Veranstaltungsprogramm
Eine Übersicht aller Sessions/Sitzungen dieser Veranstaltung.
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Symposium 4.2
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Adaptive Lehrkompetenz als Grundlage lernwirksamen und diversitätssensiblen (Sach-)Unterrichts: Das interdisziplinäre DBR-Projekt AdamS Das im Oktober 2025 begonnene interdisziplinäre BMBFSFJ-Verbundprojekt AdamS (Adaptive Lehrkompetenz als Grundlage lernwirksamen und diversitätssensiblen Unterrichts: Entwicklung einer Adaptionsmatrix für den Sachunterricht) der Universitäten Bielefeld, Paderborn und zu Köln widmet sich der Identifikation, Konzeptualisierung und Manualisierung mikroadaptiver Handlungsstrategien. Ziel ist es, diese perspektivisch mittels einer „Adaptionsmatrix“ für die Grundschulpraxis nutzbar zu machen. Die Matrix soll Lehrkräften einen Orientierungsrahmen für den systematischen Einsatz adaptiver Strategien bieten, um den vielfältigen (Lern-)Voraussetzungen von Schüler:innen gerecht zu werden und zu einer Verbesserung der Bildungschancen beizutragen. Zudem gilt es, durch den Einsatz adaptiver Handlungsstrategien den fachlichen und überfachlichen Lernerfolg, das Kompetenzerleben sowie die soziale Integration aller Lernenden zu stärken (Deci & Ryan, 1993). In diesem Kontext bietet insbesondere der Sachunterricht aufgrund der genuinen Vielperspektivität (GDSU, 2013) ein hohes Potenzial für eine multikriteriale Zielerreichung (Blumberg, 2008; 2020) und Stärkenorientierung – sowohl im kognitiven als auch im sozial-emotionalen Bereich (Miller & Velten, 2015; Schroeder et al., 2021). Für die Entwicklung der Matrix wird der aus dem angloamerikanischen Sprachraum stammende Forschungsansatz Design-Based Research (DBR) herangezogen (McKenney & Reeves, 2019). Gemeinsam mit erfahrenen Praxisvertreter:innen (Fachleitungen und Grundschullehrkräften) wird im Sinne einer sogenannten Research-Practice-Partnership (Coburn & Penuel, 2016; Penuel et al., 2021; Schroeder & Reh, 2025) eine gestaltungsorientierte Erforschung und (Weiter-)Entwicklung von (fach-) didaktischen Innovationen im Unterricht verfolgt, welche auf die Lösung praxisrelevanter Problemstellungen ausgerichtet ist (vgl. McKenney & Reeves, 2019). Ein charakteristisches Merkmal von DBR ist daher die enge Wissenschafts-Praxis-Kooperation, mit deren Hilfe der Transferproblematik zwischen Bildungsforschung und -praxis entgegengewirkt werden soll (vgl. Schmiedebach & Wegner, 2021). Den Ausgangspunkt für die Entwicklung der Adaptionsmatrix markiert die Re-Analyse vorliegender Unterrichtsvideografien, die im Rahmen des vorausgegangenen BMBF-Projekts DiPoSa (Didaktisch-diagnostische Potenziale des inklusionsorientierten Sachunterrichts, Laufzeit: 2022-2024) an sieben Grundschulen des Gemeinsamen Lernens in NRW gewonnen wurden (Schroeder et al. 2025). Der umfangreiche Datenkorpus umfasst insgesamt 235 Stunden an Videomaterial aus 14 Unterrichtsreihen des Sachunterrichts der Klassen 1-4 (jahrgangshomogen und -heterogen). Beiträge des Symposiums Konzepte und Modelle adaptiven Grundschulunterrichts Adaptivität gilt derzeit als das wissenschaftlich fundierteste und didaktisch aussichtsreichste unterrichtliche Konzept für einen qualitätsvollen Unterricht in heterogenen Lerngruppen (Häcker, 2017; Hardy et al., 2019), um auf aktuelle gesellschaftliche und bildungspolitische Herausforderungen angemessen zu reagieren. Zentral ist dabei die Passung zwischen den individuellen Voraussetzungen der Lernenden und dem Handeln der Lehrkraft, der (teils von ihr initiierten) Peer-Interaktion sowie dem von ihr bereitgestellten Lernarrangement bzw. der gestalteten Lernumgebung (Corno, 2008; Stebler & Reusser, 2017). In diesem Sinne ist Adaptivität als eine Optimierung der Angebots-Nutzungs-Relation des Unterrichts (Helmke, 2022; Vieluf, et al., 2020) zu betrachten, indem „den Lernenden durch geeignete didaktische Aufbereitung und Hilfestellungen eine aktive Auseinandersetzung mit dem Lernmaterial [ermöglicht wird]“ (Hardy et al., 2011, S. 822). Adaptive Handlungsstrategien können in makro- und mikroadaptive Strategien unterschieden werden. Unter Makroadaptivität wird dabei insbesondere die didaktische Planung im Vorfeld von Unterricht verstanden (Brühwiler, 2014; Lemmrich et al., 2024), wohingegen mikroadaptive Strategien u.a. in konkreten Lehrkraft-Schüler:innen-Interaktionen (Kunter & Ewald, 2016) und im alltäglichen unterrichtlichen Lehrkrafthandeln verankert sind. Mikroadaptive Strategien (Corno, 2008; Parsons et al., 2018) liegen somit auf der unmittelbaren Handlungsebene von Unterricht und sind daher als Reaktionen und Interaktionen der Lehrkraft zu verstehen (z.B. Feedback, Scaffolding etc.) (Hardy et al., 2019). Sie gehen über Maßnahmen der individuellen Differenzierung hinaus und können als ein flexibles Kontinuum unterrichtlicher Unterstützungsmaßnahmen (Corno, 2008; Hardy et al., 2019) gelten, welche vor allem von erfahrenen Lehrkräften (expert-teachers) umgesetzt werden (Meschede & Hardy, 2020). Damit korrespondiert Adaptivität in hohem Maße mit Fragen von Unterrichtsqualität und den damit verbundenen tiefenstrukturellen Merkmalen (Decristan, 2020; Lipowsky, 2020; Parsons et al., 2018; Praetorius et al., 2020), welche insbesondere für den Grundschulunterricht als äußerst relevant erscheinen (Decristan, Kunter, et al., 2017; Hardy et al., 2022; Stebler & Reusser, 2017). Zudem gewinnt Adaptivität im Kontext der Grundschule eine besondere Bedeutung, da hier heterogene Lern- und Entwicklungsverläufe nicht als Ausnahme, sondern als strukturelle Normalität pädagogischen Handelns auftreten. Adaptive Handlungsstrategien stehen so im Zentrum der professionellen Bewältigung des Spannungsverhältnisses zwischen dem für die Grundschule konstitutiven gemeinsamen Bildungsanspruch und divergierenden individuellen Lernausgangslagen (Götz et al. 2023, Miller, 2019). Trotz der breiten theoretischen Verankerung bleibt insbesondere die mikroadaptive Handlungsebene bislang unterkonzeptualisiert. Für eine konzeptionelle Klärung mikroadaptiver Strategien bietet der Sachunterricht im Grundschulkontext einen besonders geeigneten Referenzrahmen, da er durch seinen Allgemeinbildungsanspruch (GDSU, 2013; Köhnlein, 2022) einen relevanten Beitrag zur grundlegenden Bildung kennzeichnend für die Grundschule leistet. Darüber hinaus entfalten mikroadaptive Strategien hier ein besonderes Potenzial, da durch die Vielperspektivität sowie die Verschränkung kognitiver, sprachlicher und sozial-emotionaler Anforderungen im Sachunterricht kontinuierliche situative Anpassungsleistungen erforderlich werden (Kahlert & Heimlich, 2014). In der Diskussion zeigen sich teilweise definitorische Unschärfen und divergierende Begriffsverständnisse von Adaptivität, weshalb der erste Beitrag in vorliegende Konzepte und Modelle von Makro- und Mikroadaptivität sowie deren theoretische Konzeptionen einführt. Ebenso geht es darum, sowohl generische als auch fachspezifische Aspekte zu berücksichtigen und das für das AdamS-Projekt grundlegende Verständnis von mikroadaptiven Handlungsstrategien sowie deren Umsetzungsmöglichkeiten im Grundschulunterricht zu konkretisieren. Ausgestaltung der Wissenschafts-Praxis-Kooperation gemäß dem Design-Based-Research-Ansatz Im zweiten Beitrag des Symposiums wird das forschungsmethodische Vorgehen im AdamS-Projekt sowie dessen Ausgestaltung als Wissenschafts-Praxis-Kooperation vorgestellt. Aufbauend auf den im ersten Beitrag diskutierten konzeptionellen Grundlagen mikroadaptiver Strategien wird erläutert, wie diese im Rahmen eines Design-Based-Research-Ansatzes (DBR) (McKenney & Reeves, 2019) gemeinsam mit Praxispartner:innen iterativ weiterentwickelt werden. DBR führt Analyse-, Entwicklungs- und Evaluationsprozesse in zyklischer Weise zusammen und ermöglicht so eine schrittweise Präzisierung theoretischer Konzepte sowie die Entwicklung praxisrelevanter Produkte im kontinuierlichen Austausch mit der Praxis. Die Kooperation ist im Projekt AdamS als sogenannte Research-Practice-Partnership (RPP) (vgl. Coburn & Penuel, 2016; Penuel et al., 2021; Schroeder & Reh, 2025) organisiert. Dieser ursprünglich im angloamerikanischen Raum entwickelte Ansatz gewinnt vor dem Hintergrund wachsender Anforderungen an die Integration von Bildungsforschung und Schulpraxis in der gestaltungsorientierten Bildungsforschung im deutschsprachigen Raum an Bedeutung (Coburn & Penuel, 2016; Kerres et al., 2022; Straub et al., 2020). Beteiligt sind ein interdisziplinäres Entwicklungsteam (Möller et al., 2009) aus Wissenschaftler:innen der Grundschul-, Inklusions- und Sonderpädagogik sowie der Sachunterrichtsdidaktik und sieben praxiserfahrene Lehrkräfte, darunter drei Grundschullehrkräfte und vier Fachleitungen von Zentren für schulpraktische Lehramtsausbildung in Nordrhein-Westfalen. Die gemeinsame Forschungs- und Entwicklungsarbeit wird in Form vierteljährlicher Entwicklungskonferenzen sowie regelmäßiger Kleingruppentreffen umgesetzt. Die unterschiedlichen professionellen Hintergründe der Praxispartner:innen sind für die Verschränkung theoretischer Perspektiven mit praxisbezogener Expertise und daher für die Qualität der Ergebnisse entscheidend: Während die als Fachleitungen tätigen Lehrkräfte insbesondere ihre ausgeprägte analytische und diagnostische Beobachtungskompetenz in das Projekt einbringen, tragen die in der Unterrichtspraxis tätigen Lehrkräfte vor allem implizites Erfahrungs- und Handlungswissen aus dem schulischen Alltag zur Projektarbeit bei. Die Beteiligten agieren somit nicht lediglich als Rückmeldungsinstanz für universitäre Arbeitsergebnisse, sondern als ko-konstruierende Akteur:innen im Prozess der Konzeptentwicklung, wodurch wissenschaftliche Erkenntnisse kontinuierlich geprüft, differenziert und an konkrete Herausforderungen des Grundschulunterrichts rückgebunden werden. Eine Möglichkeit, Entwicklungsprozesse in DBR zu gestalten, liegt in der gemeinsamen Ableitung von Design Principles. Die Gestaltungsprinzipien in AdamS entstehen aus der gemeinsamen Videoanalyse und werden angelehnt an van den Akker (1999) hinsichtlich ihres Zwecks, ihres Anwendungskontextes sowie zentraler Merkmale und Begründungen expliziert (Hanghøj et al., 2022). Design Principles übernehmen damit in DBR eine Vermittlungsfunktion, indem sie Design-Entscheidungen transparent machen, kooperative Aushandlungsprozesse strukturieren und den Transfer in die Unterrichtspraxis systematisch unterstützen (Hiller et al., 2025). Design-Based-Research ermöglicht es, Unterrichtspraktiken in einem iterativen Prozess sowohl theoretisch zu präzisieren als auch praxisbezogen weiterzuentwickeln. Durch die kontinuierliche Zusammenarbeit von Wissenschaft und Praxis werden konzeptionelle Überlegungen fortlaufend an Unterrichtsanforderungen in inklusiven Lernsettings rückgebunden und in ihrer Anwendbarkeit geschärft. Im Ergebnis entstehen fundierte Grundlagen für die empirische Erschließung adaptiver Unterrichtspraktiken, die sowohl theoretisch fundiert als auch praktisch anschlussfähig sind. Eine videobasierte Systematisierung von mikroadaptiven Strategien im inklusiven Sachunterricht Im Rahmen des dritten Beitrags dieses Symposiums wird der aktuelle Stand der empirischen Arbeiten im AdamS-Projekt präsentiert und die im ersten Beitrag diskutierten konzeptionellen Überlegungen sowie das forschungsmethodische Vorgehen aus dem zweiten Beitrag verbunden. Während die vorausgehenden Impulse die theoretische Rahmung von Adaptivität im Grundschulunterricht sowie die kooperative Entwicklungslogik des Projekts thematisieren, fokussiert dieser Beitrag die konkrete Analyse situativen Unterrichtsgeschehens. Zentrale Fragestellung der Analyse ist, welche mikroadaptiven Strategien sich im inklusionsorientierten Sachunterricht der Grundschule empirisch identifizieren lassen und wie diese systematisiert sowie theoretisch gerahmt werden können. Die Analyse basiert auf Videografien aus authentischen und inklusionsorientierten (Sach-)Unterrichtseinheiten (aus dem DiPoSa-Projekt), die in einem mehrstufigen Verfahren ausgewertet werden (Knoblauch & Tuma, 2022). Durch die Integration videobasierter Rekonstruktion, theoriegeleiteter Verdichtung und kooperativer Weiterentwicklung profiliert sich Adaptivität nicht nur als Schlüsselstrategie qualitätsvollen Unterrichts in hochdiversen Lerngruppen (Decristan, 2020; Dumont, 2018), sondern als konkret beschreibbare Form professionellen Unterrichtshandelns. Die Auswertung folgt der Forschungslogik des Design-Based-Research-Ansatzes und vollzieht sich in drei iterativen Schritten: 1) Zunächst werden die in der Literatur und in Überblicksarbeiten (z.B. Hardy et al., 2019; Parsons et al., 2018) identifizierten adaptiven Handlungsstrategien in ein Analyseraster für die Videoanalyse überführt. 2) Dieses Raster wird anhand einer regelgeleiteten, codierenden Videoanalyse auf das Datenmaterial angewendet, um mikroadaptive Handlungen systematisch zu identifizieren. Mikroadaptive Strategien, die durch das deduktive Analyseraster nicht adressiert werden, werden induktiv ergänzt. 3) Schließlich werden die erfassten Strategien vor dem Hintergrund der Fragestellung strukturiert und konzeptionell präzisiert. Die identifizierten mikroadaptiven Unterrichtsstrategien werden in ein multidimensionales Analyseraster überführt, das unterschiedliche Realisierungsmöglichkeiten unterscheidet. Adaptive Strategien können dementsprechend durch die Lehrkraft, die Peers oder das Lernmaterial/-umgebung induziert werden. Diese Ebenen schließen sich nicht gegenseitig aus, sondern treten häufig adaptiv gebündelt innerhalb einzelner Unterrichtssequenzen auf. Damit operationalisiert das Analyseraster mikroadaptive Strategien und schafft damit die Voraussetzung für eine systematische Vergleichbarkeit adaptiver Handlungsmuster über unterschiedliche Unterrichtssituationen hinweg. Die systematisierten mikroadaptiven Handlungsstrategien werden mit Hilfe einer vertiefenden qualitativen Video-Interaktionsanalyse exemplarisch kontextualisiert (Kuckartz & Rädiker, 2022), um zu rekonstruieren, wie spezifische Strategien konkret in den Lerngruppen umgesetzt werden und welche funktionale Bedeutung ihnen innerhalb der Interaktion zukommt. In diesem Beitrag werden die konzeptionellen und methodischen Vorarbeiten des Projekts in einer empirischen Systematisierung mikroadaptiver Unterrichtsstrategien zusammengeführt, um Adaptivität im situativen Unterrichtsgeschehen sichtbar zu machen. Dadurch wird die videobasierte Analyse situativen Unterrichtshandelns mit einer transferorientierten Perspektive verschränkt und ein tragfähiger Grundstein für die weitere Ausarbeitung der Adaptionsmatrix im Projektverlauf gelegt. | ||