Veranstaltungsprogramm
Eine Übersicht aller Sessions/Sitzungen dieser Veranstaltung.
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Special-Interest Group 6.2
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Künstliche Intelligenz als ‚Game Changer‘ für mehrsprachigkeitssensible Unterrichtsgestaltung 1Technische Universität Chemnitz, Deutschland; 2Pädagogische Hochschule Schwäbisch Gmünd Ziel der geplanten Special Interest Group ist es, in einem kreativen Co-Creation-Format aktuelle Erkenntnisse und weitere Forschungsbedarfe zu den Potenzialen von Künstlicher Intelligenz (KI) für die Gestaltung inklusiver und insbesondere mehrsprachigkeitssensibler Lehr-Lernsettings in der Grundschule zusammenzutragen – auch mit dem Ziel gemeinsame, zukünftige Forschungsprojekte anzudenken. Ablauf: In der Input-Phase (40 Minuten) werden dazu empirische Befunde aus zwei Studien vorgestellt und deren Ergebnisse zur Diskussion gestellt. Ergänzend werden ausgewählte internationale Studien zum Thema vorgestellt, die Ideen und Anregungen für die Diskussion liefern. Für die sich anschließende Co-Creation-Phase (50 Minuten) werden gezielt Impulsfragen aus beiden Projekten genutzt, um die Teilnehmenden partizipativ in die Diskussion einzubeziehen. Forschungskontext: Unter Mehrsprachigkeitssensibilität wird eine kompetenzorientierte Haltung zur Mehrsprachigkeit verstanden, die den aktiven Einbezug von Familiensprachen in Unterrichtsprozesse ermöglicht (Busch, 2021; Kuzu, 2025b). Aufbauend auf den mehrsprachigkeitsbezogenen Begründungslinien von Lange und Pohlmann-Rother (2025) lassen sich sechs didaktische Funktionen unterscheiden: identitätsstiftend, sozial, spracherwerbsunterstützend, diskriminierungskritisch, fachlich und kulturell. Sprachliche Bildung wird dabei als durchgängige, fächerübergreifende Aufgabe verstanden, die Kinder befähigt, Sprachreflexion und Sprachbewusstheit zu entwickeln (Gogolin et al., 2020). KI-gestützte Anwendungen eröffnen hier neue Potenziale: Sie ermöglichen kontextsensitive Übersetzungen, paraphrasierte Inhalte und die adaptive Bereitstellung von sprachlichen Zugängen – ohne dass Lehrkräfte selbst alle Familiensprachen beherrschen müssen (Kuzu, 2025a; 2025b). KI kann sowohl die innere Mehrsprachigkeit (Register, Varietäten, Fach- und Alltagssprache) als auch die äußere Mehrsprachigkeit (verschiedene Erstsprachen) adressieren. Dies eröffnet neue didaktische Spielräume für die sprachliche Differenzierung und die Förderung der mehrsprachigen Agency von Lernenden, etwa durch die Produktion mehrsprachiger Erklärvideos oder den gezielten Einsatz von KI für translanguaging-orientierte Interaktionen. Vier Maximen der Mehrsprachigkeitssensibilität bilden die Grundlage für den KI-Einsatz: (1) die interpretative Annäherung an mehrsprachige Bedeutungsprozesse, (2) die wiederholte und strukturierte Aktivierung der Mehrsprachigkeit, unterstützt durch KI, (3) eine kompetenzorientierte Haltung der Lehrkräfte und (4) die Stärkung der mehrsprachigen Agency von Lernenden (Garcia & Wei, 2014; Kuzu, 2023). KI-Tools fungieren dabei als flexible Vermittlungsinstanzen, die lexikalische Lücken schließen, Aufgaben generieren und sprachübergreifende Erklärprozesse unterstützen. Entscheidend ist, dass die KI als korrigierbarer, dialogischer Partner und nicht als fehlerfreie Wissensinstanz eingesetzt wird. Empirische Studien: (1) Ziel der Studie INSPIRE (Inclusive Smart Primary Education with AI-based Reflective Assistants) ist es, im Rahmen der inklusiven UNIKlasse (Lange & Görel, 2026/i.D.) Unterrichtskonzepte zu entwickeln und zu erproben, in denen ein lernförderlich orchestrierter Einsatz von KI-Tools dazu beiträgt mehrsprachige Kinder gleichberechtigter in den inklusiven Unterricht einzubinden. Ziel ist es, die Partizipationschancen und Lernunterstützung für Kinder mit heterogenen sprachlichen Voraussetzungen zu steigern. Die Studierenden planen, erproben und reflektieren Unterrichtsprojekte (zu Mehrsprachigkeit und KI), in denen KI sowohl als Lerngegenstand als auch als Lernmedium fungieren kann. Datengrundlage der vorliegenden Auswertung bilden Antworten zu Reflexionsfragen des Lerntagebuchs, das im Rahmen der wissenschaftlichen Begleitung der inklusiven UNIKlasse von Studierenden bearbeitet wurden. Vorgestellt wird die Auswertung der Antworten zu selbstberichteten Lernerfahrungen zum Umgang Einsatz von KI für den Umgang mit Mehrsprachigkeit im inklusiven Unterricht. Die Interviews wurden mittels deduktiv-induktiver qualitativer Inhaltsanalyse (Kuckartz & Rädiker, 2024) ausgewertet, um Lernzuwachs und Perspektiven angehender Grundschullehrkräfte zum KI-Einsatz im mehrsprachigkeitssensiblen Unterricht zu erfassen. Die deduktiven Kategorien basieren auf dem RANG-Modell digitaler Grundbildung (Irion et al., 2023) und wurden induktiv ausdifferenziert. Die Ergebnisse zeigen, dass die Studierenden ein Verständnis für technisches sowie fachliches Wissen zu KI beschreiben sowie grundlegende Funktionsprinzipien und Strukturen von KI und sie den Einsatz von KI für mehrsprachigkeitsaktivierenden Unterricht reflektieren. Zudem benennen sie Voraussetzungen und Bedingungen, die für den mehrsprachigkeitsaktivierenden Einsatz von KI im Unterricht gegeben sein sollten. Die Ergebnisse verdeutlichen, dass Lehramtsstudierende nach der Teilnahme an einem UNIKlassen-Seminar differenziertere und vielfältigere Potenziale eines mehrsprachigkeitsaktivierenden Unterrichts identifizieren konnten. Die Ergebnisse zeigen zudem, dass die angehenden Lehrkräfte in ihren Reflexionsprozessen zum KI-Einsatz explizite Abwägungsprozesse vollziehen, die als Indikator für eine vertiefte professionelle Auseinandersetzung mit dem Gegenstand interpretiert werden können. Impulsfragen: 1. Inwiefern können KI-Tools die Qualität der sprachlichen Interaktionen in mehrsprachigen Unterrichtssequenzen im Unterricht verbessern? 2. Wie sollte die KI-basierte Lernumgebung gestaltet sein, damit der Einsatz von KI im Unterricht nicht zu Othering-Prozessen von mehrsprachigen Kindern führt? 3. Welche Rolle spielen die technischen und fachlichen Kenntnisse der Lehrkräfte in der erfolgreichen Implementierung von KI-Tools im mehrsprachigkeitsaktivierenden Unterricht? 4. Welche Voraussetzungen sollten erfüllt sein, damit KI-gestützte Unterrichtsprojekte tatsächlich mehrsprachigkeitsaktivierend wirksam werden? 5. Welche Implikationen haben die identifizierten Lernerfahrungen hinsichtlich der AI-Literacy von Grundschullehrkräften? (2) In der Studie KiKo-Prim (KI-Kompetenzen in der Primarstufe fördern) werden mehrsprachige Grundschulkinder in der Nutzung von LLMs im Mathematikunterricht untersucht (Kuzu, 2025a; 2025b; 2026a; 2026b; Kuzu & Sprenger, 2025a). Im Zentrum steht dabei nicht primär die technische Nutzung von KI, sondern die Frage, inwiefern KI als didaktisches Instrument zur systematischen Aktivierung mehrsprachiger Ressourcen beitragen kann. Methodisch ist die Studie als Design-Based-Research-Projekt angelegt. In mehreren iterativen Zyklen werden Lehr-Lernumgebungen entwickelt, im Unterricht erprobt, videographiert und auf Basis der gewonnenen Daten weiterentwickelt. Die Auswertung erfolgt qualitativ mittels interpretativer Interaktionsanalyse, die es erlaubt, sprachliche Aushandlungsprozesse, translanguaging-Praktiken und epistemische Positionierungen turn-by-turn zu rekonstruieren. Dadurch können mikroanalytisch jene Momente sichtbar gemacht werden, in denen Mehrsprachigkeit aktiviert, erweitert oder auch begrenzt wird. Die iterativ entwickelte Lehr-Lernumgebung umfasst didaktisch reduzierte Prompt-Engineering-Impulse sowie sogenannte Mehrsprachigkeitskarten, die Lernende explizit dazu anregen, ihre gesamte sprachliche Repertoirebreite – einschließlich Familiensprachen – in mathematische Verstehensprozesse einzubringen. KI fungiert dabei als flexibel reagierende Vermittlungsinstanz, die sprachübergreifende Bedeutungsarbeit unterstützt, und die Analysen zeigen, dass Kinder die KI als eine Art ,dialogischen Partner‘ nutzen, um • flexibel zwischen Sprachen zu wechseln (translanguaging), • lexikalische Lücken situativ zu schließen, • mathematische Begriffe in unterschiedlichen Sprachsystemen zu vergleichen und • Bedeutungen ko-konstruktiv auszuhandeln. Besonders bedeutsam ist, dass KI-generierte Übersetzungen nicht unkritisch übernommen werden: Übersetzungsungenauigkeiten oder semantische Verschiebungen werden von den Kindern häufig erkannt, diskutiert und zum Anlass für Sprachunterschiedsreflexion genutzt. Dadurch entstehen metasprachliche Lerngelegenheiten, in denen sowohl fachliche als auch sprachliche Präzisierungen erfolgen. KI-Fehler wirken hier als produktive Irritationen, die Reflexionsprozesse vertiefen. Die Ergebnisse legen nahe, dass KI das Potenzial besitzt, translanguaging-orientierte Interaktionen zu intensivieren und die mehrsprachige Agency (‚Handlungsfähigkeit’) zu stärken. Voraussetzung dafür sind jedoch zentrale Gelingensbedingungen: eine institutionelle Rahmung durch Lehrkräfte, vorbereitende Prompting-Impulse, kooperative Peer-Interaktionen sowie strukturierte Phasen gemeinsamer Überprüfung und Bewertung von KI-Antworten. Erst in dieser pädagogisch gerahmten Form entfaltet KI ihr Potenzial als Werkzeug mehrsprachigkeitssensibler Unterrichtsgestaltung. Impulsfragen: 1. Inwiefern verändert KI die Qualität translanguaging-orientierter Interaktionen im Mathematikunterricht? 2. Wie kann KI zur Stärkung mehrsprachiger Agency beitragen – ohne sprachliche Hierarchien zu reproduzieren? 3. Welche Designprinzipien sind notwendig, damit KI nicht zum bloßen ,Übersetzungsautomat‘ wird? 4. Wie können Mehrsprachigkeitskarten oder ähnliche Scaffolds systematisch mit KI-Interaktionen verzahnt werden? 5. Welche Rolle spielen Voice-Prompts für die Aktivierung von Familiensprachen? Übergreifende Diskussion zu Gelingensbedingungen: In der Diskussion wird resümiert, welche Potenziale, Chance, Risiken und Herausforderungen die Nutzung von KI-Tools in der Grundschule haben können – insbesondere hinsichtlich des Ziels, die Mehrsprachigkeitsressource von Grundschulkindern lernförderlich für alle Kinder in den Unterricht miteinzubeziehen (vgl. Lange & Pohlmann-Rother, 2025). Um die Potenziale von KI (bspw. zur Effizienzsteigerung) zu nutzen, werden aus den empirischen Ergebnissen verschiedene Gelingensbedingungen deutlich, die im Rahmen der SIG mit den Teilnehmenden diskutiert werden. Die Ergebnisse beider Studien zeigen, dass KI-Anwendungen Potenziale für die Aktivierung mehrsprachiger Ressourcen bieten, zugleich aber Risiken wie Anthropomorphisierung und Deskilling damit verbunden sein können. Ein kritischer, reflektierter KI-Einsatz ist erforderlich und ein Unterricht in dem KI-Fehler als Lerngelegenheiten dienen (Böhme & Mesenhöller, 2025; Kurian, 2024). Zentrale Aspekte für die Lehrkräftebildung sind die Entwicklung eines kompetenzorientierten Habitus gegenüber Mehrsprachigkeit, das kluge Reflektieren von Prompting-Techniken, die Reflexion der KI-Funktionalitäten und die Einbettung in eine systematische und qualitativ hochwertige Unterrichtsplanung. Insgesamt verdeutlichen die Ergebnisse auch, dass KI im Grundschulunterricht weit über die reine Automatisierung hinausgehende Chancen bietet: Sie kann als dialogische Partnerin, zur Übersetzung, als Lernbegleitung oder Reflexionsinstanz (Lange et al., 2026/i.V.); um es Kindern zu ermöglichen, ihre Ressourcen zu aktivieren bedarf es von Seiten der Lehrkräfte Angebote durch inklusive, sprachsensibel gestaltete Lernumgebungen. Ausblick: Zukünftige Forschung wird benötigt weiterführend zur unterrichtlichen Integration von KI und deren potenziellen lernförderliche Effekte, zu der Entwicklung und Veränderung professioneller Überzeugungen von Lehrkräften sowie zur Förderung von kritischen KI-Kompetenzen bei Kindern. Als zentral werden dafür angesehen der Mind-Change hin zu einem ressourcenorientierten Blick auf Mehrsprachigkeit, begleitet von systematischen Fort- und Weiterbildungen, der Bereitstellung technischer Infrastruktur und der Einbindung aller Schulbeteiligten. Die Potenziale von KI für sprachliche Bildung und inklusiven Unterricht sind erheblich, bedürfen jedoch einer reflektierten, pädagogisch fundierten und institutionell abgestützten Umsetzung. | ||
