Symposium
Stichworte: Bedrohungsmanagement, Kriminalprognose, Polizeipsychologie, Generationengewalt, Terrorismus
Bedrohungsmanagement und Gefährlichkeitseinschätzung aus polizeipsychologischer und viktimologischer Perspektive
Chair(s): Martin Rettenberger (Kriminologische Zentralstelle (KrimZ), Deutschland), Viktoria Reese (Kriminologische Zentralstelle (KrimZ))
Beiträge des Symposiums
Polizeiliches Bedrohungsmanagement in Hessen – Bewertung des Risikos einer schweren zielgerichteten Gewalttat aus polizeipsychologischer Perspektive
Lena Schlempp-Kasimir, Katharina Nitsche
Zentrum für polizeipsychologische Dienste und Services (ZPD) der hessischen Polizei
Nicht zuletzt aufgrund der verschiedenen schweren Gewaltstraftaten der vergangenen Jahre wird dem polizeilichen Bedrohungsmanagement und der Früherkennung schwerer zielgerichteter Gewalt eine besondere Bedeutung beigemessen. Innerhalb der hessischen Polizei besteht bereits seit etwa 15 Jahren ein Bedrohungsmanagement, welches stetig fortentwickelt wird. Die Bewertung der Wahrscheinlichkeit einer schweren zielgerichteten Gewalt durch bestimmte Personen erfolgt dabei auf Grundlage wissenschaftlich fundierter Risikofaktoren und einer strukturierten Einzelfallbetrachtung für verschiedene Phänomenbereiche, wie beispielweise häusliche Gewalt, Stalking, Amokverdacht, politisch motivierte Kriminalität sowie Gewalt- und Sexualdelinquenz. Die polizeipsychologische Tätigkeit stellt dabei u. a. eine konzeptionelle sowie operative Beratungsleistung für die Polizei dar. In konkreten Fällen wird die polizeiliche Gefährdungsbewertung anhand der psychologischen Expertise ergänzt. Auf Grundlage der Gefährdungsbewertung können polizeiliche Maßnahmen geplant und durchgeführt werden. Die Arbeit des Zentrums für polizeipsychologische Dienste und Services in Hessen sowie die Möglichkeiten und Grenzen der behördenübergreifenden Zusammenarbeit zur Verhinderung schwerer zielgerichteter Gewalttaten werden vorgestellt und anhand polizeipraktischer Fallbeispiele erläutert.
Die Risikoeinschätzung von politisch motivierten schweren Gewalttaten: Vorstellung des RADAR-Systems am Beispiel von RADAR-iTE
Friederike Sadowski1, Viktoria Reese2, Anne Brodführer1, Celina Sonka1, Jonas Knäble2, Martin Rettenberger2
1Bundeskriminalamt (BKA), 2Kriminologische Zentralstelle (KrimZ)
Die Bedrohung durch islamistischen Terrorismus und Rechtsextremismus ist in Deutschland nach wie vor erhöht. Dazu beigetragen haben in den letzten Jahren z.B. die Ereignisse im Nahen Osten oder auch die politische Fokussierung auf das Thema Migration und Asyl. Vor diesem Hintergrund kommt der Risikoeinschätzung solcher Personen, die möglicherweise bereit sind, politisch motivierte, schwere Gewalt auszuüben, weiterhin ein hoher Stellenwert zu. Dafür wurden die Priorisierungsinstrumente „RADAR-iTE“ und „RADAR-rechts“ („Regelbasierte Analyse potentiell destruktiver Täter zur Einschätzung des akuten Risikos“, jeweils für die Phänomenbereiche Islamismus sowie Rechtsextremismus) für den polizeilichen Staatsschutz entwickelt. Die standardisierten Instrumente beinhalten einen Risikobewertungsbogen, in dem sowohl Risiko- als auch Schutzfaktoren auf Basis einheitlicher Bewertungsmaßstäbe beurteilt werden, sodass die bewertete Person schließlich einer von zwei Risikokategorien zugeordnet werden kann. Am Beispiel der kürzlich revidierten Version RADAR-iTE 3.0 präsentieren wir die Funktionsweise der Priorisierungsinstrumente und ordnen diese in den Kontext der Risikoeinschätzung im Phänomenbereich politisch motivierte Kriminalität ein.
Verlässliche polizeiliche Risikoeinschätzung von jugendlichen Straftäter/innen mit den MEIKs
Barbara Bergmann
Universität Bonn
Wird ein Jugendlicher einer Straftat beschuldigt, ermitteln speziell geschulte Polizeibeamte/innen, die eine Vorhersage über das zukünftige delinquente Verhalten treffen sollen. Die MEIKs (Merkmale zur Einschätzung des individuellen Kriminalitätsrisikos; Bergmann & Wesely, 2020) bieten den Anwendern eine Bewertungsstruktur aus Schutz- und Risikofaktoren, die eine integrierte Gesamteinschätzung ermöglicht. In der vorgestellten Studie schätzten niedersächsische Polizeibeamte/innen insgesamt N = 42 jugendliche Beschuldigte im Alter von 14-18 Jahren (M = 15,4; 29% weiblich) anhand der MEIKs ein. Anhand prospektiver Daten über einen Beobachtungszeitraum von 12 Monaten wurde getestet, inwieweit die MEIKS geeignet sind, Jugendliche mit einem hohen Rückfallrisiko zu identifizieren. Das eingeschätzte Gesamtrisiko der rückfälligen Probanden fiel signifikant höher aus als das der nicht rückfälligen Probanden (U = 123.5, Z = -2.39, p = .02, η² = .14). Sowohl die allgemeine Rückfälligkeit als auch die Anzahl erneuter Delikte korrelierten signifikant mit dem eingeschätzten Gesamtrisiko (rS = .37, p = .02; r S = .42, p = .01), dem Summenwert der Risikoskala (rS = .36, p = .02; r S = .51, p < .001) sowie dem Summenwert der Schutzskala (rS = -.35, p = .03; rS = -.41, p = .01). Aktuelle Datenerhebungen in weiteren Bundesländern sollen zu einer größeren Stichprobe verhelfen und zukünftig tiefergehende Analysen ermöglichen, um die prädiktive Validität der MEIKs zu testen.
Entwicklung eines Instruments zur Gefährlichkeitseinschätzung bei innerfamiliärer Generationen-gewalt: Systematisches Review und Experten/-innen-Befragung zu Risiko- und Schutzfaktoren
Ann-Sophie Tröger1, Sonja Etzler2, Martin Rettenberger1
1Kriminologische Zentralstelle (KrimZ), 2Universitätsklinikum Freiburg
Unter innerfamiliärer Generationengewalt werden alle Formen von Gewalt verstanden, die zwischen Generationen innerhalb des Familienkreises ausgeübt werden – beispielsweise Gewalt von Kindern gegenüber Eltern oder Großeltern sowie Kindesmisshandlung durch (Groß-)Eltern. Trotz ihrer hohen Prävalenz und gesellschaftspolitischen Bedeutung ist Generationengewalt ein wenig erforschtes Phänomen, für das bislang keine umfassende Gefährlichkeitsdiagnostik existiert. Ziel des Projekts ist daher gemeinsam mit österreichischen Gewaltschutzzentren die Entwicklung und Implementierung eines evidenzbasierten Instruments zur Risikobeurteilung im Bereich innerfamiliärer Generationengewalt, das vorrangig der Identifikation von Hochrisikofällen dienen soll. In einem systematischen Review wurden hierfür zunächst Risiko- als auch Schutzfaktoren erfasst, thematisch geordnet und hinsichtlich ihrer Relevanz und Operationalisierbarkeit durch Expert-/innen aus dem Bereich der familiären Gewalt bewertet. Die Ergebnisse des Reviews und der Befragung der Experten/-innen sowie die Implikationen für die praktische Anwendung des Instruments werden dargestellt und diskutiert.