Veranstaltungsprogramm
Eine Übersicht aller Sessions/Sitzungen dieser Veranstaltung.
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Einzelbeiträge 4.3
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Experimentieren im Elfenbeinturm?! – Wie Erkenntnisse über Offenes Experimentieren im „Grundschullabor“ die Praxis an Grundschulen transformieren Universität des Saarlandes, Deutschland Der Einzelbeitrag greift die Ergebnisse einer Grounded Theory methodologischen Dissertationsstudie (Kihm 2025) auf, die eine begründete Theorie der Aus-Handlung von Selbstbestimmung (Raitelhuber 2012; Kihm & Peschel 2019) beim Offenen Experimentieren (Peschel 2016) entwickelt hat. Selbstbestimmung wurde in der Studie, dem sozialwissenschaftlichen AGENCY-Ansatz (Raitelhuber 2012) folgend, nicht individualpsychologisch als Selbstbestimmungsempfinden operationalisiert, sondern als soziale Komponente der Aushandlung zwischen Grundschüler*innen und Lehrpersonen verstanden (Kihm & Peschel 2019). Im Vortrag wird das Spannungsfeld zwischen dem Experimentier-Handeln von Schüler*innen und dem institutionellen, pädagogisch-didaktischen Handeln der Lehrperson herausgearbeitet. Die Analysen zeigen einerseits, wie Grundschüler*innen beim Offenen Experimentieren eigene, teilweise unkonventionelle Zugänge zu naturwissenschaftlichen Phänomenen entwickeln. Andererseits wird deutlich, wie diese individuellen Zugänge angesichts v. a. nonverbal kommunizierter Erwartungshaltungen der Lehrperson in situ ausgehandelt werden. Die Studie setzt sich in den folgenden beiden Punkten von den bisherigen Forschungen bzgl. Offenem Experimentieren ab: Erstens wurde ein (weites) Experimentierverständnis mit explorativen Phasen zugrunde gelegt (Köster 2018) anstelle der Kurzschließung von Experimentieren mit Hypothesenprüfen (Hardy et al. 2006). Zweitens wurde Offenes Experimentieren nicht auf organisatorische Formen wie Stationenlernen (Haase 2018) reduziert, sondern um methodisch-inhaltliche Formen erweitert bzw. grundsätzlich als multidimensionale Zielstufe aufgefasst (organisatorisch-methodisch-inhaltlich-sozial; Peschel 2016; Köster 2018). Da in Grundschulen zum einen meist hypothesengesteuert (s. 1; Dunker 2016; Zucker & Meschede 2025) und zum anderen häufig angeleitet und eben nicht offen experimentiert wird (s. 2.; Schütte 2018; Gebauer & Herbst 2020), stellte sich zu Beginn der Studie die Frage nach dem Feldzugang. Um Offenes Experimentieren in seiner Multidimensionalität (s. 2) und vor dem Hintergrund des o. g. weitergefassten Experimentierverständnisses (s. 1) adäquat beforschen zu können, wurde das Grundschullabor für Offenes Experimentieren (GOFEX) als Feld „außerschulischer unterrichtlicher Parallelpraxis“ (Kihm 2025: 313) ausgewählt. Protokolle Teilnehmender Beobachtung aus dem GOFEX (n = 14 Schulklassen) wurden mittels Grounded Theory Kodierverfahren (Glaser & Strauss 2010) analysiert und interpretiert. Die rekonstruierten Interventionsmuster der Lehrpersonen verweisen auf strukturelle Rollenkonflikte (Peschel & Kihm 2020), die (auch) in schulischen Unterrichtssituationen auftreten, sobald (persönliche) Offenheit und (institutionelle) Erwartungshaltung mit den Interessen von Schüler*innen verschränkt werden. Vor diesem Hintergrund fragt der Beitrag nach der Relevanz der Ergebnisse bzw. ihrer Transferierbarkeit für die Praxis an Grundschulen: Diskutiert wird, inwiefern die rekonstruierten Interventionsmuster in Aus- und Weiterbildung (Peschel 2010) für die Sensibilisierung von Lehrkräften genutzt werden können, um eigene normative Erwartungen reflexiv zu prüfen. Der Beitrag plädiert schließlich für eine differenzierte Perspektive auf den Grundschultransfer wissenschaftlicher Erkenntnisse: Nicht das GOFEX-Modell als Raum-, Material- und Ordnungskonzept (Peschel 2016) ist Zentrum der Implementation, sondern das zugrundeliegenden Rollenverständnis und die Bearbeitung der Rollenkonflikte (Peschel & Kihm 2020). Die Analyse von Rollenkonflikten im GOFEX schafft auch für den regulären Sachunterricht Reflexionsmöglichkeiten, Aushandlungsprozesse zwischen kindlicher Exploration und didaktischer Rahmung bewusster zu gestalten. Damit verbindet der Beitrag empirische Rekonstruktion mit professionsbezogener Reflexion und leistet einen Beitrag zur Frage, wie Experimentieren im naturwissenschaftlich-orientierten Sachunterricht nicht nur konzeptionell offen intendiert, sondern in praktischer Handhabung in Bezug auf das Lernen der Kinder weiterentwickelt werden kann. Vielperspektivische Sachunterrichtsplanung im Kontext von BNE – eine qualitative Interviewstudie mit Expert*innen aus Schule und Universität Universität Duisburg-Essen, Deutschland Der Sachunterricht vernetzt verschiedene (Fach-)Perspektiven – die sozialwissenschaftliche, naturwissenschaftliche, technische, geographische und historische Perspektive (Gesellschaft für Didaktik des Sachunterrichts [GDSU], 2013) – und ermöglicht auf diese Weise die vielperspektivische Betrachtung von lebensweltlichen Phänomenen. Aufgrund dieser genuin vielperspektivischen Konzeption bietet das Fach großes Anbindungspotenzial für Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) (Böse, 2023). So setzen komplexe Fragestellungen im Kontext von BNE die „gleichzeitige Berücksichtigung naturwissenschaftlicher Gesetzmäßigkeiten und technischer Möglichkeiten in Verbindung mit z.B. politischen und ökonomischen Interessen“ (GDSU, 2013, S.15) voraus. Grundlegend für die Realisierung eines vielperspektivischen, BNE-orientierten Sachunterrichts ist eine entsprechende Planung. Bisherige Untersuchungen zeigen jedoch, dass zentrale Fragen zur konkreten Ausgestaltung und „praktische[n] Umsetzung von Vielperspektivität im Unterricht und . . . [den] damit einhergehenden Herausforderungen“ (Flügel et al., 2024, S. 70) bislang nicht hinreichend geklärt sind. Vor diesem Hintergrund geht der Beitrag den folgenden Fragen nach: (1) Welche konstitutiven Merkmale und zentralen Planungsschritte sind bei einer vielperspektivischen, BNE-bezogenen Sachunterrichtsplanung umzusetzen? (2) Welche mit der Planung verbundenen Herausforderungen können empirisch rekonstruiert werden? Methodisch basiert die Untersuchung auf 20 leitfadengestützten Expert*inneninterviews. Die Auswahl der Expert*innen erfolgte kriteriengeleitet (Patton, 2015) mit dem Anspruch, „das Spektrum unterschiedlicher Expertenperspektiven“ (Meuser & Nagel, 2009, S. 468) in Bezug auf die Forschungsfrage abzubilden. Einbezogen wurden Personen, die über umfassende konzeptionelle Expertise in mindestens einem der in der Fragestellung adressierten Bereiche (Vielperspektivität, BNE oder Sachunterrichtsplanung) verfügen und diese in wissenschaftlichen oder praxisbezogenen Kontexten einbringen, etwa in der Schulpraxis, in Seminaren oder in Lehrer*innenfortbildungen. Zur systematischen Berücksichtigung unterschiedlicher professioneller Perspektiven wurden zudem gleichermaßen Akteur*innen aus dem schulischen (n = 10, davon 7 Fachleitungen und 3 Lehrkräfte, 70 % weiblich) wie dem universitären Kontext (n = 10, 60 % weiblich) ausgewählt. Die Interviews wurden auf Grundlage eines in Anlehnung an Helfferich (2022) entwickelten Leitfadens geführt. Das Format leitfadengestützter Einzelinterviews ermöglicht es, sowohl planungsbezogenes Erfahrungswissen als auch subjektives Deutungswissen der Expert*innen (Bogner et al., 2014) zu konstitutiven Merkmalen, Planungsschritten und Herausforderungen vielperspektivischer Sachunterrichtsplanung im BNE-Kontext zu erfassen. Im Zeitraum von Dezember 2025 bis Februar 2026 wurden über die Videokonferenzplattform Zoom bereits 16 Interviews durchgeführt (M = 46,34 Minuten). Vier weitere Interviews sind für März 2026 vorgesehen. Die vorliegenden Gespräche wurden KI-gestützt transkribiert und anonymisiert. Die Auswertung erfolgt mittels qualitativer Inhaltsanalyse (Kuckartz & Rädiker, 2022). Erste Analysen zeigen übereinstimmend über den Großteil aller Teilnehmenden hinweg, dass die als herausfordernd wahrgenommene Vernetzung der im Unterricht adressierten Perspektiven durch eine der Unterrichtseinheit übergeordnete, komplexe Fragestellung realisiert werden kann. In Bezug auf die bisher ungeklärte Frage, auf welcher Unterrichtsebene Vielperspektivität verortet werden sollte, ergibt sich demgegenüber ein differenziertes Bild. Während die Praxisakteur*innen Vielperspektivität primär auf der Ebene einer gesamten Unterrichtsreihe verorten, also in einzelnen Stunden jeweils eine Perspektive fokussieren und diese über die Reihe hinweg – eher implizit oder punktuell explizit – miteinander verknüpfen, plädiert etwa die Hälfte der Wissenschaftler*innen für die konsequente Berücksichtigung von Vielperspektivität in jeder einzelnen Unterrichtsstunde. Die ersten Befunde weisen damit darauf hin, dass sich konkrete konstitutive Merkmale und Herausforderungen einer vielperspektivischen, BNE-orientierten Sachunterrichtsplanung identifizieren lassen. Der Vortrag stellt die vertieften empirischen Ergebnisse vor und diskutiert diese hinsichtlich praktischer Implikationen. | ||
