Symposium
Stichworte: Pädophilie, Pädosexualität, Diagnostik
Präferenz, Devianz und Diagnostik bei pädophilen und pädosexuellen Personen im Hell- und Dunkelfeld
Chair(s): Maximilian Wertz (LMU München, Deutschland)
Beiträge des Symposiums
Präferenz, Devianz und Delinquenz von pädosexuellen Personen aus dem Hell- und Dunkelfeld
Nele Brenzinger, Maximilian Wertz
LMU München
Die Forschung zu Pädosexualität und sexuellen Kindesmissbrauch basiert aufgrund der erschwerten Stichprobenzugänglichkeit vornehmlich auf justizbekannten Sexualstraftätern aus dem Hellfeld. Über pädosexuelle Menschen, die straffrei im Dunkelfeld leben, ist folglich weniger bekannt. Zudem wurde bisher nur selten beschrieben, wodurch sich Pädosexuelle im Hell- und Dunkelfeld unterscheiden und welche Merkmale womöglich mit der Entdeckung durch die Justiz zusammenhängen. Für einen Vergleich nach Justizstatus wurde eine Dunkelfeldstichprobe des Präventionsnetzwerks Kein Täter werden (n = 78) einer Hellfeldstichprobe des ambulanten psychotherapeutischen Projekts man|n sprich|t des Kinderschutz-Zentrums München und des Münchner Informationszentrum für Männer (n = 199) gegenübergestellt. Mithilfe einer exklusiven Stichprobe von Kein Täter werden (n = 78) wurden zudem straffreie Personen mit pädophiler Präferenzstruktur hinsichtlich diverser Risikofaktoren mit pädophilen Personen, die bereits straffällig wurden, verglichen. Im Vergleich zwischen Dunkel- und Hellfeld zeigten sich vornehmlich soziodemografische Unterschiede, die auf ein jüngeres Alter und einen höheren sozioökonomischen Status bei Tätern im Dunkelfeld hinwiesen. Darüber hinaus ließ sich eine sexuelle Orientierung auf das pubertäre Körperschema im Hellfeld seltener feststellen als im Dunkelfeld. Pädophile Nicht-Täter und Täter ähnelten sich weitestgehend in den Bereichen sexueller Devianz, Antisozialität und psychologischer Defizite. Nicht-Täter waren jedoch jünger und hatten tendenziell einen höheren formalen Bildungsgrad als Täter. Zudem zeigten sie weniger Defizite in der selbstwahrgenommenen Fähigkeit, ihre sexuellen Fantasien und Verhaltensweisen zu regulieren. Die Ergebnisse unterstreichen die Relevanz des Ausbaus therapeutischer Anlaufstellen sowohl im Hell- als auch im Dunkelfeld.
Unterschiede zwischen pädo-, hebe- und teleiophiler Sexualpräferenz bei Personen aus dem Hell- und Dunkelfeld – ein Vergleich des Expliziten und Impliziten Sexuellen Interessenprofils (EISIP)
Theresa Donhauser
LMU München
Hintergrund: Im Rahmen der diagnostischen Untersuchung von Pädophilie existiert eine Vielzahl an Erfassungsinstrumenten. Das Explizite und Implizite Sexuelle Interessen Profil (EISIP) kombiniert hierbei explizite und implizite (Viewing Time, Impliziter Assoziationstest) Verfahren. Diese Untersuchung setzte sich zum Ziel, dieses Verfahren zu untersuchen und eventuelle Unterschiede der pädophilen sexuellen Präferenz in Personen aus dem strafrechtlichen Hell- und Dunkelfeld zu analysieren. Methode: Bei den Studienteilnehmern handelte es sich um Personen, die sich über das Projekt „Kein Täter werden“ (Dunkelfeld) oder aufgrund eines laufenden Strafverfahrens (Projekt „Hellfeld“) in ambulanter Behandlung befanden. Die Bestimmung der sexuellen Orientierung (hetero-, homo- oder bisexuell) und der sexuellen Ausrichtung (Pädo-, Hebe- oder Teleiophilie) erfolgte mittels modifizierter Kinsey-Skala nach einer ausführlichen Sexualanamnese. Für alle reaktionszeitbasierten Untersuchungen wurde das Bilderset der Serie "Not Real People"-Set verwendet. Ergebnisse: Der vorläufige Datensatz umfasste N = 100 Teilnehmer mit einem durchschnittlichen Alter von 36.82 Jahren (SD = 13.93). Es zeigte sich eine gute Diskriminationsfähigkeit des EISIP zwischen pädo-, hebe- und teleiophilen Patienten. Hierbei wiesen pädophile Personen signifikant höhere Scores in Bezug auf kindliche Stimuli auf als hebephile Patienten, welche ebenfalls tendenziell höhere Werte erreichten als teleiophile Teilnehmer. Zudem zeigten Personen aus dem Dunkelfeld signifikant höhere Scores und zeigten somit stärkere pädophile Präferenzen als Patienten aus dem Hellfeld. Diskussion: Die vorläufigen Ergebnisse weisen auf eine zuverlässige Diskrimination des EISIP zwischen pädo-, hebe, und teleiophilen Personen hin. Zudem konnte das Verfahren in den bisherigen Daten eine stärkere pädophile Präferenz für Patienten aus dem Dunkel- im Vergleich zum Hellfeld aufzeigen.
Indirekte reaktionszeitbasierte Messverfahren bei Pädophilie: Erste Ergebnisse einer Eye-Tracking Untersuchung bei pädophilen und pädosexuellen Personen im Hell- und Dunkelfeld
Puyan Heindl
LMU München
Hintergrund: Die Pädophilie ist im ICD-10 den Störungen der Sexualpräferenz und im DSM-5 den paraphilen Störungen zugeordnet. Zur diagnostischen Abklärung gibt es Versuche, neben klinischen Interviews oder Selbstauskünften auch indirekte reaktionszeitbasierte Messverfahren zu nutzen. Bisher gibt es einige Untersuchungen, die zur Bestimmung von pädophilem Interesse Messverfahren wie Eye-Tracking, Viewing Time (VT) oder den Impliziten Assoziationstest (IAT) verwendet haben. Ziel: Im Rahmen der laufenden Studie sollen mittels Eye-Tracking Aufmerksamkeitsprozesse untersucht und zwischen den Gruppen pädophiler und nicht-pädophiler Personen mit und ohne pädosexuelle Straftaten verglichen werden. Methode: Bei den Studienteilnehmern handelte es sich um Personen, die sich in der Präventionsambulanz der LMU München in ambulanter Behandlung befanden. Im Eye-Tracking wurde zwischen Blöcken mit und ohne Instruktion („Bewertung sexueller Attraktivität“ vs. free viewing) unterschieden und die Darbietung von Bildern erfolgte getrennt für beide Geschlechter (männlich vs. weiblich) und Alter (Kind vs. Erwachsene). Als abhängige Variable wurden die Zeit und Anzahl der ersten Fixation und die durchschnittliche Zeit und Anzahl aller Fixationen berücksichtigt. (Vorläufige) Ergebnisse: Insgesamt wurden Daten von N = 92 Personen analysiert, darunter N = 39 mit Pädophilie, N = 27 mit Hebephilie und N=27 mit Teleiophillie. Über alle Gruppen hinweg zeigte sich in der Bedingung mit Instruktion signifikant kürzere Fixationszeiten als in der free viewing Bedingung. Darüber hinaus hatten Personen mit pädophiler Sexualpräferenz eine signifikant kürzere erste Fixation und häufigere erste Fixationen auf kindliche Stimuli. Ein Vergleich der Gesamtdauer aller Fixationen zeigte, dass pädophile Personen signifikant länger und häufiger kindliche Stimuli fixierten als die hebephile und teleiophile Gruppe.
Kognitive Verzerrungen und emotionale Überidentifikation mit der Kinderwelt Kindern bei Pädosexuellen – Normierung der EKK-R und KV-M anhand forensischer Substichproben
Emma Seibert, Maximilian Wertz
LMU München
Kognitive Verzerrungen und emotionale Überidentifikation mit Kindern gelten als wesentliche dynamische Risikofaktoren sexualisierte Gewalt gegen Minderjährige (Hanson & Morton-Bourgon, 2004). Obwohl viele Studien auf die Bedeutung dieser Konstrukte für das Verständnis pädosexuellen Verhaltens hinweisen (z. B. Abel et al., 1984; Murphy, 1990), bestehen weiterhin Forschungslücken hinsichtlich gruppenspezifischer Unterschiede sowie der Rolle diagnostischer, personenbezogener und deliktspezifischer Merkmale. Ziel der vorliegenden Studie ist die Normierung der Testverfahren zur Erfassung emotionaler Überidentifikation (EKK-R) und kognitiver Verzerrungen (KV-M) anhand heterogener forensischer Stichproben, die sowohl deutschsprachige Personen aus dem Dunkelfeld als auch strafrechtlich auffällige Täter (Hellfeld), darunter Hands-on- sowie Hands-off-Delinquente, umfasst. Im Rahmen der Untersuchung sollen die Ausprägungen der beiden Konstrukte und deren Zusammenhänge mit weiteren delikt- und personenbezogenen Variablen systematisch zwischen verschiedenen Gruppen potenzieller oder tatsächlicher Täter verglich werden. Die Gesamtstichprobe von knapp 300 männlichen Probanden zusammen setz sich aus Personen aus dem bayerischen Straf- und Maßregelvollzug, strafrechtlichen Begutachtungsprobanden an der LMU München sowie Teilnehmern des Präventionsprogramms „Kein Täter werden“ zusammen. Durch die Normierung der EKK-R und KV-M an einer vielfältigen deutschsprachigen forensischen Gesamtstichprobe soll ein differenzierter Vergleich von Tätergruppen ermöglicht und ein Beitrag zur verbesserten Diagnostik sowie Risikoeinschätzung im forensischen und präventiven Kontext geleistet werden.