Veranstaltungsprogramm
Eine Übersicht aller Sessions/Sitzungen dieser Veranstaltung.
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Special Interest Group 4.1
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Zwischen Wissenschaft und Forschungsfeld: Zur kritischen Reflexion der Partizipation von Kindern in der Grundschulforschung 1Universität Paderborn, Deutschland; 2Pädagogische Hochschule Weingarten, Deutschland; 3Pädagogische Hochschule Ludwigsburg, Deutschland; 4Universität Siegen, Deutschland; 5Universität Hildesheim Kinder beschäftigen sich bereits vor dem Grundschulalter mit gesellschaftlichen Themen wie soziale Ungleichheit, globale Konflikte oder Klimawandel (Andresen, Wilmes & Möller, 2019; Simon, 2021; Lüschen, 2023) Insbesondere in Zeiten gesellschaftlicher Transformationsprozesse, in denen demokratische Selbstverständlichkeiten wie etwa Meinungsfreiheit und Minderheitenschutz fragil werden und Exklusionsdynamiken an Sichtbarkeit gewinnen, rücken Fragen nach demokratischer Teilhabe in Schulen erneut ins Zentrum (Merkel, 2015). Die Grundschule ist dabei nicht nur Lernort, sondern idealerweise ein zentraler Erfahrungsraum demokratischer Praxis (Baumgardt & Lange, 2022; Hüpping, 2024). Mit der UN-Kinderrechtskonvention ist die Beteiligung von Kindern rechtlich verankert; Kinder sind als eigenständige Subjekte mit eigenen Perspektiven anzuerkennen. Partizipation ist damit kein optionales pädagogisches Zusatzprogramm, sondern eine rechtlich-normative Verpflichtung – für schulische Praxis ebenso wie für grundschulpädagogische Forschung. Gleichzeitig stellt sich die Frage, wie Forschung im Spannungsfeld von theoretischer Grundlegung und praktischer Anwendungsorientierung mit diesem Anspruch umgeht: Wie kann sie Wissen über Bedingungen von Teilhabe generieren, ohne bestehende Machtverhältnisse zu reproduzieren? Wie lassen sich Erkenntnisse zur Partizipation so transformieren, dass sie in schulischer Praxis wirksam werden, ohne komplexe soziale Kontexte zu verkürzen? Die Auseinandersetzung mit der Partizipation von Kindern berührt damit in besonderer Weise das Verhältnis von Erkenntnisinteresse, normativer Positionierung und Transferanspruch grundschulpädagogischer Forschung. Allgemeines Ziel der Special Interest Group: Vor diesem Hintergrund widmet sich die Special Interest Group der Partizipation von Kindern in Grundschule und grundschulpädagogischer Forschung aus doppelter Perspektive: Sie fragt einerseits nach dem Spannungsverhältnis zwischen Forschung als erkenntnisgeleiteter und Schule als handlungsorientierter Praxis und reflektiert andererseits die methodisch-methodologischen Implikationen von Partizipation in und an Forschung. Im Sinne einer notwendigen Übersetzungsarbeit zwischen Alltags- und Wissenschaftswelt (Eckermann, 2019; Donie et al., 2019; Rothland, 2020) sind dabei die unterschiedlichen sozialen Welten (Clarke, 1991) zu berücksichtigen, in denen sich Forschung und schulische Praxis bewegen. Transfer erscheint so nicht als lineare Weitergabe von Wissen, sondern als komplexer Transformationsprozess, vorstellbar als dialogischer Wissenstransfer (Blatter & Schelle, 2020). Spezifizierung Ungleichheit und Kindheitsbilder: Auch stellt sich die Frage, wie Forschung zu Partizipation – oder partizipativ angelegte Forschung – mit Bildungsungleichheit umgeht: Trägt sie zur Reduktion bestehender Hierarchien bei oder reproduziert sie diese ungewollt durch sprachgebundene Verfahren, selektive Feldzugänge und Gatekeeper-Strukturen? Partizipieren möglicherweise gerade jene Kinder an Forschung, deren soziale Teilhabe ohnehin gesichert ist? Schließlich ist auf einer grundlagentheoretischen Ebene zu fragen, welches Verständnis von Kindheit durch partizipative Programmatiken stabilisiert wird. Mit Blick auf das Konzept des „unternehmerischen Selbst“ (Bröckling, 2007) lässt sich kritisch diskutieren, ob Kindern zwar Eigenaktivität zugeschrieben, ihnen jedoch nicht notwendigerweise strukturell Gehör verschafft wird (Liebel, 2019) – zumal mit Spyrou (2011) auch die Vorstellung einer unvermittelten „Kinderstimme“ zu problematisieren ist. Demgegenüber steht die Perspektive, partizipative Forschung als Empowerment zu verstehen, das kindliche Perspektiven epistemisch wie gesellschaftlich stärkt (Althaus, 2024). Gestaltung der Special Interest Group: Die Special Interest Group begreift diese Spannungsfelder als miteinander verschränkt und zielt darauf, sie anhand konkreter Forschungsprojekte systematisch zu bearbeiten. Entlang zentraler Phasen des Forschungsprozesses – Initiation, Forschungsdesign und Erhebung, Analyse und Interpretation sowie Transfer – werden exemplarische forschungsethische, methodologische und methodische Herausforderungen sichtbar gemacht und systematisch zur Diskussion gestellt: 1. Initiation des Forschungsprozesses: Wie stelle ich den Kontakt mit Kindern her? Welche Rolle spielen hierbei die erwachsenen Akteur:innen? Was wissen Kinder über meine Forschung, bevor ich das erste Mal mit ihnen spreche? 2. Forschungsdesign und Erhebung: Wie kommt Partizipation in der methodisch-methodologischen Forschungsanlage zum Ausdruck? Wie bewege ich mich im Feld (frei oder fremdbestimmt)? Können Kinder selbst entscheiden, ob sie an Forschung partizipieren bzw. mit mir sprechen oder entscheiden andere für sie? Ist das Setting „natürlich“ oder „konstruiert“? 3. Analyse und Interpretation der Ergebnisse: Wie werden kindliche Perspektiven im Auswertungsprozess interpretiert und kontextualisiert? Sprechen einzelne Kinder in der Darstellung für sich oder werden sie (implizit) als Stellvertreter:innen „für Kinder“ positioniert? 4. Transfer: Werden die Ergebnisse an Kinder zurückgespielt? Wie können ältere Kinder noch erreicht werden, die ggf. schon die beforschte Grundschule verlassen haben? Welche Formate des Wissenstransfers braucht es hierfür? Die vier Phasen dienen als heuristischer Rahmen, um das Verhältnis von theoretischer Grundlegung, methodologischer Entscheidung und Anwendungsbezug reflexiv zu analysieren. Partizipation wird dabei nicht als exklusives Merkmal bestimmter methodischer Designs verstanden, sondern als forschungsübergreifende Herausforderung, die verschiedene methodische Zugänge gleichermaßen betrifft. Der daran angrenzende Diskurs um partizipative Forschung (Hüpping & Velten, 2023; Prengel & Storck-Odabasi, 2025; von Unger, 2014) wird insofern berücksichtigt, als er unterschiedliche Verständnisse von Partizipation und damit verbundene normative Erwartungen sichtbar macht. Die Reflexion zielt dabei ebenso auf forschungsethische Fragen von Macht, Repräsentation und Verantwortlichkeit im Forschungsprozess. Die Special Interest Group ist als Fishbowl-Diskussion konzipiert: Ein kurzer, zehnminütiger Auftaktimpuls zum Diskursstand rahmt die vier projektbezogene Kurz-Impulse, die in der Fishbowl-Diskussion gemeinsam mit dem Publikum vertieft, kritisch gespiegelt und weitergeführt werden. Forschung zu Partizipation partizipativ gestalten? (Hannah Fernhomberg) Innerhalb des Promotionsprojekts werden Orientierungen von Kindern hinsichtlich Partizipation in der Grundschule rekonstruiert. Dabei wird Partizipation anhand der Dimensionen nach Lundy (2007) sowie in Differenzierung zwischen Mitbestimmung und Selbstbestimmung von Schüler:innen aufgeschlüsselt (Betz et al., 2010). Die qualitative Forschungsstudie wurde an zwei Grundschulen durchgeführt, die formale und informelle Partizipationsmöglichkeiten von Kindern konzeptionell verankert haben. In jahrgangsstufengemischten Kleingruppen wurden Lebensweltliche Walking Interviews (Vogl & Fuhs, 2025; Evans & Jones, 2011) in Form von Schulbegehungen (Höke 2020) mit Kindern der 1.-4. Jahrgangsstufe geführt. Die Auswertung erfolgt mit der Dokumentarischen Methode (Bohnsack, u.a. 2014; Przyborski, 2004). Im Impuls wird die Frage diskutiert, welche Kinder (und Eltern) sich durch die Forschungsinitiative eingeladen fühlen und welche von vornherein exkludiert werden. Zudem wird die Schulbegehung als eine partizipative Erhebungsmethode in der Forschung mit Kindern diskutiert. Da ein abstraktes mehrdimensionales Erkenntnisinteresse verfolgt wird, galt es, einen Rahmen zu schaffen, in dem Kinder partizipative Praktiken zeigen, erzählen oder aufführen können. Die Daten zeigen, wie unterschiedlich das offene Setting von den einzelnen Gruppen genutzt wird. Dies erfordert nicht nur Flexibilität im Setting, sondern auch in der Auswertung. Es wird die Frage aufgeworfen, wie sich Forschung mit Kindern partizipativ gestalten lässt, wenn ein abstraktes Erkenntnisinteresse im Fokus steht. Zur Partizipation von Kindern sogenannter vulnerabler Gruppen (Juliana Gras) Der Impuls knüpft an die im Rahmen des Projekts Demokratiepädagogik im Kontext von Inklusion (Gras, 2023) erhobenen Daten an und re-analysiert ausgewählte Klassenrats- und Gruppengesprächssituationen mit Kindern. Partizipation von Kindern ist – zumindest im theoretisch-normativen Diskurs – basierend auf der UN-Kinderrechtskonvention (1989) für alle Kinder gleichermaßen geltendes Recht. Entsprechend finden sich zunehmend partizipative bzw. partizipationsorientierte Forschungszugänge, die Kinder aktiv in den Forschungsprozess einbeziehen. Damit gehen Herausforderungen einher, die mitunter mit (Re)Produktion generationaler und hierarchischer Ordnungs- und Machtsysteme einhergehen (Velten & Höke, 2021). Eine Auseinandersetzung und Reflexion forschungsbezogener Partizipation explizit mit Blick auf sog. vulnerable Gruppen, und hier vor allem mit Fokus auf Kinder mit Bedarfen im sprachlich-kognitiven Bereich im inklusiven Schulkontext, ist jedoch bislang im erziehungswissenschaftlichen Diskurs nicht/kaum gegeben. Hier setzt der Impuls an, indem er der Frage nachgeht, inwiefern Kinder mit sprachlich-kognitiven Bedarfen in Forschung partizipieren (können) und welche Spannungsfelder sich eröffnen, beispielsweise dann, wenn sich in Lerngruppen Schüler:innen befinden, die sich sprachlich nicht/kaum ausdrücken können. Dieser Frage wird anhand exemplarisch ausgewählter Forschungsdaten nachgegangen, die unter Rückgriff auf das Lundy-Modell (2007) sowie im Anschluss an Spyrous (2011) Kritik an einer Reifizierung kindlicher „voice“ in methodologischer und forschungsethischer Perspektive kritisch reflektiert werden. Es wird herausgearbeitet, inwiefern partizipationsorientierte Forschung Gefahr laufen kann, bestehende Exklusions- und Machtverhältnisse zu reproduzieren, und welche konzeptionellen sowie methodischen Verschiebungen sich ableiten lassen. Wissenschaft für Kinder übersetzen (Tobias Leßner) Der Impuls diskutiert das Lehrprojekt „BücherBrücken: Studierende übersetzen Wissenschaft“ (gefördert von der StiL, Freiraum 2026) als Transferformat zwischen grundschulpädagogischer Forschung und schulischer Praxis exemplarisch am Themenfeld Demokratiebildung. Im Anschluss an Überlegungen zur Demokratisierung von Wissen (Innerarity, 2014) frage ich nach Sinn, Funktion und Grenzen der Adressierung von Kindern durch grundschulpädagogische Forschung: Was gewinnt Forschung, wenn sie Kinder nicht nur als Gegenstand, sondern als Adressat:innen ihrer Erkenntnisse ernst nimmt und welche Verkürzungen oder Normierungen drohen dabei? Ausgangspunkt des Projekts ist dann u.a. eine doppelte Leerstelle: Einerseits sind Transferformate, die Kinder direkt als Adressat:innen verstehen – etwa von Wissenschaftler:innen verfasste Kinderbücher (z.B. von Hentig, 2009; Janßen & Steuernagel, 2008) – im Feld kaum etabliert. Andererseits zeigen Vorarbeiten des Projekts, dass Kinderbücher zur Demokratiebildung häufig eklatante Defizite in der Anbindung an erziehungswissenschaftliche Erkenntnisse aufweisen und eher harmonisierende Demokratieerzählungen reproduzieren als (schulische) Mitbestimmung in ihrer Widersprüchlichkeit darzustellen (s. auch Oberhauser, 2025). BücherBrücken setzt hier an, indem Lehramtsstudierende wissenschaftliche Texte zur schulischen Demokratiebildung erschließen und zentrale Erkenntnisse in ein erzählendes Kinderbuchformat übertragen. Transfer wird dabei nicht als bloße Vereinfachung verstanden, sondern als reflexive Übersetzungsarbeit zwischen unterschiedlichen Wissensordnungen und Zielgruppen. Forschung zu Partizipation im Dialog mit Kindern? Eine kritische Reflexion (Julian Storck-Odabasi) Vorgestellt werden ausgewählte Daten des Projekts PaQuaGGS (Partizipation als Gelingensbedingung von Qualitätsentwicklung in Ganztagsgrundschulen). Es untersucht am Beispiel von sechs Ganztagsgrundschulen des UNICEF-Kinderrechteschulnetzwerkes in Niedersachsen wie verschiedene Akteursgruppen daran mitwirken (können), eine partizipativ-demokratische Ganztagsschul- und Lernkultur zu gestalten. Dazu wird ein qualitativ-multimethodischer Forschungsansatz genutzt, methodologisch verortet zwischen Ethnografie und Grounded Theory Methodologie (Breidenstein et al. 2020; Glaser & Stauss, 1967/2017). Datengrundlage der Studie sind zentrale Dokumente der Einrichtungen, teilnehmende Beobachtungen, Aufnahmen partizipativer Settings (bspw. Klassenrat), Fokusgruppen mit verschiedenen Akteursgruppen (Eltern, Kinder, Lehrkräfte, Ganztagspersonal), Expert:inneninterviews mit Leitungskräften und die partizipative Forschungsmethode PhotoVoice mit Kindern (Gausmann et al. 2025). Die Fokusgruppen erfolgen mehrere Monate nach einem einwöchigen Feldaufenthalt als Nacherhebungen, was nachfolgend bedeutsam ist. Der Impuls von Julian Storck-Odabasi diskutiert anhand von Ausschnitten der transkribierten PhotoVoice-Auswertungen sowie der Fokusgruppen mit Kindern, wie ausgewählte Bildmotive aber auch Beobachtungen des Ethnografen miteinander besprochen werden. Einerseits soll dabei kontrastierend gezeigt werden, wie es mal mehr mal weniger gelingt, ein generational geordnetes Interaktionsmuster aufzulösen. Andererseits wird die Frage danach gestellt, inwiefern die Besprechung der Fotos sowie das Aufgreifen von früher gemachten Beobachtungen in Fokusgruppen im Sinne eines dialogischen Wissenstransfers verstanden werden kann (Blatter & Schelle, 2020). Problematisiert werden soll in diesem Zusammenhang, dass Forschende – anders als bei Erwachsenen – hinsichtlich der Zusammensetzung von Kindergruppen oft auf Gatekeeper angewiesen sind (bspw. Lehrer:innen). Das impliziert bereits eine Idee der Stellvertretung mancher Kinder für alle anderen, wohingegen die vorliegenden Ergebnisse klare individuelle Unterschiede aufzeigen. Darüber hinaus wird als offene Frage eingebracht, wie Forschungsprojekte mit institutionellen Kontaktabbrüchen im Kontext von Transfer für an Forschung beteiligte Kinder umgehen sollen (bspw. Übergang Grundschule-Sekundarstufe). Kinderzeichnungen in der Forschung: Potenziale und Fallstricke für Partizipation (Birgit Hüpping) Im Impuls werden rechtebasierte Interaktionsmöglichkeiten von Kindern im Zusammenhang mit forschungsinduzierten Kinderzeichnungen re-analysiert, die im Rahmen einer Mixed-Methods-Studie zum Homeschooling von Grundschulkindern im Kontext der COVID-19-Pandemie entstanden sind (Hüpping, Kubandt & Kekeritz, 2022; Hüpping, 2025). Die Reflexivität und Subjektivität von Forschenden gewinnen in der Analyse von Kinderzeichnungen im Forschungsprozess zunehmend an Bedeutung (Kekeritz & Kubandt, 2022). Die Anerkennung von Kindern als Expertinnen ihrer Lebenswelten wird durch die Kindheitsforschung sowie durch die UN-Kinderrechtskonvention (1989) gestützt. Partizipative Zugänge im Kontext methodologischer und methodischer Ausrichtungen zu Kinderzeichnungen werden bislang jedoch wenig systematisch entlang ihrer Beteiligungsrechte reflektiert. Das Konzept des „Multislice Imaging“ (Kekeritz, 2022; Konecki, 2011) bietet in Verbindung mit dem rechtebasierten Modell von Lundy (2007) eine Reflexionsmatrix, mit der sich Interaktionen zwischen Erwachsenen, Kindern und ihren Peers im methodischen Zugang über Kinderzeichnungen rekonstruieren lassen. Im Zentrum der Re-Analyse stehen der Entstehungskontext und die Darstellungsabsicht von Kinderzeichnungen, weniger deren inhaltliche Auswertung als Datenmaterial. Der Impuls zeigt anhand ausgewählter Beispiele, welche ethischen Fragen sich bei der Analyse und Interpretation von Kinderzeichnungen mit den Kindern selbst ergeben. Dabei wird kritisch reflektiert, wie Perspektiven und Machtverhältnisse den Forschungsprozess prägen. Zudem werden Herausforderungen des Ergebnistransfers diskutiert. | ||
