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Sitzungsübersicht
Sitzung
Lockerungen im Straf- und Maßregelvollzug: Prognosepraxis und Evaluation
Zeit:
Montag, 08.09.2025:
14:15 - 15:45

Ort: Max-Planck Saal

Sitzungsthemen:
Straftäterbehandlung

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Präsentationen
Symposium
Stichworte: Vollzugslockerungen, Maßregelvollzug, Prognose, Evaluation

Lockerungen im Straf- und Maßregelvollzug: Prognosepraxis und Evaluation

Chair(s): Barbara Bergmann (Universität Bonn, Deutschland), Merten Neumann (Kriminologisches Forschungsinstitut Niedersachsen, Hannover), Finn Rathgeber (Universität Bonn, Deutschland)

 

Beiträge des Symposiums

 

Methodische Herausforderungen bei der Evaluation von Vollzugslockerungen

Isabel Wittland
Kriminologischer Dienst des niedersächsischen Justizvollzuges

Die Lockerung des Vollzugs bietet eine Vielzahl an potenziellen Nutzen: Lockerungen können durch Maßnahmen induzierte Fortschritte verstetigen, können Teil der Motivationsarbeit im Vollzug sein oder der Erprobung von Verhaltensweisen außerhalb des Vollzugs dienen. Die Evaluation von Lockerungen und somit die Frage, welche Veränderungen sich durch die Lockerungsgewährung konkret ergeben und welche Rolle Vollzugslockerungen als Maßnahme bei Erreichung des Vollzugsziels spielen, steht jedoch vor einigen methodischen und praktischen Herausforderungen. Diese umfassen potenzielle Selektionsprozesse bei der Gewährung, die Vielfältigkeit der Ausgestaltung und die Bestimmung von Erfolgsmaßen. Der Vortrag greift einige der Herausforderungen der Evaluation von Lockerungen heraus und diskutiert diese im Spannungsfeld aus praktischer Umsetzbarkeit und methodischen Herausforderungen. Es werden dabei verschiedene Fragestellungen berührt: Wie werden Lockerungen ausgestaltet? Welche Veränderungen werden durch die Lockerungsgewährung erwartet? Welche Veränderungen stellen sich aus Sicht der Gefangenen und aus der Sicht des Vollzuges ein? Und: Wie gelingt eine effiziente und gleichzeitig ausreichende Datenerhebung? Ausgehend von diesen Fragen werden im Rahmen des Vortrags mögliche Lösungen und die Anlage eines geplanten Erhebungsinstruments dargestellt.

 

Die Wirkung vollzugsöffnender Maßnahmen auf die Rückfälligkeit unter strikter Kontrolle von Selektionseffekten

Merten Neumann1, Helena Schüttler1, Thimna Klatt2
1Kriminologisches Forschungsinstitut Niedersachsen, Hannover, 2Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung Nordrhein-Westfalen, Bielefeld

Vollzugsöffnende Maßnahmen gelten als zentrale Instrumente der Resozialisierung. Ihr konkreter Einfluss auf die Legalbewährung ist jedoch insbesondere im Kontext des deutschen Strafvollzugs bislang nicht abschließend geklärt. Während internationale Studien auf rückfallmindernde Effekte hinweisen, zeigen deutsche Untersuchungen bislang uneinheitliche Befunde und leiden häufig unter methodischen Schwächen. Vor allem die unzureichende Kontrolle selektiver Zuweisungsprozesse in Lockerungsmaßnahmen stellt dabei ein zentrales Problem dar. Die vorliegende Studie untersuchte daher den Einfluss des offenen Vollzugs sowie unbegleiteter Vollzugslockerungen im geschlossenen Vollzug auf die Rückfallwahrscheinlichkeit. Auf Basis einer Stichprobe von N = 907 haftentlassenen Personen wurden mithilfe von Conditional Inference Forests und statistischem Balancing potenzielle Störfaktoren kontrolliert, um belastbare Schätzungen der Effekte auf allgemeine Rückfälligkeit sowie neue Haftstrafen zu ermöglichen. Die Ergebnisse zeigen, dass der offene Vollzug im Vergleich zum geschlossenen Vollzug die Rückfallwahrscheinlichkeit signifikant reduziert. Für unbegleitete Lockerungen fällt der Effekt weniger eindeutig aus; es finden sich jedoch Hinweise auf eine rückfallmindernde Wirkung bei Personen, die typischerweise für diese Maßnahme infrage kommen. Die Befunde sprechen dafür, vollzugsöffnende Maßnahmen verstärkt als wirksame Elemente der Resozialisierung zu nutzen. Weitere Implikationen und Ansätze für zukünftige Forschung werden in dem Vortrag diskutiert.

 

LIVELT – Ein neues Instrument zur Vorhersage von Lockerungsmissbräuchen im Maßregelvollzug

Finn Rathgeber1, Barbara Bergmann1, Merten Neumann2, Anna Knechtel1, Pia Hanten1, Sonja Dette3, Silvia Kube1, Rainer Banse1
1Universität Bonn, Deutschland, 2Kriminologisches Forschungsinstitut Niedersachsen, Hannover, 3Klinik Nette Gut für forensische Psychiatrie

Mit der Liste zur Vorhersage von Entweichungs- und Lockerungsmissbrauchstendenzen (LIVELT) liegt ein Prognoseinstrument vor, dessen Fokus im Gegensatz zu etablierten kriminalprognostischen Verfahren nicht auf Rückfällen, sondern dezidiert auf Lockerungsmissbräuchen und Entweichungen im Kontext des Maßregelvollzugs liegt. Das Instrument umfasst 35 Items aus den fünf inhaltlichen Bereichen Anamnestische Faktoren, Klinische Faktoren, Behandlungsverlauf, Stationsalltag und Stationsklima. In einer ersten Studie zur tatsächlichen Vorhersage von Lockerungsmissbräuchen konnten die Daten von N = 131 Patient:innen aus dem Maßregelvollzug aus den Jahren 2014 bis 2018 berücksichtigt werden. Die Ergebnisse wurden differenziert für Patient:innen, die aufgrund einer psychiatrischen Erkrankung (§ 63 StGB) bzw. aufgrund einer Substanzabhängigkeit (§ 64 StGB) untergebracht wurden, betrachtet. Zusätzlich wurde auch zwischen verschiedenen Lockerungsstufen differenziert, die innerhalb der betrachteten Einrichtung definiert sind. ROC-Analysen zeigten eine gute prädiktive Validität für die Gruppe der § 63-Unterbringungen bei niedrigeren Lockerungsstufen, wohingegen keine signifikante Vorhersage in der Gruppe der nach § 64 StGB Untergebrachten gefunden werden konnte. Insgesamt liegt geteilte Evidenz für die prognostische Validität der LIVELT in ihrer aktuellen Version vor und es ergeben sich konkrete Ansatzpunkte für die Weiterentwicklung und Verbesserung des Instruments.

 

Die LIVELT im Vergleich mit anderen Prognoseinstrumenten

Barbara Bergmann1, Finn Rathgeber1, Merten Neumann2, Anna Knechtel1, Pia Hanten1, Sonja Dette3, Silvia Kube1, Rainer Banse1
1Universität Bonn, Deutschland, 2Kriminologisches Forschungsinstitut Niedersachsen, Hannover, 3Klinik Nette Gut für forensische Psychiatrie

Für die Lockerungsprognose kommen in der Regel kriminalprognostische Verfahren zum Einsatz, welche zum Zweck der Rückfallprognose entwickelt wurden. Demgemäß verglichen wir die LIVELT (Liste zur Vorhersage von Entweichungs- und Lockerungsmissbrauchstendenzen) mit der Prognoseleistung der 3. Version der Offender Group Reconviction Scale (OGRS-3), der revidierten Version des Violence Risk Appraisal Guide (VRAG-R) und des Screening Instrument for the Prediction of Violent Recidivism (SVG-5). Wir testeten die konvergente Validität der LIVELT und die prädiktive Validität der genannten Prognoseinstrumente hinsichtlich des Kriteriums des Lockerungsmissbrauchs an einer Stichprobe von N = 131 Patient:innen einer forensischen Klinik. Die LIVELT wies keine signifikanten Zusammenhänge mit den anderen Prognoseinstrumenten auf. ROC-Analysen zeigten, dass die OGRS-3 und der VRAG-R Lockerungsmissbräuche vorhersagten, jedoch lediglich bei Patient:innen, die aufgrund von Suchterkrankungen in der Klinik untergebracht waren (§64 StGB). Die LIVELT erwies sich hingegen nur für Patient:innen mit psychischer Erkrankung (§63 StGB) prädiktiv valide. Darüber hinaus ergaben sich ähnlich zum Befund zur LIVELT bei allen Instrumenten Hinweise auf eine unterschiedliche Vorhersagegüte je nach Lockerungsstufe. Die gefundenen Unterschiede werden vor dem Hintergrund möglicher Implikationen für die Praxis diskutiert.