Symposium
Stichworte: Sexualstraftaten, Risikofaktor, Ätiologie, sexuelle Phantasien, Persönlichkeitsstörung
Ätiologische Aspekte sexualisierter Gewalt: Die Relevanz von sexuellen Phantasien, Hypersexualität und Persönlichkeit(-sstörungen)
Chair(s): Martin Rettenberger (Kriminologische Zentralstelle (KrimZ), Deutschland), Sonja Etzler (Universitätsklinikum Freiburg)
Beiträge des Symposiums
More than the Sum of Its Parts: The Prediction of Sexual Aggression by Aggressive Sexual Fantasies and Their Interactions with Further Pertinent Risk Factors
Joseph Birke, Rebecca Bondü
Psychologische Hochschule Berlin (PHB)
Aggression-related sexual fantasies (ASF) have been identified as a strong correlate of sexual aggression, but their potential interplay with other risk and protective factors in the prediction of sexual aggression as suggested by the Motivation-Facilitation-Model of sexual aggression remains unexplored. The present study, therefore, examined whether ASF predict sexual aggression six months later and whether they interact with other risk and protective factors in doing so. We used data from an international sample of 2,469 participants (62% women; Mage = 33.2 years, SD = 12.3) at first measurement and structural equation models. Participants completed questionnaires on ASF, aggression-related sexual interests, antisocial tendencies, facilitating attitudes and beliefs, hypersexuality, protective factors (empathy, inhibition, emotion regulation), and sexual aggression. Confirmatory factor analysis indicated that ASF and aggression-related sexual interests are best represented by a single latent factor rather than two separate factors. This combined ASF/interest factor consistently predicted sexual aggression in the total sample including both, men and women. Facilitating attitudes and hypersexuality were the most consistent predictors of sexual aggression in both, men and women. The association between the ASF/interest factor and sexual aggression was facilitated by higher levels of antisocial tendencies, facilitating attitudes, and hypersexuality. Protective factors did not buffer the relation between the ASF/interest factor and T2 sexual aggression. This study indicates the importance of ASF in predicting sexual aggression in the long run and highlights their complex interplay with both, other motivating and facilitating factors.
Zwanghaftes Sexualverhalten als Risikofaktor für die Entwicklung sexuell devianter Interessen
Lea Thannheimer1, Rebecca Bondü2, Anna-Lena Schubert1, Martin Rettenberger3
1Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU), 2Psychologische Hochschule Berlin (PHB), 3Kriminologische Zentralstelle (KrimZ)
Eine Vielzahl devianter sexueller Interessen kann unter der Kategorie der Paraphilien konzeptualisiert werden. Während all diese sexuellen Interessen durch das Hauptmerkmal der sexuellen Erregung durch atypische Präferenzen, insbesondere in Verbindung mit nicht einwilligungsfähigen Personen, gekennzeichnet sind, stellt sich die Frage, ob diese heterogenen Interessen unter einer gemeinsamen Kategorie zusammengefasst werden können. Aktuelle Forschungsergebnisse zeigen eine starke positive Assoziation zwischen zwanghaftem Sexualverhalten (CSB) und devianten sexuellen Interessen. Bisher konzentrieren sich Studien auf die korrelative Verbindung zwischen CSB und devianten sexuellen Interessen, vernachlässigen jedoch die Kausalrichtung dieser Beziehung. Die vorliegende Studie untersucht daher die Struktur devianter sexueller Interessen sowie die Wirkrichtung der Assoziation zwischen CSB und devianten sexuellen Interessen mithilfe der Strukturgleichungsmodellierung (SEM). Zur Überprüfung dieser Hypothesen wurde eine Teilstichprobe der ALFA-Studie herangezogen, bestehend aus 2.297 Teilnehmenden zu T1 und 860 Teilnehmenden zu T2. Modellvergleiche zwischen dem Paraphilie-Hauptfaktormodell und dem Modell ohne übergeordneten Paraphilie-Faktor bestätigten zu beiden Messzeitpunkten die überlegene Passung des Modells ohne Paraphilie-Faktor. Die Analyse des Cross-Lagged-Panel-Modells ergab, dass weder bei Männern noch bei Frauen CSB zu T2 signifikant durch eine der devianten sexuellen Interessen zu T1 vorhergesagt wurde. Sadismus und Frotteurismus zu T2 wurden bei Frauen signifikant durch CSB zu T1 vorhergesagt, während Exhibitionismus zu T2 bei Männern signifikant durch CSB zu T1 vorhergesagt wurde. Diese Ergebnisse verdeutlichen die Notwendigkeit, deviante sexuelle Interessen differenziert zu betrachten und CSB als potenziellen Risikofaktor für die Entwicklung devianter sexueller Interessen zu verstehen.
Sex im Kopf – Zusammenhänge zwischen sexuellen Fantasien, deren subjektiver Bewertung und dem Strukturniveau nach OPD
Lara-Sophie Busch, Salomé Keintzel, Thea Nebel, Florian Scharf, Julia Sauter
Universität Kassel
Sexuelle Fantasien sind ein zentraler Bestandteil individueller Sexualität. Ihre Bedeutung und subjektive Bewertung sowie persönlichkeitsbezogene Einflussfaktoren auf die Fantasietätigkeit sind bislang unzureichend erforscht. Im Rahmen dieser Studie wurde das Strukturniveau definiert nach der Operationalisierten Psychodynamischen Diagnostik (OPD-2) als Prädiktor für bestimmte Inhalte sexueller Fantasien sowie für deren subjektive Bewertung untersucht. Die Ergebnisse zeigen, dass Personen mit einem geringeren Strukturniveau signifikant mehr negative Affekte in Bezug auf ihre Fantasien erleben und häufiger Fantasien vom Typ Unterwerfung berichten. Für eine differenziertere Erfassung wird in einem nächsten Schritt an einer anderen Stichprobe untersucht, ob sich Subgruppen sexuell Fantasierender identifizieren lassen, die sich hinsichtlich Strukturniveau, Art und Häufigkeit bestimmter Fantasien sowie deren subjektiver Bewertung unterscheiden. Zusätzlich werden Pornografiekonsum und Geschlecht als Kovariaten einbezogen. Mittels latenter Klassenanalyse sollen dabei auch latenter Muster identifiziert werden, unabhängig von der Prävalenz einzelner Variablen, sodass auch seltene Fantasietypen, wie dissexuelle Fantasien, berücksichtigt werden können. Die Ergebnisse können zu einer systematischeren und differenzierteren Betrachtung individueller Fantasiemuster und ihrer Zusammenhänge mit verschiedenen Persönlichkeitsmerkmalen und Verhaltensmustern beitragen. Beide Teilstudien sollen vorgestellt und diskutiert werden.
Neues Modell, bessere Prognose? Persönlichkeitsfunktion vs. kategoriale Diagnosen von Persönlichkeitsstörungen bei der Vorhersage sexueller Rückfälle
Sonja Etzler1, Martin Rettenberger2
1Universitätsklinikum Freiburg, 2Kriminologische Zentralstelle (KrimZ)
Neue dimensionale Ansätze zur Diagnose von Persönlichkeitsstörungen betonen zwei zentrale Kriterien: das Funktionsniveau der Persönlichkeit (Kriterium A) und problematische Persönlichkeitsmerkmale (Kriterium B; American Psychiatric Association, 2013). Angesichts der Bedeutung von Cluster-B-Persönlichkeitsstörungen in der Risikobewertung von Straftätern ist zu prüfen, ob dieser neue diagnostische Ansatz einen zusätzlichen prädiktiven Wert im forensischen Kontext bietet. Diese Studie vergleicht die prädiktive Validität des Funktionsniveaus der Persönlichkeit (Kriterium A) mit traditionellen kategorialen Diagnosen hinsichtlich der Vorhersage sexueller Rückfälle bei einer Stichprobe von 59 männlichen Sexualstraftätern, die im österreichischen Strafvollzug begutachtet und über durchschnittlich 6,3 Jahre nachverfolgt wurden. Mittlere Effektstärken wurden für den Zusammenhang zwischen Persönlichkeitsfunktion und sexuellem Rückfall beobachtet, erreichten jedoch aufgrund der geringen statistischen Power keine Signifikanz. Die prädiktiven Effektstärken für die Persönlichkeitsfunktion übertrafen jedoch jene der kategorialen Diagnosen. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass das dimensionale Modell gegenüber traditionellen Diagnosen Vorteile in der Risikobewertung bieten könnte. Dies ist besonders relevant, da die dimensionale Diagnostik künftig auch in der klinischen Praxis eingeführt wird und weitreichende Auswirkungen auf Diagnostik, Risikobewertung und Behandlung haben könnte.
Die Bedeutung psychischer Störungen im Risikomanagement bei Männern, die aufgrund eines Sexualdeliktes verurteilt wurden
Daniel Turner
Unimedizin Mainz
Psychische Störungen finden sich deutlich häufiger bei straffällig gewordenen Männern als bei Männern aus der Allgemeinbevölkerung. Darüber hinaus konnte in früheren Untersuchungen gezeigt werden, dass einzelne psychische Störungen mit einem höheren Risiko mit einem erneuten Gewaltdelikt auffällig zu werden, assoziiert sind. Inwiefern sich dieser Zusammenhang auch bei Männern, die aufgrund eines Sexualdelikt verurteilt wurden findet, war bisher unklar. In zwei aktuellen Untersuchungen wurde daher zunächst die Prävalenz psychischer Störungen bei insgesamt 1511 Sexualstraftäter aus dem österreichischen Justizvollzug, die mit dem Strukturierten Klinischen Interview für Achse I und Achse II Störungen untersucht, erhoben. Hierbei konnte bei über 90% der untersuchten Personen mindestens eine psychische Störung diagnostiziert werden. Am häufigsten waren hierbei Alkohol- oder Drogenkonsumstörungen, paraphile Störungen und Persönlichkeitsstörungen. In einem zweiten Schritt wurde der Zusammenhang zwischen den gefundenen psychischen Störungen und Rückfälligkeit mit einem Gewalt- und/oder Sexualdelikt untersucht. Es zeigte sich, dass insbesondere paraphile Störungen und Persönlichkeitsstörungen mit gewalttätiger und sexueller Rückfälligkeit korrelierten, wobei der Zusammenhang schwächer ausgeprägt war als initial vermutet. Eine Analyse verschiedener Subgruppen (z.B. Täter mit erwachsenen Opfern vs. Täter mit kindlichen Opfern) erbrachte darüber hinaus weitere relevante Unterschiede. Die Ergebnisse der aktuellen Untersuchungen legen nahe, dass die Prävalenz psychischer Erkrankungen bei Männern, die aufgrund eines Sexualdelikts verurteilt wurden, erheblich ist. Die Behandlung psychischer Störungen kann einen deliktpräventiven Effekt entfalten und sollte daher im Risikomanagement berücksichtigt werden.