Symposium
Stichworte: Missbrauchsabbildungen, Kinderpornografie, sexuelles Interesse an Kindern, Strafvollzug, Bewährungshilfe
Konsum von Missbrauchsabbildungen
Chair(s): Joscha Hausam (Charité - Universitätsmedizin Berlin, Deutschland)
Beiträge des Symposiums
Vom User zum Täter? Problematische Internetnutzung und der Konsum von Missbrauchsabbildungen
Nora Koppotsch, Joscha Hausam
Charité - Universitätsmedizin Berlin, Deutschland
Die Prävalenz des Konsums von Missbrauchsabbildungen (MBA) ist in den letzten Jahren drastisch gestiegen. Vor dem Hintergrund verschärfter gesetzlicher Regelungen stellt dies Strafvollzug und Bewährungshilfe vor neue Herausforderungen – insbesondere im Umgang mit einem Tätertypus, der sich in wesentlichen Merkmalen von Kontakttätern unterscheidet. Charakteristisch für diesen Typ scheint ein stärkeres sexuelles Interesse an Kindern bei gleichzeitig geringer antisozialer Neigung. Kaum geklärt ist jedoch, welche Rolle das Internet bei der Entstehung und Aufrechterhaltung des MBA-Konsums spielt. Der vorliegende Beitrag richtet den Fokus daher auf die Bedeutung problematischer Internetnutzung im Zusammenhang mit MBA-Konsum. Hierzu wird zunächst eine deutsche Übersetzung des Fragebogens Online Cognition Scale (OCS) vorgestellt, der relevante kognitive und verhaltensbezogene Dimensionen problematischer Internetnutzung erfasst (z. B. verminderte Impulskontrolle und soziale Unterstützung im Internet). Untersucht werden Zusammenhänge mit verwandten Konstrukten (z. B. problematischer Pornografiekonsum), deliktbegünstigenden Kognitionen (z. B. „Die virtuelle Welt ist nicht real“) sowie Tendenzen zur Schuldexternalisierung („Das Internet ist schuld an meinem Konsum“). Die Grundlage bilden Daten der multimethodalen COMBAT-Studie mit 92 Männern, die wegen Sexualdelikten an Kindern verurteilt wurden und sich in Berliner Justizvollzugsanstalten oder der Bewährungshilfe befanden (78 % mit MBA-Konsum). Der Beitrag beleuchtet differenzierte Zusammenhänge zwischen problematischer Internetnutzung und Delinquenzmerkmalen bei MBA-Konsumenten und diskutiert Anknüpfungspunkte für Diagnostik, Prognose und Behandlung.
Deliktbegünstigende Kognition bei Konsumenten von Missbrauchsabbildungen: Validierung der Internet Cognitions und Implicit Theories Evaluation (INCITE)
Bela Bentfeld, Robert J.B. Lehmann
MSB Medical School Berlin, Deutschlad
Deliktunterstützende Kognitionen gelten als zentraler Risikofaktor für sexuelle Rückfälligkeit und sind daher ein wichtiger Bestandteil der forensisch-psychologischen Diagnostik. Für Konsumenten von Missbrauchsabbildungen (MBA) existieren jedoch nur wenige validierte Instrumente zur Erfassung spezifischer deliktbegünstigender Kognitionen. Der Fragebogen Internet Cognitions & Implicit Theories Evaluation (INCITE) wurde eigens für diese Zielgruppe entwickelt und erfasst kognitive Schemata, die den Konsum von MBA begünstigen. Ziel der vorliegenden Studie ist die Validierung der ersten deutschsprachigen Version der INCITE. Dabei werden die faktorielle Struktur, die konvergente Validität mit verwandten Konstrukten (z.B. emotionale Kongruenz mit Kindern) sowie die inkrementelle Validität der INCITE gegenüber etablierten Risikofaktoren im Hinblick auf das statistische Rückfallrisiko (CPORT) untersucht. Die Daten stammen von verurteilten Probanden mit MBA-Delikten (n = 71). Die Studie soll einen Beitrag zur Weiterentwicklung risikodiagnostischer Verfahren leisten und die Grundlage für eine gezieltere Risikoabschätzung sowie individualisierte therapeutische Interventionen bei MBA-Tätern schaffen.
Prädiktoren deliktbezogener Schuld und Scham bei Konsumenten von Missbrauchsabbildungen
Marlene Engelbrecht, Laura Quinten
MSB Medical School Berlin, Deutschlad
Schuld- und Schamgefühle als emotionale Reaktionen auf eigenes kriminelles Verhalten können die Motivation zur Veränderung maßgeblich beeinflussen. Obwohl eng miteinander verwandt, können Schuld und Scham gegensätzliche Auswirkungen auf kriminelle Rückfälligkeit haben. Kognitive Prozesse wie Bewerten und Schlussfolgern spielen eine zentrale Rolle für das emotionale Erleben. Vor diesem Hintergrund untersucht die Studie, welche kognitiven Bewertungen mit deliktbezogener Schuld und Scham bei Konsumenten von Missbrauchsabbildungen (MBA) assoziiert sind. Berücksichtigt wurden sowohl MBA-spezifische Kognitionen (z. B. „Kinderpornografie stellt eine Fantasiewelt dar“) als auch allgemeine Bewertungen (z. B. „Es ist ok das Gesetz zu brechen, solange man nicht erwischt wird“). Die Daten wurden über Selbstbericht-Fragebögen und teilstandardisierte Interviews erhoben. Befragt wurden 71 Männer, die aufgrund von MBA-Delikten verurteilt worden waren und sich entweder in Berliner Justizvollzugsanstalten oder im Rahmen der Bewährungshilfe befanden (n = 71). Die Ergebnisse sollen zu einem besseren Verständnis kognitiv-affektiver Dynamiken im Kontext sexueller Online-Delinquenz beitragen und Hinweise für Rückfallprognose und Interventionen liefern.
Sexuelles Interesse bei Konsumenten von Missbrauchsabbildungen: Konvergente Validität von CASIC und Viewing Time
Robert. J.B. Lehmann1, Laura Quinten1, Joscha Hausam2
1MSB Medical School Berlin, Deutschlad, 2Charité - Universitätsmedizin Berlin, Deutschland
Meta-analytische Befunde weisen darauf hin, dass Konsumenten von Missbrauchsabbildungen (MBA) ein stärker ausgeprägtes sexuelles Interesse an Kindern haben als Täter mit Kontaktstraftaten. Bislang fehlen valide und praxistaugliche Instrumente zur Diagnostik pädophiler Interessen – insbesondere bei nicht einschlägig vorbestraften Personen. Der vorliegende Beitrag untersucht daher die konvergente Validität zweier unabhängiger Indikatoren für sexuelles Interesse bei ausschließlich wegen MBA verurteilten Tätern (n = 71): CASIC (Correlates of Admission of Sexual Interest in Children), ein verhaltensbasiertes Fremdrating mit sechs Items (z. B. Besitz kinderpornografischer Videos, Online-Kommunikation mit Minderjährigen), sowie ein Viewing-Time-Paradigma, das anhand von Reaktionen auf Bildstimuli Rückschlüsse auf sexuelle Präferenzen erlaubt. Ziel ist es, die Anwendbarkeit eines multimethodalen Ansatzes nach dem Konvergenzprinzip zu prüfen, um die Diagnostik und Rückfallprävention bei MBA-Tätern zu verbessern.
Wenn die Ermittlung zur Belastung wird: Sekundäre Traumatisierung in der Polizeiarbeit mit Missbrauchsabbildungen
Patricia Rasch
MSB Medical School Berlin, Deutschlad
Vor jeder Verurteilung wegen der Verbreitung, des Erwerbs und des Besitzes kinder- und jugendpornografischer Inhalte steht eine vorangegangene Ermittlung durch die Strafverfolgungsbehörden. Diese Perspektive wird im wissenschaftlichen Diskurs in Deutschland bislang nur selten berücksichtigt. In diesem Beitrag geht es um den Symptomkomplex der sekundären Traumatisierung in der ermittlerischen Arbeit mit Missbrauchsabbildungen (MBA), wobei die sekundäre Traumatisierung als eine Belastung durch nicht selbst erlebte (potenziell) traumatische Inhalte definiert wird. Ziel war es zu untersuchen, inwiefern Symptome einer sekundären Traumatisierung bei Beamt:innen, die in ihren Ermittlungen mit MBA konfrontiert sind, vorliegen, und wie sowohl die Mentalisierungsfähigkeit als auch das epistemische Vertrauen in dieser Stichprobe beschaffen sind. In einem quasi-experimentellen Design wurden mittels Fragebögen Daten erhoben, um (1.) die Prävalenz und Symptomstärke einer sekundären Traumatisierung in Bezug zur Arbeit mit dem Material zu erfassen und (2.) zu bestimmen, welches Medium dafür als größter Risikofaktor gilt. Daran anschließend wurden (3.) die Symptome einer möglichen sekundären Traumatisierung mit der Mentalisierungsfähigkeit sowie dem epistemischen Vertrauen in Bezug gesetzt. Die Stichprobe bestand aus Beamt:innen der entsprechenden Dezernate der Länder, die sich mit Sexualdelikten in Verbindung mit MBA beschäftigen. Insgesamt nahmen 47 Personen aus sieben Bundesländern teil. Zusätzlich wurde in der Berliner Polizei eine Kontrollstichprobe mit 82 Beamt:innen erhoben, die zu dem Zeitpunkt der Befragung noch keinen Kontakt zu MBA hatten. Der Vergleich dieser beiden Gruppen soll praxisrelevante Anhaltspunkte dafür liefern, wie die belastende Arbeit mit Missbrauchsabbildungen zukünftig gestaltet und begleitet werden kann.