Symposium
Stichworte: Intramurale Risikoprognose, START, intramurales Fehlverhalten, Lockerungsmissbräuche, Justizvollzug
Validierung des Short-Term Assessment of Risk and Treatability (START) zur Risikoprognose intramuraler Auffälligkeiten
Chair(s): Senem Kilic (Justizvollzugsanstalt Fuhlsbüttel, Freie und Hansestadt Hamburg Behörde für Justiz und Verbraucherschutz, Hamburg, Deutschland), Dahlnym Yoon (Medical School Hamburg, Deutschland)
Beiträge des Symposiums
Die Vorhersage von intramuralem Fehlverhalten und Lockerungsmissbrauch anhand akut-dynamischer Risiko- und Schutzfaktoren – eine retrospektive Validierungsstudie des Short-Term Assessment of Risk and Treatability
Senem Kilic1, Dahlnym Yoon2, Martin Rettenberger3
1Justizvollzugsanstalt Fuhlsbüttel, Freie und Hansestadt Hamburg Behörde für Justiz und Verbraucherschutz, Hamburg, Deutschland, 2Medical School Hamburg, Deutschland, 3Kriminologischen Zentralstelle (KrimZ)
Die systematische Erfassung von akut-dynamischen Risiko- und Schutzfaktoren liefert einen zentralen Beitrag zur Lockerungsprognose und Resozialisierung von Straftäter:innen. Akut-dynamische Risiko- und Schutzfaktoren kennzeichnen dabei sogenannte State-Faktoren, die innerhalb kurzer Zeiträume veränderbar sind und bei entsprechender Vulnerabilität zu intramural herausforderndem Verhalten führen, etwa Substanzmissbrauch, Gewalt oder Lockerungsmissbrauch. Eine präzise Erfassung dieser Faktoren ist daher entscheidend für fundierte Risikoprognosen. Bisherige Forschung konzentrierte sich vor allem auf statische Risikofaktoren, während der Einfluss situativer Faktoren bislang weitgehend unberücksichtigt blieb. Das Short-Term Assessment of Risk and Treatability (START) ist eines der wenigen Structured Professional Judgment (SPJ)-Verfahren, das sowohl diese Risiko- als auch Schutzfaktoren operationalisiert. Obwohl START ursprünglich für den forensisch-psychiatrischen Kontext validiert wurde, bietet es Potenzial für den Einsatz im Justizvollzug. Ziel der Studie ist es, die Anwendbarkeit und prädiktive Validität des START im Justizvollzug erstmals im deutschsprachigen Raum zu untersuchen. Dabei wird geprüft, inwiefern die einzelnen Items, die Skalen sowie die klinische Beurteilung des Verfahrens zur Vorhersage von intramuralem Fehlverhalten und Lockerungsmissbrauch beitragen können. Zudem soll START an die Anforderungen des Justizvollzugs angepasst werden, indem eine modifizierte Version entwickelt wird, die eine zuverlässige Risikoeinschätzung für intramurales Fehlverhalten und Lockerungsmissbrauch ermöglicht. Hierzu wird eine retrospektive Aktenanalyse an einer Stichprobe von inhaftierten und untergebrachten erwachsenen Männern im Regelvollzug der Justizvollzugsanstalt Hamburg-Fuhlsbüttel (N = 97) durchgeführt. Angesichts der zunehmenden Bedeutung situativer Faktoren in der forensischen Risikobewertung könnte diese Studie wertvolle Erkenntnisse für eine präzisere Risikoeinschätzung und ein effektives Risikomanagement im Justizvollzug liefern.
Die Vorhersage intramuralen Fehlverhaltens mittels des SPJ-Instruments START – eine retrospektive Validierungsstudie zu Substanzkonsum und Gewalt.
Ellen Boehnke1, Dahlnym Yoon1, Senem Kilic2, Martin Rettenberger3
1MSH Medical School Hamburg, Deutschland, 2Justizvollzugsanstalt Fuhlsbüttel, Freie und Hansestadt Hamburg Behörde für Justiz und Verbraucherschutz, Hamburg, Deutschland, 3Kriminologischen Zentralstelle (KrimZ)
Die Erfassung von Verhaltensänderungen während der Haftzeit spielt eine zentrale Rolle für die Prognose intramuralen Fehlverhaltens und ist entscheidend für die Sicherheit im Justizvollzug. Eine präzise Risikobewertung bildet die Grundlage für die Resozialisierungsplanung und beeinflusst maßgeblich Entscheidungen über Lockerungen sowie andere freiheitsbezogene Maßnahmen. Besonders relevant sind Verhaltensweisen, die sowohl fremd- als auch selbstschädigend sind, wobei insbesondere Gewalt und Substanzkonsum von Bedeutung sind. Dabei ist es essenziell, Gewalt differenziert zu betrachten, indem zwischen physischer und verbaler Gewalt unterschieden wird. Ebenso sollte Substanzkonsum sowohl als selbstschädigendes Verhalten als auch als bedeutender Prädiktor für Rückfälligkeit berücksichtigt werden. Für eine zuverlässige Risikoeinschätzung sind kurzfristige dynamische Risiko- und Schutzfaktoren von besonderer Bedeutung, da sie unmittelbare Verhaltensänderungen abbilden und somit präzisere Prognosen ermöglichen. Das Short-Term Assessment of Risk and Treatability (START) gehört zu den wenigen Instrumenten, die gezielt solche kurzfristigen dynamischen Faktoren erfassen. Ursprünglich für den psychiatrisch-forensischen Bereich entwickelt, bietet es als Structured Professional Judgment (SPJ)-Verfahren den Vorteil, klinische Urteile strukturiert in die Risikoeinschätzung einzubeziehen, ohne sich ausschließlich auf statistische Modelle zu stützen. Diese Studie untersucht die prognostische Validität von START im Justizvollzug, insbesondere im Hinblick auf intramurales Fehlverhalten wie Gewalt und Substanzkonsum. Zudem wird geprüft, ob die Vorhersagegenauigkeit durch die START-Risiko- und Schutzskala oder durch die klinische Risikoeinschätzung verbessert werden kann. Die Datenerhebung erfolgt mittels einer retrospektiven Aktenanalyse zu zwei verschiedenen Messzeitpunkten in einer Justizvollzugsanstalt in Hamburg (N = 130). Die Ergebnisse sollen dazu beitragen, die praktische Anwendung kurzfristiger dynamischer Risiko- und Schutzfaktoren zur Vorhersage von Gewalt und Substanzkonsum im Strafvollzug weiter zu optimieren.
Prädiktive Validität des Short-Term Assessment of Risk and Treatability (START) im Justizvollzug: Eine Untersuchung zur Vorhersage von intramuralem Fehlverhalten und Lockerungsmissbrauch unter besonderer Berücksichtigung von Schutzfaktoren
Yana Wib1, Dahlnym Yoon1, Senem Kilic2, Martin Rettenberger3
1MSH Medical School Hamburg, Deutschland, 2Justizvollzugsanstalt Fuhlsbüttel, Freie und Hansestadt Hamburg Behörde für Justiz und Verbraucherschutz, Hamburg, Deutschland, 3Kriminologischen Zentralstelle (KrimZ)
Die präzise Erfassung von intramuralem Fehlverhalten und Lockerungsmissbrauch ist essenziell für eine valide Risikobewertung bei Inhaftierten. Bisherige Studien konzentrierten sich vornehmlich auf stabil-dynamische Risikofaktoren, die für die Vorhersage von Rückfälligkeit von großer Bedeutung sind, während Schutzfaktoren trotz ihrer zentralen Bedeutung für die Resozialisierung unzureichend berücksichtigt werden. Trotz der wachsenden Forschungslage bleibt daher die Frage nach wie vor offen, ob veränderungssensitive und ressourcenorientierte Prognosen auch für kurzfristige Outcomes wie beispielsweise intramurales Fehlverhalten und Lockerungsmissbrauch prädiktiv sein können. Zudem stellt sich die Frage, welche latenten Konstrukte hinter möglichen Schutzfaktoren stehen. Das Short-Term Assessment of Risk and Treatability (START), welches sowohl Risiko- als auch Schutzfaktoren erfasst, wurde ursprünglich für die forensische Psychiatrie entwickelt, um kurzfristige Veränderungen im Risikoverhalten zu erfassen und die Behandlungsplanung zu unterstützen. In diesem Kontext hat sich START bereits als zuverlässiges Verfahren zur kurzfristigen Risikobewertung bewährt. In der vorliegenden Untersuchung steht die Vorhersagekraft der Schutzfaktoren im Fokus. Zudem soll anhand einer explorativen Faktorenanalyse überprüft werden, ob diesen Schutzfaktoren bestimmte latente Konstrukte zugrunde liegen. Die Datengrundlage basiert auf einer retrospektiven Aktenanalyse von Inhaftierten einer Justizvollzugsanstalt mit zwei Erhebungszeitpunkten (N = 130). Die Ergebnisse dieser Studie sollen dazu beitragen, die Bedeutung von Schutzfaktoren für kurzfristige Risikoprognosen zu betonen und potenzielle Verbesserungen in der intramuralen Risikobewertung im Justizvollzug zu identifizieren.
Prä-Post-Veränderungen in START-Scores und ihre klinische Relevanz im Kontext des Transtheoretischen Modells: Eine Analyse klinisch bedeutsamer Veränderungen und Phasenübergänge
Merle Löwe1, Dahlnym Yoon1, Senem Kilic2, Martin Rettenberger3
1MSH Medical School Hamburg, Deutschland, 2Justizvollzugsanstalt Fuhlsbüttel, Freie und Hansestadt Hamburg Behörde für Justiz und Verbraucherschutz, Hamburg, Deutschland, 3Kriminologischen Zentralstelle (KrimZ)
Die kurzfristige Einschätzung von akut-dynamischen Risiko- und Schutzfaktoren im Justizvollzug spielt eine zentrale Rolle bei der Prävention von Gewalt und anderen aversiven Verhaltensweisen. Das Short-Term Assessment of Risk and Treatability (START) ist ein Verfahren der Structured Professional Judgment und wurde zur Erfassung akut-dynamischer Faktoren entwickelt und zeigt eine hohe prädiktive Validität für kurzfristiges intramurales Fehlverhalten. Bislang ist jedoch unklar, inwieweit START auch individuelle Veränderungsprozesse abbilden kann. Das Transtheoretische Modell der Verhaltensänderung (TTM) bietet einen theoretischen Rahmen zur Beschreibung solcher Prozesse anhand definierter Stufen der Veränderung. Die vorliegende Studie untersucht, ob Veränderungen in den modifizierten START-Scores mit einem Fortschritt in den TTM-Stufen assoziiert sind und ob diese Veränderungen als klinisch bedeutsam gelten. Darüber hinaus wird analysiert, welche spezifischen Risiko- und Schutzfaktoren besonders prädiktiv für Auf- oder Abstiege innerhalb der TTM-Stufen sind. Die Datengrundlage bildet eine retrospektive Aktenanalyse von Inhaftierten in einer Justizvollzugsanstalt mit zwei Erhebungszeitpunkten. Es wird eine Stichprobengröße von N = 130 angestrebt. Zur Analyse werden der Reliable Change Index (RCI) und die Kriterien der Clinically Significant Change (CSC) herangezogen. Die Ergebnisse werden vor dem Hintergrund der Herausforderung bei intramuralen Verlaufsuntersuchungen diskutiert. Die Verknüpfung von START mit dem TTM verspricht neue Impulse für die dynamische Risikobeurteilung im Justizvollzug und könnte die Entwicklung individualisierter, motivationsorientierter Interventionsstrategien unterstützen.