Veranstaltungsprogramm

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Sitzungsübersicht
Sitzung
Rehabilitation von Straftätern
Zeit:
Montag, 08.09.2025:
9:15 - 10:45

Chair der Sitzung: Mark Stemmler
Ort: Kleiner Saal


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Präsentationen
Forschungsreferat
Stichworte: desistance, supervision, rehabilitation

Assisting desistance in the community: A pilot study of desistance-oriented practices amongst community corrections officers in Germany

Melissa de Vel-Palumbo1, Verena Oberlader2

1Flinders University, Australien; 2Johannes Gutenberg-Universität Mainz

The number of people on community-based supervision orders has steadily increased globally in recent years, but mainstream approaches are limited in their ability to promote rehabilitative outcomes. In response, there has been a shift in the international literature towards rehabilitative practices based on desistance theories. However, little is known about how widespread desistance-oriented practices are in community supervision in Germany, and whether these practices influence correctional outcomes. A survey of community correctional officers examined the extent to which officers engaged in desistance-oriented practices, the relationship between such practices and officer-reported client (engagement, breaches) and staff (self-efficacy, burnout) outcomes, and attitudinal drivers of desistance-oriented practice. Implications for enhancing supervision experiences and outcomes are discussed.



Forschungsreferat
Stichworte: Procedural Justice, Punishment Motive Attributions, Personality, Motivation to change

Gerechtigkeit, Persönlichkeit und Motivation zur Veränderung: Einsichten aus der forensischen Psychiatrie

Jessica Söder, Friederike Funk

Ludwig-Maximilians-Universität München, Deutschland

Bisher ist wenig darüber bekannt, auf welche Motive Straftäter ihre Strafe zurückführen, ob diese Attributionen durch Erfahrungen im Bestrafungsprozess oder durch Persönlichkeitseigenschaften beeinflusst werden und wie sie die Reaktion auf die Strafe beeinflussen. In einer Feldstudie mit forensischen Patienten in Bayern (N = 244) untersuchten wir den Einfluss der absoluten Straflänge, distributiver Gerechtigkeit (relative Straflänge), prozeduraler Gerechtigkeit (Behandlung vor Gericht, im Gefängnis und in der forensischen Klinik) sowie verschiedener Persönlichkeitsmerkmalen auf die Zuschreibung von Bestrafungsmotiven. Darüber hinaus analysierten wir, wie diese wahrgenommenen Bestrafungsmotive mit der Akzeptanz der Strafe, der Fairnesswahrnehmung und der Motivation zur Veränderung zusammenhängen. Die Ergebnisse zeigten, dass längere Strafen über eine geringere Wahrnehmung prosozialer Bestrafungsmotive indirekt zu niedrigerer Fairnesswahrnehmung und Veränderungsmotivation führen. Umgekehrt erhöhen eine als gerecht empfundene Straflänge und eine faire Behandlung sowohl die Akzeptanz der Strafe als auch die Fairnesswahrnehmung. Eine faire Behandlung vor Gericht und in der Klinik förderte zusätzlich die Veränderungsmotivation. In den meisten Fällen wirkte die Wahrnehmung prosozialer Motive als Mediator. Auch Persönlichkeitsmerkmale spielten eine Rolle: Ehrlichkeit-Bescheidenheit und Täter-Sensitivität standen positiv mit wahrgenommenen prosozialen Bestrafungsmotiven in Zusammenhang, während grandioser Narzissmus negativ damit assoziiert war. Wahrgenommene kompetitive und individualistische Bestrafungsmotive zeigten negative Zusammenhänge mit Ehrlichkeit-Bescheidenheit und positive mit feindlichem Attributionsbias, Opfer-Sensitivität und grandiosem Narzissmus. Die Ergebnisse geben wichtige Einblicke in kognitive Mechanismen der Strafverarbeitung und betonen die Bedeutung, prosoziale Bestrafungsmotive zu fördern, um die Veränderungsbereitschaft von Straftätern zu stärken.



Forschungsreferat
Stichworte: Evaluierbarkeit, Justizvollzug, soziale Kompetenzen, Kriminaltherapie

Trainings sozialer Kompetenzen im Justizvollzug: Eine Evaluation der Evaluierbarkeit

Marcel Guéridon

Kriminologischer Dienst Niedersachsen, Deutschland

Die psychologische Evaluationsforschung zu verhaltensändernden Maßnahmen im Justizvollzug hat zuletzt mehr Aufmerksamkeit erhalten. Prominent ist aktuell der Vorschlag, die Vielfältigkeit der Interventionsformen und –bausteine bewusst zu nutzen, statt wie bisher letztlich von homogenen Interventionen auszugehen. Dabei wird ein typisches Dilemma der Evaluationsforschung im Justizvollzug deutlich: Einerseits sind die Fallzahlen pro Justizvollzugsanstalt und Maßnahme klein und die bestehende Dokumentation ist meist nicht längsschnittlich angelegt. Andererseits sind die Maßnahmen möglicherweise zu unterschiedlich, um sie über Durchgänge und Anstalten hinweg zu aggregieren. Um angemessen auf solche strukturellen Herausforderungen reagieren zu können, bedarf es einer umfassenden Vorbereitung und Vorprüfung. In der Evaluationsforschung gibt es mit der „Evaluation der Evaluierbarkeit“ entsprechende Ansätze, die bisher aber nicht oder zumindest nicht explizit im Kontext Justizvollzug angewendet werden. Um die Nützlichkeit dieses Ansatzes exemplarisch zu prüfen, wurden für alle Varianten von „sozialen Trainings“ (Trainings sozialer Kompetenzen) der Jahre 2022 und 2023 in allen niedersächsischen Justizvollzugsanstalten Daten zur Evaluierbarkeit erhoben und die jeweiligen Konzepte ausgewertet (90 Interventionen mit insgesamt 217 Instanzen). Soziale Trainings bzw. Trainings sozialer Kompetenzen bieten sich als „proof of concept“ an, denn sie sind typische und weit verbreitete verhaltensändernde Interventionen im deutschen Justizvollzug. Im Beitrag werden Ergebnisse zur Prüfung der Evaluierbarkeit und der Konzeptanalyse vorgestellt. Daraus wird eine Art Blaupause abgeleitet, wie mit vergleichbar geringem Aufwand geprüft werden kann, ob und welche Art von Evaluationsforschung zu bestimmten Maßnahmen und darüber hinaus zu diesen Maßnahmen als Teil größerer Interventionen (Sozialtherapie, Justizvollzug insgesamt) möglich ist.



Forschungsreferat
Stichworte: Haft, Opioidsucht, Opioidsubstitution, Evaluationsstudie, HOpE Studie

Eine Längsschnittstudie zur Wirksamkeit der Substitutionsbehandlung bei opioidabhängigen Strafgefangenen nach ihrer Entlassung

Mark Stemmler1, Maren Weiss2, Kerstin Geißelsöder1, Johann Endres3

1Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, Deutschland; 2SRH University, Campus Fürth; 3Kriminologischer Dienst des bayerischen Justizvollzugs, Erlangen

Hintergrund: Opioidabhängige Inhaftierte stellen in Europa und damit auch in Deutschland einen nicht unerheblichen Anteil an den Gefangenenpopulationen dar (European Monitoring Centre for Drugs and Drug Addiction, 2022; Länderarbeitsgruppe „Bundeseinheitliche Erhebung zur stoffgebundenen Suchtmittelproblematik im Justizvollzug“, 2023). Die Studienlage zur Behandlung von opioidabhängigen Personen im Vollzug ist jedoch bislang uneinheitlich, vorhandene Studien stammen primär aus den USA und englischsprachigen Ländern. Für Europa und speziell für Deutschland sind kaum Studien vorhanden. Ziel: Das vom bayerischen Staatsministerium der Justiz geförderte Forschungsprojekt „Haft bei Opioidabhängigkeit – eine Evaluationsstudie (HOPE; Stemmler et al., 2023)“ hat das Ziel zu klären, ob bei opioidabhängigen Inhaftierten jeweils die Substitutionsbehandlung oder die primär abstinenzorientierte Behandlung zu günstigeren Verläufen hinsichtlich der Legalbewährung nach der Entlassung, der sozialen Eingliederung, des illegalen Drogenkonsums und des Gesundheitszustands führt. Methode: Verglichen werden opioidabhängige Personen, die in Haft entweder substitutionsorientiert oder abstinenzorientiert behandelt wurden, im Hinblick auf Entzugserscheinungen, illegalen Drogenkonsum allgemein sowie illegalen Opioidkonsum in Haft und nach der Haftentlassung. Dafür wurden die Daten von N = 247 opiodabhängigen Gefangenen kurz vor der Entlassung erhoben (n = 139 wurden substitutionsorientiert und n = 108 abstinenzorientiert behandelt). In einem Längsschnittdesign wurden Katamnesedaten bis hin zu einem Zeitraum von mehr als zwei Jahren nach der Entlassung erfasst. Resultate: Einige abhängige Variablen belegen eine signifikante Überlegenheit der Substitutionstherapie (Geißelsöder et al., 2024). Die signifikanten Ergebnisse verschwinden jedoch weitgehend nach einem Jahr. Zu diesem Katamnese-Zeitpunkt befinden sich mehr nicht-substituierte (47%) als substituierte (23%) Personen in Freiheit in Arbeit.



Forschungsreferat
Stichworte: Desistance, Peer-to-peer-Mentoring, Credible Messenger, Jugendhilfe, Prävention Jugenddelinquenz

Straßenabitur statt Hochschulabschluss - Ein Pilotprojekt zum Credible Messenger-Ansatz

Patricia Rasch

Justizvollzugsanstalt Tegel, Deutschland

Wie kann desistance gelingen – und wer kann dabei Unterstützung leisten? In diesem Beitrag wird ein Pilotprojekt in Deutschland vorgestellt, das dem sogenannten Credible Messenger-Ansatz folgt; ehemals inhaftierte Menschen begleiten straffällig gewordene oder hierfür gefährdete Jugendliche als Mentoren. Ziel des Beitrages ist es, die Besonderheiten dieser peer-to-peer Beziehung zu erfassen, insbesondere mit einem besonderen Blick darauf, was diese Beziehung im Vergleich zu einer professionellen Helferbeziehung leisten kann. Die vorgestellte qualitative Studie basiert auf Interviews mit den Credible Messengern, der Projektleitung und Kontextakteuren aus dem Helfersystem. Im Zentrum steht die Frage, wie gelebte Erfahrung, Identifikation und Beziehungsgestaltung dazu beitragen können, Perspektiven für ein straffreies Leben zu schaffen - auf beide Seiten. Die Ergebnisse dieser Arbeit sollen nicht nur zur weiteren Auseinandersetzung mit peer-to-peer basierten Interventionen beitragen, sondern auch Impulse für die Zukunft geben; als erstes seiner Art in Deutschland liefert das Projekt eine Idee davon, wie ein niedrigschwelliges Präventionsangebot aussehen kann.