Konstruktvalidität des Clinical Assessment of Prosocial Emotions (CAPE) Uniklinikum Erlangen, Kinder- und Jugendabteilung für Psychische Gesundheit, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, Deutschland Hintergrund: Die Bestimmung von Callous Unemotional Traits (CU-Traits; u. a. Mangel an Reue und Schuldbewusstsein) ist maßgeblich für die Voraussage von schwerem, persistierendem antisozialem Verhalten in der Adoleszenz sowie Kriminalität, Arbeitslosigkeit und Psychopathie im weiteren Entwicklungsverlauf (Frick et al., 2014; Squillaci & Benoit, 2021). Die Ausprägung von CU-Traits bei Kindern und Jugendlichen mit einer Störung des Sozialverhaltens findet sich im ICD-11 und DSM-5 als „limitierte prosoziale Emotionalität“ (LPE) wieder. Fragestellung: Bislang gibt es im deutschsprachigen Raum nur die Möglichkeit, CU-Traits über Fragebogenverfahren bei Eltern und Kind abzufragen. Ziel der Studie ist es, das im amerikanischen Sprachraum entwickelte halbstrukturierte, klinische Interview für LPE (Frick, 2013: Clinical Assessment of Prosocial Emotions, CAPE) im TRAPD-Schema zu übersetzen (European Social Survey, 2017) und an einer deutschen klinischen Stichprobe durchzuführen, um dessen Konstruktvalidität empirisch zu überprüfen. Methodik: Die Fragestellung wird in einer multizentrischen, querschnittlichen, klinischen Beobachtungsstudie überprüft (DRKS-ID: DRKS00035428). Es werden N = 120 Kinder und Jugendliche von 8 bis 18 Jahren mit einer Störung des Sozialverhaltens und deren Mütter eingeschlossen. LPE wird im Mutter-Interview diagnostiziert. Prosoziales und antisoziales Verhalten werden im Mutterurteil über Fragebögen erhoben. Proaktiv/reaktiv aggressives Verhalten, Empathie und Emotionserkennung werden im Kindurteil über Fragebögen erhoben. Die Konstruktvalidität des Interviews wird in allgemeinen linearen Modellen überprüft. Ergebnisse: Erste Ergebnisse zur Konstruktvalidität der deutschen Übersetzung (Wolters & Schulte, 2023) des CAPE-Interviews (Frick, 2013) zur LPE-Bestimmung an einer klinischen Stichprobe werden präsentiert. Schlussfolgerung: Durch die Etablierung von CAPE-Interviews im deutschen Sprachraum steht dem Kliniker sowie Gutachter eine weitere Methode zur Diagnostik von CU-Traits zur Verfügung. Poster
Stichworte: Forensische Psychiatrie, Maßregelvollzug, Verweildauer, Entlassvorbereitung (3) Strukturierte Erhebung von Entlasshindernissen bei Unterbringungen gem. § 63 StGB – Vorstellung des Forschungsprojekts SysIEfUS 1LVR-Institut für Forschung und Bildung; 2Universität Duisburg-Essen; 3FernUniversität in Hagen Die Behandlung in der forensischen Psychiatrie gemäß § 63 StGB zielt darauf ab, Patient:innen zu einem straffreien Leben hinzuführen und diese, bei einer ausreichend positiven Legal- und Sozialprognose, in die Gesellschaft zu reintegrieren. Die Unterbringung schränkt das Freiheitsgrundrecht der Betroffenen ein und verursacht hohe Kosten. Es ist daher aus ethischen und wirtschaftlichen Gründen geboten, diese zwar so lang wie nötig, aber auch so kurz wie möglich zu halten. In diversen Studien wurden Faktoren untersucht, die mit der Verweildauer der Patient:innen im Zusammenhang stehen. Es finden sich jedoch nur wenige Studien, in denen externe, also nicht personenbezogene Faktoren und deren Einflüsse auf die Verweildauer untersucht werden. Einige Ergebnisse deuten darauf hin, dass es bei der Entlassvorbereitung zusätzlich zu systemisch oder strukturell bedingten Verzögerungen kommen kann, die sich z.B. in den Bereichen Nachsorge, Wohnen, Arbeit und im juristischen Prozedere zeigen. Wie viele Patient:innen davon betroffen sind und wie lange Entlassungen durch derartige Hindernisse im Durchschnitt verzögert werden, wurde hingegen noch nicht strukturiert untersucht. Das vorgestellte Forschungsprojekt „Systemische und strukturelle Integrations- und Entlasshemmnisse nach forensisch-psychiatrischen Unterbringungen gemäß Strafgesetzbuch“ (SysIEfUS) adressiert diese Forschungslücke. Dazu werden die Entlassverzögerungen bei den nach § 63 StGB untergebrachten Patient:innen der forensischen LVR Kliniken in Nordrhein-Westfahlen systematisch erhoben. Zudem werden die Erfahrungen von Patient:innen und Mitarbeiter:innen von nachsorgenden Einrichten in qualitativen Interviews untersucht. Das Poster soll den Projektablauf sowie den aktuellen Projektstand vorstellen. Poster
Stichworte: parenting capacity, family law, child protection (4) Parenting capacity: An updated scoping review on definitions, indicators and assessment 1Psychologische Hochschule Berlin, Deutschland; 2Universität Basel, Schweiz Parenting capacity, which generally refers to a parent’s ability to meet children’s needs, plays a significant role in custody, visitation, and placement decisions. Despite the relevance of the construct as a factor influencing child development and its frequent assessment by professionals, there is little consensus in the psychological literature regarding the definition, operationalization, and assessment of this broadly defined construct. This scoping review is an update and extension of the review by Zumbach & Oster (2020). It analyzes the current scientific literature regarding definitions, indicators, and assessment of parenting capacity within the context of family law, child custody, visitation, and protection proceedings. A comprehensive literature search was conducted in several scientific databases (Psyndex, PsychInfo, PsyJournals, Web of Science, Scopus), based on our inclusion criteria (e.g., published in English language in a peer reviewed journal, contributing to the operationalization of the construct) and exclusion criteria (e.g., surveys with mental health professionals or family workers, judicial contributions). A total number of 83 studies were identified and analyzed in detail regarding eligibility. 17 studies were included in the narrative synthesis. Definitions and indicators of parenting capacity were derived from the literature, analyzed and systematized. In a second step, assessment tools and instruments were identified and evaluated regarding their specific scope and psychometric quality. In light of the vast heterogeneity of the individual studies and findings, we discuss the need for a higher consensus on definitions and indicators and a systematic approach to assess parenting capacity in the context of family law proceedings. Poster
Stichworte: Täuschung, Lügen, kognitive Prozesse, emotionale Prozesse (5) Hinter den Kulissen des Lügens - ein behavioraler Einblick in kognitive und emotionale Prozesse Philipps-Universität Marburg, Deutschland Während sich Forschung und Praxis zur Lügendetektion lange auf emotionale Prozesse während des Lügens konzentriert haben, sind in der grundlagenwissenschaftlichen Forschung in den letzten Jahren vor allem kognitive Prozesse ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt. Beide Mechanismen wurden daher bisher vor allem isoliert und nur selten gemeinsam untersucht. Die vorliegende Studie adressiert diese Forschungslücke durch die simultane Untersuchung kognitiver und emotionaler Mechanismen des Lügens. Hierzu wurde eine adaptierte Version des Sheffield-Lie-Tests eingesetzt, in dem Teilnehmende (n=49) in verschiedenen Blöcken entweder wahrheitsgemäß oder täuschend auf Fragen, die sich entweder auf ein zuvor durchgeführtes Scheinverbrechen bezogen oder auf Alltagsaktivitäten, antworteten. Zudem bewerteten sie nach jedem Block die wahrgenommene kognitive und emotionale Beanspruchung durch die vorherige Aufgabe. Entsprechend der Hypothesen führten gelogene Antworten zu längeren Reaktionszeiten und höherer wahrgenommener kognitiver und emotionaler Beanspruchung als wahrheitsgemäße Antworten. Auch verbrechensbezogene Fragen gingen mit längeren Reaktionszeiten und höherer wahrgenommener Beanspruchung einher als neutrale Fragen. Eine erwartete Interaktion zwischen diesen Faktoren blieb jedoch aus: Es zeigten sich keine größeren Unterschiede zwischen gelogenen und wahrheitsgemäßen Antworten auf verbrechensbezogene als auf neutrale Fragen. Explorative Analysen konnten eine Reihe spezifischer kognitiver (z. B. Inhibition, Strategiewahl) und emotionaler Prozesse (z. B. Nervosität, Angst) identifizieren, die beim Lügen stärker ausgeprägt waren als bei der Wahrheit und als gemeinsames Modell zur Erklärung der erhöhten Reaktionszeiten in der Lügenbedingung beitragen konnten. Das Befundmuster konnte in einer zweiten Studie in einer diverseren Stichrobe (n=48) repliziert werden. Die Ergebnisse unterstreichen die Relevanz kognitiver und emotionaler Prozesse während des Lügens und geben erste Einblicke in die weiteren Spezifikationen dieser. Poster
Stichworte: Strategische Nutzung von Evidenz, Vernehmung, Metakognition, Gedächtnis, unschuldige Verdächtigte (6) Eingeschränkte Aussageoffenheit trotz Unschuld: Untersuchung des Zusammenhangs mit metakognitiven und situationsbezogenen Faktoren 1Universität Bern, Schweiz; 2Universität Luzern, Schweiz Unschuldige Verdächtige legen in Studien zur Strategic-Use-of-Evidence-(SUE)-Technik, einer Befragungsstrategie für Einvernahmen, häufiger relevante Informationen offen und zeigen höhere Aussage-Evidenz-Konsistenz als schuldige Verdächtigte. Eine solche Aussageoffenheit setzt neben der Motivation zu wahrheitsgemäßen Aussagen auch das Vorliegen entsprechender Erinnerungen an relevante Details voraus. Besonders unter realitätsnahen Bedingungen, die oftmals keine ideale Erinnerungsgrundlage bieten, ist die Frage bedeutsam, inwiefern metakognitive und situationsbezogene Einflussfaktoren mit einer geringeren Aussageoffenheit in Zusammenhang stehen könnten. Metakognitive Einschätzungen wie das subjektive Gefühl, wahrheitsgemäß ausgesagt zu haben, oder die Erinnerungssicherheit sowie die kognitive Anstrengung beim Abruf werden in der Forschung als potenziell relevante Prädiktoren für die Entscheidung betrachtet, eine bestimmte Information zu berichten. Unsichere Erinnerungen könnten zurückgehalten werden. Zudem stehen situationsbezogene Einflussfaktoren mit der späteren Erinnerungsleistung in Zusammenhang, etwa die bewusste Wahrnehmung zum Ereigniszeitpunkt (Intentionalität der Enkodierung), erlebter Stress während des Ereignisses, die Ungewöhnlichkeit der Situation (Distinktheit) sowie die Beschäftigung mit dem Geschehen zwischen Ereignis und Abruf (abrufbasiertes Lernen). Ziel dieser Studie ist es, zu untersuchen, inwiefern die genannten Faktoren bei retrospektiver Erfassung im Anschluss an eine Einvernahme Varianz in der Aussageoffenheit unschuldiger Verdächtigter erklären können. Die Daten stammen aus einer Mock-Crime-Studie mit einem 2 (Abrufzeitpunkt: unmittelbar vs. verzögert) ×2 (Enkodierintentionalität: inzidentell vs. intentional) Between-Subjects-Design und einem anschließenden schriftlichen Interview. Die retrospektiven Einschätzungen wurden in allen Bedingungen erhoben, um potenzielle Einflussfaktoren kontextübergreifend untersuchen zu können. Die Ergebnisse sollen Aufschluss darüber geben, inwiefern die retrospektiv erfassten Faktoren mit der Aussageoffenheit unschuldiger Verdächtigter assoziiert sind und werden hinsichtlich ihrer möglichen praktischen Relevanz für die Vernehmungspraxis diskutiert. Poster
Stichworte: Radikalisierung, Islamismus, Antisemitismus, Prävention (7) Wirksamkeit und Wirkfaktoren in der Prävention von Radikalisierung 1Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg; 2Universitäre Psychiatrische Dienste Bern Radikalisierungsprozesse im Jugendalter stellen eine zunehmende gesellschaftliche Herausforderung dar. Ein zentrales Instrument zur Prävention extremistischer Tendenzen stellt dabei politische Bildungsarbeit dar. Allerdings mangelt es bislang an systematischen Erkenntnissen über deren konkrete Wirksamkeit und die zugrundeliegenden Wirkmechanismen. Vor diesem Hintergrund setzt das Projekt Dis_Ident an, welches auf die Prävention von israelbezogenem Antisemitismus und islamistisch geprägten Denkmustern bei Jugendlichen abzielt. Das Verbundprojekt wird vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt gefördert. Das hier dargestellte Teilprojekt erforscht die Wirksamkeit und Wirkfaktoren präventiver Bildungsarbeit. Im Fokus der Untersuchung steht die systematische Evaluation der MIND-prevention-Workshops, die darauf abzielen, Vorurteile abzubauen und Veränderungen in der sozialen Wahrnehmung anzustoßen, um auf diese Weise zu einer nachhaltigen Radikalisierungsprävention beizutragen. Hierzu sollen Konstrukte wie didaktisches Wirken und Diskriminierungserfahrungen näher beleuchtet werden. Das Projekt befindet sich aktuell in der Planungsphase, sodass zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch keine empirischen Ergebnisse vorliegen. Ziel der Projektvorstellung ist die Skizzierung des theoretisch-methodischen Vorgehens sowie die Erläuterung der forschungsleitenden Annahmen zu den Wirkfaktoren der Präventionsarbeit. Die zu erwartenden Erkenntnisse sollen eine evidenzbasierte Weiterentwicklung politischer Bildungsangebote und Radikalisierungsprävention ermöglichen. Poster
Stichworte: sexuelle Wahrnehmung, implizites Messinstrument, sexuelle Selbstkontrolle, sexuelle Erregung, prokriminelle Einstellungen (8) Between desire and restraint: Ein Tastendesign zur impliziten Messung der sexuellen Selbstkontrolle sexuell erregter heterosexueller Männer in einem Konfliktszenario unter Berücksichtigung prokrimineller Einstellungen Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Deutschland Eine fehlerhafte sexuelle Wahrnehmung und Interpretation des sexuellen Interesses sowie eine defizitäre Fähigkeit zur Kontrolle von sexuellen Impulsen stellen wesentliche Risikofaktoren für sexuelle Übergriffe dar. Unter Verwendung eines eigens entwickelten und prävalidierten Stimulussets wurde eine sexuelle Selektionsaufgabe (Flirtingtask) konzipiert. Ziel dieser Arbeit war folglich die Entwicklung eines impliziten Messinstrumentes im Rahmen eines reinen Tastendesigns zur Erfassung sexueller Selbstkontrolle. Zwei zentrale Aspekte bei diesem Untersuchungsdesign waren einerseits verschiedene Messzeitpunkte und andererseits variierende Versuchsbedingungen. In einer Stichprobe von heterosexuellen Männern (N = 255) konnte festgestellt werden, dass experimentell induzierte sexuelle Erregung ein erhöhtes Level an sexueller Selbstkontrolle erfordert, um die entwickelte Entscheidungsaufgabe im sexuellen Kontext zu lösen. Hierbei erwiesen sich sowohl die gemessene Reaktionszeit als auch die beobachtete Fehlerrate im Rahmen der Entscheidungsaufgabe als geeignete Indikatoren für niedrige sexuelle Selbstkontrolle. Darüber hinaus wurde der mögliche Einfluss prokrimineller Einstellungen als Moderator für die Beziehung zwischen sexueller Erregung und sexueller Selbstkontrolle analysiert. Hierbei konnte jedoch kein signifikanter Zusammenhang festgestellt werden. Die Ergebnisse wurden darüber hinaus durch explorative Analysen erweitert. Abschließend erfolgt eine umfassende Diskussion der Untersuchung im Hinblick auf ihre praktische Anwendbarkeit in den Bereichen Diagnostik, Prävention und Intervention. Poster
Stichworte: Sexualisierte Gewalt, sexuelles Risikoverhalten, Sensation Seeking, Jugendalter (9) The Sexual Triangle (SeTri): Der Zusammenhang zwischen sexualisierten Gewalterfahrungen, sexuellem Risikoverhalten und (sexuellem) Sensation Seeking bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen Uniklinik Erlangen, Deutschland Sexualisierte Gewalt an Kindern ist ein weltweites Problem, nicht nur im strafrechtlichen Sinne, sondern auch hinsichtlich psychischer und körperlicher gesundheitlicher Konsequenzen für das betroffene Kind sowie gesellschaftlicher Folgen. Mit dem langfristigen Ziel sexuelle Gesundheit im Sinne von Safer Sex in der Allgemeinbevölkerung, insbesondere bei Heranwachsenden, zu erhalten und sexuelles Risikoverhalten (z.B multiple Sexualpartner, ungeschützter Geschlechtsverkehr, Ansteckung mit Geschlechtskrankheiten) zu vermindern, ist es wichtig Zusammenhänge bzw. Entstehungsmechanismen von sexuell riskanten Verhaltensweisen zu erforschen. Das Erleben sexualisierter Gewalt in Kindheit und Jugend kann den normalen Entwicklungsverlauf stören, die sexuelle Entwicklung beeinträchtigen und zu sexuellem Risikoverhalten führen. Methode Die geplante Untersuchung soll als multizentrische Beobachtungsstudie im querschnittlichen Design im ambulanten, teil- und vollstationären Setting (Klinische Kohorte) sowie an Schulen (Kontrollkohorte) mithilfe einer Online-Befragung bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen zwischen 12-21 Jahren durchgeführt werden. Die Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit sexualisierten Gewalterfahrungen und oder sexualisiertem Risikoverhalten werden – unter Berücksichtigung konfundierter Variablen – in Kovarianzanalysen (ANCOVA) mit Gleichaltrigen Jugendlichen ohne sexualisierte Gewalterfahrungen und oder sexualisiertem Risikoverhalten verglichen. Ergebnisse Erste Ergebnisse werden auf dem Kongress berichtet. Schlussfolgerung Um in Zukunft gezielter gegen sexuelle Gewalt vorgehen zu können, werden Dunkelfeldstudien benötigt. Es bedarf prospektiver Studien zur Prävalenz von sexualisierten Gewalterfahrungen und von sexualisiertem Risikoverhalten im Kindes- und Jugendalter, die neben den genannten Prävalenzen diese ebenfalls in einen Zusammenhang stellen. Aufgrund der bereits vorhandenen jedoch eingeschränkten Forschung besteht eine Notwendigkeit von Studien die über die Prävalenzforschung hinaus gehen und Zusammenhänge aufdecken, um Prävention und Intervention zu ermöglichen. Poster
Stichworte: Inhibitorische Kontrolle, Psychopathie, §64 StGB, Risikobeurteilung (10) Kontrolle verloren – Risiko erkannt? Der Zusammenhang zwischen der cue-induzierten inhibitorischen Kontrolle und Faktor 2 Psychopathie bei forensischen Patienten mit Alkoholkonsumstörung 1Abteilung Persönlichkeitspsychologie, Institut für Psychologie und Pädagogik, Universität Ulm; 2Computational Digital Psychology, Interchange Forum for Reflecting on Intelligent Systems, Universität Stuttgart; 3Vitos Klinik für forensische Psychiatrie Hadamar; 4Centre for Cognitive and Brain Sciences, University of Macau Das Ausmaß, in dem Personen auf die Exposition gegenüber suchtspezifischen Hinweisreizen (engl. Cues) reagieren (z.B. physiologisch, neurologisch, behavioral), wurde positiv mit Rückfällen in den Substanzkonsum in Verbindung gebracht. Erneuter Substanzkonsum gilt wiederum als wichtiger Risikofaktor für kriminelle Rezidive. Vor diesem Hintergrund untersucht diese Studie den Zusammenhang zwischen der inhibitorischen Kontrolle bei der Darbietung von Alkohol-Cues und Indikatoren des kriminellen Rückfallrisikos in einer forensischen Stichprobe. Als Indikator des Rückfallrisikos wird der Faktor 2 der Psychopathy Checklist:Screening Version (PCL:SV) aufgrund seiner positiven Assoziation mit kriminellen Rückfällen sowie statischen Variablen der Risikoprognose herangezogen. Die Stichprobe umfasste N=53 gegenwärtig abstinente männliche forensische Patienten (§64 StGB), von denen n=25 mit einer Alkoholkonsumstörung und n=28 mit einer anderen Substanzkonsumstörung diagnostiziert waren. Die Patienten absolvierten zwei Go/NoGo-Aufgaben, in denen einmal visuelle Alkoholreize („Craving-Bedingung“) und einmal neutrale Stimuli („Kontrollbedingung“) dargeboten wurden. Die inhibitorische Leistung wurde je Bedingung basierend auf „Hits“ und „False Alarms“ in Form von adjustierten d‘-Werten ermittelt. Diese wurden als Prädiktoren des Faktors 2 der PCL:SV in Regressionsanalysen für jede Teilstichprobe (Alkoholkonsumstörung: ja vs. nein) untersucht. Eine schlechtere inhibitorische Leistung in der Craving-Bedingung war mit höheren Scores auf dem Faktor 2 der PCL:SV bei Patienten mit einer Alkoholkonsumstörung assoziiert. Hingegen zeigten sich weder Zusammenhänge mit der Leistung in der Kontrollbedingung, noch für die Teilstichprobe mit anderen Substanzkonsumstörungen. Diese Befunde haben Implikationen für die (forensische) Risikobeurteilung und deuten darauf hin, dass die cue-induzierte inhibitorischen Leistung als Marker für die Rückfallwahrscheinlichkeit dienen könnte. Zukünftige Forschungsvorhaben sollten die substanzspezifische Cue-Exposition weiter untersuchen und deren Assoziation mit tatsächlichen Rückfallraten berücksichtigen. Poster
Stichworte: Vollzugslockerungen, Resozialisierung, Strafvollzug, Gefangenenmerkmale (11) Vollzugslockerungen aus der Sicht von Bediensteten des bayerischen Strafvollzugs Kriminologischer Dienst des Bayerischen Justizvollzugs In einem auf Resozialisierung ausgerichteten Strafvollzug stellen Vollzugslockerungen eine zentrale Behandlungsmaßnahme dar. Sie dienen der Prävention von Haftschäden, der Aufrechterhaltung sozialer Beziehungen, der Förderung von Motivation und Kooperation, dem Erlernen neuer Verhaltensweisen, der Diagnose von Behandlungsfortschritten („Erprobung“) sowie der Entlassungsvorbereitung. Trotz der großen Bedeutung, die Lockerungen für die Resozialisierung zugeschrieben wird, existieren bislang nur wenige empirische Erkenntnisse darüber, welche Merkmale Gefangene aufweisen, denen Lockerungen gewährt werden. Ebenso ist die Forschung zur Entscheidungsfindung multiprofessioneller Teams in den Anstalten in diesem Kontext begrenzt. Zur Untersuchung relevanter Merkmale von Gefangenen und Funktionen von Lockerungen in der Praxis wurden 106 Bedienstete des bayerischen Strafvollzugs, die an Entscheidungen über Vollzugslockerungen beteiligt sind, im Rahmen einer Online-Befragung zu ihren persönlichen Einstellungen bezüglich der Merkmale und Funktionen befragt. Ergänzend wurde eine Vignette eingesetzt, in der potenziell entscheidungsrelevante Merkmale von Gefangenen systematisch variiert wurden. Zudem wurde analysiert, inwiefern sich die Einschätzungen und Bewertungen zwischen den beteiligten Berufsgruppen innerhalb der Anstalten (PsychologInnen, SozialarbeiterInnen und -pädagogInnen, VollzugsinspektorInnen, LehrerInnen, AVD und Werkdienst) unterscheiden. Das übergeordnete Ziel der Studie besteht darin, einen Beitrag zur Wirksamkeitsforschung von Vollzugslockerungen zu leisten, die bislang durch einen Mangel an Erkenntnissen über die Merkmale gelockerter Gefangener erschwert wird. Poster
Stichworte: Traditional Masculinity, Gender Role Conflict, Testosterone, Aggression (12) Traditional Masculinity Ideologies, Testosteron, and Depression in Male Aggression Universität Basel, Schweiz Men engage more in direct forms of aggression than wome, often with more severe conseuqeces. Biological explanations for gender-differences in aggression have widely focused on testosterone (T) but have yielded mixed results. In contrast, research on the role of traditional masculinity ideologies (TMI) in men's externalizing depression symptoms suggests that gender role norms and gender role conflict (GRC) may provide a promising explanation for aggression in men. The preset study compares the assoications of TMI and T with aggression in healthy and depressed men. In addition, a potential impact of GRC on the respective relationship of major depressive disorder (MDD) and T with aggression were assessed. The study used data from the baseline assessment of a longitudinal randomized controlled trial that evaluated a male-specific psychotherapeutic program for depression in men. 172 participants drawn from the general population of men in Switzerland completed self-report forms on TMI, GRC, depression and aggression. Venous blood samples were taken to assess serum testosterone. Indeed, aggression was associated with T, MDD, and GRC, but not T. Moreover, T moderated the relationship between MDD and aggression. In this study, aggression is related to gender role expectations and gender role conflict but not baseline T levels in both healthy and depressed men. This undergirds the perspective that aggression is a gendered social script for the expression of negative affect, and may somethimes mask more classical depression symptoms (e.g., sadness). Based on these results, we encourage practitioners to address TMI, GRC, and MDD when working with aggressive men. |
11:15 - 12:45 | Validierung des Short-Term Assessment of Risk and Treatability (START) zur Risikoprognose intramuraler Auffälligkeiten Ort: Großer Saal |
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Symposium
Stichworte: Intramurale Risikoprognose, START, intramurales Fehlverhalten, Lockerungsmissbräuche, Justizvollzug Beiträge des Symposiums Die Vorhersage von intramuralem Fehlverhalten und Lockerungsmissbrauch anhand akut-dynamischer Risiko- und Schutzfaktoren – eine retrospektive Validierungsstudie des Short-Term Assessment of Risk and Treatability Die systematische Erfassung von akut-dynamischen Risiko- und Schutzfaktoren liefert einen zentralen Beitrag zur Lockerungsprognose und Resozialisierung von Straftäter:innen. Akut-dynamische Risiko- und Schutzfaktoren kennzeichnen dabei sogenannte State-Faktoren, die innerhalb kurzer Zeiträume veränderbar sind und bei entsprechender Vulnerabilität zu intramural herausforderndem Verhalten führen, etwa Substanzmissbrauch, Gewalt oder Lockerungsmissbrauch. Eine präzise Erfassung dieser Faktoren ist daher entscheidend für fundierte Risikoprognosen. Bisherige Forschung konzentrierte sich vor allem auf statische Risikofaktoren, während der Einfluss situativer Faktoren bislang weitgehend unberücksichtigt blieb. Das Short-Term Assessment of Risk and Treatability (START) ist eines der wenigen Structured Professional Judgment (SPJ)-Verfahren, das sowohl diese Risiko- als auch Schutzfaktoren operationalisiert. Obwohl START ursprünglich für den forensisch-psychiatrischen Kontext validiert wurde, bietet es Potenzial für den Einsatz im Justizvollzug. Ziel der Studie ist es, die Anwendbarkeit und prädiktive Validität des START im Justizvollzug erstmals im deutschsprachigen Raum zu untersuchen. Dabei wird geprüft, inwiefern die einzelnen Items, die Skalen sowie die klinische Beurteilung des Verfahrens zur Vorhersage von intramuralem Fehlverhalten und Lockerungsmissbrauch beitragen können. Zudem soll START an die Anforderungen des Justizvollzugs angepasst werden, indem eine modifizierte Version entwickelt wird, die eine zuverlässige Risikoeinschätzung für intramurales Fehlverhalten und Lockerungsmissbrauch ermöglicht. Hierzu wird eine retrospektive Aktenanalyse an einer Stichprobe von inhaftierten und untergebrachten erwachsenen Männern im Regelvollzug der Justizvollzugsanstalt Hamburg-Fuhlsbüttel (N = 97) durchgeführt. Angesichts der zunehmenden Bedeutung situativer Faktoren in der forensischen Risikobewertung könnte diese Studie wertvolle Erkenntnisse für eine präzisere Risikoeinschätzung und ein effektives Risikomanagement im Justizvollzug liefern. Die Vorhersage intramuralen Fehlverhaltens mittels des SPJ-Instruments START – eine retrospektive Validierungsstudie zu Substanzkonsum und Gewalt. Die Erfassung von Verhaltensänderungen während der Haftzeit spielt eine zentrale Rolle für die Prognose intramuralen Fehlverhaltens und ist entscheidend für die Sicherheit im Justizvollzug. Eine präzise Risikobewertung bildet die Grundlage für die Resozialisierungsplanung und beeinflusst maßgeblich Entscheidungen über Lockerungen sowie andere freiheitsbezogene Maßnahmen. Besonders relevant sind Verhaltensweisen, die sowohl fremd- als auch selbstschädigend sind, wobei insbesondere Gewalt und Substanzkonsum von Bedeutung sind. Dabei ist es essenziell, Gewalt differenziert zu betrachten, indem zwischen physischer und verbaler Gewalt unterschieden wird. Ebenso sollte Substanzkonsum sowohl als selbstschädigendes Verhalten als auch als bedeutender Prädiktor für Rückfälligkeit berücksichtigt werden. Für eine zuverlässige Risikoeinschätzung sind kurzfristige dynamische Risiko- und Schutzfaktoren von besonderer Bedeutung, da sie unmittelbare Verhaltensänderungen abbilden und somit präzisere Prognosen ermöglichen. Das Short-Term Assessment of Risk and Treatability (START) gehört zu den wenigen Instrumenten, die gezielt solche kurzfristigen dynamischen Faktoren erfassen. Ursprünglich für den psychiatrisch-forensischen Bereich entwickelt, bietet es als Structured Professional Judgment (SPJ)-Verfahren den Vorteil, klinische Urteile strukturiert in die Risikoeinschätzung einzubeziehen, ohne sich ausschließlich auf statistische Modelle zu stützen. Diese Studie untersucht die prognostische Validität von START im Justizvollzug, insbesondere im Hinblick auf intramurales Fehlverhalten wie Gewalt und Substanzkonsum. Zudem wird geprüft, ob die Vorhersagegenauigkeit durch die START-Risiko- und Schutzskala oder durch die klinische Risikoeinschätzung verbessert werden kann. Die Datenerhebung erfolgt mittels einer retrospektiven Aktenanalyse zu zwei verschiedenen Messzeitpunkten in einer Justizvollzugsanstalt in Hamburg (N = 130). Die Ergebnisse sollen dazu beitragen, die praktische Anwendung kurzfristiger dynamischer Risiko- und Schutzfaktoren zur Vorhersage von Gewalt und Substanzkonsum im Strafvollzug weiter zu optimieren. Prädiktive Validität des Short-Term Assessment of Risk and Treatability (START) im Justizvollzug: Eine Untersuchung zur Vorhersage von intramuralem Fehlverhalten und Lockerungsmissbrauch unter besonderer Berücksichtigung von Schutzfaktoren Die präzise Erfassung von intramuralem Fehlverhalten und Lockerungsmissbrauch ist essenziell für eine valide Risikobewertung bei Inhaftierten. Bisherige Studien konzentrierten sich vornehmlich auf stabil-dynamische Risikofaktoren, die für die Vorhersage von Rückfälligkeit von großer Bedeutung sind, während Schutzfaktoren trotz ihrer zentralen Bedeutung für die Resozialisierung unzureichend berücksichtigt werden. Trotz der wachsenden Forschungslage bleibt daher die Frage nach wie vor offen, ob veränderungssensitive und ressourcenorientierte Prognosen auch für kurzfristige Outcomes wie beispielsweise intramurales Fehlverhalten und Lockerungsmissbrauch prädiktiv sein können. Zudem stellt sich die Frage, welche latenten Konstrukte hinter möglichen Schutzfaktoren stehen. Das Short-Term Assessment of Risk and Treatability (START), welches sowohl Risiko- als auch Schutzfaktoren erfasst, wurde ursprünglich für die forensische Psychiatrie entwickelt, um kurzfristige Veränderungen im Risikoverhalten zu erfassen und die Behandlungsplanung zu unterstützen. In diesem Kontext hat sich START bereits als zuverlässiges Verfahren zur kurzfristigen Risikobewertung bewährt. In der vorliegenden Untersuchung steht die Vorhersagekraft der Schutzfaktoren im Fokus. Zudem soll anhand einer explorativen Faktorenanalyse überprüft werden, ob diesen Schutzfaktoren bestimmte latente Konstrukte zugrunde liegen. Die Datengrundlage basiert auf einer retrospektiven Aktenanalyse von Inhaftierten einer Justizvollzugsanstalt mit zwei Erhebungszeitpunkten (N = 130). Die Ergebnisse dieser Studie sollen dazu beitragen, die Bedeutung von Schutzfaktoren für kurzfristige Risikoprognosen zu betonen und potenzielle Verbesserungen in der intramuralen Risikobewertung im Justizvollzug zu identifizieren. Prä-Post-Veränderungen in START-Scores und ihre klinische Relevanz im Kontext des Transtheoretischen Modells: Eine Analyse klinisch bedeutsamer Veränderungen und Phasenübergänge Die kurzfristige Einschätzung von akut-dynamischen Risiko- und Schutzfaktoren im Justizvollzug spielt eine zentrale Rolle bei der Prävention von Gewalt und anderen aversiven Verhaltensweisen. Das Short-Term Assessment of Risk and Treatability (START) ist ein Verfahren der Structured Professional Judgment und wurde zur Erfassung akut-dynamischer Faktoren entwickelt und zeigt eine hohe prädiktive Validität für kurzfristiges intramurales Fehlverhalten. Bislang ist jedoch unklar, inwieweit START auch individuelle Veränderungsprozesse abbilden kann. Das Transtheoretische Modell der Verhaltensänderung (TTM) bietet einen theoretischen Rahmen zur Beschreibung solcher Prozesse anhand definierter Stufen der Veränderung. Die vorliegende Studie untersucht, ob Veränderungen in den modifizierten START-Scores mit einem Fortschritt in den TTM-Stufen assoziiert sind und ob diese Veränderungen als klinisch bedeutsam gelten. Darüber hinaus wird analysiert, welche spezifischen Risiko- und Schutzfaktoren besonders prädiktiv für Auf- oder Abstiege innerhalb der TTM-Stufen sind. Die Datengrundlage bildet eine retrospektive Aktenanalyse von Inhaftierten in einer Justizvollzugsanstalt mit zwei Erhebungszeitpunkten. Es wird eine Stichprobengröße von N = 130 angestrebt. Zur Analyse werden der Reliable Change Index (RCI) und die Kriterien der Clinically Significant Change (CSC) herangezogen. Die Ergebnisse werden vor dem Hintergrund der Herausforderung bei intramuralen Verlaufsuntersuchungen diskutiert. Die Verknüpfung von START mit dem TTM verspricht neue Impulse für die dynamische Risikobeurteilung im Justizvollzug und könnte die Entwicklung individualisierter, motivationsorientierter Interventionsstrategien unterstützen. |
11:15 - 12:45 | Präferenz, Devianz und Diagnostik bei pädophilen und pädosexuellen Personen im Hell- und Dunkelfeld Ort: Max-Planck Saal |
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Symposium
Stichworte: Pädophilie, Pädosexualität, Diagnostik Beiträge des Symposiums Präferenz, Devianz und Delinquenz von pädosexuellen Personen aus dem Hell- und Dunkelfeld Die Forschung zu Pädosexualität und sexuellen Kindesmissbrauch basiert aufgrund der erschwerten Stichprobenzugänglichkeit vornehmlich auf justizbekannten Sexualstraftätern aus dem Hellfeld. Über pädosexuelle Menschen, die straffrei im Dunkelfeld leben, ist folglich weniger bekannt. Zudem wurde bisher nur selten beschrieben, wodurch sich Pädosexuelle im Hell- und Dunkelfeld unterscheiden und welche Merkmale womöglich mit der Entdeckung durch die Justiz zusammenhängen. Für einen Vergleich nach Justizstatus wurde eine Dunkelfeldstichprobe des Präventionsnetzwerks Kein Täter werden (n = 78) einer Hellfeldstichprobe des ambulanten psychotherapeutischen Projekts man|n sprich|t des Kinderschutz-Zentrums München und des Münchner Informationszentrum für Männer (n = 199) gegenübergestellt. Mithilfe einer exklusiven Stichprobe von Kein Täter werden (n = 78) wurden zudem straffreie Personen mit pädophiler Präferenzstruktur hinsichtlich diverser Risikofaktoren mit pädophilen Personen, die bereits straffällig wurden, verglichen. Im Vergleich zwischen Dunkel- und Hellfeld zeigten sich vornehmlich soziodemografische Unterschiede, die auf ein jüngeres Alter und einen höheren sozioökonomischen Status bei Tätern im Dunkelfeld hinwiesen. Darüber hinaus ließ sich eine sexuelle Orientierung auf das pubertäre Körperschema im Hellfeld seltener feststellen als im Dunkelfeld. Pädophile Nicht-Täter und Täter ähnelten sich weitestgehend in den Bereichen sexueller Devianz, Antisozialität und psychologischer Defizite. Nicht-Täter waren jedoch jünger und hatten tendenziell einen höheren formalen Bildungsgrad als Täter. Zudem zeigten sie weniger Defizite in der selbstwahrgenommenen Fähigkeit, ihre sexuellen Fantasien und Verhaltensweisen zu regulieren. Die Ergebnisse unterstreichen die Relevanz des Ausbaus therapeutischer Anlaufstellen sowohl im Hell- als auch im Dunkelfeld. Unterschiede zwischen pädo-, hebe- und teleiophiler Sexualpräferenz bei Personen aus dem Hell- und Dunkelfeld – ein Vergleich des Expliziten und Impliziten Sexuellen Interessenprofils (EISIP) Hintergrund: Im Rahmen der diagnostischen Untersuchung von Pädophilie existiert eine Vielzahl an Erfassungsinstrumenten. Das Explizite und Implizite Sexuelle Interessen Profil (EISIP) kombiniert hierbei explizite und implizite (Viewing Time, Impliziter Assoziationstest) Verfahren. Diese Untersuchung setzte sich zum Ziel, dieses Verfahren zu untersuchen und eventuelle Unterschiede der pädophilen sexuellen Präferenz in Personen aus dem strafrechtlichen Hell- und Dunkelfeld zu analysieren. Methode: Bei den Studienteilnehmern handelte es sich um Personen, die sich über das Projekt „Kein Täter werden“ (Dunkelfeld) oder aufgrund eines laufenden Strafverfahrens (Projekt „Hellfeld“) in ambulanter Behandlung befanden. Die Bestimmung der sexuellen Orientierung (hetero-, homo- oder bisexuell) und der sexuellen Ausrichtung (Pädo-, Hebe- oder Teleiophilie) erfolgte mittels modifizierter Kinsey-Skala nach einer ausführlichen Sexualanamnese. Für alle reaktionszeitbasierten Untersuchungen wurde das Bilderset der Serie "Not Real People"-Set verwendet. Ergebnisse: Der vorläufige Datensatz umfasste N = 100 Teilnehmer mit einem durchschnittlichen Alter von 36.82 Jahren (SD = 13.93). Es zeigte sich eine gute Diskriminationsfähigkeit des EISIP zwischen pädo-, hebe- und teleiophilen Patienten. Hierbei wiesen pädophile Personen signifikant höhere Scores in Bezug auf kindliche Stimuli auf als hebephile Patienten, welche ebenfalls tendenziell höhere Werte erreichten als teleiophile Teilnehmer. Zudem zeigten Personen aus dem Dunkelfeld signifikant höhere Scores und zeigten somit stärkere pädophile Präferenzen als Patienten aus dem Hellfeld. Diskussion: Die vorläufigen Ergebnisse weisen auf eine zuverlässige Diskrimination des EISIP zwischen pädo-, hebe, und teleiophilen Personen hin. Zudem konnte das Verfahren in den bisherigen Daten eine stärkere pädophile Präferenz für Patienten aus dem Dunkel- im Vergleich zum Hellfeld aufzeigen. Indirekte reaktionszeitbasierte Messverfahren bei Pädophilie: Erste Ergebnisse einer Eye-Tracking Untersuchung bei pädophilen und pädosexuellen Personen im Hell- und Dunkelfeld Hintergrund: Die Pädophilie ist im ICD-10 den Störungen der Sexualpräferenz und im DSM-5 den paraphilen Störungen zugeordnet. Zur diagnostischen Abklärung gibt es Versuche, neben klinischen Interviews oder Selbstauskünften auch indirekte reaktionszeitbasierte Messverfahren zu nutzen. Bisher gibt es einige Untersuchungen, die zur Bestimmung von pädophilem Interesse Messverfahren wie Eye-Tracking, Viewing Time (VT) oder den Impliziten Assoziationstest (IAT) verwendet haben. Ziel: Im Rahmen der laufenden Studie sollen mittels Eye-Tracking Aufmerksamkeitsprozesse untersucht und zwischen den Gruppen pädophiler und nicht-pädophiler Personen mit und ohne pädosexuelle Straftaten verglichen werden. Methode: Bei den Studienteilnehmern handelte es sich um Personen, die sich in der Präventionsambulanz der LMU München in ambulanter Behandlung befanden. Im Eye-Tracking wurde zwischen Blöcken mit und ohne Instruktion („Bewertung sexueller Attraktivität“ vs. free viewing) unterschieden und die Darbietung von Bildern erfolgte getrennt für beide Geschlechter (männlich vs. weiblich) und Alter (Kind vs. Erwachsene). Als abhängige Variable wurden die Zeit und Anzahl der ersten Fixation und die durchschnittliche Zeit und Anzahl aller Fixationen berücksichtigt. (Vorläufige) Ergebnisse: Insgesamt wurden Daten von N = 92 Personen analysiert, darunter N = 39 mit Pädophilie, N = 27 mit Hebephilie und N=27 mit Teleiophillie. Über alle Gruppen hinweg zeigte sich in der Bedingung mit Instruktion signifikant kürzere Fixationszeiten als in der free viewing Bedingung. Darüber hinaus hatten Personen mit pädophiler Sexualpräferenz eine signifikant kürzere erste Fixation und häufigere erste Fixationen auf kindliche Stimuli. Ein Vergleich der Gesamtdauer aller Fixationen zeigte, dass pädophile Personen signifikant länger und häufiger kindliche Stimuli fixierten als die hebephile und teleiophile Gruppe. Kognitive Verzerrungen und emotionale Überidentifikation mit der Kinderwelt Kindern bei Pädosexuellen – Normierung der EKK-R und KV-M anhand forensischer Substichproben Kognitive Verzerrungen und emotionale Überidentifikation mit Kindern gelten als wesentliche dynamische Risikofaktoren sexualisierte Gewalt gegen Minderjährige (Hanson & Morton-Bourgon, 2004). Obwohl viele Studien auf die Bedeutung dieser Konstrukte für das Verständnis pädosexuellen Verhaltens hinweisen (z. B. Abel et al., 1984; Murphy, 1990), bestehen weiterhin Forschungslücken hinsichtlich gruppenspezifischer Unterschiede sowie der Rolle diagnostischer, personenbezogener und deliktspezifischer Merkmale. Ziel der vorliegenden Studie ist die Normierung der Testverfahren zur Erfassung emotionaler Überidentifikation (EKK-R) und kognitiver Verzerrungen (KV-M) anhand heterogener forensischer Stichproben, die sowohl deutschsprachige Personen aus dem Dunkelfeld als auch strafrechtlich auffällige Täter (Hellfeld), darunter Hands-on- sowie Hands-off-Delinquente, umfasst. Im Rahmen der Untersuchung sollen die Ausprägungen der beiden Konstrukte und deren Zusammenhänge mit weiteren delikt- und personenbezogenen Variablen systematisch zwischen verschiedenen Gruppen potenzieller oder tatsächlicher Täter verglich werden. Die Gesamtstichprobe von knapp 300 männlichen Probanden zusammen setz sich aus Personen aus dem bayerischen Straf- und Maßregelvollzug, strafrechtlichen Begutachtungsprobanden an der LMU München sowie Teilnehmern des Präventionsprogramms „Kein Täter werden“ zusammen. Durch die Normierung der EKK-R und KV-M an einer vielfältigen deutschsprachigen forensischen Gesamtstichprobe soll ein differenzierter Vergleich von Tätergruppen ermöglicht und ein Beitrag zur verbesserten Diagnostik sowie Risikoeinschätzung im forensischen und präventiven Kontext geleistet werden. |
11:15 - 12:45 | Ambulante forensische Nachsorge - Wirksamkeit und Ausgestaltung Ort: Kleiner Saal |
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Symposium
Stichworte: Nachsorge, Behandlung, Wirksamkeit, Bundesländer, Praxis Beiträge des Symposiums Behandlung oder Kontrolle? Eine vergleichende „Time at Risk“-Analyse zur Wirksamkeit engmaschig strukturierter forensischer Nachsorge nach langer Inhaftierung wegen Sexualdelikten Mit dem Gesetz zur Reform der Führungsaufsicht im Jahr 2007 sind forensische Ambulanzen als fester Bestandteil in der Nachsorge namentlich genannt und der Bewährungshilfe gleichgestellt worden. Spätestens seitdem gilt insbesondere für eine Hochrisikoklientel die forensische Nachsorge als obligatorischer Bestandteil in gesetzlich erteilten Weisungen im Rahmen der Führungs- sowie Bewährungsaufsicht. Wirksamkeitsevaluationen sind daher von zentraler Bedeutung, aber aufgrund juristischer und ethischer Schwierigkeiten weiterhin rar. Dabei wäre gerade eine Analyse der Wirksamkeit während und nach dieser Intervention notwendig, um Fragen zur Ausgestaltung und therapeutischen Haltung, aber auch zum gesetzlichen Zwang empirisch fundiert beantworten zu können. In der vorgestellten Studie wurden alle Personen erfasst, die ein Sexualdelikt begangen hatten, und in der Forensisch-Therapeutischen Ambulanz der Charité Berlin (FTA) nachbehandelt wurden (n = 140). Diese konnten mit einer vergleichbaren Klientel aus dem Straf- und Maßregelvollzug anhand Ausgangsrisiko (Static-99) und Art der vorherigen Unterbringung statistisch gematcht werden. Als Kriterium für die Wirksamkeit konnten alle erneuten Eintragungen im Bundeszentralregisterauszug herangezogen werden. Mittels Überlebenszeitanalysen wurden die Rückfalldaten seit Entlassung genauer untersucht. Dabei stand die Frage im Fokus, was während und was nach der engmaschig strukturierten Nachsorge an deliktischem Geschehen zu verzeichnen war. Die Ergebnisse werden kritisch diskutiert und Implikationen für die Praxis gegeben. Ambulante Behandlung von Gewalttätern in Bayern Seit 2013 werden in Bayern an den Standorten München, Nürnberg und Würzburg Gewaltstraftäter in Psychotherapeutische Fachambulanzen behandelt. Der vorliegende Beitrag berichtet Ergebnisse aus der Evaluation dieser Einrichtungen und schließt eine Stichprobe von n = 441 betreuten Klienten ein. Das Evaluationskonzept war umfassend angelegt. Neben den strukturellen Bedingungen und Implementationsvariablen wurde insbesondere die Behandlungswirkung untersucht. Die Wirkungsmessung umfasst neben therapienahen Maßen (Risikoprognoseinstrumente wie LSI-R, HCR-20 und VRS; Goal Attainment Scaling) auch Rückfalldaten, die über das Bundeszentralregister erhoben wurden. Neben der Wirkung auf die Legalbewährung soll insbesondere auch die Verknüpfung zu therapienahen Erfolgsmaße und Merkmale der Klienten in Bezug auf den Behandlungserfolg betrachtet werden und werden. Zwischen Stigma und Versorgungslücke: Eine Untersuchung der Behandlungsbereitschaft niedergelassener Psychotherapeut:innen gegenüber Menschen, die Sexualstraftaten begangen haben Menschen, die aufgrund dissexueller Fantasien und Verhaltensweisen strafrechtlich auffällig geworden sind, zählen zu den gesellschaftlich am stärksten stigmatisierten Gruppen. Gerade sie benötigen im Sinne von Prävention und Nachsorge häufig psychotherapeutische Unterstützung. Da sich spezialisierte forensische Ambulanzen meist auf Personen mit erhöhter Rückfallwahrscheinlichkeit fokussieren, müssen Therapieweisungen bei weniger rückfallgefährdeter Klientel über gemeindenahe Versorgungsstrukturen erfüllt werden. Gelingt dies nicht, bleiben Therapieweisungen häufig unerfüllt und der dringende Behandlungsbedarf ungedeckt. Aber wie verhält es sich derzeit mit der Behandlungsbereitschaft niedergelassener Psychotherapeut:innen? Im Rahmen der hier vorgestellten Onlinebefragung wurden alle im Land Hessen niedergelassenen Psychotherapeut:innen (Vollerhebung, N= 2.586, Rücklauf: n = 327, 12.6%) zu ihrer grundsätzlichen Behandlungsbereitschaft gegenüber Personen, die Sexualstraftaten begangen haben, befragt. Hessen eignet sich deshalb besonders gut, da hier ergänzend zu zentralisierten Fachambulanzen eine dezentral organisierte Versorgungsstruktur genutzt wird, die auf externe Fachkräfte, häufig niedergelassene Psychotherapeut:innen, zurückgreift. Erfragt wurden weiterhin spezifische Ablehnungsgründe sowie potenzielle Maßnahmen zur Förderung des Behandlungsinteresses. Zur differenzierten Erfassung möglicher Ablehnungen wurden sowohl kognitiv-professionelle (z. B. wahrgenommene Kompetenzdefizite, rechtliche Unsicherheiten) als auch emotionsbasierte Gründe (z. B. Angst, Ekel, Ärger) systematisch untersucht. Die Ergebnisse werden mit Blick auf systemische Hürden sowie individuelle Barrieren in der aktuellen Versorgungssituation vorgestellt. Daraus ableitbare konkrete Implikationen für die forensisch-therapeutische Praxis– insbesondere mit Blick auf Qualifizierungsbedarfe sowie auf die strukturelle Unterstützung niedergelassener Behandler:innen, sollen abschließend diskutiert werden. NeFoP (Netzwerk forensisch-qualifizierte Psychotherapeut*innen): ein Modell zur Ergänzung der ambulanten Versorgung straffällig gewordener Menschen Die ambulante psychotherapeutische Versorgung von Menschen, die straffällig geworden sind, nimmt eine zentrale Rolle bei der Resozialisierung ein und ist somit von hoher gesellschaftlicher Bedeutung. Gleichzeitig bestehen seit Jahren Versorgungsengpässe, die speziell in Bayern auf die Größe des Flächenstaates sowie die hohe Anzahl an mit richterlichen Weisungen zugewiesener Klient*innen zurückzuführen sind. Die Folgen davon sind erhebliche Herausforderungen bei der Behandlung von straffällig gewordenen Menschen mit Wohnorten in großer Entfernung zu den Psychotherapeutischen Fachambulanzen sowie Wartelisten von unbehandelten Klient*innen mit deliktpräventivem Behandlungsbedarf. Ein Ausbau des therapeutischen Nachsorgeangebots kann jedoch nicht ohne parallele Qualitätssicherung der Behandlungen erfolgen. In Bayern entwickelte daher eine Arbeitsgruppe aus Vertreter*innen der Justiz, der Psychotherapeutenkammer Bayern sowie der Psychotherapeutischen Fachambulanzen ein Modellprojekt (später in „Netzwerk forensisch qualifizierte Psychotherapeut*innen (NeFoP)“ umbenannt), das seit Anfang 2022 ambulante forensische Psychotherapie durch Gewinnung und Schulung approbierter Psychotherapeut*innen ermöglicht. Das NeFoP beinhaltet ein Fortbildungscurriculum zu forensisch-therapeutischen Inhalten, die Vermittlung von Klient*innen mit deliktpräventivem Behandlungsbedarf, regelmäßige Supervisionseinheiten sowie ein organisationales Unterstützungsangebot. Der Vortrag stellt Hintergründe, Curriculum und Abläufe des NeFoP vor. Anhand der Ergebnisse von Therapeut*innen-Befragungen und statistischen Kennwerten werden die ersten Erfahrungen aufbereitet. Chancen und Herausforderungen werden vor dem Hintergrund des wachsenden Bedarfs an forensischer Nachsorge diskutiert. Partizipation im Forensischen Kontext Partizipative Forschungsansätze fassen in der klinischen Praxis und der Forschung zunehmend Fuß. Sie sollen dazu führen, Personen, die von einer psychischen Störung betroffen sind, stärker in die einzelnen Phasen des Forschungsprozesses einzubinden und so die Fragen und Ergebnisse stärker an praktischen Bedarfen auszurichten. Dies wäre auch für den forensischen Kontext wünschenswert. Allerdings bringt dieses Setting einige Besonderheiten mit sich, die bei der Planung und Durchführung partizipativer Projekte berücksichtigt werden sollten. Der Beitrag legt zunächst dar, was partizipative Forschung ist. Anschließend soll auf mögliche Ziele und Vorteile partizipativer Forschung eingegangen werden und darauf, wie die praktische Umsetzung im forensischen Setting, insbesondere (aber nicht nur) im Maßregelvollzug, gestaltet werden kann. |
12:45 - 14:15 | Mittagspause Die Verpflegung während der Mittagspause erfolgt individuell. Für Ihr leibliches Wohl stehen Ihnen in unmittelbarer Umgebung des Veranstaltungsortes diverse Restaurants und Cafés zur Verfügung. |
14:15 - 15:45 | Cybergrooming – Erforschung von Risikofaktoren, Ermittlungspraxis und Schutzmaßnahmen Ort: Großer Saal |
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Symposium
Stichworte: Cybergrooming, Sexualstraftaten, Risikofaktoren, Viktimisierung Beiträge des Symposiums Cybergrooming – Wer sind die Täter*innen? Erkenntnisse aus Analysen von Strafverfahrensakten Anhand der Analyse von ca. 300 Strafverfahrensakten zu Cybergroomingfällen nach § 176 StGB Abs. 4 Nr. 3 (alt) aus allen Bundesländern der Jahre 2019/2020 wurden umfassende Erkenntnisse über das Hellfeld des Phänomens Cybergrooming generiert. Im Fokus stand die Erfassung von Täter- und Opfercharakteristika sowie Erkenntnisse zu den Modi Operandi, polizeilichen Ermittlungsstrategien und den anschließenden Strafverfahren. Die Täter*innen sind überwiegend jung, männlich und treten häufig erstmalig mit dem Cybergroomingdelikt strafrechtlich in Erscheinung. Die Kontaktaufnahme erfolgt in den meisten Fällen seitens der Täter*innen über Social Media-Dienste. Der Vertrauensaufbau und die unmittelbare Einführung sexueller Inhalte fungieren als primäre Cybergrooming-Strategien, wobei diese häufig durch die Täter*innen kombiniert werden. Die Betroffenen sind überwiegend weiblich, jung und haben in der Regel keine Vorbeziehung zur tatbegehenden Person. Zu den häufigsten Risikofaktoren der Opferwerdung zählen ein fehlendes Risikobewusstsein des eigenen Onlineverhaltens, fehlende familiäre Ressourcen sowie eine auffällige sexuelle Entwicklung. Aufbauend auf den Erkenntnissen werden Handlungsempfehlungen für die Praxis der Ermittlung, Strafverfolgung und Prävention entwickelt. Merkmale Jugendlicher Cybergrooming-Täter*innen: Ergebnisse einer deutschlandweiten Hellfelderhebung Der Begriff Cybergrooming bezeichnet die Nutzung von Internet- und Kommunikationstechnologien durch Jugendliche und Erwachsene (≥14 Jahre) zur Beeinflussung von Kindern, um sexuellen Kontakt herzustellen (z.B. Cybersex, Erlangen von Darstellungen des sexuellen Kindesmissbrauchs oder sexueller Offline-Kontakt). Laut den Daten der Polizeilichen Kriminalstatistik sind Jugendliche dabei immer häufiger Tatverdächtige. Im Rahmen des Verbundprojekts CERES (Cybergrooming – Erforschung von Risikofaktoren und Ermittlungspraxis und Schutzmaßnahmen) wurden zur Erfassung des kriminologischen Hellfelds von Cybergrooming in Deutschland Analysen von 300 Strafverfahrensakten abgeurteilter Cybergroomern nach § 176 StGB Abs. 4 Nr. 3 (alt) aus allen deutschen Bundesländern aus den Jahren 2019/2020 durchgeführt. Erste Ergebnisse von n = 116 jugendlichen Täter*innen (14-21 Jahre) zeigten dabei Unterschiede zu erwachsenen Täter*innen (≥22 Jahre). Jugendliche Täter*innen wiesen weniger Paraphilien auf und berichteten häufiger Sensation-Seeking als Tatmotivation. Gleichzeitig nutzen sie mehr Erpressung und Aggressionen und sexualisierten das Gespräch schneller als erwachsene Täter*innen. Ebenfalls erhielten sie in der Hälfte aller Fälle Darstellungen sexuellen Kindesmissbrauchs von ihren Opfern. In weniger als 15% aller Fälle kam es zu einem Offline-Treffen. Im Vergleich zu erwachsenen Täter*innen handelte es sich bei jugendlichen Täter*innen meist um die erste Straftat. Insgesamt wurde beinahe die Hälfte aller Verfahren gegen jugendliche Täter*innen eingestellt. Jugendliche Cybergrooming-Täter*innentypen sowie spezifische Risikofaktoren für jugendliche Täter*innen werden diskutiert. Zukünftige Forschung sollte ebenfalls Unterschiede zwischen jugendlichen Cybergrooming-Täter*innen und anderen jugendlichen Sexualstraftäter*innen beleuchten. Eigenschaften und Risikofaktoren von Cybergrooming-Tätern im Dunkelfeld: Ein erster Überblick Es gibt wenig empirische Informationen über Merkmale und Risikofaktoren von Cybergrooming-Tätern. Bisherige Erkenntnisse basierten überwiegend auf qualitativen Daten, Chat-Protokollen mit Scheinkindern oder Fallanalysen: Ein Ziel unserer anonymen Online-Studie war es, einen Überblick über die relevanten Merkmale dieser Tätergruppe zu geben. N = 9310 männliche, deutschsprachige Teilnehmer machten Angaben zu bereits etablierten sowie internetspezifischen Risikofaktoren. Im Vergleich zu den anderen Teilnehmern waren die 191 Groomer (2,05%) jünger, gebildeter und schienen mehr Kontakt zu Kindern zu haben. Sie berichteten von mehr Einsamkeit und wiesen eine stärker antisozial ausgeprägte Persönlichkeitsstruktur auf. Überdies berichteten sie häufiger von eigenen Missbrauchserfahrungen in der Kindheit und auch häufiger von aktuellen devianten sexuellen Interessen und Verhaltensweisen (z.B. Hypersexualität, Konsum von Darstellungen von sexuellem Kindesmissbrauch (DSKM)). Sie wiesen ein höheres Maß an deliktfördernden Überzeugungen auf und konnten sich stärker emotional mit Kindern identifizieren. Außerdem verbrachten Groomer mehr Zeit im Internet, gaben deutlich häufiger an das Darknet zu nutzen und sich online enthemmter zu fühlen. Die Ergebnisse eines Random Forest Modells weisen darauf hin, dass das sexuelle Interesse an prä- und peripubertären Kindern, die Nutzung des Darknets, der Konsum von DSKM, oder deliktfördernde Kognitionen besonders aufschlussreich zur Unterscheidung der beiden Gruppen sind. Es wird diskutiert, inwieweit die Ergebnisse spezifisch für Cybergrooming-Täter sind. Disclosure-Erfahrungen nach Cybergrooming-Viktimisierung aus der Perspektive jugendlicher Betroffener Im Kontext sexueller Viktimisierung bezeichnet Disclosure den Prozess, bei dem sich Betroffene jemandem über ihre Viktimisierungserfahrungen anvertrauen, und ist zentral für die Ergreifung rechtlicher und therapeutischer Maßnahmen sowie die Beendigung der Viktimisierung. Disclosure-Prozesse nach Cybergrooming-Viktimisierung sind bislang unzureichend erforscht. Daher untersuchte diese Studie bei 400 jugendlichen Betroffenen (MAlter=15.58 Jahre, Mädchen: 57.5%) Gründe für und gegen Disclosure sowie Zusammenhänge zwischen Viktimisierung, Disclosure, der Reaktion der Vertrauensperson und Wohlbefinden. Die Ergebnisse zeigten, dass sich die meisten Betroffenen jemandem anvertrauten (Peers: 73%; Erwachsene: 55%). Es wurde eine Vielzahl von Gründen für Disclosure (z. B. Wunsch nach Verbesserung des Wohlbefindens) und gegen Disclosure (z. B. Angst vor Mobbing/sozialer Ausgrenzung) identifiziert. Es zeigten sich Unterschiede in den Gründen in Abhängigkeit der Vertrauensperson (Peers vs. Erwachsene; z. B. war das Berichten ähnlicher Erfahrungen durch andere ein stärkerer Grund für Disclosure gegenüber Peers als gegenüber Erwachsenen) und dem tatsächlichen Disclosure-Verhalten (Disclosure vs. Non-Disclosure; Gründe für Disclosure waren stärker bzw. Gründe dagegen weniger stark ausgeprägt bei sich anvertrauenden Betroffenen). Die erfassten wahrgenommenen Reaktionen der Vertrauenspersonen (Schuldzuweisungen, Glaube, Unterstützungsangebote) wurden überwiegend positiv bewertet. Strukturgleichungsmodelle zeigten, dass Cybergrooming-Viktimisierung und Unglaube durch Vertrauenspersonen negativ mit Wohlbefinden assoziiert waren, während Disclosure gegenüber Erwachsenen positiv damit assoziiert war. Zudem moderierten Schuldzuweisungen durch gleichaltrige und erwachsene Vertrauenspersonen den Zusammenhang zwischen Viktimisierung und Wohlbefinden: In der Gruppe der Betroffenen, die die Reaktion der Vertrauenspersonen positiv bewerteten, fiel der Zusammenhang am geringsten aus. Diese Ergebnisse unterstreichen die Schlüsselrolle von Peers im Disclosure-Prozess und die Notwendigkeit einer Kongruenz zwischen Gründen für Disclosure und den Reaktionen der Vertrauenspersonen. |
14:15 - 15:45 | Kriminalprognose: Risiko, Ressourcen & Verzerrung Ort: Max-Planck Saal Chair der Sitzung: Klaus-Peter Dahle |
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Forschungsreferat
Stichworte: Historical-Clinical-Risk Management 20, meta-analysis, predictive validity A meta-analysis on HCR-20 versions: The predictive validity of the second and third version of the HCR-20 1Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, Deutschland; 2Forschungsschwerpunkt: SECC The Historical-Clinical-Risk Management 20 (HCR-20) is a violence risk assessment tool based on the Structured Professional Judgment approach. The HCR-20 combines structured guidelines with clinical expertise to assess an individual’s risk of violence. The HCR-20 assesses 20 risk factors on a historical, clinical and risk-management scale. It has been translated into over 20 languages and was recently revised in its third version. This presentation provides an overview of a random-effects artefact-corrected meta-analysis on the predictive validity of the HCR-20 for delinquent recidivism in general and violent offenses. HCR-20 version, gender of the population, and context (prison vs. forensic hospitals) have been investigated as a-priori moderators in this meta-analysis. The present meta-analysis includes 32 primary studies. Primary studies that assessed the HCR-20 in German and English-speaking samples were included, with the majority originating from North America and the United Kingdom. The findings confirm a strong predictive validity (δ/SDδ > 2) both for general and violent recidivism, aligning with previous research. The results show substantial population effect size ratios (δ/SDδ > 2) for general and violent recidivism in forensic samples in prison and forensic hospitals. Both HCR-20 versions were predictive for general and violent recidivism (δ/SDδ > 2). Female samples were underrepresented, but the results show substantial population effect size ratios (δ/SDδ > 2) for both genders for general and violent recidivism. The Summary Risk Rating was rarely examined (k = 7) and showed no substantial effect. This meta-analysis highlights the predictive validity of HCR-20 versions and their subscales for delinquent recidivism. Forschungsreferat
Stichworte: Adverse Childhood Experiences, Missbrauch, Kriminalität, Begutachtung, Diagnostik Zu gut/schlecht um wahr zu sein? Zur Rolle sozialer Erwünschtheit bei der Erfassung von belastenden Kindheitserfahrungen, Psychopathie und Aggression 1Universität des Saarlandes, Deutschland; 2Universitätsmedizin der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz, Deutschland Belastende Kindheitserfahrungen (BK) werden in der Forschung als wichtige Einflussfaktoren für die Entwicklung und Aufrechterhaltung von kriminalitätsfördernden Persönlichkeitsmerkmalen, z. Bsp. Psychopathie, sowie aggressiven und delinquenten Verhaltensweisen diskutiert. Hinsichtlich der Erfassung dieser Konstrukte werden allerdings immer wieder Bedenken laut, inwiefern die Selbstauskünfte von straffällig gewordenen Menschen von sozial erwünschten Antworttendenzen geprägt sind. Um dieser Diskussion empirische Erkenntnisse beizusteuern, wurden zwei Studien durchgeführt: Zunächst wurden in einer Stichprobe von 231 erwachsenen Straffälligen deren im Begutachtungsprozess gemachten Selbstberichte betreffend BK (CTQ) mit analogen externen Einschätzungen (basierenden auf den Gutachten) verglichen. Straffällige selbst berichteten zwar höhere Ausprägungen von BK als extern festgestellt wurden, allerdings gab es einen starken Zusammenhang zwischen Selbst- und Fremdeinschätzung. In einer zweiten Studie wurden die Selbstauskünfte einer gemischten Stichprobe von 311 kriminellen und nicht-kriminellen erwachsenen Personen hinsichtlich BK (KERF), Psychopathie (FPP), Aggressivität (K-FAF) und sozialer Erwünschtheit (BIDR) untersucht. Personen mit krimineller Vorgeschichte zeigten höhere Ausprägungen bzgl. sozialer Erwünschtheit (p = .004) und BK (p = .026) als nicht-kriminelle Personen, wobei es keine signifikanten Unterschiede betreffend Psychopathie und Aggressivität gab. Unter Kontrolle von Alter und Geschlecht ergaben sich keine Zusammenhänge von sozialer Erwünschtheit und BK, allerdings bildeten sich signifikante negative Assoziationen zwischen sozialer Erwünschtheit und Psychopathie- bzw. Aggressivitätswerten (p = .009 bzw. p < .001) ab. Zusatzanalysen ergaben, dass diese negativen Zusammenhänge v.a. auf soziale Erwünschtheit im Sinne einer Fremdtäuschungsabsicht zurückzuführen waren. Soziale Erwünschtheit in Form der Selbsttäuschung war hingehen positiv mit den Psychopathieangaben assoziiert (p = .010). Implikationen für die Begutachtung und Behandlung von straffällig gewordenen Menschen werden diskutiert. Forschungsreferat
Stichworte: LSI-R, Risikofaktoren, Schutzfaktoren, Straftäter Risiko- zu Schutzfaktoren: Messen die LSI-R-Skalen neben kriminogene Risiken auch präventive Merkmale? Universität Hildesheim, Deutschland Über die Konzeptualisierung von Schutzfaktoren existieren unterschiedliche Meinungen. Einige Autoren fassen Schutzfaktoren als Gegenpole korrespondierender Risikofaktoren auf. Andere Autoren begreifen Schutzfaktoren als Merkmale, die in der Lage sind, einen Risikofaktor an seiner kriminogenen Entfaltung zu hindern und wieder andere halten beide Varianten für sinnvolle Konzepte. Die Autoren des LSI-R gehören offenbar zur erstgenannten Gruppe, wenn sie risikosenkende Effekte der Verbesserung dynamischer Risikofaktoren (DRF) in Richtung kriminalitätssenkender „strengths“ postulieren (z.B. Andrews et al., 2011). Dies würde bedeuten, dass die LSI-R-Skalen, die DRF zu messen suchen, bipolar wirkende Merkmale erfassen, die an ihren beiden Enden die Rückfallrisiken beeinflussen. Ein direkter empirischer Nachweis dieser These steht unseres Wissens aus. Anliegen des Beitrags ist es deshalb, die Hypothese bipolarer Effekte des LSI-R und seiner Skalen an unterschiedlichen Stichproben männlicher Straftäter zu überprüfen. Methodisch orientiert sich die Untersuchung dabei am Vorgehen in einer unlängst publizierten Arbeit von Walters et al. (2025), mit dem die Autoren die Hypothese bipolarer Konstrukte von Risikomessungen anhand der vier PCL-R-Facetten untersuchten. Forschungsreferat
Stichworte: Prognoseinstrumente, Level of Service Inventory-Revised, Prädiktive Validität, Vorhersage der Vorhersagbarkeit Zur Vorhersage der Vorhersagbarkeit - Eine Analyse von Einflussfaktoren auf die Güte von Kriminalprognosen am Beispiel des LSI-R Universität Hildesheim Kriminalprognostische Einschätzungen spielen eine zentrale Rolle im Justiz- und Maßregelvollzug sowie bei juristischen Entscheidungsprozessen. Im Zuge dessen werden vermehrt standardisierte Prognoseinstrumente eingesetzt. Trotz ihrer weiten Verbreitung weisen sie jedoch auch Grenzen auf. Ziel der vorliegenden Arbeit war es, den Einfluss ausgewählter demographischer, kriminologischer und psychopathologischer Faktoren auf die prädiktive Validität von Kriminalprognosen am Beispiel des Level of Service Inventory-Revised (LSI-R) an einer deutschen Gefangenenstichprobe (N = 435) zu prüfen. Ferner wurde untersucht, inwiefern sich diese Ergebnisse in einer Erwachsenen- (n = 313) und Jugendstichprobe (n = 122) unterscheiden. Dafür wurde eine Re-Analyse der Daten aus einer Evaluationsuntersuchung der sozialtherapeutischen Abteilung der Jugendstrafanstalt Berlin sowie den Berliner CRIME Forschungsprojekten durchgeführt. Es ließen sich sowohl für die Erwachsenen- als auch für die Jugendstichprobe Faktoren identifizieren, die die prognostische Güte des LSI-R beeinflussten. Dabei unterschieden sich die beiden Teilstichproben hinsichtlich der Art und Ausprägung der Einflussfaktoren. Abschließend liefern die Befunde Erkenntnisse über die Grenzen kriminalprognostischer Instrumente und betonen die Notwendigkeit einer differenzierten Betrachtung möglicher Einflussfaktoren auf die prädiktive Validität. Forschungsreferat
Stichworte: Level of Service Inventory-Revised, Schutzfaktoren, inkrementelle Validität, intramurales Fehlverhalten, Lockerungsmissbrauch Von Risiko zu Ressourcen: Potenziale dynamischer Schutzfaktoren im Level of Service Inventory-Revised 1MSH Medical School Hamburg, Deutschland; 2Justizvollzugsanstalt Fuhslbüttel, Freie und Hansestadt Hamburg Behörde für Justiz und Verbraucherschutz, Hamburg, Deutschland; 3Kriminologische Zentralstelle (KrimZ) Die Entwicklung der Risikobewertung im forensischen Kontext hat sich in den letzten Jahrzehnten zunehmend von rein defizitorientierten Risikomodellen hin zu Ansätzen bewegt, die auch protektive Faktoren einbeziehen. Diese Perspektivenerweiterung wird insbesondere durch das Good Lives Model (GLM) gestützt, das die Förderung individueller Stärken und prosozialer Lebensziele als integralen Bestandteil wirksamer Rehabilitation versteht. Aktuelle Befunde belegen, dass Schutzfaktoren inkrementelle Validität besitzen und über klassische Risikofaktoren hinaus zur Prognose relevanter Verhaltensweisen beitragen können. Das Level of Service Inventory – Revised (LSI-R) wurde primär für mittelfristige kriminalprognostische Einschätzung und darauf aufbauende Interventionsplanung entwickelt, findet jedoch zunehmend auch Anwendung in der Risikobewertung hinsichtlich intramuralem Fehlverhalten und Lockerungsmissbrauch. Als (relativ-) aktuarisches Instrument ermöglicht das LSI-R sowohl eine statistisch-nomothetische Erfassung von Risikofaktoren als auch Integration dieser Risikofaktoren in die klinisch-idiographische Einschätzung. Ein wesentliches Potenzial des LSI-R ist die Erfassung von dynamischen Schutzfaktoren, indem diese entweder durch Fehlen oder zufriedenstellende Ausprägung des entsprechenden Risikofaktors abgebildet werden können. Dieses Potenzial wurde bislang jedoch nicht systematisch untersucht. Ziel der vorliegenden Studie ist daher, zu überprüfen, ob die Einbeziehung dynamischer Schutzfaktoren in die statistisch-nomothetische Auswertung des LSI-R die prognostische Validität hinsichtlich intramuralem Fehlverhalten und Lockerungsmissbrauch erhöht. Hierzu wurden retrospektiv 130 LSI-R Erhebungen männlicher Inhaftierter einer Justizvollzugsanstalt zum Zeitpunkt der Behandlungsuntersuchung vorgenommen; als Kriteriumsvariablen dienen dokumentierte Auffälligkeiten während Haft und Lockerungen bis zur jeweils jüngsten Fortschreibung des Resozialisierungsplans. Die Ergebnisse werden vor dem Hintergrund der bisherigen umfangreichen Forschungsbefunde zum LSI-R diskutiert. Der innovative Blick auf das etablierte LSI-R soll die klinisch idiografische Anwendung des Instruments evidenzbasiert unterstützen. |
14:15 - 15:45 | Justice and Punishment Ort: Kleiner Saal Chair der Sitzung: Mathias Twardawski |
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Forschungsreferat
Stichworte: Gewalt, Person-Situation, General Aggression Model Aggression und Gewalt im Alltag: Ein empirischer Test des General Aggression Models Universität Innsbruck, Österreich Aggression und Gewalt sind weit verbreitete Phänomene, die nicht nur in extremen Situationen, sondern auch im Alltag häufig auftreten. Das General Aggression Model (GAM) von Anderson und Bushman (2002) bietet einen integrativen Rahmen, um die Entstehung von Aggression und Gewalt zu erklären. Basierend auf dem GAM untersuchten wir, ob dispositionelle und situative Faktoren Einfluss auf den aggressiven inneren Zustand einer Person haben (der aus aggressiven Kognitionen, Gefühlen und physiologischer Erregung besteht), der wiederum zu Aggression und Gewalt führen kann. In einer Experience-Sampling-Studie beantworteten 403 Teilnehmer über einen Zeitraum von zwei Wochen insgesamt 7.558 Fragebögen. Verbal aggressives Verhalten wurde 175 Mal berichtet, 23 Mal wurde gewaltsames Verhalten beschrieben. In 17 Fällen wurden sowohl Gewalt als auch verbale Aggression angegeben. Wie erwartet war es wahrscheinlicher, dass Teilnehmer einen aggressiven inneren Zustand zeigten, je höhere Werte sie auf antagonistischen Persönlichkeitsmerkmalen (z. B. Trait Aggression, Narzissmus, Psychopathie, Sadismus) hatten und je mehr zwischenmenschliche, intrapersonale und umweltbedingte Auslöser sie erlebten. Aggression und Gewalt waren positiv mit Trait Aggression, Psychopathie, Sadismus und allen situativen Auslösern verbunden. Wie durch das Modell ebenfalls vorhergesagt, wurde der Einfluss von antagonistischen Persönlichkeitsmerkmalen und situativen Auslösern auf Aggression und Gewalt durch den aggressiven inneren Zustand erklärt. Insgesamt lässt sich der Prozess, durch den persönliche und situative Variablen Aggression und Gewalt im Alltag vorhersagen, gut durch das GAM erklären. Unsere Befunde haben Implikationen für die Gewaltprävention und Resozialisierung von Straftätern. Forschungsreferat
Stichworte: Rechtsempfinden, Glaube an eine gerechte Welt, Gerechtigkeitssensitivität Theory of Justice: Der Glaube an eine gerechte Welt als zentrale Facette unseres Rechtsempfindens Universität Duisburg-Essen, Deutschland Gerechtigkeit ist eine grundlegende Voraussetzung für das menschliche Zusammenleben. Daher ist die Erörterung von Gerechtigkeitsfragen in der Politik, Gesetzgebung und Rechtsprechung omnipräsent. Gerechtigkeit wird aber auch in der Psychologie in nahezu allen Teildisziplinen behandelt. So fragt die Persönlichkeitspsychologie nach individuellen Unterschieden bei der Ungerechtigkeitssensitivität oder die Klinische Psychologie nach deren Bedeutung für das Aufkommen von psychischen Störungen. Dabei besteht vor allem zum Konzept des Glaubens an eine gerechte Welt (GWG) eine umfassende Forschungsbasis. So läge dem GWG eine Art persönlicher Vertrag zugrunde, welchen Menschen über die Zeit mit ihrer Umwelt schließen. Es wird postuliert, dass Menschen ein fundamentales Bedürfnis nach einer gerechten Welt haben, in der gilt, dass jeder bekommt, was er verdient und zugleich verdient, was er bekommt. Nach einer Einführung in den aktuellen Forschungsstand soll zunächst problematisiert werden, dass wir keine hinreichend klare Konzeption des in diesem Zusammenhang verwendeten Gerechtigkeitsbegriffs haben. Anschließend soll systematisch herausgearbeitet werden, dass es sich beim GWG um eine Facette unseres allgemeinen Rechtsempfindens handelt. Es ist dieses kulturübergreifend vorhandene Rechtsempfinden, das dem positiven Recht (z.B. Gesetztestexten) vorausgeht. Wir haben ein Gespür dafür, dass etwas richtig oder falsch bzw. gerecht oder ungerecht ist. Aus psychologischer Perspektive bestehen starke Parallelen zum so genannten Konzept der Theory of Mind, sodass man in diesem Kontext auch von einer Theory of Justice sprechen könnte. Dieses personale oder subjektive Verständnis der Gerechtigkeit fungiert als subjektive (Hintergrund-)Theorie oder als eine Art Glaubenssatz, was als Teil unseres Menschen- und Weltbildes unsere Grundhaltung dem Leben, den Mitmenschen und der Welt gegenüber widerspiegelt. Forschungsreferat
Stichworte: Punishment Goals, Interdisciplinary Literature, Experts Why Do People Punish? A Unified Framework for Punishment Goals Ludwig-Maximilians-Universität München, Deutschland Over decades, extensive research has been devoted to understanding people’s responses to others’ immoral behavior and norm violations, with particular emphasis on punishment as a key reaction. A major focus of this research has been to examine the goals people seek to achieve when punishing immoral behavior. This question has been explored across various disciplines, including philosophy, sociology, criminology, economics, and psychology. However, this interdisciplinary attention comes at the expense of precision and clarity. Scholars frequently discuss the same phenomenon under different labels—or use the same labels while referring to distinct concepts—creating language barriers between disciplines. To bridge these disciplinary divides, we developed a framework that systematically maps the goals underlying punishment. Our research aimed to answer two key questions: (1) What punishment goals are discussed in the interdisciplinary literature? (2) How are these goals conceptually related? To address the first question, we conducted a comprehensive review of the interdisciplinary literature on laypeople’s punishment goals. Rather than relying on inconsistent terminology (i.e., labels), we extracted conceptual definitions of punishment goals. This systematic review identified 1,622 definitions across 2,227 published articles. Using qualitative content analysis, we categorized these definitions into 27 distinct punishment goal categories, capturing the breadth of perspectives in interdisciplinary research. To explore how these goals are conceptually related, we conducted Repertory Grid interviews with 48 experts in punishment research and legal practice. Insights from these interviews informed the development of a theoretical framework that provides a comprehensive perspective on individuals’ punishment goals. Forschungsreferat
Stichworte: prosecution of prejudice-motivated violence, dual process model, political ideologies Nuancing Authoritarianism: Relations between RWA's Subdimensions, SDO and Support for Prosecuting Prejudice-Motivated Violence 1Zentrum für Kriminologische Forschung Sachsen e.V., Deutschland; 2Technische Universität Chemnitz; 3FernUniversität Hagen Prejudice-motivated crimes are criminal acts driven by biases against characteristics such as nationality, religion, or sexual identity. Right-Wing Authoritarianism (RWA) and Social Dominance Orientation (SDO), both robust predictors of prejudice toward a range of marginalized groups, were found to be positively correlated with attitudes toward prejudice-motivated crime (Bacon et al., 2021; Kehn et al., 2023). However, Bilewicz et al. (2017) found in a Polish sample that while higher RWA predicted greater prejudice, it also correlated with stronger support for banning hate speech, particularly for groups protected by Polish social norms (e.g., Africans, Ukrainians). SDO, in contrast, was consistently associated with higher levels of prejudice and opposition to hate speech bans. In this preregistered study we aimed at replicating Bilewicz et al.'s findings with regard to prejudice-motivated violence in a German sample (N = 3,652). Multiple linear regression analyses were conducted with RWA and SDO as predictors for prejudice toward several groups and support for prosecuting prejudice-motivated violence. Results confirmed SDO's positive relationship with prejudice and opposition to prosecuting such crimes, aligning with prior research. RWA, however, showed no significant overall effects. A more detailed analysis of its subdimensions aggression, submission, and conventionalism revealed distinct and at times opposing effects on both outcome variables, with notable variations depending on whether target groups were categorized as “norm-threatening” or “non-threatening”. These findings add to previous findings on the differentiation of the RWA subdimensions and will be discussed with regard to their role in shaping attitudes toward prejudice-motivated violence. Forschungsreferat
Stichworte: Third-party punishment, victim empowerment, retributive justice You Are Not Alone - Third-party Punishment by Individuals and Groups Empowers Victims 1University of Limerick, Irland, Republik; 2Freie Universität Berlin Punishment serves as a tool to communicate with offenders and to prevent them from future transgressions. Likewise, punishment sends a signal to victims. However, surprisingly little is known how third-party punishment affects victims. In five preregistered experiments, we demonstrate that third-party punishment empowers victims, and that this is amplified when it is performed by the entire group and not an individual third party. Mediational analysis and causal chain designs show that punishment validates jeopardized norms while re-establishing victims’ status as group members, thereby empowering them. Further, we mimic punishment in different societal sanctioning institutions, such as peer punishment, punishment via a designated punisher (mimicking a judge in judicial contexts), and via an elected representative (mimicking a democratic leader), and examine their empowering effect on victims. The findings emphasize the effects that punishment has on victims and contribute to the understanding of how this supports victims to cope effectively with their experiences. |
15:45 - 16:15 | Kaffeepause Ort: Foyer |
16:15 - 17:45 | Fachgruppensitzung Ort: Großer Saal |
17:45 - 18:45 | Preisverleihung Nachwuchswissenschaftler*innen Ort: Großer Saal |
19:00 | Gesellschaftsabend |
Datum: Mittwoch, 10.09.2025 | |
8:45 - 9:30 | Open Science und Rechtspsychologie: (Zwischen-)Ergebnisse und Diskussion der Arbeitsgruppe "Open Science" der Fachgruppe Rechtspsychologie Martin Rettenberger, Sonja Etzler, Alexander Schmidt, Verena Oberlader, Kristina Suchotzki, André Körner Ort: Großer Saal |
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Positionsreferat
Stichworte: Open Science, Rechtspsychologie, Präregistrierung, Open Data, Wissenschaftskommunikation Ausgehend von der Replikationskrise wurden in den letzten Jahren unter der Überschrift „Open Science“ vielfältige Maßnahmen diskutiert, um psychologische Forschung transparenter, nachvollziehbarer und reproduzierbarer zu gestalten. Dabei wurden international wie im deutschsprachigen Raum nicht nur revidierte und neue Forschungspraktiken und Publikationsformen thematisiert, sondern auch intensiv über Veränderungen in der universitären Lehre nachgedacht, um die Implikationen, die aus diesem umfangreichen und komplexen Diskussionsprozess resultierten, bereits in der Aus- und ggf. der Weiterbildung (angehender) Psychologinnen und Psychologen zu integrieren. Neben diesem vorrangig das fachliche Binnenverhältnis betreffenden und damit eher nach innen gerichtetem Blick umfasst Open Science aber auch die Kommunikation nach außen, d. h. die Kommunikation zwischen Vertreterinnen und Vertreter der Wissenschaft und unterschiedlichen Akteurinnen und Akteuren aus (Zivil-)Gesellschaft und Politik. Aufgrund der spezifischen Themen, Aufgaben und Gruppen von Probandinnen und Probanden, mit denen sich die Rechtspsychologie beschäftigt, bestehen bei der Umsetzung und Weiterentwicklung von Open Science-Maßnahmen besondere Herausforderungen, die sich unter anderem aus den unterschiedlichen fachinhärenten Spannungsfeldern ergeben. Gleichzeitig ergeben sich aus der Diskussion über die Umsetzung und ggf. Anpassung von Open Science-Maßnahmen im Bereich der Rechtspsychologie auch Chancen für das Fach, die ebenfalls in diesem Vortrag diskutiert werden sollen. Es werden die folgenden Bereiche thematisiert: 1. Präregistrierung von Studien; 2. Offene Daten und Materialien; 3. Open Access Publikationen; 4. Anreizstrukturen; und 5. Wissenschaftskommunikation. Im vorliegenden Beitrag werden (Zwischen-)Ergebnisse des Diskussionsprozesses der Arbeitsgruppe „Open Science“ der Fachgruppe Rechtspsychologie vorgestellt und diskutiert. |
8:45 - 9:30 | Sozialtherapie im Jugendstrafvollzug: Ausgang oder Drehtür? Joscha Hausam Ort: Max-Planck Saal |
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Positionsreferat
Stichworte: Jugendstrafvollzug, Sozialtherapie, Prognose, Desistance Junge straffällige Männer stellen aufgrund ihrer häufig belasteten Biografien und sozial benachteiligten Lebensverhältnissen eine besondere Zielgruppe im Strafvollzug dar. Vor diesem Hintergrund erscheinen die hohen Rückfallquoten nach verbüßter Jugendstrafe wenig überraschend. Internationale Studien zeigen jedoch, dass therapeutisch ausgerichtete Maßnahmen bei dieser Klientel positive Effekte erzielen können. In Deutschland wurde im Zuge der Föderalismusreform die Sozialtherapie im Jugendstrafvollzug gesetzlich verankert – in der Hoffnung auf bessere Resozialisierungschancen für eine besonders rückfallgefährdete Klientel. Bislang fehlt es allerdings an hinreichender wissenschaftlicher Evidenz zur Wirksamkeit dieser Maßnahme im Jugendstrafvollzug. Auf Grundlage von zehn Jahren Forschung im Berliner Jugendstrafvollzug befasst sich der Beitrag zunächst mit den Besonderheiten der Prognose bei Jugendlichen. Es wird gezeigt, wie zuverlässig Prognoseinstrumente sind und ob tatsächlich die „Richtigen“ in die Sozialtherapie aufgenommen werden. Anschließend werden die Herausforderungen bei der Behandlung einer schwierigen Klientel thematisiert, insbesondere im Hinblick auf eine hohe Gewaltbereitschaft und geringe Therapiemotivation vieler Jugendlicher. Neben kurz- und mittelfristigen Effekten wird die rückfallreduzierende Wirksamkeit der Sozialtherapie anhand der Legalbewährung nach Entlassung untersucht. Abschließend werden Ergebnisse aus Nachbefragungen rund zehn Jahre nach Haftentlassung vorgestellt. Mit einem qualitativen Zugang werden die Perspektiven, Erfahrungen sowie subjektiven Erklärungs- und Deutungsmuster der jungen Männer in den Vordergrund gerückt. Der Fokus liegt auf Prozessen der Desistance. Ziel des Beitrags ist es, bestehende Ansätze kritisch zu beleuchten und Impulse für eine evidenzbasierte Weiterentwicklung der Sozialtherapie im Jugendstrafvollzug zu geben. |
8:45 - 9:30 | Zum Potenzial der 19 deutsch-sprachigen Realkennzeichen als forensisch-diagnostischem Inventar Anja Leue Ort: Kleiner Saal |
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Positionsreferat
Stichworte: Realkennzeichen, Validierung, forensisch-diagnostische Auswertung, DINScreen Die gerichtliche Beauftragung aussagepsychologischer Gutachten hat in Deutschland eine langjährige und interdisziplinäre Tradition. Der Beitrag stellt eine aktuelle Einordnung der aussagepsychologischen Grundlagen in den rechtswissenschaftlichen Kontext und in den forensisch-diagnostischen Kontext dar. Vor dem Hintergrund der Mindestan-forderungen für aussagepsychologische Begutachtungen können die 19 deutsch-sprachigen Realkennzeichen von Köhnken (1982, 2003) in einen theoretischen Rahmen der menschlichen Informationsverarbeitung eingeordnet wie auch in ein etabliertes Hypothesenmodell. Anlasssituationen für psychologische Begutachtungen und Bundesgerichtshof-Urteile, die sich auf die deutsch-sprachigen Realkennzeichen beziehen, werden vorgestellt, um die Relevanz der 19 deutsch-sprachigen Realkennzeichen für die aussagepsychologische Begutachtungs- und Forschungspraxis in Deutschland hervorzuheben. Mit Bezug zur psychometrischen Einzelfalldiagnostik werden Auswertungsparameter für die aussagepsychologische Einzelfallauswertung beschrieben. Ein Vorgehen zur normorientierenden Vorstandardisierung für die 19 deutsch-sprachigen Realkennzeichen wird zusammen mit einer Interpretationsempfehlung vorgestellt. Die 19 deutsch-sprachigen Realkennzeichen können verschiedenen diagnostischen Gütekriterien zugeordnet werden. Vor dem Hintergrund einer ebenfalls langjährigen empirischen Validierung der Realkennzeichen stellt der Beitrag auch ein Plädoyer für eine digital-gestützte Anwendung und Dokumentation der 19 deutsch-sprachigen Realkennzeichen für die zukünftige Forschung und gutachterliche Praxis dar. Dieses fachliche Plädoyer soll auch dadurch gestärkt werden, dass das Potenzial der 19 deutsch-sprachigen Realkennzeichen als diagnostisches Inventar mittels DINScreen Fragen (Kersting, 2018) exemplarisch gezeigt wird. Perspektiven für neuere empirische Studien zu den 19 deutsch-sprachigen Realkennzeichen werden im Hinblick auf Trainingsstudien und die Untersuchung von Parametern aus der diagnostischen psychometrischen Einzelfalldiagnostik skizziert. |
9:45 - 10:45 | Pushing the Boundaries of Correctional Practice with People with Sexual Convictions: Moving from Intuition, to Evidence-Based, to…Compassion? Nicholas Blagden Ort: Großer Saal |
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Keynote
In relatively recent history within correctional rehabilitation, an individual’s disclosures of their own abusive histories were seen as excuses, justifications, or cognitive distortions. There is now a recognition of traumas experienced by men with sexual convictions, and a growing understanding of how rehabilitative intervention can work with such experiences. This presentation unpacks the developments in correctional practice from intuitive-led adversarial approaches, to evidence-led and trauma-informed holistic therapeutic approaches. The presentation details new approaches to intervention including those balancing an RNR framework with desistance principles and a biopsychosocial (BPS) model of human behaviour to improve intervention. The core argument in this presentation is that correctional practice needs to adhere more closely to principles of compassion in order to promote meaningful self-change (Blagden et al, 2024). Drawing on compassion-focused therapy (Gilbert, 2010; Hocken & Taylor, 2021) can provide the means of working in a trauma-informed way with those with sexual convictions or at-risk of offending. A turn towards compassionate practice is important not just in helping men lead offence-free lives, but also for reducing harm, sexual victimisation and potentially preventing sexual abuse through primary prevention. |
10:45 - 11:15 | Kaffeepause Ort: Foyer |
11:15 - 12:45 | Psychological Mechanisms of Radicalization Ort: Großer Saal |
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Symposium
Stichworte: Radicalization, Islamism, Right-Wing Extremism, Left-Wing Extremism, Mixed Methods Beiträge des Symposiums Biographical Trajectories of Islamist-Radicalized Women: A Qualitative Analysis Since 2011, more than 1,150 people have left Germany for areas controlled by the so-called Islamic State. Approximately 25 percent of these individuals are women. Furthermore, Islamist supporters and terrorists have emerged within Germany. The causes of their radicalization remain largely unexplored. The research project FEMRA (Female Radicalization) aims to investigate the radicalization of women more deeply. In the project's first phase, nine semi-structured interviews were conducted with formerly Islamist-radicalized women. These interviews focused on the women's biographies, their individual radicalization processes, and the radical acts they initiated. This talk summarizes the findings regarding their biographical trajectories. Analysis of the interviews using MAXQDA revealed that women who became radicalized by Islamist behavior later in life increasingly reported problematic circumstances during their childhood and adolescence. These issues included abuse, strained relationships with their parents, and psychological issues affecting both the parents and the participants. This talk provides under-researched insights into the biographies of female radicalization, making a relevant contribution to gender-sensitive radicalization research. Furthermore, it opens up possibilities for developing prevention and deradicalization strategies. Group Dynamics as a Key Driver of Women’s Radicalization While there has been significant research on the radicalisation of men, comparatively little research has been conducted on the radicalisation processes of women. It is widely acknowledged that women assume a variety of roles within extremist organisations, including recruitment, weapons procurement, financial provision, familial roles and, in some cases, direct participation in terrorist activities. The FEMRA (Female Radicalisation) research project aims to investigate the psychological processes behind female radicalisation. A mixed-method approach was selected for the present purpose. In the initial phase of the project, qualitative interviews were conducted with 14 radicalised women from Islamist and right-wing extremist contexts, as well as with 15 experts. In the subsequent phase of the project, judgments of women convicted of relevant offences in German-speaking countries were coded. Preliminary findings indicate that group dynamic processes are crucial in the radicalisation of women. The data suggest that social mechanisms within the in-group act as a driving force that intensifies both attitudinal and behavioural radicalisation and can lead to a willingness to use violence. These findings carry significant implications for the development of effective prevention and deradicalisation strategies. Risk Factors for Radicalism: The Impact of Social Exclusion Social exclusion makes people feel deprived in their fundamental psychological needs and more susceptible to social influence. Deprivation of basic psychological needs and susceptibility to social influence are, in turn, risk factors for radicalism, which suggests a possible link. Previous research does indeed point to such a connection between exclusion and radicalism. However, the conditions under which this relationship emerges remain unknown. We investigated how radicalism among socially excluded individuals manifests not only compared to included individuals, but also to a neutral condition. We examined whether the relationship between social exclusion and radicalism emerges for radical intentions and radical behaviours alike and whether the effect persists when excluded individuals are offered alternative response options to react. This was investigated in two online experiments. Participants from Germany (Study 1) and the U.S. (Study 2) were included, excluded, or assigned to a neutral condition using the Cyberball- and the Ostracism-Online-Paradigm. Then, radical intentions and behaviours – in some cases additionally to other response options – were measured. Initial results were unable to replicate the link between social exclusion and radicalism. The chosen behavioural measure revealed a strong floor effect. However, a link did emerge between inclusion and radical intentions, especially among individuals at the edges of the political spectrum. The findings expand the fundamental understanding of the relationship between exclusion and radicalism and therefore significantly contribute to identifying risk factors for radicalism. Radicalization in Left‑Wing, Right‑Wing, and Religiously Motivated Extremism: An Empirical Test of a Comprehensive Model Why does terrorism exist? Especially when it comes to homegrown terrorism, the concept of radicalization plays an important role. Radicalization is a gradual process that involves socialization into an extremist belief system that prepares individuals to use violence, even if violence is not necessarily used. A wide variety of theoretical and empirical studies have attempted to shed light on this process. However, there is currently no comprehensive model of radicalization and no thorough differentiation between ideologies. The EMRA research project aimed to investigate these outstanding issues. A mixed-methods approach was used, coding archive data from 370 radicalized actors, taken from case files of the German domestic intelligence service on the one hand and from publicly available sources on the other. A large number of variables drawn from theories, past findings, and practical experience were included, allowing for a comprehensive model of radicalization to be examined. It was evident across ideologies that certain factors can make people open to extremism, but that need-oriented and especially group and disinhibitory processes drive radicalization. In terms of specific risk factors, overlaps were particularly evident between religiously motivated and right-wing extremism. EMRA closes several gaps in the field of terrorism research, which suffers from a lack of quantitative research findings and differentiation between radicalization factors in different ideologies. The patterns in the biographies of radicalized individuals identified in the data could be useful both for predicting radicalization processes and for developing approaches to prevention and deradicalization. |
11:15 - 12:45 | Konsum von Missbrauchsabbildungen Ort: Max-Planck Saal |
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Symposium
Stichworte: Missbrauchsabbildungen, Kinderpornografie, sexuelles Interesse an Kindern, Strafvollzug, Bewährungshilfe Beiträge des Symposiums Vom User zum Täter? Problematische Internetnutzung und der Konsum von Missbrauchsabbildungen Die Prävalenz des Konsums von Missbrauchsabbildungen (MBA) ist in den letzten Jahren drastisch gestiegen. Vor dem Hintergrund verschärfter gesetzlicher Regelungen stellt dies Strafvollzug und Bewährungshilfe vor neue Herausforderungen – insbesondere im Umgang mit einem Tätertypus, der sich in wesentlichen Merkmalen von Kontakttätern unterscheidet. Charakteristisch für diesen Typ scheint ein stärkeres sexuelles Interesse an Kindern bei gleichzeitig geringer antisozialer Neigung. Kaum geklärt ist jedoch, welche Rolle das Internet bei der Entstehung und Aufrechterhaltung des MBA-Konsums spielt. Der vorliegende Beitrag richtet den Fokus daher auf die Bedeutung problematischer Internetnutzung im Zusammenhang mit MBA-Konsum. Hierzu wird zunächst eine deutsche Übersetzung des Fragebogens Online Cognition Scale (OCS) vorgestellt, der relevante kognitive und verhaltensbezogene Dimensionen problematischer Internetnutzung erfasst (z. B. verminderte Impulskontrolle und soziale Unterstützung im Internet). Untersucht werden Zusammenhänge mit verwandten Konstrukten (z. B. problematischer Pornografiekonsum), deliktbegünstigenden Kognitionen (z. B. „Die virtuelle Welt ist nicht real“) sowie Tendenzen zur Schuldexternalisierung („Das Internet ist schuld an meinem Konsum“). Die Grundlage bilden Daten der multimethodalen COMBAT-Studie mit 92 Männern, die wegen Sexualdelikten an Kindern verurteilt wurden und sich in Berliner Justizvollzugsanstalten oder der Bewährungshilfe befanden (78 % mit MBA-Konsum). Der Beitrag beleuchtet differenzierte Zusammenhänge zwischen problematischer Internetnutzung und Delinquenzmerkmalen bei MBA-Konsumenten und diskutiert Anknüpfungspunkte für Diagnostik, Prognose und Behandlung. Deliktbegünstigende Kognition bei Konsumenten von Missbrauchsabbildungen: Validierung der Internet Cognitions und Implicit Theories Evaluation (INCITE) Deliktunterstützende Kognitionen gelten als zentraler Risikofaktor für sexuelle Rückfälligkeit und sind daher ein wichtiger Bestandteil der forensisch-psychologischen Diagnostik. Für Konsumenten von Missbrauchsabbildungen (MBA) existieren jedoch nur wenige validierte Instrumente zur Erfassung spezifischer deliktbegünstigender Kognitionen. Der Fragebogen Internet Cognitions & Implicit Theories Evaluation (INCITE) wurde eigens für diese Zielgruppe entwickelt und erfasst kognitive Schemata, die den Konsum von MBA begünstigen. Ziel der vorliegenden Studie ist die Validierung der ersten deutschsprachigen Version der INCITE. Dabei werden die faktorielle Struktur, die konvergente Validität mit verwandten Konstrukten (z.B. emotionale Kongruenz mit Kindern) sowie die inkrementelle Validität der INCITE gegenüber etablierten Risikofaktoren im Hinblick auf das statistische Rückfallrisiko (CPORT) untersucht. Die Daten stammen von verurteilten Probanden mit MBA-Delikten (n = 71). Die Studie soll einen Beitrag zur Weiterentwicklung risikodiagnostischer Verfahren leisten und die Grundlage für eine gezieltere Risikoabschätzung sowie individualisierte therapeutische Interventionen bei MBA-Tätern schaffen. Prädiktoren deliktbezogener Schuld und Scham bei Konsumenten von Missbrauchsabbildungen Schuld- und Schamgefühle als emotionale Reaktionen auf eigenes kriminelles Verhalten können die Motivation zur Veränderung maßgeblich beeinflussen. Obwohl eng miteinander verwandt, können Schuld und Scham gegensätzliche Auswirkungen auf kriminelle Rückfälligkeit haben. Kognitive Prozesse wie Bewerten und Schlussfolgern spielen eine zentrale Rolle für das emotionale Erleben. Vor diesem Hintergrund untersucht die Studie, welche kognitiven Bewertungen mit deliktbezogener Schuld und Scham bei Konsumenten von Missbrauchsabbildungen (MBA) assoziiert sind. Berücksichtigt wurden sowohl MBA-spezifische Kognitionen (z. B. „Kinderpornografie stellt eine Fantasiewelt dar“) als auch allgemeine Bewertungen (z. B. „Es ist ok das Gesetz zu brechen, solange man nicht erwischt wird“). Die Daten wurden über Selbstbericht-Fragebögen und teilstandardisierte Interviews erhoben. Befragt wurden 71 Männer, die aufgrund von MBA-Delikten verurteilt worden waren und sich entweder in Berliner Justizvollzugsanstalten oder im Rahmen der Bewährungshilfe befanden (n = 71). Die Ergebnisse sollen zu einem besseren Verständnis kognitiv-affektiver Dynamiken im Kontext sexueller Online-Delinquenz beitragen und Hinweise für Rückfallprognose und Interventionen liefern. Sexuelles Interesse bei Konsumenten von Missbrauchsabbildungen: Konvergente Validität von CASIC und Viewing Time Meta-analytische Befunde weisen darauf hin, dass Konsumenten von Missbrauchsabbildungen (MBA) ein stärker ausgeprägtes sexuelles Interesse an Kindern haben als Täter mit Kontaktstraftaten. Bislang fehlen valide und praxistaugliche Instrumente zur Diagnostik pädophiler Interessen – insbesondere bei nicht einschlägig vorbestraften Personen. Der vorliegende Beitrag untersucht daher die konvergente Validität zweier unabhängiger Indikatoren für sexuelles Interesse bei ausschließlich wegen MBA verurteilten Tätern (n = 71): CASIC (Correlates of Admission of Sexual Interest in Children), ein verhaltensbasiertes Fremdrating mit sechs Items (z. B. Besitz kinderpornografischer Videos, Online-Kommunikation mit Minderjährigen), sowie ein Viewing-Time-Paradigma, das anhand von Reaktionen auf Bildstimuli Rückschlüsse auf sexuelle Präferenzen erlaubt. Ziel ist es, die Anwendbarkeit eines multimethodalen Ansatzes nach dem Konvergenzprinzip zu prüfen, um die Diagnostik und Rückfallprävention bei MBA-Tätern zu verbessern. Wenn die Ermittlung zur Belastung wird: Sekundäre Traumatisierung in der Polizeiarbeit mit Missbrauchsabbildungen Vor jeder Verurteilung wegen der Verbreitung, des Erwerbs und des Besitzes kinder- und jugendpornografischer Inhalte steht eine vorangegangene Ermittlung durch die Strafverfolgungsbehörden. Diese Perspektive wird im wissenschaftlichen Diskurs in Deutschland bislang nur selten berücksichtigt. In diesem Beitrag geht es um den Symptomkomplex der sekundären Traumatisierung in der ermittlerischen Arbeit mit Missbrauchsabbildungen (MBA), wobei die sekundäre Traumatisierung als eine Belastung durch nicht selbst erlebte (potenziell) traumatische Inhalte definiert wird. Ziel war es zu untersuchen, inwiefern Symptome einer sekundären Traumatisierung bei Beamt:innen, die in ihren Ermittlungen mit MBA konfrontiert sind, vorliegen, und wie sowohl die Mentalisierungsfähigkeit als auch das epistemische Vertrauen in dieser Stichprobe beschaffen sind. In einem quasi-experimentellen Design wurden mittels Fragebögen Daten erhoben, um (1.) die Prävalenz und Symptomstärke einer sekundären Traumatisierung in Bezug zur Arbeit mit dem Material zu erfassen und (2.) zu bestimmen, welches Medium dafür als größter Risikofaktor gilt. Daran anschließend wurden (3.) die Symptome einer möglichen sekundären Traumatisierung mit der Mentalisierungsfähigkeit sowie dem epistemischen Vertrauen in Bezug gesetzt. Die Stichprobe bestand aus Beamt:innen der entsprechenden Dezernate der Länder, die sich mit Sexualdelikten in Verbindung mit MBA beschäftigen. Insgesamt nahmen 47 Personen aus sieben Bundesländern teil. Zusätzlich wurde in der Berliner Polizei eine Kontrollstichprobe mit 82 Beamt:innen erhoben, die zu dem Zeitpunkt der Befragung noch keinen Kontakt zu MBA hatten. Der Vergleich dieser beiden Gruppen soll praxisrelevante Anhaltspunkte dafür liefern, wie die belastende Arbeit mit Missbrauchsabbildungen zukünftig gestaltet und begleitet werden kann. |
11:15 - 12:45 | Bedrohungsmanagement und Gefährlichkeitseinschätzung aus polizeipsychologischer und viktimologischer Perspektive Ort: Kleiner Saal |
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Symposium
Stichworte: Bedrohungsmanagement, Kriminalprognose, Polizeipsychologie, Generationengewalt, Terrorismus Beiträge des Symposiums Polizeiliches Bedrohungsmanagement in Hessen – Bewertung des Risikos einer schweren zielgerichteten Gewalttat aus polizeipsychologischer Perspektive Nicht zuletzt aufgrund der verschiedenen schweren Gewaltstraftaten der vergangenen Jahre wird dem polizeilichen Bedrohungsmanagement und der Früherkennung schwerer zielgerichteter Gewalt eine besondere Bedeutung beigemessen. Innerhalb der hessischen Polizei besteht bereits seit etwa 15 Jahren ein Bedrohungsmanagement, welches stetig fortentwickelt wird. Die Bewertung der Wahrscheinlichkeit einer schweren zielgerichteten Gewalt durch bestimmte Personen erfolgt dabei auf Grundlage wissenschaftlich fundierter Risikofaktoren und einer strukturierten Einzelfallbetrachtung für verschiedene Phänomenbereiche, wie beispielweise häusliche Gewalt, Stalking, Amokverdacht, politisch motivierte Kriminalität sowie Gewalt- und Sexualdelinquenz. Die polizeipsychologische Tätigkeit stellt dabei u. a. eine konzeptionelle sowie operative Beratungsleistung für die Polizei dar. In konkreten Fällen wird die polizeiliche Gefährdungsbewertung anhand der psychologischen Expertise ergänzt. Auf Grundlage der Gefährdungsbewertung können polizeiliche Maßnahmen geplant und durchgeführt werden. Die Arbeit des Zentrums für polizeipsychologische Dienste und Services in Hessen sowie die Möglichkeiten und Grenzen der behördenübergreifenden Zusammenarbeit zur Verhinderung schwerer zielgerichteter Gewalttaten werden vorgestellt und anhand polizeipraktischer Fallbeispiele erläutert. Die Risikoeinschätzung von politisch motivierten schweren Gewalttaten: Vorstellung des RADAR-Systems am Beispiel von RADAR-iTE Die Bedrohung durch islamistischen Terrorismus und Rechtsextremismus ist in Deutschland nach wie vor erhöht. Dazu beigetragen haben in den letzten Jahren z.B. die Ereignisse im Nahen Osten oder auch die politische Fokussierung auf das Thema Migration und Asyl. Vor diesem Hintergrund kommt der Risikoeinschätzung solcher Personen, die möglicherweise bereit sind, politisch motivierte, schwere Gewalt auszuüben, weiterhin ein hoher Stellenwert zu. Dafür wurden die Priorisierungsinstrumente „RADAR-iTE“ und „RADAR-rechts“ („Regelbasierte Analyse potentiell destruktiver Täter zur Einschätzung des akuten Risikos“, jeweils für die Phänomenbereiche Islamismus sowie Rechtsextremismus) für den polizeilichen Staatsschutz entwickelt. Die standardisierten Instrumente beinhalten einen Risikobewertungsbogen, in dem sowohl Risiko- als auch Schutzfaktoren auf Basis einheitlicher Bewertungsmaßstäbe beurteilt werden, sodass die bewertete Person schließlich einer von zwei Risikokategorien zugeordnet werden kann. Am Beispiel der kürzlich revidierten Version RADAR-iTE 3.0 präsentieren wir die Funktionsweise der Priorisierungsinstrumente und ordnen diese in den Kontext der Risikoeinschätzung im Phänomenbereich politisch motivierte Kriminalität ein. Verlässliche polizeiliche Risikoeinschätzung von jugendlichen Straftäter/innen mit den MEIKs Wird ein Jugendlicher einer Straftat beschuldigt, ermitteln speziell geschulte Polizeibeamte/innen, die eine Vorhersage über das zukünftige delinquente Verhalten treffen sollen. Die MEIKs (Merkmale zur Einschätzung des individuellen Kriminalitätsrisikos; Bergmann & Wesely, 2020) bieten den Anwendern eine Bewertungsstruktur aus Schutz- und Risikofaktoren, die eine integrierte Gesamteinschätzung ermöglicht. In der vorgestellten Studie schätzten niedersächsische Polizeibeamte/innen insgesamt N = 42 jugendliche Beschuldigte im Alter von 14-18 Jahren (M = 15,4; 29% weiblich) anhand der MEIKs ein. Anhand prospektiver Daten über einen Beobachtungszeitraum von 12 Monaten wurde getestet, inwieweit die MEIKS geeignet sind, Jugendliche mit einem hohen Rückfallrisiko zu identifizieren. Das eingeschätzte Gesamtrisiko der rückfälligen Probanden fiel signifikant höher aus als das der nicht rückfälligen Probanden (U = 123.5, Z = -2.39, p = .02, η² = .14). Sowohl die allgemeine Rückfälligkeit als auch die Anzahl erneuter Delikte korrelierten signifikant mit dem eingeschätzten Gesamtrisiko (rS = .37, p = .02; r S = .42, p = .01), dem Summenwert der Risikoskala (rS = .36, p = .02; r S = .51, p < .001) sowie dem Summenwert der Schutzskala (rS = -.35, p = .03; rS = -.41, p = .01). Aktuelle Datenerhebungen in weiteren Bundesländern sollen zu einer größeren Stichprobe verhelfen und zukünftig tiefergehende Analysen ermöglichen, um die prädiktive Validität der MEIKs zu testen. Entwicklung eines Instruments zur Gefährlichkeitseinschätzung bei innerfamiliärer Generationen-gewalt: Systematisches Review und Experten/-innen-Befragung zu Risiko- und Schutzfaktoren Unter innerfamiliärer Generationengewalt werden alle Formen von Gewalt verstanden, die zwischen Generationen innerhalb des Familienkreises ausgeübt werden – beispielsweise Gewalt von Kindern gegenüber Eltern oder Großeltern sowie Kindesmisshandlung durch (Groß-)Eltern. Trotz ihrer hohen Prävalenz und gesellschaftspolitischen Bedeutung ist Generationengewalt ein wenig erforschtes Phänomen, für das bislang keine umfassende Gefährlichkeitsdiagnostik existiert. Ziel des Projekts ist daher gemeinsam mit österreichischen Gewaltschutzzentren die Entwicklung und Implementierung eines evidenzbasierten Instruments zur Risikobeurteilung im Bereich innerfamiliärer Generationengewalt, das vorrangig der Identifikation von Hochrisikofällen dienen soll. In einem systematischen Review wurden hierfür zunächst Risiko- als auch Schutzfaktoren erfasst, thematisch geordnet und hinsichtlich ihrer Relevanz und Operationalisierbarkeit durch Expert-/innen aus dem Bereich der familiären Gewalt bewertet. Die Ergebnisse des Reviews und der Befragung der Experten/-innen sowie die Implikationen für die praktische Anwendung des Instruments werden dargestellt und diskutiert. |
12:45 - 14:15 | Mittagspause Die Verpflegung während der Mittagspause erfolgt individuell. Für Ihr leibliches Wohl stehen Ihnen in unmittelbarer Umgebung des Veranstaltungsortes diverse Restaurants und Cafés zur Verfügung. |
14:15 - 15:45 | Risikofaktoren für Online-Sexualstraftaten gegen Kinder Ort: Großer Saal |
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Symposium
Stichworte: Darstellungen sexuellen Kindesmissbrauchs, Internet, Risikoprofile Beiträge des Symposiums A Lawless Space – Unless You Get Caught? Perceptions of the Internet Across Contrasting Samples The global accessibility of the Internet has broadened the opportunities for crime, and perceptions of lawlessness may contribute to online offending. Lawless Space Theory (LST) conceptualizes the Internet as an ecological niche with reduced capable guardianship and greater tolerance for crime. To assess LST, we compared scores on a six-item scale across three uniquely informative samples: (1) an online convenience sample (N = 2,764; 53% female), (2) professionals with expertise in darknet-related child sexual abuse investigations (N = 61; 57% female), and (3) men under probation for child sexual abuse material (CSAM) offences (N = 60). This rare combination of general population, subject-matter experts, and convicted individuals provides broad perspectives on digital lawlessness. A second online study (N = 9,944; 19% female) further explored one LST facet—the perceived ease of finding illegal goods and services online versus offline. Findings suggest that lawless space perception varies between countries and online populations and may inform online crime prevention efforts. A Survey of Darknet Child Sexual Abuse Material Forum Users on Risk Factors for Sexual Victimization of Children The motivation-facilitation model of sexual offending underscores that beyond pedophilic attraction, various other factors contribute to the heightened risk of child sexual victimization, particularly in online contexts. This study shifts focus to an underexplored, high-risk demographic: users of Darknet forums that host child sexual abuse material (CSAM). We surveyed a sample of N = 4,454 individuals (88% male) from a Darknet CSAM forum to investigate a wide range of potential risk factors for child sexual abusive behaviors (CSAB). Our survey examined the relationships between self-reported online and offline CSAB, direct self-report and indirect viewing time measures of sexual interest in both children and adults, as well as a comprehensive list of self-reported personal characteristics that have been related to offending risk in the literature. Viewing time assessment was based on a new image set, featuring children and adults of various skin tones that have been generated with the assistance of artificial intelligence. Our results revealed particularly high sexual preferences for children within this at-risk population. In addition, a number of other incrementally valid risk factors were identified through multivariate statistical analyses. We discuss the new image set as well as the other findings in the context of strategies for CSAB prevention highlighting the functionality of the internet for CSAM use in this hard-to-reach group of Darknet users. New Forms of Risk in the Digital Age: A Cross-National, Person-Centered Approach to Child Sexual Abuse Material Prevention Most research on online child sexual exploitation and abuse material (CSAM) relies on forensic samples from WEIRD societies, limiting both theoretical development and prevention strategies. To addresses this gap, we conducted a large, cross-national online survey (N = 7,859) across six of the world’s top Pornhub-using countries— Brazil, France, Mexico, Philippines, South Africa, and the United States—and includes three distinct groups: (1) general community participants, (2) help-seeking individuals concerned about their sexual behaviours, and (3) darknet users from a CSAM page. We extended conventional risk models by incorporating additional, understudied factors such as curiosity, desensitization to legal pornography, and perceived anonymity. These variables often are reported by individuals using CSAM but are largely absent from established frameworks. Multiple regression analyses identified significant predictors of self-reported CSAM propensity, while a person-centered cluster analysis revealed five distinct psychological profiles, each representing unique risk constellations. These findings provide an empirical foundation for designing targeted deterrence messages for deployment on Internet platforms. Our findings offer a culturally inclusive and psychologically nuanced contribution to upstream prevention of online sexual offending. Sexual Interests of Men With Different Child Sexual Offences as Assessed by Direct and Indirect Measures: Do Users of Child Sexual Abuse Material Differ? Sexual interest in children and antisociality are important risk factors for (re)offending sexually against children. We investigated the differences of several subtypes of persons convicted of sexual offenses against children regarding these risk factors. The sample included N = 516 men who were divided into subtypes based on their offense profile: using of child sexual abuse material (CSAM), contact offenses against extrafamilial or intrafamilial victims, mixed offenses, and other offenses. Sexual Interest was measured with the Explicit and Implicit Sexual Interest Profile (EISIP), which combines self-report, viewing time (VT) measures, and Implicit Association Tests (IATs). Men with mixed offenses had the highest EISIP scores, indicating higher sexual interest in children, while participants with intrafamilial victims or other offenses had the lowest scores. Individuals with CSAM convictions had very heterogenic scores. With regard to indicators of antisociality, participants with CSAM convictions had higher scores than participants who had committed contact offenses. Our results support the distinction of people convicted of sexual offenses against children into subtypes. The scores of CSAM offenders in both risk factors contradict previous theoretical considerations and are discussed. |
14:15 - 15:45 | Straftäter: Diagnostik und Behandlung Ort: Max-Planck Saal Chair der Sitzung: Stefan Suhling |
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Forschungsreferat
Stichworte: Persönlichkeitsmerkmale, Maßregelvollzug, Justizvollzug Persönlichkeitsprofile verschiedener Straftäter*innengruppen im Kontext personenbezogener Merkmale: Eine vergleichende Analyse Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, LMU Klinikum München, Deutschland Hintergrund: Im Verständnis kriminellen Verhaltens spielen Persönlichkeitsmerkmale eine zentrale Rolle und können wertvolle Hinweise für die forensische Diagnostik und Planung von Interventionen liefern. Insbesondere in forensischen Kontexten ist es von Bedeutung, spezifische psychologische Profile unterschiedlicher Tätergruppen zu erfassen, um individuelle Risiko- und Schutzfaktoren besser einschätzen zu können. Ziel: Im Rahmen der laufenden Studie sollen Persönlichkeitsakzentuierungen sowie spezifische Persönlichkeitsmerkmale, wie Frustrationstoleranz, Aggressionsbereitschaft und Stressverarbeitung, zwischen verschiedenen forensischen Stichproben verglichen und Zusammenhänge untersucht werden. Methode: Studienteilnehmende waren Patienten und Patientinnen aus sechs Maßregelvollzugseinrichtungen sowie weibliche und männliche Gefangene aus neun Justizvollzugsanstalten innerhalb Bayerns. Die Proband*innen bearbeiteten eine umfassende Testbatterie mit insgesamt 19 Selbstauskunftsverfahren zur verschiedenen Persönlichkeitsmerkmalen. Zudem erfolgte eine Erhebung personenbezogener Daten wie Anlassdelikt, Vordelikte und Unterbringungsdauer. (Vorläufige) Ergebnisse: Insgesamt wurden Daten von N = 560 Personen analysiert, darunter N = 365 männliche und N = 195 weibliche Straftäter*innen. Vorläufige Analysen ergaben signifikante geschlechter-, unterbringungs- sowie deliktspezifische Unterschiede hinsichtlich einzelner Persönlichkeitsakzentuierungen. Auch zeigten sich signifikante geschlechter- sowie unterbringungsspezifische Unterschiede hinsichtlich spezifischer Persönlichkeitsmerkmale, wie der Verwendung von Stressverarbeitungsstrategien und dem Umgang mit frustrierenden Situationen. Analysen hinsichtlich weitere Persönlichkeitsmerkmale und deren Zusammenhänge sind geplant. Forschungsreferat
Stichworte: Forensische Psychiatrie, Maßregelvollzug, Stichtagserhebung, Versorgungsforschung Erfahrungen aus dem CONNECT-Projekt – Organisation und Durchführung einer jährlichen Stichtagserhebung im Maßregelvollzug für Patient*innen mit Unterbringungsgrundlage § 63 StGB 1Universitätsmedizin Rostock; 2Zentrum für Psychiatrie Reichenau Das Projekt CONNECT („Collaboration to establish a national database on the criminological and treatment outcomes of forensic psychiatric patients in Germany“) hat die Durchführung einer nationalen jährlichen Stichtagserhebung der nach § 63 StGB in der forensischen Psychiatrie untergebrachten Patient:innen zum Ziel. Die Behandlung dieser Gruppe ist zeit- und kostenintensiv und greift, aufgrund der langen Unterbringungsdauer in restriktiven Settings, in besonderem Maße in die freiheitlichen Grundrechte der Patient:innen ein. Daher sollten die therapeutische Konzepte und Behandlungsorganisation in besonderem Maße von der aktuellen Evidenz und zeitgemäßen Behandlungsprinzipien geleitet sein. Forschende als auch klinisch Tätige und Träger fordern bereits seit längerem eine bundesweit einheitliche Datenlage, um eine qualitativ hochwertige Begleitforschung und eine evidenzbasierte Versorgungsplanung im Maßregelvollzug zu ermöglichen. Im Hinblick auf den Strafvollzug hat das Bundesverfassungsgericht nicht nur das verfassungsrechtliche Resozialisierungsgebot im Strafvollzug betont, sondern auch die Notwendigkeit, die Wirksamkeit der Vollzugsgestaltung und Behandlungsmaßnahmen regelmäßig wissenschaftlich zu evaluieren. Dies sollte selbstverständlich auch für den Maßregelvollzug gelten. Daher wurde die Durchführung einer bundesweiten Stichtagserhebung von nach § 63 StGB untergebrachten Patient*innen in den letzten Jahren vorbereitet. Dieser Beitrag erörtert die Vorteile einer nationalen Erhebung, identifiziert relevante Interessengruppen, untersucht die notwendigen Planungsschritte und geht auf mögliche Hindernisse und Herausforderungen der Erhebung ein. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf den notwendigen Datenschutzmaßnahmen, die die Forschung mit personenbezogenen Gesundheitsdaten mit sich bringt, sowie auf dem Umgang mit sensiblen Patienteninformationen. Außerdem wird die praktische Umsetzung der Datenerfassung in den beteiligten Krankenhäusern beschrieben. Welche Herausforderungen gibt es und welche Ressourcen werden benötigt, um diese zu bewältigen? Forschungsreferat
Stichworte: Strafvollzug, Implementation, Risikofaktoren, Praxis Die Einführung eines Evaluationsinstruments in die Strafvollzugspraxis – Erste Ergebnisse zur Implementation von MeWiS Kriminologischer Dienst des niedersächsischen Justizvollzuges, Deutschland Hessische und niedersächsische Justizvollzugsbedienstete und -forschende haben gemeinsam das Messinstrument der Wirksamkeit des Strafvollzugs (MeWiS) entwickelt, um Veränderungen der Gefangenen in rückfallrelevanten Merkmalen (wie z. B. der Beschäftigung oder der Selbstkontrolle) zwischen Haftbeginn und Haftende ermitteln zu können. Ziel war unter anderem, ein proximales Erfolgsmaß als Ergänzung zur (meist mit Bundeszentralregisterdaten erfassten) Legalbewährung zu erhalten. Bedienstete aus dem sozialen oder psychologischen Dienst dokumentieren dabei standardisiert dynamische Risikomerkmale kriminellen Verhaltens im Rahmen der Behandlungsuntersuchung (Eingangsstatus) und der Entlassungsvorbereitung (Austrittsstatus). Im Vortrag werden die ersten Ergebnisse einer Implementationsevaluation dargestellt, die sich auf zwei Säulen stützt: Es werden erstens Daten aus den digitalen Fachanwendungen des niedersächsischen Justizvollzugs ausgewertet, um z. B. zu überprüfen, ob MeWiS auch in allen definierten Anwendungsfällen durchgeführt wurde, wie viele Angaben fehlen und ob die Merkmale sinnvoll mit anderen verfügbaren Daten über die Inhaftierten zusammenhängen (Konstruktvalidität). Zweitens wird eine anonyme Online-Befragung der Anwenderinnen und Anwender durchgeführt. Basierend auf verschiedenen Rahmenmodellen der Implementation wurde ein Fragebogen entwickelt, der aus der Sicht der Anwenderinnen und Anwender unter anderem die Akzeptanz und Umsetzbarkeit, aber auch die Sicherheit und das Ausmaß der Unterstützung bei der Anwendung von MeWiS sowie die Geeignetheit der Fachanwendung erfasst. Forschungsreferat
Stichworte: classification of crime, dark figure of crime, evolutionary psychology, moral foundations, questionnaire development A self-report measure of offending against the five moral foundations: The FÜMF Universität Hildesheim, Deutschland The concept of crime is normatively defined and psychologically arbitrary. As a result, research faces an enormous challenge in meaningfully classifying crime into different types. Psychologists tend to resort to pragmatic-legal classifications (e.g., sexual vs. violent vs. property offenses). These are unlikely to reflect the underlying psychological processes and are therefore a poor starting point for understanding criminal action. A possible solution to this problem has been proposed by Russil Durrant: Based on Jonathan Haidt’s Moral Foundations Theory, crimes may be classified according to the assumed causes of condemnation. The theory posits that moral judgement and punishment serve evolutionary functions that are reflected in culturally shaped but biologically pre-wired dimensions of evaluation. At least five distinct dimensions have been identified: care-harm, fairness-cheating, loyalty-betrayal, authority-subversion, and sanctity-degradation. Guided by the understanding that offending involves agency and norm-awareness, we were interested in whether these morality dimensions that have been shown to be involved in judging others are also evident in action. We have developed the FÜMF (Fragebogen zu Übertretungen im Sinne der fünf Moral Foundations; English: Questionnaire on transgressions in terms of the five Moral Foundations), which assesses self-reported criminal and non-criminal norm violations. The questionnaire was administered to a general population sample (target n = 100) and to a sample of incarcerated offenders (target n = 100). Group comparisons, confirmatory factor analysis results as well as psychometric indices will be reported. Conclusions will focus on the utility of the moral foundations concept, derived from moral reasoning and ideology research, for criminal psychology. Forschungsreferat
Stichworte: Straftäterbehandlung, Therapiedokumentation, Fachambulanzen, Wirksamkeitsevaluation, Qualitätssicherung Behandlungsdokumentation in forensischen Fachambulanzen – ein Beitrag zur Qualitätssicherung Institut für Psychologie, Abteilung Sozial- und Rechtspsychologie, Universität Bonn Evaluationen zur Wirksamkeit von Behandlungsmaßnahmen bei straffällig gewordenen Personen liefern bislang ein heterogenes Bild. Dies ist unter anderem auf die Vielfalt der Interventionen, institutionellen Rahmenbedingungen sowie genutzten Dokumentationssysteme zurückzuführen. Insbesondere fehlen im ambulanten Setting differenzierte Daten zu eingesetzten therapeutischen Methoden und ihren Effekten auf dynamische Risikofaktoren. In den forensischen Fachambulanzen führen individualisierte psychotherapeutische Ansätze zu unterschiedlich ausgeprägten Behandlungskonzepten. Die strukturierte Dokumentation – häufig basierend auf dem RNR-Modell – übernimmt dabei eine zentrale Funktion: Sie dient sowohl der Nachvollziehbarkeit und Strukturierung des Therapieverlaufs für Behandelnde als auch als Grundlage für evaluative Forschung zur interventionsspezifischen Wirksamkeit und zur Qualitätssicherung. An der Psychotherapeutischen Fachambulanz Nürnberg wurde ein Dokumentationskonzept erarbeitet, implementiert und evaluiert, das standardisierte Vorlagen sowie Stichwortlisten zu angewandten Methoden und bearbeiteten (dynamischen) Risikofaktoren bereitstellt. Ziel ist es, eine vereinfachte Handhabung auf der Seite der praktizierenden Therapeut*innen zu ermöglichen, bei gleichzeitiger systematischer Datenerhebung für die Evaluationsforschung. Die Implementierung in Nürnberg erfolgte ab Februar 2023 im Rahmen einer Prozessevaluation mit N = 19 dokumentierenden Therapeut*innen. Die Ergebnisse zeigen signifikante Verbesserungen in der Dokumentationspraxis sowie eine hohe Akzeptanz bei den Anwender*innen. Eine erste Analyse der Stichwortnutzung erlaubte außerdem die Verknüpfung spezifischer therapeutischer Interventionen mit den bearbeiteten dynamischen Risikofaktoren. Zukünftig sind hierdurch Rückschlüsse auf Veränderungen in den „Needs“ näher zu untersuchen. Darüber hinaus werden erste Erkenntnisse aus weiteren Fachambulanzen vorgestellt und Perspektiven für die bundesweite Etablierung standardisierter Dokumentationssysteme diskutiert. Neben der Entlastung im therapeutischen Alltag wird zukünftig eine Evaluation der Effekte einzelner Behandlungselemente durch die entstehende Vergleichbarkeit der Daten ermöglicht und damit eine Verbesserung von Therapiemaßnahmen. |
14:15 - 15:45 | Aussagepsychologie II Ort: Kleiner Saal Chair der Sitzung: Silvia Gubi-Kelm |
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Forschungsreferat
Stichworte: Aussagepsychologie, Virtuelle Realität, Merkmalsorientierte Inhaltsanalyse, Konstanzanalyse, empirische Evidenz Der Einsatz virtueller Realität in der aussagepsychologischen Forschung: Vorstellung eines präregistrierten Forschungsprojekts zur Güte aussagepsychologischer Methoden 1Medical School Hamburg, Deutschland; 2Philipps-Universität Marburg, Deutschland Aussagepsychologische Methoden, wie die Merkmalsorientierte Inhaltsanalyse (Criteria-based Content Analysis, CBCA) und die Konstanzanalyse sind, neben weiteren Analyseschritten, integrale Bestandteile aussagepsychologischer Sachverständigengutachten zur Prüfung des Erlebnisbezugs von Zeug:innenaussagen in Fällen von Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung. Wenngleich aussagepsychologische Methoden keine psychometrischen Testverfahren darstellen, sollten sie aufgrund der weitreichenden Relevanz rechtspsychologischer Sachverständigengutachten valide, reliabel und objektiv anwendbar sein. Die empirische Evidenz dieser Methoden weist jedoch teilweise heterogene Befunde auf oder ist, wie in Bezug auf die Konstanzanalyse, bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt kaum überprüft. Die Konzeption empirischer Studien zur Überprüfung aussagepsychologischer Methoden stellt Forschende vor verschiedene Herausforderungen, u.a. das Dilemma, sich zwischen experimenteller Kontrolle und ökologischer Validität der Versuchsdesigns entscheiden zu müssen. Die Konzeption experimentell kontrollierter Umgebungen, in denen Erfahrungen gemacht werden, die realen (sexuellen) Opfererfahrungen ähneln, war bislang aufgrund ethischer Bedenken kaum umsetzbar. Der Vortrag beleuchtet die Chancen, die Herausforderungen und die Umsetzung des Einsatzes virtueller Realität (VR) im Kontext der empirischen Überprüfung aussagepsychologischer Methoden. Erste Ergebnisse zur Verträglichkeit des verwendeten VR-Szenarios sowie erste Erkenntnisse zur Validität der CBCA aus diesem präregistrierten Forschungsprojekt werden präsentiert. Forschungsreferat
Stichworte: Augenzeug*innen, Datenbank, Gegenüberstellung, Virtual Reality, 3D Jena Eyewitness Research Stimuli (JERS): Eine Datenbank für die Augenzeug:innenforschung mit 2D- und VR-Videos inszenierter Diebstähle sowie zugehörigen Gegenüberstellungsbildern in 2D und 3D 1Philipps-Universität Marburg, Deutschland; 2Friedrich-Schiller-Universität Jena, Deutschland Empirische Untersuchungen zur Genauigkeit von Augenzeug:innenidentifikationen erfordern in der Regel die Entwicklung neuer Stimuli, was mit erheblichem Aufwand und Herausforderungen verbunden sein kann. Zur Unterstützung dieses Prozesses und zur Förderung weiterer wissenschaftlicher Untersuchungen in diesem Bereich, stellen wir die Jena Eyewitness Research Stimuli (JERS) vor. Diese frei zugängliche Datenbank für akademische Zwecke umfasst sechs Videosequenzen, die einen fingierten Diebstahl durch zwei unterschiedliche männliche Täter darstellen. Die Videos sind sowohl in 2D- als auch in 360°-Formaten verfügbar und werden durch die entsprechenden Gegenüberstellungsbilder im 2D- sowie im 3D-Format ergänzt. Für jede Gegenüberstellung stehen Bilder eines Verdächtigen sowie acht Vergleichspersonen zur Verfügung. Die Integration von 360°-Videos und 3D-Gegenüberstellungen ermöglicht die Nutzung innovativer Datenformate in experimentellen Untersuchungen zur Augenzeug:innengenauigkeit. Insbesondere die Kompatibilität mit Virtual-Reality-Umgebungen eröffnet neue Perspektiven für immersive und kontrollierte Untersuchungsbedingungen. Forschungsreferat
Stichworte: Augenzeugen, Identifizierung, Wahllichtbildvorlage, Morphing Der Einfluss von Morphing in Distraktorbildern auf die Identifizierungsleistung in Foto-Lineups 1Medical School Hamburg, Deutschland; 2Universität Maastricht In den letzten Jahren wurden Live-Wahlgegenüberstellungen im polizeilichen Kontext vielfach durch Lichtbildvorlagen (Foto-Lineups) ersetzt. Hierbei werden neben dem Foto der tatverdächtigen Person auch Bilder anderer Personen präsentiert, die in ihrem äußeren Erscheinungsbild der tatverdächtigen Person ähneln müssen (sog. Distraktorbilder). Aufgrund aktueller Datenschutzbestimmungen dürfen in Deutschland jedoch keine Distraktorbilder von realen Personen vorgelegt werden, sodass Gesichter mit Fotobearbeitungsprogrammen erstellt werden. Dies geschieht u.a., indem Gesichter real existierender Personen miteinander „vermischt“ werden, sodass neue Gesichter entstehen (Morphing). Studien zeigen u.a., dass gemorphte im Vergleich zu nicht-gemorphten Gesichtern als attraktiver wahrgenommen werden, da sie prototypischere bzw. symmetrischere Gesichtszüge aufweisen. Im Sinne des Halo-Effekts könnte eine höhere Attraktivität zu einer positiveren Attribution der abgebildeten Person führen und somit die Identifikationsleistung der Augenzeug:innen beeinflussen. Demzufolge könnte in Lichtbildvorlagen mit gemorphten Distraktoren ein Attraktivitätsbias vorliegen, der diese Bilder unfair (da attraktiver) gegenüber nicht-gemorphten Distraktoren macht. Die vorgestellte Studie untersuchte den Einfluss der Verwendung von gemorphten Distraktoren hinsichtlich dieses Bias in Lineups. Hierzu wurde N = 108 Teilnehmer:innen Videos mit einer Person und anschließenden Foto-Lineups mit gemorphten und nicht-gemorphten Gesichtern präsentiert, unter denen dasjenige Gesicht der Person aus dem Video unter anderen Distraktorgesichtern ausgewählt werden sollte. Zudem wurde geprüft, inwieweit die zugeschriebene Wahrscheinlichkeit, ein Verbrechen zu begehen, von der wahrgenommenen Attraktivität der dargebotenen Bilder abhing. Hierzu bewerteten die Teilnehmer:innen die dargebotenen Gesichter zunächst hinsichtlich ihrer Attraktivität. Anschließend sollten sie entscheiden, welcher Person sie zutrauen, ein Verbrechen zu begehen. Die Ergebnisse werden vor rechtspsychologischem Hintergrund diskutiert. Forschungsreferat
Stichworte: Aussagepsychologie, Glaubhaftigkeitsgutachten, Übereinstimmung Übereinstimmung in aussagepsychologischen Beurteilungen – Erste empirische Einblicke 1Psychologische Hochschule Berlin, Deutschland; 2FernUniversität in Hagen, Deutschland Obwohl psychologische Glaubhaftigkeitsgutachten in Deutschland - insbesondere in Aussage-gegen-Aussage-Konstellationen - keine Seltenheit sind, liegen bislang kaum systematische Untersuchungen zu Gutachtenergebnissen und deren jeweiligen Begründungen sowie zur Gutachterübereinstimmung vor (Volbert, Schemmel, & Tamm, 2019). Bei der Begutachtung der Glaubhaftigkeit einer Aussage müssen Sachverständige sogenannte Gegenhypothesen zur Wahrannahme prüfen und eine individuelle, einzelfallbezogene Beurteilung abgeben. Dabei finden sich in der Literatur zwar Hilfestellungen zur Datenintegration (z. B. Volbert & Dahle, 2010), standardisierte Entscheidungsregeln und Vorgaben, wie einzelne Beurteilungsschritte umzusetzen und zu gewichten sind, existieren jedoch nicht. Vielmehr erfordert das komplexe idiographische Vorgehen eine Vielzahl von Entscheidungsspielräumen, die die Frage nach einem möglichen Einfluss von subjektiven Annahmen und damit potenziell einhergehenden Urteilsverzerrungen aufwerfen (z. B. Oberlader & Schmidt, 2024; Oeberst & Oberlader, 2024). Inwieweit sich die Entscheidungsspielräume der einzelnen Sachverständigen auf deren individuelle Beurteilungen auswirken, muss dabei auf Basis der aktuellen Forschungslage offenbleiben. Zur ersten Annäherung an diese Frage wurden in der vorliegenden Untersuchung zwei Teilstudien mit Studierenden durchgeführt, die sich am Ende ihres postgradualen Masterstudiengangs Rechtspsychologie befanden. In Studie 1 verfassten 78 Studierende eine schriftliche Beurteilung über denselben aussagepsychologischen Fall, wobei die Übereinstimmung hinsichtlich der Bewertung der alternativen Hypothesen und der Erlebnisbasiertheit analysiert wurde. In Studie 2 beurteilten 26 Studierende jeweils einen von sieben unterschiedlichen Fällen; im Anschluss wurden sie zu ihrer globalen Einschätzung und den einzelnen Analyseschritten befragt. Die Übereinstimmung der Einschätzungen wurde für jeden einzelnen Fall berechnet. Forschungsreferat
Stichworte: Körperposition, Erinnerung, körpernahe Erlebnisse, BGH Urteile Zur Rolle von Körperpositionen in Erinnerungen an körpernahe Ereignisse - Überblick über Rechtsprechung des BGH und Ergebnisse eines Scoping Reviews Universität Potsdam, Deutschland Seit 2010 stellte der BGH in sechs Fällen die Glaubhaftigkeit der Aussagen von Zeug:innen in Sexualstrafsachen infrage, aufgrund von u.a. mangelnder Konsistenz in ihren Schilderungen zur eigenen Körperhaltung. Diese rechtliche Einschätzung beruht auf der Annahme, dass die Körperhaltung einer Person bei körpernahen Erlebnissen, wie Sexualstraftaten, ein Kerndetail der Erinnerung darstellt und daher unwahrscheinlich vergessen wird. Diese Auffassung wurde erstmals von Arntzen (1970) eingeführt und in späteren Ausgaben derselben Veröffentlichung bekräftigt. Konkret geht Arntzen (2011) davon aus, dass körpernahe Ereignisse zu einer konsistenten Erinnerung an die globale Körperposition (z. B. Sitzen, Stehen, Liegen) führen, während spezifische Aspekte der Körperhaltung (z. B. auf der Seite liegen) eher in Vergessenheit geraten würden. Die empirische Grundlage, auf der Arntzen zu seinen Schlussfolgerungen kam, entspricht jedoch in vielerlei Hinsicht nicht wissenschaftlichen Standards. Ebenso wenig liefern weitere Verweise, auf die sich die Begründungen des BGH beziehen, eine hinreichende Grundlage für Urteile mit solch weitreichenden Konsequenzen. Aus diesem Grund wurde ein Scoping Review über die vorhandene wissenschaftliche Literatur zur Frage der Gedächtnisleistung in Bezug auf die eigene Körperhaltung bei körpernahen Erlebnissen durchgeführt und wird in dem Vortrag vorgestellt. Implikationen, die sich für die Forschung und die forensische Praxis ergeben, werden diskutiert. |
15:45 - 16:15 | Verabschiedung Ort: Großer Saal |
16:15 - 16:30 | Ausklang bei Kaffee Ort: Foyer |