Symposium
Stichworte: Psychopathie, antisoziale Persönlichkeit, Furchtverarbeitung, Gewalt, Bindungsstil
Zwo, Eins, Risiko? Neueste Erkenntnisse zu Diagnostik, Prognose, Risikofaktoren, Bindungsstilen und Furchtverarbeitung bei Psychopathie
Chair(s): Sandy Sue Spormann (FernUniversität in Hagen, Deutschland), Miriam J. Hofmann (FernUniversität in Hagen)
Beiträge des Symposiums
Latente Strukturen psychopathischer Persönlichkeitsmerkmale: Eine Analyse kontinuierlicher und kategorialer Variablenansätze
Maximilian F. Schwarz1, Dahlnym Yoon2, Sabrina Schneider1, Andreas Mokros1
1FernUniversität in Hagen, 2Medical School Hamburg & Hafencity Institut für rechtspsychologische, rechtsmedizinische und klinische Gutachten sowie Fort- und Weiterbildungen (HIGFW)
Psychopathie bezeichnet tiefgreifende affektive, interpersonelle und behaviorale Abweichungen. Die Studie untersuchte psychopathische Persönlichkeitsmerkmale anhand des Elemental Psychopathy Assessment–Short Form (EPA-SF) bei 686 Männern aus Justizvollzugsanstalten und der Allgemeinbevölkerung. Ziel war es, multivariate Zusammenhänge zwischen den EPA-SF-Traits, aversiven Kindheitserfahrungen (ACEs), externalisierenden und internalisierenden Auffälligkeiten zu analysieren – unter Einsatz kontinuierlicher sowie kategorialer latenter Variablenansätze. Eine Messinvarianzprüfung per explorativer Strukturgleichungsmodellierung bestätigte erwartungsgemäß die konfigurale Vier-Faktoren-Struktur des EPA-SF (Antagonismus, Disinhibition, Narzissmus, Emotionale Stabilität) über beide Gruppen hinweg. Metrische und skalare Invarianz wurden nur partiell nachgewiesen. Eine anschließende Mediationsanalyse, über einen sogenannten Structural-after-Measurement-Ansatz für kleine Stichproben, ergab, dass in der Allgemeinbevölkerung Antagonismus und Disinhibition den Zusammenhang zwischen ACEs und internalisierenden sowie externalisierenden Auffälligkeiten signifikant vermittelten. In der Gefängnisstichprobe zeigten sich komplexere Muster: ACEs scheinen über beide Traits indirekt risikosteigernd, gleichzeitig aber auf direktem Wege möglicherweise abmildernd zu wirken. Aufgrund partieller Invarianz wurden gruppenspezifisch separate Profilanalysen mittels Factorscores durchgeführt. Es fanden sich je drei unterschiedlich konfigurierte Profile pro Gruppe. Innerhalb der Gruppen unterschieden sich die Profile signifikant hinsichtlich ACEs, Internalisierung, Externalisierung und weiterer Persönlichkeitsmerkmale. Die Profile mit den höchsten Psychopathie-Ausprägungen zeigten zugleich die stärksten Auffälligkeiten – besonders im Straftätersample. Die Ergebnisse zeigen, dass die Verwendung von kontinuierlichen und kategorialen latenten Variablenansätzen ein detaillierteres Verständnis von Psychopathie ermöglicht. Trotz mutmaßlich valider dimensionaler Verteilungsannahme variieren psychopathische Persönlichkeitsmerkmale offenbar nicht nur im quantitativen Ausprägungsgrad zwischen den Gruppen – vielmehr deuten sich auch Unterschiede in der qualitativen Konstitution, Funktionsweise und Auswirkung auf relevante Außenkriterien an. Unter anderem unterschiedliche Gruppengrößen und das querschnittliche Design limitieren die Ergebnisse der Studie.
Breaking Bad: Die Rolle aversiver Kindheitserfahrungen auf die Entwicklung von Antisozialität und Psychopathie im DSM-IV vs. DSM-5-AMPD
Dahlnym Yoon1, Finja Finja Mäueler2, Theres Volz1, Silvia Gubi-Kelm1
1Medical School Hamburg & Hafencity Institut für rechtspsychologische, rechtsmedizinische und klinische Gutachten sowie Fort- und Weiterbildungen (HIGFW), 2Hafencity Institut für rechtspsychologische, rechtsmedizinische und klinische Gutachten sowie Fort- und Weiterbildungen (HIGFW)
Neuere Entwicklungen schlagen eine veränderte Konzeptualisierung von Psychopathie vor. Dabei wird Psychopathie zunehmend über pathologische dysfunktionale Ausprägungen allgemeiner Persönlichkeitsmerkmale wie Antagonismus (als Gegenteil von Verträglichkeit) und Enthemmung (als Gegenteil von Gewissenhaftigkeit) im Rahmen der antisozialen Persönlichkeitsstörung (ASPD) beschrieben, ergänzt durch spezifische Psychopathie-Deskriptoren – sogenannte „Specifiers“ –, welche Kühnheit bzw. furchtlose Dominanz beschreiben sollen. Diese modernere Operationalisierung findet unter anderem im DSM-5-Alternativmodell für Persönlichkeitsstörungen (DSM-5-AMPD) Berücksichtigung. Die vorliegende Studie überprüfte die ätiologische Validität bekannter Risikofaktoren für die Entwicklung antisozialer und psychopathischer Persönlichkeitszüge und untersuchte, ob belastende Kindheitserfahrungen (Adverse Childhood Experiences, ACE) mit spezifischen Persönlichkeitsmerkmalen assoziiert sind, die sich in Antisozialität und Psychopathie widerspiegeln – und ob sich Unterschiede zwischen der Erfassung nach DSM-IV und DSM-5-AMPD ergeben. Teilnehmende aus der Allgemeinbevölkerung bearbeiteten im Rahmen einer Online-Befragung den Childhood Trauma Questionnaire (CTQ), die Assessments of DSM-IV Personality Disorders (ADP-IV) sowie das Personality Inventory for DSM-5 – Faceted Brief Form (PID-5-FBF). Die Auswertung erfolgte mittels regressionsanalytischer Verfahren unter Kontrolle des Geschlechts. Im Fokus stand die Frage, inwiefern Art und Ausmaß verschiedener ACE mit spezifischen Facetten von ASPD und Psychopathie – gemäß DSM-IV und DSM-5-AMPD – in Zusammenhang stehen. Die Ergebnisse werden vor dem Hintergrund aktueller Diskussionen zur Klassifikation und Diagnostik antisozialer und psychopathischer Persönlichkeitsstörungen reflektiert. Die Befunde liefern neue Perspektiven für die entwicklungspsychologische Einordnung von Antisozialität und Psychopathie im Rahmen klinisch-idiografischer Prognose.
Von Persönlichkeit zu Partnerschaft: Wie destruktive Konfliktstrategien den Zusammenhang zwischen Psychopathie und unsicheren Bindungsstilen mediieren
Sandy Sue Spormann1, Christoph Heine2, Andreas Mokros1, Sabrina Schneider1
1FernUniversität in Hagen, 2Universität Witten/Herdecke
Psychopathie ist mitunter gekennzeichnet durch emotionale Distanz und die Unfähigkeit, langfristige Beziehungen aufzubauen und aufrechtzuerhalten – Eigenschaften, die darauf hindeuten, dass psychopathische Personen weder warme noch fürsorgliche Partner sind. Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass die Ausprägungen primärer und sekundärer Psychopathie mit dem eigenen Bindungsstil und dem des romantischen Partners zusammenhängen. Zudem besteht ein Zusammenhang beider Konstrukte mit destruktiven Konfliktstrategien (z.B. körperliche Aggression, verbale Aggression, Lügen). Das Zusammenspiel zwischen den drei Komponenten Psychopathie, unsichere Bindung (d. h. ängstliche und vermeidende Bindung) und der Anwendung von Konfliktstrategien wurde bisher jedoch nicht empirisch untersucht. Im Rahmen dieser dyadischen Tagebuchstudie wurden romantische Paare zunächst gebeten, an einer Eingangsbefragung zur Erhebung von psychopathischen Eigenschaften und Bindungsstilen teilzunehmen. Anschließend erfassten beide Partner über einen Zeitraum von 14 Tagen täglich Daten zu ihrem Konfliktverhalten und ihrer Beziehungszufriedenheit. Mittels actor–partner interdependence models konnten für sekundäre psychopathische Eigenschaften sowohl Einflüsse auf die eigene Person (actor effect) als auch auf den Partner oder die Partnerin (partner effect) in Bezug auf bindungsbezogene Angst und vermeidungsbezogene Angst festgestellt werden. Bei primären psychopathischen Eigenschaften zeigten sich actor effects für beide Arten der unsicheren Bindung, doch nur die psychopathischen Eigenschaften der männlichen Partner sagten eine unsichere Bindung bei ihren Partnerinnen voraus – nicht umgekehrt. Alle gefundenen Effekte wurden durch die im Querschnitt erhobenen destruktiven Konfliktstrategien mediiert – nicht aber durch das täglich erhobenen Konfliktverhalten.
Das Herz des Psychopathen schlägt für Furcht: Eine Psychophysiologische Untersuchung der Subjektiven Furchtwahrnehmung bei Psychopathie
Miriam J. Hofmann, Andreas Mokros, Sabrina Schneider
FernUniversität in Hagen
Die vorliegende Studie repliziert und erweitert empirische Befunde zur Fear Enjoyment Hypothesis (FEH), welche postuliert, dass Individuen mit erhöhten Psychopathie-Merkmalen furchtauslösende Reize weniger negativ und mehr positiv bewerten. Um diese Annahme umfassender zu untersuchen, wurden neben subjektiven Bewertungen furchteinflößender Stimuli auch physiologische Reaktionen hierauf in Form der Herzfrequenz erfasst. An der Studie nahmen 119 Personen teil (68,9 % weiblich, MAlter = 35,04 Jahre), die Fragebögen zur Selbsteinschätzung von Psychopathie-Merkmalen ausfüllten. In einem kontrollierten Laborumfeld wurden furchtauslösende, aufregende und neutrale Videos aus der Ich-Perspektive präsentiert, während die Herzfrequenz gemessen wurde. Ergänzend gaben die Teilnehmenden subjektive Bewertungen sowie offene Beschreibungen ihrer individuellen Furchtwahrnehmung ab. Die Hypothesen wurden unter Anwendung linearer gemischter Modelle, ANOVA mit Messwiederholung, Korrelations- und Regressionsanalysen überprüft. Höhere Werte bei Merkmalen primärer - und Faktor 1 Psychopathie gingen mit einer signifikant geringeren negativen und stärkeren positiven Bewertung furchtauslösender Videos einher. Zudem bestand ein positiver Zusammenhang zwischen genannten Psychopathie-Merkmalen und der Tendenz, Furchterleben mit positiven Begriffen zu beschreiben. Ferner war eine erhöhte Herzfrequenz während furchtauslösender Clips mit einer positiveren Bewertung dieser Stimuli assoziiert. Diese Befunde legen nahe, dass Personen mit ausgeprägteren Psychopathie-Merkmalen Erregung in Furchtsituationen als positiv interpretieren. Die Ergebnisse replizieren zentrale Befunde früherer Studien und stützen die FEH. Sie unterstreichen, dass Individuen mit erhöhten Psychopathie-Merkmalen eine physiologische Erregung in Furchtsituationen aufweisen und diese Erregung positiver erleben. Durch die Integration physiologischer und subjektiver Maße wird der Komplexität der emotionalen Verarbeitung bei Psychopathie Rechnung getragen. Zukünftige Forschung sollte größere und forensische Stichproben einbeziehen, um die Generalisierbarkeit der Befunde zu erhöhen.
Psychopathie und Gefährlichkeit
Andreas Mokros1, Lisa Holper2
1FernUniversität in Hagen, 2Psychiatrische Universitätsklinik Zürich
Im klinischen Sinne ist Psychopathie ist eine schwerwiegende Variante der Antisozialen Persönlichkeitsstörung. Aufgrund ihres Zusammenhangs mit Delinquenz, vor allem mit Gewaltdelinquenz, gilt die Eigenschaftsausprägung als ein Indikator für ein hohes Risiko. In den letzten Jahren ist eine Vielzahl an Selbstberichtsverfahren entwickelt worden, vornehmlich für subklinische Ausprägungen von Psychopathie. Die zugrunde liegenden Konstrukte unterscheiden sich teilweise erheblich; folglich sind auch die Übereinstimmungen zwischen den Messungen mit verschiedenen Selbstberichtsverfahren mitunter nur gering. Im Justiz- und Maßregelvollzug sowie im Rahmen der Begutachtung ist nach wie vor die Fremdbeurteilung die Methode der Wahl, vornehmlich mithilfe der Hare Psychopathy Checklist-Revised (PCL-R). Die PCL-R konzeptualisiert Psychopathie anhand vier interkorrelierter Faktoren (Interpersonell, Affektiv, Lebensstil, Antisozial) bzw. anhand zweier Faktoren zweiter Ordnung (Kernpersönlichkeitsmerkmale [F1], soziale Abweichung [F2]). Im Vortrag werden die Ergebnisse einer aktuellen Meta-Analyse zur prognostischen Validität der PCL-R und ihrer Varianten (PCL, PCL:SV) vorgestellt (Holper et al., 2025; J Pers Assess https://doi.org/10.1080/00223891.2025.2469268). Es handelt sich um die bis dato umfassendste Meta-Analyse zum Einsatz der PCL-Instrumente im Kontext der forensischen Risikobeurteilung (Gesamt-N = 46,857; 217 Stichproben bzw. 227 Studien). Über alle Outcome-Kriterien (Delikt-, Gewalt-, sexueller Rückfall; Auffälligkeiten / Übergriffe im Vollzug; Partnerschaftsgewalt) erwies sich die Effektstärke als mittelgradig. Die Vorhersage war für sexuelle Rückfälle und Partnerschaftsgewalt geringer als für die übrigen Kriterien. Soziale Abweichung (F2) wies einen höheren prädiktiven Wert auf als die Kernpersönlichkeitsmerkmale (F1). Eine Multi-Model-Moderator-Analyse ergab keine Hinweise auf differenzielle Effekte zwischen Männern und Frauen für den PCL-Gesamtwert oder F2, wohl aber für F1 (tendenziell stärkere prädiktive Validität bei Frauen).