Veranstaltungsprogramm
Eine Übersicht aller Sessions/Sitzungen dieser Veranstaltung.
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Einzelbeiträge 6.1
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Das Leistungsverständnis im Sachunterricht zwischen fachdidaktischer Normierung und bildungspolitischer Steuerung – Eine Analyse nationaler curricularer Vorgaben zur Leistungsfeststellung und -bewertung Universität Osnabrück, Deutschland Die Diskussion um Leistungsbeurteilung in der Schule hat eine lange Tradition, die auch für den Grundschulbereich bereits mit verschiedenen Schwerpunkten geführt wurde (vgl. Jürgens, 2021). Der schulische Leistungsbegriff und dessen Verständnis gerieten vor allem vor dem Hintergrund der Diskussion eines pädagogischen Leistungsverständnisses in den Fokus (vgl. Lichtenstein-Rother, 1971). Aus bildungstheoretischer und erziehungswissenschaftlicher Perspektive liegen Definitionen für den Leistungsbegriff vor (vgl. Klafki, 1975). In den Fachdidaktiken wurde das Verständnis von Leistung in der Grundschule unter Berücksichtigung fachspezifischer Besonderheiten vor allem für die Fächer Mathematik (vgl. Bürgermeister, 2014) und Sport (vgl. Guardiera, 2019) diskutiert. Es verwundert daher, dass der Leistungsbegriff und dessen Verständnis innerhalb der Fachdidaktik Sachunterricht bislang nur vereinzelt kritisch hinterfragt wurden, obwohl der Begriff sowie dessen Verständnis bedingt durch die fachdidaktischen Prämissen der Vielperspektivität, Fachintegrität und Methodenvielfalt eine Komplexität vermuten lassen. Sichtweisen auf Leistung werden in Lehrplänen offenbart, die verbindlich sowie bildungspolitisch legitimiert und auch für den Unterricht und dessen Umsetzung in der Schule bedeutsam sind. Lehrpläne erfüllen im schulischen Kontext neben den gesellschaftlichen Funktionen der Legitimation und Qualitätssicherung auch pädagogische Funktionen der Orientierung, Steuerung und Information und bilden eine Grundlage schulischer Leistungsbeurteilung (vgl. Vollstädt et al., 1999). Daher wurden in der vorliegenden Studie nationale curriculare Vorgaben zur Leistungsfeststellung und -bewertung für das Fach Sachunterricht analysiert. Vor diesem Hintergrund wurden alle deutschen Lehrpläne sowie zusätzliche Vorgaben zur Leistungsbeurteilung für das Fach Sachunterricht mit der Qualitativen Inhaltsanalyse nach Kuckartz und Rädiker (2024) dahingehend untersucht, welche unterschiedlichen Termini für Leistung im Kontext der Fachdidaktik Sachunterricht in bildungsadministrativen und -politischen Vorgaben für das Fach Sachunterricht verwendet und begründet werden und analysiert, welche Aspekte des pädagogischen Leistungsbegriffes zur Gestaltung der Leistungsfeststellung und -bewertung eingebunden sind. Für die Fachdidaktik Sachunterricht ist dies insofern bedeutsam, als dass durch die Analyse sichtbar geworden ist, was in der Fachdidaktik als leistungsrelevant gilt und inwiefern dies in den bildungspolitischen Vorgaben abgebildet wird. Die Ergebnisse zeigen neben einer begrifflichen Varianz unterschiedlicher Termini vor allem eine erkennbare Heterogenität hinsichtlich der legitimierten Formen, Frequenzen, Kriterien und Anforderungen zur Leistungsfeststellung und -bewertung. Zentral ist dabei das bildungspolitisch normierte Verständnis von Lernen und Leistung sowie von Fehlerkultur und Leistungsrückmeldung in allen deutschen Lehrplänen und den zusätzlichen Vorgaben, welches im Vortrag vorgestellt und vor dem Hintergrund moderner, partizipativer Formen der Leistungsbeurteilung zur Diskussion gestellt wird. Der Beitrag leistet damit einen grundschulspezifischen Zugriff auf das Spannungsfeld von Grundlegung und Anwendungsbezug, indem erläutert wird, wie fachliche Leitideen in curricularen Steuerungsinstrumenten transformiert werden. Ungleichheitskritische Reflektionen über Konstruktionen von Leistung und Leistungsdifferenzen in bildungspolitischen Diskursen: Ergebnisse einer transnationalen Diskursanalyse zu Italien und Deutschland 1Carl von Ossietzky Universität Oldenburg, Deutschland; 2Freie Universität Bozen Die Grundschule als verpflichtende, grundlegende Bildungsstufe stellt ein globales Phänomen dar (Schlesier et al., 2026; Seitzer et al., 2022), an dem sich ungleichheitsrelevante Dynamiken in besonderer Vehemenz und Deutlichkeit vollziehen, was international noch wenig erforscht ist (Claus, Yendell & Romualdo, 2026). In diesem Kontext kommt dem Phänomen der Leistung zentrale Bedeutsamkeit zu. Hieran anknüpfend widmet sich der Beitrag der Frage, welches Wissen über Leistung und Leistungsdifferenzen durch bildungspolitische und -rechtliche Dokumente vermittelt wird und wie entsprechende Diskurse Schulkulturen der Primarstufe prägen. Anschließend an Foucault (2002) verstehen wir Leistung als Dispositiv, das in Diskurs-Praxis-Formationen hervorgebracht wird und soziale Praktiken in Schule machtvoll prägt (Ricken & Reh 2018). Wir problematisieren folglich das Phänomen “Leistung” als diskursives Konstrukt, das in miteinander verwobenen Macht-Wissen-Komplexen historisch geformt ist. Unsere Überlegungen sind Teil eines transnationalen Forschungsprojekts, das Leistung bezogen auf die Grundschule in zwei kontrastierend strukturierten Bildungssystemen untersucht (APrA: Achievement: A Social Practice in Primary School. An International Comparative Analysis on Germany and Italy (DFG-JOINT, 2025–2027; C. v. O. Universität Oldenburg / DE, Freie Universität Bozen / IT). In diesem Rahmen wurden wissenssoziologische Diskursanalysen (Keller, 2011) bildungspolitischer und rechtlicher Dokumente (2001-2020) Italiens und Deutschlands realisiert. Ausgehend von der Annahme, dass Schulkulturen verschiedene überlappende Bedeutungsebenen aufweisen (Nohl, 2013; Reckwitz, 2005), rekonstruieren wir zentrale diskursive Strukturen, um sie transnational vergleichend anhand ungleichheits- sowie machtkritischer Ansätze zu hinterfragen. Politische Bildungsdiskurse werden hierbei als erfolgreiche Stabilisierungen spezifischer Sinnsysteme um „Leistung“ und „Leistungsdifferenz“ verstanden, da sie Bedeutungszuschreibungen reglementieren und dadurch kollektiv verbindliche Wissensvorräte herstellen (Rogers, 2004). Die Diskursanalysen wurden nach dem Ansatz der Grounded Theory (Glaser & Strauss, 2017) durchgeführt. Anhand der herausgearbeiteten Schlüsselkategorien konnten zentrale diskursive Strukturen beschrieben und übergreifende Diskursformation beschrieben werden. Aus den italienischen Dokumenten lässt sich lesen, dass Leistung eng mit Leistungsbewertung verwoben wird, mittels derer Lernprozesse in sichtbare und messbare Formen übersetzt werden. Dabei liegt der Fokus auf der individuellen Kompetenzentwicklung, die sowohl in Logiken der Meritokratie als auch inklusiver Bildung eingebettet ist. Leistung wird dabei primär als individuell zu erbringender gesellschaftlicher Beitrag konzipiert, was sich in der Adressierung aller Schüler:innen als verantwortliche Leistungsträger:innen und zukünftige Mitgestalter:innen der Gesellschaft manifestiert. In den bundesdeutschen Dokumenten werden Schüler:innen als selbstbestimmte, autonome und leistungsorientierte Subjekte entworfen. Der Diskurs zeichnet ein libertäres Leistungsdispositiv, das u.a. um Konzeptionen von Selbstverantwortung, Anstrengungsbereitschaft und Freude angereichert ist. Innerhalb einer meritokratischen Rahmenerzählung werden Grundschüler:innen schließlich als “leistungsschwach” bzw. “leistungsstark” etikettiert, wofür habituelle Dispositionen eine entscheidende Rolle spielen. In Deutschland wie Italien zeigt sich zudem, dass Entwürfe des leistungsfähigen Subjekts mit Konzeptionen der Individualisierung verschränkt sind. Wir schlussfolgern, dass Leistung kein egalitäres Ziel schulischer Bildung darstellt, sondern zugeschriebene Leistungsfähigkeit mit verschiedenen Normativitäten verbunden ist. Über das Motiv der Leistung werden so bestehende Ordnungen grundschulischer Bildungsungleichheit diskursiv stabilisiert. Im Vortrag diskutieren wir auf Basis dieser Befunde und Überlegungen, welche Subjektpositionierungen von Grundschüler:innen diskursiv generiert werden, inwieweit diese soziale Ordnungen der (De-)Privilegierung hervorbringen und was dies für die Grundschule als globale Institution impliziert. Von der Kritik an Noten zu alternativen Bewertungsformen: Gelingensbedingungen und Herausforderungen im Kontext von Grundschulpraxis und Grundschulforschung TU Dresden, Deutschland a) Forschungsstand und theoretische Bezüge Grundschullehrkräfte sollen sowohl die individuellen Bildungs- und Persönlichkeitsentwicklungsprozesse jede:r Schüler:in fördern als auch sicherstellen, dass die in Lehrplänen formulierten Bildungsziele innerhalb der Grundschulzeit erreicht werden. In beiden Kontexten nehmen Leistungsbewertungen eine Schlüsselrolle ein (Schrader & Helmke, 2014), wobei sie zugleich eine gesellschaftliche und pädagogische Funktion übernehmen (Kopmann, Zeinz & Kaul, 2022). Die Vergabe von Noten steht dabei in der Kritik, zu intransparent und undifferenziert die individuelle Lernausgangslage einzuordnen und zudem keine Vergleichbarkeit von Leistungen zu ermöglichen (Brügelmann, 2014; Hübner et al., 2024). Aufgrund des geringen Informationsgehalts, der aus Noten für die Unterstützung des Bildungsprozesses der Schüler:innen folgt (ebd.), werden Lösungsansätze in Form alternativer Bewertungsformen gesucht, die ein aufgaben- und prozessbezogenes Feedback zur schulischen Leistung umfassen (Sewagegn & Dessie, 2020). Im landesweiten Schulversuch „Alternative Bewertungsformen im Primarbereich außer in den Fächern Deutsch, Mathematik und Sachunterricht“ im Freistaat Sachsen erarbeiten aktuell Grundschulen Möglichkeiten, um die Qualität der Leistungsbewertungen zu erhöhen. Der Schulversuch wird wissenschaftlich durch das Autor:innenteam begleitet. b) Fragestellung und Zielsetzung Welche Gelingensbedingungen und Herausforderungen schildern Grundschullehrkräfte bei der Entwicklung geeigneter alternativer Bewertungsformen und ihrer schulinternen Implementierung? Welche Transferforderungen werden dabei an die Forschung gerichtet? Die Ziele bestehen a) in der Ableitung von Pro- und Contra-Argumenten alternativer Bewertungsformen aus Sicht von Grundschullehrkräften sowie b) der Diskussion zu den von ihnen geschilderten Forschungs- und Wissenschafts-Praxis-Transferbedarfen. c) Methode und Design In die Studie werden Lehrkräfte aus allen 17 am Schulversuch teilnehmenden Grundschulen befragt. Sie nehmen von Januar bis Mai 2026 an leitfadengestützten Gruppeninterviews teil. Erwartet wird eine Stichprobengröße von N = 85 Lehrkräften. Die Interviews werden nach der inhaltlich strukturierenden qualitativen Inhaltsanalyse nach Kuckartz und Rädiker (2024) ausgewertet. d) (Zwischen-)Ergebnisse Vorgestellt werden die Ergebnisse der Befragung, insbesondere die von den teilnehmenden Grundschullehrkräften geschilderten Gelingensbedingungen und Herausforderungen der Entwicklung alternativer Bewertungsformen. Eine erste Datenanalyse deutet auf bestehende Spannungsverhältnisse hin. Einerseits zeigen sich sowohl verschiedene Herangehensweisen und erarbeitete Lösungsansätze in den teilnehmenden Grundschulen, die mit unterschiedlichen Herausforderungen einhergehen (z. B. in Bezug zur Elternarbeit). Andererseits werden Forderungen seitens der Schulpraxis an die Forschung gerichtet, empirisch gesicherte Handlungsansätze und Professionalisierungsangebote einzubringen. | ||
