Veranstaltungsprogramm
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Symposium 6.2
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Classroom Management – Wirkungen und Nebenwirkungen. Beobachtungen zur Instrumentierung pädagogischen Handelns „Classroom Management“ wird als eine der drei „Basisdimensionen“ von Unterrichtsqualität gehandelt (Klieme 2021): „Die Anforderung des Klassenmanagements ergibt sich daraus, dass in einer Schulklasse individuelle Lernprozesse synchronisiert werden müssen“ (Ophardt & Thiel 2017: 247). Operationalisiert wird ein gelungenes Classroom Management in standardisierter Unterrichtsbeobachtung im Wesentlichen als „time on task“, als Nutzung der Lernzeit. Zugleich ist Classroom Management das zentrale Schlagwort in ratgeberhaften Publikationen, die unmittelbare Anwendungsorientierung versprechen. Diese Literatur will Lehrpersonen konkrete Techniken, Instrumente und Strategien an die Hand geben, um (Disziplin-)Probleme ihrer Klassen zu lösen oder gar nicht erst entstehen zu lassen. „Turn classroom chaos into student achievement“ (Wong & Wong 2014) lautet etwa der suggestive Untertitel eines entsprechenden englischsprachigen Lehrbuchs, das effektive Lösungen für komplizierte Probleme verspricht. Classroom Management nimmt dabei für sich in Anspruch, die handlungsorientierten, von Lehrpersonen verwendbaren Strategien und Techniken aus wissenschaftlichem Wissen, empirischen Befunden oder theoretischen Modellen, abzuleiten (z. B. Eckert 2022: 10). Während allerdings die ‚Klassiker‘ der Forschung zum Classroom Management (Kounin 1970 oder Doyle 2006) die Komplexität des Lehrer:innenhandelns im Blick haben und vor allem das (prekäre) Verhältnis des Classroom Management zur Aufgabe der fachlichen Vermittlung diskutieren, scheint sich die Dimension des Classroom Management in der neueren, praxisorientierten Literatur zu verselbständigen: Die praktische Wirksamkeit im Sinne einer Durchsetzung erwünschten Verhaltens in einer Gruppe von Kindern und die Entlastung der Lehrperson (Friedman 2006) steht im Mittelpunkt. „Disziplinschwierigkeiten“ bilden den Bezugspunkt, die Orientierung an Regeln und Routinen sowie die Etablierung von Sanktions- und Gratifikationssystemen werden empfohlen, Regelampeln und Token-Systeme vorgeschlagen. Gerade jene Dimension des pädagogischen Handelns, die insbesondere in der Grundschule so unkalkulierbar und herausfordernd erscheint, die erzieherische, wird in der Classroom Management Literatur instrumentiert – das macht diese vermutlich so populär. Wenn man allerdings grundlegender, etwa in erziehungstheoretischer Perspektive, die Implikationen des Classroom Management und der Verhaltensmodifikation befragt, kommen Zweifel auf an dem vom Classroom Management konstruierten Idealbild eines „angepasste[n] Individuum[s]“ (Gräber 2023: 337). Und wenn man in ethnographischer Haltung die Praxis der Erziehung in der Grundschule untersucht, stößt man durchaus auf Praktiken, die ein Eigenleben entwickeln und „überschießende“ Disziplinierung, die kaum noch in dem Zweck der Ermöglichung fachlichen Lernens zu gründen scheint (Breidenstein 2025; Lischka-Schmidt & Breidenstein 2026/i.E.). Gemessen an der Verbreitung der skizzierten populären Variante des Classroom Management gibt es insgesamt jedoch erstaunlich wenig kritische Diskussion und, zumindest im deutschsprachigen Raum, auch wenig empirische Forschung zur tatsächlichen Handhabung der entsprechenden Instrumente (Hertel 2020; Jäger 2019; Wannack & Heger 2021; Wolter 2018). In dem Symposium geben wir in drei knappen empirischen Beiträgen Einblicke in die beobachtbare Praxis des Classroom Management in der Grundschule. Vor diesem Hintergrund wollen wir über mögliche Wirkungen und (unbeabsichtigte) Nebenwirkungen dieser Praktiken nachdenken. Im Sinne des Tagungsthemas soll Classroom Management als eine bestimmte Form anwendungsorientierter Pädagogik aus Sicht der empirischen Grundschulforschung kritisch reflektiert werden. Das Symposium soll auf jeden Fall den Raum für die übergreifende und grundlegende Diskussion dieser Form der Anwendungsorientierung von Pädagogik bieten, für die gemeinsame Diskussion der empirischen Einblicke wird entsprechend viel Zeit zur Verfügung stehen. Beiträge des Symposiums Einführung eines „Verstärkerplans“ im Anfangsunterricht und die beobachtbaren (Neben)Wirkungen oder: Wenn Praktiken zur Verhinderung von Störungen zum Störfaktor werden In diesem Beitrag wird auf der Basis von Beobachtungen in drei ersten Grundschulklassen im Westen von Österreich danach gefragt, welchen Raum Praktiken des Classroom Managements im Anfangsunterricht einnehmen und in welchem Verhältnis sie zum fachlichen Lernen stehen. Im Anfangsunterricht stellt die Einsozialisierung von Schüler:innen als Noviz:innen in die (Interaktions-)Ordnung eine zentrale Aufgabe dar (Breidenstein & Heinzel 2024). Studien zeigen, was Kinder alles lernen müssen, wenn sie zum ersten Mal im Interaktionssystem Unterricht teilnehmen und in die „Elementarstrukturen des Unterrichts“ (Wenzl 2014) einsozialisiert werden. Jackson (1968) machte mit seinem Konzept des ‚heimlichen Lehrplans‘ deutlich, was die Institution Schule den Kindern dabei an Impulskontrolle abverlangt. So zeigte Jäger (2019) in ihrer ethnografischen Studie in ersten Primarschulklassen im Kanton Zürich beispielsweise: „Ruhig sein (sei) das Allerwichtigste“. Gleichzeitig lässt sich feststellen, dass neben dem psychologisch dominierten Diskurs rund um das Classroom Management (u.a. Helmke 2022) auch in der Grundschulpädagogik „einer effektiven Klassenführung“ (Hess & Eltling 2024: 506) – gerade im Anfangsunterricht – eine grundlegende Bedeutung zugeschrieben wird, um damit „die Voraussetzung für eine Auseinandersetzung mit den Inhalten zu schaffen“ (ebd.). Damit einher geht die Annahme, dass eine „gute Klassenführung (…) zu einem störungsarmen Unterricht“ (ebd., S. 505) beiträgt. Wannack und Heger (2021) zeigen in ihrer Studie zur Schuleingangsstufe, dass Classroom Management „durch verlässliche Strukturen in einem sonst offenen und von Unsicherheit geprägten Unterrichtsverlauf eine gewisse Sicherheit gewährleistet“ (S. 27). Die Teilnehmende Beobachtung in drei ersten Schulklassen im Rahmen der beiden ethnografischen Forschungsprojekte „Die soziale Konstruktion von Schulklassen“ (Raggl 2024) und „Differenzierungspraktiken im Schriftspracherwerb“ machen deutlich, dass Praktiken des Classroom Managements in den untersuchten Feldern sehr unterschiedlich viel Raum einnehmen. Neben den Beobachtungen wurden auch Interviews mit den beteiligten Klassenlehrpersonen geführt. Der Analyseprozess orientiert sich an der Grounded Theory und fragt danach, welche Vermittlungs- und Erziehungspraktiken sich beobachten lassen. Es zeigt sich in allen drei Klassen eine enge Verwobenheit von Vermittlungs- und Erziehungspraktiken. Da sie sich häufig überlagern, können sie als „interferierende Praktiken“ (Breidenstein 2021) bezeichnet werden. Während in zwei der Klassen ein unauffälligerer Einsatz von Belohnungs- und Bestrafungspraktiken zu beobachten war, entwickelten sich in einer Klasse die Praktiken, die von der Klassenlehrerin mit der Absicht der Verringerung von Störungen eingesetzt wurden, selbst zur eigentlichen Störung des Unterrichtsgeschehens. Im Beitrag wird aufgezeigt, wie das am 4. Schultag eingeführte Tokensystem, ein sogenannter „Verstärkerplan“, in der Klasse ein Eigenleben entwickelt und welche Strategien Schüler:innen verwenden, mit der Disziplinierungszumutung umzugehen. Gleichzeitig wird gefragt, welche Rolle die Lehrer:innenausbildung bei der Vermittlung bestimmter Praktiken des Classroom Managements spielt, da die Klassenlehrerin im Interview erklärt: „Wir haben das so gelernt, so einen Verstärkerplan einzusetzen.“ Das „Handwerkszeug“ der Erziehung. Beobachtungen an einer Schule für Erziehungshilfe Im Rahmen eines Projektes zur empirischen Erschließung der Erziehungspraxis an Grundschulen habe ich vier kleinere Feldforschungen an vier sehr deutlich kontrastierenden Schulen durchgeführt und vergleichend diskutiert (Breidenstein 2025). Im Zuge dieser ethnographischen Erkundungen war ich auch an einer „Schule für Erziehungshilfe“ – in der Annahme, dass in einer Schule, die Erziehung bereits im Namen führt, die Probleme schulischer Erziehung in zugespitzter Form zu beobachten sein müssten. In dem Beitrag für das Symposium soll nicht die komplexe und kontroverse Debatte um diese Schulform geführt werden (z.B. Müller & Stein 2018), sondern es geht darum, die Details und die Tücken des situativen Vollzugs von Erziehungspraktiken in den Blick zu nehmen. Erziehungspraktiken finden sich auch an anderen Grundschulen, wo sie als Mittel zum Zweck erscheinen mögen, d.h., dort werden Erziehung und Disziplinierung dann notwendig, wenn es gilt, die Voraussetzungen für Unterricht i.S. fachlichen Lernens herzustellen oder aufrecht zu erhalten. An der Schule für Erziehungshilfe rücken Erziehungspraktiken in das Zentrum des pädagogischen Handelns und werden dadurch in ihrer Logik und ihren Effekten womöglich noch deutlicher beobachtbar. Token-Systeme sind hier nahezu omnipräsent; Lehrkräfte verstehen sich als Spezialist:innen für die Werkzeuge der Verhaltensmodifikation und des Verhaltenstrainings; sie weisen in deren Handhabung teilweise tatsächlich eine hohe Virtuosität auf. Zugleich dürften insbesondere jene Praktiken, die im Rahmen des Dispositivs der Prävention Disziplinschwierigkeiten vorbeugen sollen, in besonderer Weise an der Normalisierung der Annahme der Devianz der Kinder beteiligt sein (Bauer & Breidenstein i.E.). Insgesamt betrachtet werfen gerade die Beobachtungen an dieser Schule Fragen nach den systematischen „Grenzen der Erziehung“ (Bernfeld 1925) auf: (Wie) kann die Einsicht in die „Unmöglichkeit“ pädagogischen Handelns als Bedingung seiner Möglichkeit (Wimmer 2023) im Blick behalten werden, wenn die Machbarkeit von Erziehung mittels der Instrumente des Classroom Management suggeriert wird? Classroom Management im US-amerikanischen Grundschulunterricht Das Konzept des Classroom Management hat seine Ursprünge in den USA. Schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts finden sich erste Ansätze des Classroom Managements, in Form von „managerial advice in teacher education textbooks“ (Brophy 2006: 19). Aus diesem Grund liegt es nahe, neben der Praxis von Classroom Management in deutschsprachigen Schulen auch die Praxis des Classroom Management in US-amerikanischen Schulen zu betrachten. Der vorliegende Beitrag verfolgt somit die Frage, wie sich Classroom Management im US-amerikanischen Grundschulunterricht vollzieht und welche Widersprüche dabei auftreten. Grundlage hierfür ist ein dreimonatiges ethnografisches Forschungsprojekt in einem Bundesstaat im Mittleren Westen, in dem u.a. Beobachtungen an zwei staatlichen Grundschulen durchgeführt wurden (zur Ethnografie Breidenstein et al. 2020). Ausgangsfrage des Projekts war die schulische Sozialisation erster Klassen am Schulanfang. Die Analyse der Beobachtungsprotokolle, die in Anlehnung an die Grounded Theory (Corbin & Strauss 2015) mithilfe von Codierungen und Sequenzanalysen durchgeführt wurde, zeigt zunächst, wie umfassend und weitreichend am Schulanfang diszipliniert und Verhalten „gemanagt“ wird. Im Abgleich mit einigen einschlägigen Lehrbüchern zum Classroom Management (Evertson & Emmer 2013; Hardin 2014; Wong & Wong 2014) wird im zweiten Teil des Beitrags überblickshaft und exemplarisch deutlich gemacht, inwiefern die beobachtete alltägliche Praxis von „empfohlenen“ Instrumenten des Classroom Management durchdrungen ist. Beispiele sind das strenge Aufstellen in Reihen bei Raumwechseln, schulweite Regeln oder das explizite Einüben von unterrichtlichen Prozeduren. Dabei zeigen sich auch deutliche Parallelen zum Ansatz des sog. Positive Behavioral Interventions and Supports, einem speziellen Ansatz innerhalb des Classroom Management, der schulweite und präventive Verhaltensregulierungen als besonders effektiv herausstellt (Sugai et al. 2014). Der dritte Teil des Vortrags problematisiert vertiefend zwei ausgewählte Elemente des Classroom Managements. Dabei wird einerseits – am Beispiel des Umgangs mit klingelnden Telefonen, die sich in den Klassenräumen befinden – argumentiert, dass bestimmte präventive Instrumente potenzielle Lernanlässe verhindern. Der Anspruch weitreichender Prävention geht zu Lasten eines gemeinsam ausgehandelten reagierenden Umgangs mit bestimmten Situationen. Andererseits wird aufgezeigt, dass sich bestimmte Praxen des Classroom Management kaum rational damit rechtfertigen lassen, zum Lernerfolg der Schüler:innen beizutragen. Obwohl für das Classroom Management in Anspruch genommen, dass „good classroom management is not an end in itself“ (Evertson & Emmer 2013: 7), drängt sich in manchen Praxen – wie dem umfassend regulierten Aufstellen in Reihe – der gegenteilige Eindruck auf, weil nicht mehr erkennbar ist, welchen Beitrag sie für bessere Lernbedingungen der Schüler:innen sie leisten. Der Beitrag stellt somit insgesamt den allzu weitreichenden und allzu präventiven Anspruch des zum Selbstzweck geratenden Classroom Management in Frage. | ||
