Forschungsreferat
Stichworte: Historical-Clinical-Risk Management 20, meta-analysis, predictive validity
A meta-analysis on HCR-20 versions: The predictive validity of the second and third version of the HCR-20
Hanna Kilz1, Bernd Borchard1, Anja Leue1,2
1Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, Deutschland; 2Forschungsschwerpunkt: SECC
The Historical-Clinical-Risk Management 20 (HCR-20) is a violence risk assessment tool based on the Structured Professional Judgment approach. The HCR-20 combines structured guidelines with clinical expertise to assess an individual’s risk of violence. The HCR-20 assesses 20 risk factors on a historical, clinical and risk-management scale. It has been translated into over 20 languages and was recently revised in its third version. This presentation provides an overview of a random-effects artefact-corrected meta-analysis on the predictive validity of the HCR-20 for delinquent recidivism in general and violent offenses. HCR-20 version, gender of the population, and context (prison vs. forensic hospitals) have been investigated as a-priori moderators in this meta-analysis. The present meta-analysis includes 32 primary studies. Primary studies that assessed the HCR-20 in German and English-speaking samples were included, with the majority originating from North America and the United Kingdom. The findings confirm a strong predictive validity (δ/SDδ > 2) both for general and violent recidivism, aligning with previous research. The results show substantial population effect size ratios (δ/SDδ > 2) for general and violent recidivism in forensic samples in prison and forensic hospitals. Both HCR-20 versions were predictive for general and violent recidivism (δ/SDδ > 2). Female samples were underrepresented, but the results show substantial population effect size ratios (δ/SDδ > 2) for both genders for general and violent recidivism. The Summary Risk Rating was rarely examined (k = 7) and showed no substantial effect. This meta-analysis highlights the predictive validity of HCR-20 versions and their subscales for delinquent recidivism.
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Stichworte: Adverse Childhood Experiences, Missbrauch, Kriminalität, Begutachtung, Diagnostik
Zu gut/schlecht um wahr zu sein? Zur Rolle sozialer Erwünschtheit bei der Erfassung von belastenden Kindheitserfahrungen, Psychopathie und Aggression
Steffen Barra1, Vera Wente1, Friederike Währisch1, Petra Retz-Junginger1, Johannes Merscher1, Anselm Crombach1, Wolfgang Retz1,2
1Universität des Saarlandes, Deutschland; 2Universitätsmedizin der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz, Deutschland
Belastende Kindheitserfahrungen (BK) werden in der Forschung als wichtige Einflussfaktoren für die Entwicklung und Aufrechterhaltung von kriminalitätsfördernden Persönlichkeitsmerkmalen, z. Bsp. Psychopathie, sowie aggressiven und delinquenten Verhaltensweisen diskutiert. Hinsichtlich der Erfassung dieser Konstrukte werden allerdings immer wieder Bedenken laut, inwiefern die Selbstauskünfte von straffällig gewordenen Menschen von sozial erwünschten Antworttendenzen geprägt sind. Um dieser Diskussion empirische Erkenntnisse beizusteuern, wurden zwei Studien durchgeführt: Zunächst wurden in einer Stichprobe von 231 erwachsenen Straffälligen deren im Begutachtungsprozess gemachten Selbstberichte betreffend BK (CTQ) mit analogen externen Einschätzungen (basierenden auf den Gutachten) verglichen. Straffällige selbst berichteten zwar höhere Ausprägungen von BK als extern festgestellt wurden, allerdings gab es einen starken Zusammenhang zwischen Selbst- und Fremdeinschätzung. In einer zweiten Studie wurden die Selbstauskünfte einer gemischten Stichprobe von 311 kriminellen und nicht-kriminellen erwachsenen Personen hinsichtlich BK (KERF), Psychopathie (FPP), Aggressivität (K-FAF) und sozialer Erwünschtheit (BIDR) untersucht. Personen mit krimineller Vorgeschichte zeigten höhere Ausprägungen bzgl. sozialer Erwünschtheit (p = .004) und BK (p = .026) als nicht-kriminelle Personen, wobei es keine signifikanten Unterschiede betreffend Psychopathie und Aggressivität gab. Unter Kontrolle von Alter und Geschlecht ergaben sich keine Zusammenhänge von sozialer Erwünschtheit und BK, allerdings bildeten sich signifikante negative Assoziationen zwischen sozialer Erwünschtheit und Psychopathie- bzw. Aggressivitätswerten (p = .009 bzw. p < .001) ab. Zusatzanalysen ergaben, dass diese negativen Zusammenhänge v.a. auf soziale Erwünschtheit im Sinne einer Fremdtäuschungsabsicht zurückzuführen waren. Soziale Erwünschtheit in Form der Selbsttäuschung war hingehen positiv mit den Psychopathieangaben assoziiert (p = .010). Implikationen für die Begutachtung und Behandlung von straffällig gewordenen Menschen werden diskutiert.
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Stichworte: LSI-R, Risikofaktoren, Schutzfaktoren, Straftäter
Risiko- zu Schutzfaktoren: Messen die LSI-R-Skalen neben kriminogene Risiken auch präventive Merkmale?
Klaus-Peter Dahle, Sabine Meixner-Dahle
Universität Hildesheim, Deutschland
Über die Konzeptualisierung von Schutzfaktoren existieren unterschiedliche Meinungen. Einige Autoren fassen Schutzfaktoren als Gegenpole korrespondierender Risikofaktoren auf. Andere Autoren begreifen Schutzfaktoren als Merkmale, die in der Lage sind, einen Risikofaktor an seiner kriminogenen Entfaltung zu hindern und wieder andere halten beide Varianten für sinnvolle Konzepte. Die Autoren des LSI-R gehören offenbar zur erstgenannten Gruppe, wenn sie risikosenkende Effekte der Verbesserung dynamischer Risikofaktoren (DRF) in Richtung kriminalitätssenkender „strengths“ postulieren (z.B. Andrews et al., 2011). Dies würde bedeuten, dass die LSI-R-Skalen, die DRF zu messen suchen, bipolar wirkende Merkmale erfassen, die an ihren beiden Enden die Rückfallrisiken beeinflussen. Ein direkter empirischer Nachweis dieser These steht unseres Wissens aus. Anliegen des Beitrags ist es deshalb, die Hypothese bipolarer Effekte des LSI-R und seiner Skalen an unterschiedlichen Stichproben männlicher Straftäter zu überprüfen. Methodisch orientiert sich die Untersuchung dabei am Vorgehen in einer unlängst publizierten Arbeit von Walters et al. (2025), mit dem die Autoren die Hypothese bipolarer Konstrukte von Risikomessungen anhand der vier PCL-R-Facetten untersuchten.
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Stichworte: Prognoseinstrumente, Level of Service Inventory-Revised, Prädiktive Validität, Vorhersage der Vorhersagbarkeit
Zur Vorhersage der Vorhersagbarkeit - Eine Analyse von Einflussfaktoren auf die Güte von Kriminalprognosen am Beispiel des LSI-R
Laurent Beckmann, Klaus-Peter Dahle
Universität Hildesheim
Kriminalprognostische Einschätzungen spielen eine zentrale Rolle im Justiz- und Maßregelvollzug sowie bei juristischen Entscheidungsprozessen. Im Zuge dessen werden vermehrt standardisierte Prognoseinstrumente eingesetzt. Trotz ihrer weiten Verbreitung weisen sie jedoch auch Grenzen auf. Ziel der vorliegenden Arbeit war es, den Einfluss ausgewählter demographischer, kriminologischer und psychopathologischer Faktoren auf die prädiktive Validität von Kriminalprognosen am Beispiel des Level of Service Inventory-Revised (LSI-R) an einer deutschen Gefangenenstichprobe (N = 435) zu prüfen. Ferner wurde untersucht, inwiefern sich diese Ergebnisse in einer Erwachsenen- (n = 313) und Jugendstichprobe (n = 122) unterscheiden. Dafür wurde eine Re-Analyse der Daten aus einer Evaluationsuntersuchung der sozialtherapeutischen Abteilung der Jugendstrafanstalt Berlin sowie den Berliner CRIME Forschungsprojekten durchgeführt. Es ließen sich sowohl für die Erwachsenen- als auch für die Jugendstichprobe Faktoren identifizieren, die die prognostische Güte des LSI-R beeinflussten. Dabei unterschieden sich die beiden Teilstichproben hinsichtlich der Art und Ausprägung der Einflussfaktoren. Abschließend liefern die Befunde Erkenntnisse über die Grenzen kriminalprognostischer Instrumente und betonen die Notwendigkeit einer differenzierten Betrachtung möglicher Einflussfaktoren auf die prädiktive Validität.
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Stichworte: Level of Service Inventory-Revised, Schutzfaktoren, inkrementelle Validität, intramurales Fehlverhalten, Lockerungsmissbrauch
Von Risiko zu Ressourcen: Potenziale dynamischer Schutzfaktoren im Level of Service Inventory-Revised
Fabian Schacht1, Lea Victoria Heidel1, Senem Kilic2, Dahlnym Yoon1, Martin Rettenberger3
1MSH Medical School Hamburg, Deutschland; 2Justizvollzugsanstalt Fuhslbüttel, Freie und Hansestadt Hamburg Behörde für Justiz und Verbraucherschutz, Hamburg, Deutschland; 3Kriminologische Zentralstelle (KrimZ)
Die Entwicklung der Risikobewertung im forensischen Kontext hat sich in den letzten Jahrzehnten zunehmend von rein defizitorientierten Risikomodellen hin zu Ansätzen bewegt, die auch protektive Faktoren einbeziehen. Diese Perspektivenerweiterung wird insbesondere durch das Good Lives Model (GLM) gestützt, das die Förderung individueller Stärken und prosozialer Lebensziele als integralen Bestandteil wirksamer Rehabilitation versteht. Aktuelle Befunde belegen, dass Schutzfaktoren inkrementelle Validität besitzen und über klassische Risikofaktoren hinaus zur Prognose relevanter Verhaltensweisen beitragen können. Das Level of Service Inventory – Revised (LSI-R) wurde primär für mittelfristige kriminalprognostische Einschätzung und darauf aufbauende Interventionsplanung entwickelt, findet jedoch zunehmend auch Anwendung in der Risikobewertung hinsichtlich intramuralem Fehlverhalten und Lockerungsmissbrauch. Als (relativ-) aktuarisches Instrument ermöglicht das LSI-R sowohl eine statistisch-nomothetische Erfassung von Risikofaktoren als auch Integration dieser Risikofaktoren in die klinisch-idiographische Einschätzung. Ein wesentliches Potenzial des LSI-R ist die Erfassung von dynamischen Schutzfaktoren, indem diese entweder durch Fehlen oder zufriedenstellende Ausprägung des entsprechenden Risikofaktors abgebildet werden können. Dieses Potenzial wurde bislang jedoch nicht systematisch untersucht. Ziel der vorliegenden Studie ist daher, zu überprüfen, ob die Einbeziehung dynamischer Schutzfaktoren in die statistisch-nomothetische Auswertung des LSI-R die prognostische Validität hinsichtlich intramuralem Fehlverhalten und Lockerungsmissbrauch erhöht. Hierzu wurden retrospektiv 130 LSI-R Erhebungen männlicher Inhaftierter einer Justizvollzugsanstalt zum Zeitpunkt der Behandlungsuntersuchung vorgenommen; als Kriteriumsvariablen dienen dokumentierte Auffälligkeiten während Haft und Lockerungen bis zur jeweils jüngsten Fortschreibung des Resozialisierungsplans. Die Ergebnisse werden vor dem Hintergrund der bisherigen umfangreichen Forschungsbefunde zum LSI-R diskutiert. Der innovative Blick auf das etablierte LSI-R soll die klinisch idiografische Anwendung des Instruments evidenzbasiert unterstützen.
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