Veranstaltungsprogramm
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Symposium 6.3
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Gestaltung von Bildungsprozessen in der Ganztagsgrundschule: Internationale, administrative und schulische Transferperspektiven In Zeiten tiefgreifender gesellschaftlicher Transformationen rückt die Rolle der Ganztagsgrundschulen zunehmend in den Fokus wissenschaftlicher und bildungspolitischer Debatten. Nach zwei Jahrzehnten intensiven quantitativen Ausbaus ganztägiger Angebote in der Primarstufe verschiebt sich der Fokus zunehmend von Fragen der Bereitstellung hin zu Fragen der Qualität und der pädagogischen Gestaltung ganztagsschulischer Bildungsprozesse (Rother, Sauerwein & Fischer, 2024). Der ab 2026 greifende Rechtsanspruch auf ganztägige Bildung und Betreuung verstärkt diese Entwicklung und macht die Auseinandersetzung mit konzeptionellen und strukturellen Gestaltungsfragen besonders dringlich – nicht zuletzt für die auf Schulebene unter erheblichem Handlungsdruck stehenden pädagogischen Akteur*innen. Angesichts einer inzwischen etablierten Ganztagsschulforschung stellt sich dabei weniger die Frage nach dem Vorliegen relevanter wissenschaftlicher Erkenntnisse zu Gestaltungsfragen als vielmehr die Herausforderung, dieses Wissen wirksam in schulische Praxis, administrative Kontexte und bildungspolitische Entscheidungsprozesse zu überführen und dort handlungsleitend werden zu lassen (z.B. Berkemeyer, 2024). Damit rückt der Transfer empirischer Erkenntnisse sowie deren Rekontextualisierung in unterschiedlichen Handlungs- und Steuerungskontexten in den Mittelpunkt (Fend, 2008). Vor diesem Hintergrund zielt das Symposium darauf ab, systematisch zu beleuchten, wie empirisches Wissen zur qualitativ hochwertigen Gestaltung ganztagsschulischer Angebote für die Praxis deutscher Ganztagsgrundschulen nutzbar gemacht werden kann. Das Symposium folgt dabei einer Mehrebenenlogik: Es beginnt mit einem internationalen Vergleich ganztägiger Modelle (Makro-Ebene), setzt fort mit der Rekontextualisierung bildungspolitischer Erwartungen in administrativen Prozessen (Meso-Ebene) und schließt mit der Nutzung empirischer Erkenntnisse zu multiprofessioneller Kooperation auf Schulebene (Mikro-Ebene). Der erste Beitrag des Symposiums eröffnet einen international vergleichenden Blick auf der Ganztagsgrundschule ähnliche Modelle erweiterter Bildungsangebote für Schüler:innen im Primarschulalter aus Australien, Schweden und England. Anhand zentraler struktureller Merkmale, pädagogischer Schwerpunktsetzungen sowie institutioneller Rahmenbedingungen werden unterschiedliche nationale Ausprägungen systematisch gegenübergestellt. Ziel ist es aufzuzeigen, inwieweit diese Modelle Anknüpfungspunkte und Entwicklungsperspektiven für die Weiterentwicklung der Ganztagsgrundschule bieten. Der zweite Beitrag fokussiert den Transfer bildungspolitischer Erwartungen an Ganztagsschulen im Kontext der Bewältigung von Bildungsungleichheiten, insbesondere mit Blick auf sozial bildungsbenachteiligte Grundschüler:innen mit Migrationshintergrund. Im Zentrum stehen die Deutungsmuster und Handlungslogiken von Bildungsadministrationen, die eine zentrale Rolle auf die Ausgestaltung ganztagsschulischer Angebote einnehmen. Der dritte Beitrag widmet sich der Gestaltung multiprofessioneller Kooperation in Ganztagsgrundschulen und greift Transfer- und Rekontextualisierungsprozesse in zweifacher Perspektive auf: zum einen im Verhältnis von internationalen und nationalen Diskursen, zum anderen im Übergang von wissenschaftlicher Erkenntnis zur schulischen Praxis. Damit werden zentrale Bedingungen der Nutzung und Umsetzung empirischen Wissens auf Schulebene in den Blick genommen. Gemeinsam tragen die Beiträge dazu bei, die Gestaltung von Bildungsprozessen in der Ganztagsgrundschule als komplexes Bedingungsgefüge zu reflektieren und leisten damit einen Beitrag zur Frage nach den Bedingungen, unter denen Ganztagsgrundschulen evidenzbasiert gestaltet und weiterentwickelt werden können – im Sinne eines produktiven Dialogs zwischen theoretischer Reflexion, empirischer Erkenntnis und Anwendungsbezug. Beiträge des Symposiums Vergleichende Perspektiven zu Modellen der erweiterten Bildung für die Weiterentwicklung von Ganztagsgrundschulen in Deutschland Die erweiterte Bildung – in Englisch extended education (Schuepbach, 2018) – umfasst verschiedene Programme, die aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Impulsen entstanden sind und darauf abzielen, die Lernerfahrung über die traditionellen Schulzeiten hinaus zu erweitern. Ein prominentes Beispiel hierfür ist das deutsche Konzept der Ganztagsgrundschule, das Ähnlichkeiten mit Angeboten der erweiterten Bildung in anderen Ländern aufweist. Dieser Beitrag stellt internationale Ansätze zur erweiterten Bildung in der Grundschule vor und konzentriert sich dabei auf Modelle aus Australien, Schweden, England und China. Aufbauend auf dem Charakterisierungsinstrument von Schuepbach (2018), das als konzeptioneller Rahmen für die Analyse der Forschung in diesem Bereich und die Identifizierung der besonderen Merkmale verschiedener erweiterter Bildungsformate weltweit aktualisiert wurde (Schüpbach & Lilla, 2025), heben wir die Hauptmerkmale der vorherrschenden Modelle in diesen Ländern hervor und untersuchen Entwicklungsverläufe, die möglicherweise Erkenntnisse für die Zukunft der deutschen Ganztagsgrundschulen liefern. Im Mittelpunkt dieser Untersuchung stehen mehrere Entwicklungswege: (1) die Klärung des Zwecks der erweiterten Bildung, um die Übereinstimmung mit den Bildungszielen sicherzustellen; (2) eine erneute Konzentration auf den Abbau von Bildungsungleichheiten, insbesondere bei benachteiligten Schüler:innen; und (3) die Professionalisierung des pädagogischen Personals, die für die effektive Umsetzung und Nachhaltigkeit dieser Programme von entscheidender Bedeutung ist. Aus vergleichender Perspektive unterstreicht der Beitrag das Potenzial internationaler Perspektiven für die qualitative Weiterentwicklung der Ganztagsgrundschulen in Deutschland. Er betont auch, wie wichtig es ist, globale Erkenntnisse an den lokalen Kontext anzupassen, insbesondere um die Herausforderungen benachteiligter Schüler:innen anzugehen und sicherzustellen, dass die verlängerte Unterrichtszeit als Instrument für mehr Bildungsgerechtigkeit dienen kann. Literatur Schuepbach, M. (2018). Useful terms in English for the field of extended education and a characterization of the field from a Swiss perspective. International Journal for Research on Extended Education, 6(2), 132-143 Schüpbach, M. & Lilla, N. (2025). Extended education. Different Impetus, conceptions, developments in an international perspective: An overview. In M. Schüpbach, T.-S. Idel, & I. Gogolin (Hrsg.), Extended education – Different impetus, conceptions, developments in an international perspective. ZfE [Zeitschrift für Erziehungswissenschaft] Edition. Ganztagsgrundschule im Kontext von Migration und Bildungsungleichheit: Eine Framing-Analyse administrativer Deutungsmuster Ganztagsschulen gelten in Deutschland als zentrales bildungspolitisches Instrument zur Förderung von Bildungsgerechtigkeit und sozialer Teilhabe, insbesondere für sozial benachteiligte Schüler:innen mit Migrationshintergrund. Während die empirische Ganztagsschulforschung bislang vor allem schulische Organisationsformen, pädagogische Konzepte und Wirkungen auf Schüler:innen untersucht hat (vgl. Brisson, 2021), ist weniger bekannt, wie Bildungsadministrationen selbst die Zielsetzungen und Möglichkeiten des Ganztags im Kontext von Migration und Bildungsungleichheit deuten. Steuerungstheoretische und rekonstruktive Perspektiven auf Educational Governance zeigen jedoch, dass bildungspolitische Vorgaben nicht linear implementiert, sondern auf unterschiedlichen Ebenen rekontextualisiert werden (Fend, 2008). Vor diesem Hintergrund untersucht der Beitrag, welche kollektiven Deutungsmuster (Frames) Bildungsadministrationen zur Gestaltung von Ganztagsgrundschulen im Kontext von Migration und sozialer Ungleichheit heranziehen und welche Handlungslogiken sich daraus für administrative Steuerungsprozesse ergeben. Ziel ist es, jene normativen Rahmungen sichtbar zu machen, die die Umsetzung bildungspolitischer Zielsetzungen prägen. Methodisch basiert die Studie auf vier Fokusgruppen mit Akteur*innen der Bildungsadministration und Unterstützungssysteme aus vier Bundesländern. Die Auswertung erfolgte entlang des Framing-Ansatzes nach Entman (1993). In einem ersten Schritt wurde das Material entlang der Kategorien Problemdefinition, Ursachenzuschreibung, normative Bewertung und Handlungsempfehlung codiert; in einem zweiten Schritt wurden daraus kohärente Deutungsmuster rekonstruiert. Die Ergebnisse identifizieren drei zentrale Frames: (1) einen kompensatorischen Frame, der Ganztagsschule als Instrument zum Ausgleich familialer und struktureller Benachteiligungen konstruiert; (2) einen Zugangs- und Teilhabeframe, der auf finanzielle, organisatorische und kulturelle Barrieren der Teilnahme verweist; sowie (3) einen Frame der Ganztagsschule als ganzheitlichen Bildungs- und Entwicklungsraum, der eine universalistische, kindzentrierte Perspektive betont. Die Frames verweisen auf unterschiedliche Problemdefinitionen und Steuerungslogiken und machen grundlegende Spannungsfelder zwischen Kompensation, Universalität und strukturellen Begrenzungen sichtbar. Vor dem Hintergrund des ab 2026 geltenden Rechtsanspruchs auf ganztägige Bildung und Betreuung verdeutlichen die Ergebnisse, dass die Wirkung des Ganztags nicht allein von formalen Steuerungsinstrumenten abhängt, sondern wesentlich von den Deutungsmustern geprägt wird, die administrative Entscheidungen strukturieren. Damit liefert der Beitrag einen empirischen Impuls für eine stärker deutungsmusterorientierte Governance-Forschung im Feld der Ganztagsbildung. Literatur Brisson, B. (2021). Qualität für den Ganztag: Befunde aus 15 Jahren Ganztagsschulforschung im Überblick. In GTS-Bilanz - Qualität für den Ganztag. Weiterentwicklungsperspektiven aus 15 Jahren Ganztagsschulforschung (S. 3–7). Entman, R. M. (1993). Framing: Toward Clarification of a Fractured Paradigm. Journal of Communication, 43(4), 51–58. https://doi.org/10.1111/j.1460-2466.1993.tb01304.x Fend, H. (2008). Schule gestalten. Systemsteuerung, Schulentwicklung und Unterrichtsqualität (Lehrbuch, 1. Aufl.). Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwiss. https://doi.org/15597 Gelingensbedingungen multiprofessioneller Kooperation zur Förderung sozial bildungsbenachteiligter GrundschülerInnen mit Migrationshintergrund: Rekontextualisierung internationaler wissenschaftlicher Erkenntnisse an deutschen Ganztagsgrundschulen Forschungsstand und theoretische Bezüge Mit dem Ausbau von Ganztagsschulen in Deutschland gehen Erwartungen hinsichtlich der Förderung von Schüler:innen mit diversen Hintergründen einher, die häufig von Bildungsbenachteiligung betroffen sind (Kielblock, 2021). Multiprofessionelle Kooperation – die gezielte Zusammenarbeit verschiedener Professionen, z.B. Lehrkräften, ErzieherInnen und SozialarbeiterInnen – gilt als wesentliches Qualitätsmerkmal (Fuchs, 2025; Schüpbach, Lilla, & Groh, 2020). In der Praxis wird das Gelingen jedoch durch unterschiedliche Ausbildungen, Arbeitsverhältnisse, fehlende Anreizsysteme sowie differierende pädagogische Verständnisse erschwert (Speck, 2020). Während deutsche Studien zu Gelingensbedingungen selten den Umgang mit diversen Schülerschaften fokussieren, liefert internationale Forschung hierzu empirische Evidenz (z. B. Thornberg, 2012). Die Diskussion dieses Wissens an deutschen Ganztagsgrundschulen ist aus der Perspektive der Rekontextualisierung (Holtappels, 2019; Steiner-Khamsi, 2014) als komplexer Prozess zu verstehen, der von kontextuellen Bedingungen und institutionellen Logiken geprägt ist. Zielsetzung und Fragestellung Ziel des vorliegenden Beitrags ist es, evidenzbasiertes Wissen aus verschiedenen Ländern zu Gelingensbedingungen multiprofessioneller Kooperation zur Förderung sozial bildungsbenachteiligter GrundschülerInnen mit Migrationshintergrund für die deutsche Ganztagsgrundschulpraxis zu rekontextualisieren. Die Fragestellungen: a) Welche Gelingensbedingungen sind für die multiprofessionelle Kooperation aus Sicht (inter-)nationaler WissenschaftlerInnen relevant? b) Wie werden diese von PraktikerInnen im Kontext der deutschen Ganztagsgrundschule diskutiert? Methoden Problemzentrierte Experteninterviews (Witzel, 2000) wurden mit 13 (inter-)nationalen Wissenschaftler:innen durchgeführt. Die zentralen Erkenntnisse wurden anschließend in Fokusgruppen (Zwick & Schröter, 2012) mit acht offenen Ganztagsgrundschulen aus vier deutschen Bundesländern diskutiert, mit Fokus auf Anknüpfungspunkte, Handlungsmöglichkeiten und Gestaltungsideen. Die anonymisierten Transkripte wurden mithilfe der inhaltlich strukturierten Inhaltsanalyse (Kuckartz & Rädiker, 2024) ausgewertet. Zunächst wurden die Daten den deduktiven Kategorien aus einer Vorstudie zugeordnet. Danach wurden die codierten Segmente induktiv weiter differenziert und fallübergreifend zusammengefasst. Ergebnisse Die Aussagen (inter-)nationaler WissenschaftlerInnen sowie die Diskussion von PraktikerInnen an deutschen Ganztagsgrundschulen zur Rekontextualisierung lassen sich entlang vier Bereiche darstellen: 1) Rahmenbedingungen und Konzepte: (Inter-)nationale WissenschaftlerInnen identifizieren ein gemeinsames Bildungsverständnis als zentrale Gelingensbedingung. Deutsche PraktikerInnen konkretisieren dies: Neben Bildungsverständnissen seien eine einheitliche Sprache sowie gemeinsame Handlungsansätze im Umgang mit der heterogenen Schülerschaft förderlich. 2) Kooperationsgelegenheiten: Während WissenschaftlerInnen die Aufhebung der Trennung zwischen Unterricht und Ganztag fordern, priorisieren die PraktikerInnen den kontinuierlichen Einsatz weiter pädagogisch tätiger Fachkräfte als Bindeglieder und feste Bezugspersonen über den Schultag hinweg. Der Einsatz von Lehrkräften im Ganztag wird weniger thematisiert. 3) Teamzusammensetzung: Die Wissenschaft betont kulturelle und sprachliche Hintergründe im Kollegium als Ressource. PraktikerInnen bestätigen das Vorhandensein dieser Diversität, sehen jedoch Bedarf, sie aktiver für die Schulentwicklung zu nutzen. 4) Zwischenmenschliche Ebene: Während die Forschung Akzeptanz und Zusammenarbeit auf Augenhöhe betont, plädieren PraktikerInnen dafür, professionsspezifische Unterschiede anzuerkennen und wertzuschätzen, statt sie einzuebnen. Maßnahmen wie gleichberechtigte Raumnutzung und gemeinsame Fortbildungen fördern hierbei das Zusammenwachsen der Teams. Diskussion der Ergebnisse Die Impulse (inter-)nationaler WissenschaftlerInnen stimmen teilweise mit dem deutschen Forschungsstand zu den allgemeinen Gelingensbedingungen multiprofessioneller Kooperation überein. Sie liefern jedoch auch spezifische Informationen zur Förderung bildungsbenachteiligter Grundschüler:innen mit Migrationshintergrund. Die Diskussion dieser Impulse in Fokusgruppen mit deutschen PraktikerInnen zeigt zwei Spielarten der Rekontextualisierung: einen lokalen Übersetzungsprozess in Richtung transnationaler Transfers sowie die kritische Überprüfung wissenschaftlicher Impulse durch die Praxis. Daraus lassen sich praktische Implikationen für die Gestaltung der multiprofessionellen Kooperation ableiten. | ||
