Forschungsreferat
Stichworte: child psychological maltreatment, risk assessment, social information processing
Der Einfluss elterlicher kognitiver und affektiver Schemata auf funktionales und dysfunktionales Erziehungsverhalten
Lara Schwarz1, Jelena Zumbach-Basu1, Ute von Düring2
1Universität Basel, Schweiz; 2Carl von Ossietzky Universität, Oldenburg
Das Erleben von Kindeswohlgefährdung ist häufig mit schweren psychischen und körperlichen Erkrankungen im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter verbunden. Um eine Gefährdung frühzeitig zu erkennen, müssen relevante Risikofaktoren identifiziert werden. Während diese für körperliche Misshandlung und Vernachlässigung bereits gut erforscht sind, ist das Wissen über Risikofaktoren psychischer Misshandlung noch begrenzt. Das Modell der sozialen Informationsverarbeitung (SIP-Modell) geht davon aus, dass Eltern mit stärkeren kognitiven Verzerrungen in verschiedenen Phasen der Informationsverarbeitung mit höherer Wahrscheinlichkeit dysfunktionales Erziehungsverhalten zeigen. Die vorliegende Studie untersucht erstmals die erste Phase des SIP-Modells – kognitive und affektive Schemata – im Zusammenhang mit funktionalem und dysfunktionalem Erziehungsverhalten sowie mit Verhaltensweisen im Rahmen psychischer Misshandlung von Kindern. Es wird angenommen, dass größere Defizite in kognitiven und affektiven Schemata mit einem höheren Ausmaß an dysfunktionalem und potenziell psychisch misshandelndem Verhalten einhergehen. Hierzu wurde eine Fragebogenerhebung mit 1.024 Eltern von Kindern im Alter von 0 bis 18 Jahren aus Deutschland und der Schweiz durchgeführt. Erfasst wurden kognitive Schemata (Einstellungen, Zuschreibungen, Kontrollüberzeugungen, Erwartungen), affektive Schemata (Empathie, Selbstwertgefühl, Wut, Feindseligkeit, ängstlicher und depressive Affekt) sowie das Erziehungsverhalten. Auf Basis von Pfadanalysen lassen sich unterschiedliche Wirkbeziehungen zwischen kognitiven und affektiven Schemata und den verschiedenen Facetten des Erziehungsverhaltens ableiten. Die Befunde liefern somit wertvolle Ansatzpunkte für die Praxis, um bestehende Risikoeinschätzungsverfahren bei potenzieller Kindeswohlgefährdung weiterzuentwickeln.
Forschungsreferat
Stichworte: Prozessanalyse, Validität von Testverfahren, inkrementelle Validität
Psychologische Testverfahren als Quelle der späteren gutachterlichen Empfehlung
Alexander Bodansky1, Jannika Kruse2, Jelena Zumbach-Basu3
1Universität Hamburg; 2IGG Ahrensburg; 3Universität Basel
Familiengerichtliche Gutachten nutzen psychologische Testverfahren zumeist, um das Beziehungserleben der betroffenen Kinder (z.B. SKEI, EBF-KJ, SPEF, EWU) oder das Erziehungsverhalten der Eltern zu erheben. Eine im Rahmen eines Projektes zur Testnormierung (Bodansky & Krüger, 2020) erhobene Stichprobe (n =803 Lebensmittelpunktempfehlungen; n= 575 Vaterumgangsempfehlungen) wurde nun verwendet, um zu prüfen, inwiefern und zu welchem Ausmaß die Testergebnisse gutachtlicher Empfehlungen zum Lebensmittelpunkt bzw. zum Umgang beeinflussen bzw. welche Testergebnisse hier die nachfolgende Empfehlung am besten vorhersagen. Detaillierter wird dargestellt, welche Skalen der Tests die Lebensmittelpunkt- und Umgangsempfehlungen am besten vorhersagen. Dadurch wird ein Blick mit hoher ökologischer Validität auf die Entscheidungsfindung im familiengerichtlichen Begutachtungsprozess möglich. Implikationen der gefundenen Zusammenhänge für den Begutachtungsprozess aber auch für die Testentwicklung und hier spezifischer für die Nützlichkeit als auch Validität von psychologischen Testverfahren werden diskutiert.
Forschungsreferat
Stichworte: Crime Interventions, Callous-Unemotional Traits, Social Competence, Adolescence
Prävention von Jugendkriminalität: Eine Metaanalyse zu Interventionen mit Fokus auf Callous-Unemotional Traits und sozialen Kompetenzen
Julia Alexandra Krüger, Sara-Marie Schön, Monika Daseking
Helmut-Schmidt-Universität Hamburg, Deutschland
Unsere derzeit in Bearbeitung befindliche Metaanalyse untersucht die Wirksamkeit von Gewalt- und Kriminalpräventionsprogrammen im Jugendalter, mit besonderem Fokus auf Callous-Unemotional Traits sowie verschiedene Facetten sozialer Kompetenzen. Callous-Unemotional Traits, darunter ein Mangel an Schuld- und Reuegefühlen, fehlende Empathie, Missachtung der Gefühle anderer sowie oberflächlicher oder eingeschränkter Affekt, gelten als robuste Prädiktoren für zukünftiges delinquentes Verhalten, einschließlich Verhaftungen, Rückfälligkeit und allgemeiner Kriminalität (Byrd et al., 2012; Loeber et al., 2006; López-Romero et al., 2012; McMahon et al., 2010; Salekin, 2008; Vincent et al., 2003). Soziale Kompetenzen, verstanden als die Fähigkeit zu positiver und effektiver Interaktion mit anderen, stellen hingegen einen zentralen protektiven Faktor dar. Fehlende soziale Kompetenzen werden in der Literatur wiederholt als charakteristisch für aggressive und delinquent handelnde Jugendliche beschrieben (z. B. Coie & Dodge, 1998; Farrington & Loeber, 2001; Frick, 1998). Ziel dieser Metaanalyse ist es, durch die Integration der Ergebnisse bestehender Interventionsstudien zu prüfen, inwieweit Interventionsprogramme, die auf Callous-Unemotional Traits und soziale Kompetenzen abzielen, geeignet sind, das Risiko zukünftiger krimineller Verhaltensweisen zu reduzieren. Dabei wird untersucht, welche Rolle Callous-Unemotional Traits und soziale Kompetenzen für die Entstehung und Aufrechterhaltung delinquenten Verhaltens spielen und ob entsprechende Interventionen präventiv wirksam sind. Die Befunde sollen zu einem besseren Verständnis von auf Callous-Unemotional Traits und soziale Kompetenzen fokussierten Interventionen in der Jugendkriminalprävention beitragen und zugleich methodische Implikationen für die Evaluation dieser Programme aufzeigen.
Forschungsreferat
Stichworte: Tatthemen, Jugendliche Gewaltstraftäter, Sozialisationsbesonderheiten junger Gewaltstraftäter
Sozialisation und Tatthemen junger Gewaltstraftäter
Sabine Meixner-Dahle, Klaus-Peter Dahle
Universität Hildesheim, Deutschland
Nachdem in vergangenen Jahren für Sexualstraftäter mit Gewinn die Tatthemenanalyse nach David Canter aus dem polizeipsychologischen Feld („statistical profiling“) für unterschiedliche kriminalpsychologische und prognostische Probleme adaptiert werden konnte (zusammenfassend: Lehmann, 2014), wurden inzwischen erste Versuche unternommen, den auf objektiven Merkmalen des Tatverhaltens basierenden Ansatz auch bei jungen Gewaltstraftätern zu erproben. So konnte Leichter (2018) theoriegeleitet an einer Stichprobe von N=204 schweren Gewaltdelikten mit dem Canter ́schen methodischen Ansatz insgesamt vier Themen identifizieren – instumental-controlled, instrumental-impulsive, affective-controlled, affective-impulsive – und nach testtheoretischen Gesichtspunkten zu Tatverhaltensskalen entwickeln. Der vorliegende Beitrag geht der Frage nach, ob die Ausprägung der so erfassten Tatthemen schwerer gewalttätiger Delikte mit Besonderheiten der Sozialisation der jungen Gewalttäter zusammenhängen und ob sie gewalttätige disziplinarische Vorkommnisse im Jugendstrafvollzug vorhersagen.
Forschungsreferat
Stichworte: Prävention, Radikalisierung, Evaluation
Entwicklungsorientierte Radikalisierungsprävention. Kurz- und Langzeiteffekte der Präventionsprogramme PARTS und Bleib-Menschlich
Andreas Beelmann, Judith Hercher, Laura Sophia Sterba
Friedrich-Schiller-Universität Jena, Institut für Psychologie, Deutschland
Der Beitrag gibt zunächst einen Überblick zu den theoretischen Hintergründen, Inhalten und Methoden der Präventionsprogramms PARTS (Programm zur Förderung von Akzeptanz, Respekt, Toleranz und sozialer Kompetenz) und Bleib-Menschlich. Die Programme wurde für Kinder der dritten und vierten Klasse zur Vorurteilsprävention und Toleranzförderung (PARTS) bzw. für Jugendliche im Alter von 14 bis 16 Jahren als integriertes Modell der Radikalisierungsprävention (Bleib-Menschlich) für den Einsatz im schulischen Kontext entwickelt. PARTS wurde im Rahmen der Thüringer Studie zur Vorurteilsentwicklung und Toleranzförderung in einer kombinierten Längsschnitt-/ Interventionsstudie an mehr als 500 Grundschulkindern evaluiert. Neben kurz- und mittelfristigen Erfolgen im Hinblick auf Intergruppen-Einstellungen (Vorurteile, Toleranz) zeigten sich sechs Jahre nach der Teilnahme im Vergleich zur Kontrollgruppe positivere politische Einstellungen sowie eine reduzierte Affinität zu extremistischen Einstellungen. Das Bleib-Menschlich-Programm wurde im Rahmen eines quasi-experimentellen Designs mit drei Messzeitpunkten (Prä- und Post-Test, 1-Jahres-Follow-Up) ebenfalls an mehr als 500 Jugendlichen evaluiert. Hierbei zeigten sich im Vorher-Nachher-Vergleich positive Präventionseffekte für Jugendliche in Bezug auf Einstellungen zu Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechten, die Affinität zu extremistischen Inhalten oder psychologische Variablen wie Dissozialität und Selbstwert. Beide Studienergebnisse verweisen auf die Potential einer frühen und psychologischen Prävention von Radikalisierungstendenzen junger Menschen.
|