Veranstaltungsprogramm
Eine Übersicht aller Sessions/Sitzungen dieser Veranstaltung.
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Symposium 3.3
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Instituetik grundschulischer Transformationsprozesse und ihre Folgen für die Konstruktion von Kindheit Wir vergleichen zwei Berliner Grundschulen, die sehr unterschiedlich auf Herausforderungen von Globalisierung und Pluralisierung kindlicher Lebenslagen reagieren: eine Europaschule mit bilingualem Unterricht und eine Compartmentschule mit stark individualisierter Lernorganisation in Lernhäusern und Aufhebung des Schulklassenprinzips. Dabei interessiert uns, ob und wie durch die in den Schulen etablierten kulturellen Praktiken auch unterschiedliche Verständnisse von Kindern und ihren Familien sowie Kindheit in einer pluralen Gesellschaft entstehen. Theoretisch nehmen wir Bezug sowohl auf unterschiedliche kulturwissenschaftliche Arbeiten (Assmann 2007, Mörsch 2019, Sternfeld 2019, Reckwitz 2012) als auch auf die Instituetik Bernfelds (Bernfeld 1925/2022, Honig 2013, Wischmann 2025). Aus der Verbindung der Ansätze entwickeln wir eine Fragestellung und ein Analyseinstrument zur qualitativen Beforschung von Grundschulen, die wir im Symposion darstellen wollen. Bernfeld fragte danach, wie Schule als Institution „erzieht“, d.h. welche formierenden Einflüsse auf die Schülerinnen und Schüler, aber auch auf Eltern und Pädagog*innen durch die Art und Weise institutionalisierter Prozesse entstehen, die der jeweiligen Programmatik der Schule gegebenenfalls diametral widersprechen. Was soll und will Schule – laut Gesetz, bildungspolitischer Rhetorik, pädagogischer Transformationsversprechen – leisten und was leistet sie, so die empirische Frage, tatsächlich? Die Fragen sind heute nicht weniger aktuell als zur Zeit ihrer Entstehung, müssen allerdings anders kontextualisiert werden. Schulen werden heute vielfach auf ihren Wandel, ihr notwendiges Antworten auf die Herausforderungen der „großen Transformation“ (WBGU 2011) hin adressiert und untersucht. Dabei kann aus dem Blick geraten, dass sie ebenso die Funktion der Tradierung, Weitergabe und Reetablierung von Wissen und sogenannten „Kulturtechniken“ zu erfüllen hat (Fend 2006, Duncker 2023, Reichenbach 2017). In dieser doppelten Funktion bilden sie kulturelle Praktiken (Reckwitz 2012) aus, in denen sowohl der Zukunfts- als auch der Vergangenheitsbezug enthalten sind. In unserer schulethnografischen Forschung suchen wir solche Praktiken auf, in denen sich Schule als ein zwar spezifischer, aber mit anderen vergleichbarer Kulturort zeigt. In Anlehnung an Aleida Assmann (2007) stellen wir fest, dass Schule – ebenso wie z.B. Museen, Bibliotheken, Archive, Festivals – in ihren basalen Praktiken räumliche, zeitliche, mediale, materielle, gedächtnisbezogene kulturelle Orientierungen gestaltet und vermittelt. Spezifisch für die Schule ist u.a., dass die Adressat*innen Kinder sind, die dabei zugleich als lernende Kinder hervorgebracht werden. Die Praktiken lassen sich also nicht nur hinsichtlich der Orientierungen befragen, die sie vermitteln, sondern zugleich auch hinsichtlich der Kindheitsmuster, die sie hervorbringen bzw. zu denen eine besondere Passung oder Nicht-Passung entsteht (Betz 2008). In dem Symposion wollen wir eine qualitative schulethnografische Forschung zu diesem Thema in drei eng aufeinander bezogenen Beiträgen vorstellen. Ausgehend von der Analyse der Selbstdarstellung zweier Berliner Grundschulen (Beitrag 1, Anna Carnap und Anne Steddin) bereitet der zweite Beitrag (Cornelie Dietrich) theoretisch eine instituetische Fokussierung vor, die dann im folgenden, dritten Beitrag (Evelyn May und Lena Staab) durch exemplarische Materialanalysen empirisch geprüft wird. Im abschließenden Beitrag (4) fassen wir die Ergebnisse zusammen, fragen nach den sich dokumentierenden unterschiedlichen Kindheitsmustern (Betz 2008; Dietrich 2017), die sich in den beiden Schulen zeigen und leiten über in die Diskussion. Beiträge des Symposiums Beitrag 1: Vorstellung der Schulen: was wollen sie leisten? Die Compartmentschule bricht mit tradierten Vorstellungen, Organisationsformen und Praktiken von Schule. Sie folgt einem seit einigen Jahren sich etablierenden Schulbaumodell (in Berlin seit 2017), bei dem es bspw. keine Klassen in eigenen Klassenräumen gibt, sondern sogenannte Lernhäuser, in denen Lerngruppengemeinschaften in „sichere[n], personalisierte[n] Lernräume[n]“ (Schulwebseite Schule A) miteinander den Schultag verbringen. Die zweite Schule (B), die in unserem Sample als Kontrastschule fungiert, und raumgestalterisch als eher klassische „Flurschule“ beschrieben werden kann, vereint unter einem Dach zwei Schulmodelle: zum einen bietet sie als Kiezschule einen deutschsprachigen Regelschulzweig, zum anderen einen deutsch-polnischen Schulzweig, der seit 2011 als Staatliche Europa-Schule Berlin (SESB) anerkannt ist. In beiden Zweigen erfolgt der Unterricht jahrgangshomogen im Klassenverband; im bilingualen SESB-Zweig fungieren Deutsch und Polnisch als Erst- bzw. Partnersprache und sind gleichwertige Unterrichtssprachen. Beide Schulen reagieren auf die veränderten kindlichen Lebenslagen in pluralisierter Gesellschaft bzw. gestalten eben diese mit, setzen dabei aber unterschiedliche Schwerpunkte. Im Vortrag werden die Ergebnisse einer vergleichenden schulkulturellen Webseitenanalyse vorgestellt (Helsper 2008; Keßler und Szakács-Behling 2023). Ausgehend von den öffentlichen Selbstdarstellungen der Schule werden mithilfe von gedankenexperimentellen Gegenhorizonten (Bohnsack 2017, S. 159 f.) die „exzellenten, legitimen, tolerablen, marginalisierten und tabuisierten kulturellen Ausdrucksgestalten“ (Helsper 2008, S. 67) der Schulen rekonstruiert und zur Diskussion gestellt. Beitrag 2: Zwischenfazit und theoretische Fokussierung Ausgehend von den rekonstruierten Programmatiken der beiden Schulen als zwei expliziten Antworten auf aktuelle Herausforderungen von Globalisierung und Pluralisierung erfolgt zunächst eine instituetische Fokussierung (Bernfeld 1925/2022): Was zeigt sich im alltäglichen Tun der Schulen, konkreter: Anhand welcher kulturellen Praktiken kann untersucht werden, ob und wie in den Schulen zugleich eine Tradierung als auch eine Innovation von Wissen und Lernen erfolgt? Was zeigt sich darin über das explizit Mitgeteilte und Intendierte hinaus und in welchem Verhältnis steht beides zueinander? Welche Unterschiede zeigen sich dabei zwischen den Schulen, gibt es Gemeinsamkeiten? Von vielen möglichen Hinsichten kultureller Manifestationen (Assmann 2007) wählen wir für diese Analysen die räumliche und dingliche Dimension schulkultureller Praktiken aus, die in beiden Schulen besonders „ins Auge springt“. In durchaus gewollter, hier näher zu begründender Analogie zum Museum suchen wir Praktiken des Sammelns, Kuratierens und Ausstellens im Kulturort Schule auf. Kindheitstheoretisch schließt sich die Frage an, welches Verständnis vom lernenden Kind und von Kindheit dadurch entsteht und vor allem, ob und wie die Schulen heterogenisierenden oder eher homogenisierenden Vorstellungen ungleicher Kindheiten (Lareau 2003, Betz 2008; Dietrich 2017) folgen. Beitrag 3: Vergleichende Fallanalysen: ‚sammeln kuratieren ausstellen‘ in den Schulen A & B Dieser Beitrag geht dann empirisch der Frage nach, wie Dinge gesammelt und in den Räumen der beiden Schulen kuratiert und ausgestellt werden und welche kulturellen Ordnungen auf diese Weise rekonstruierbar werden. Dazu werden Fotografien, die im Rahmen einer ethnografischen Feldforschung entstanden sind, in einem ersten Schritt im Hinblick auf (unterschiedliche) Sammlungs- und Ausstellungspraktiken hin untersucht. Ein weiter Sammlungs- und Ausstellungsbegriff leitet sich ab, der zur Grundlage für eine Artefaktanalyse wird (in Anlehnung an Lueger/Froschauer 2018; Stieve 2008). Das Wie des Zeigens und Anordnens der Dinge in den Schulräumen gerät in den Fokus, um danach zu fragen, inwiefern das kindliche Lernen durch das Kuratieren der Dinge und Artefakte räumlich ‚inszeniert‘ (vgl. Stieve 2012) wird. Wir arbeiten unterschiedliche Praktiken des Kuratierens heraus und befragen Folgen für die Konstruktion des lernenden Kindes bzw. von Lern-Kindheit. Beitrag 4: Fazit und Diskussion Mit einer kurzen Zusammenfassung und einem Fazit leiten wir in die Diskussion über. Da uns die kulturwissenschaftliche Fundierung der Forschung besonders wichtig ist und wir hier durch das Vorgehen eine mögliche Analogisierung von Museum/Ausstellung und Schule behaupten bzw. erproben, ist eine interdisziplinäre Kommentierung sinnvoll. Wir haben daher als Diskutanten mit Dr. Daniel Thyradellis einen Kurator, Szenographen und Kulturphilosophen angefragt. | ||
