Veranstaltungsprogramm
Eine Übersicht aller Sessions/Sitzungen dieser Veranstaltung.
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Special-Interest Group 3.1
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Core Practices in der Grundschulpädagogik und -didaktik – Alter Wein in neuen Schläuchen oder ein vielversprechender Ansatz für eine zukunftsfähige Grundschullehrkräftebildung? 1Otto-Friedrich-Universität Bamberg, Lehrstuhl Grundschulpädagogik und -didaktik, Deutschland; 2Ludwig-Maximilians-Universität , Lehrstuhl Grundschulpädagogik und -didaktik, Deutschland; 3Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, Lehrstuhl Grundschulpädagogik und -didaktik mit dem Schwerpunkt Lehren und Lernen, Deutschland Die Diskussion um Core Practices (Grossman, Hammerness & McDonald, 2009) hat in den vergangenen Jahren international erheblich an Bedeutung für die Lehrkräftebildung gewonnen. Der Ansatz reagiert auf eine seit Langem diagnostizierte Problematik: Die universitäre Lehrkräftebildung steht vor der Herausforderung, theoretisch fundiertes Wissen, professionelle Deutungsmuster und kompetentes Handeln im Berufsfeld so aufeinander zu beziehen, dass Studierende schrittweise handlungsfähig werden, ohne dabei komplexe pädagogische Situationen zu simplifizieren (Fraefel, 2022). Core Practices werden in diesem Zusammenhang als zentrale, wiederkehrende, lernwirksame professionelle Praktiken verstanden, die im Unterricht häufig vorkommen, für das Lernen von Schüler:innen zentral sind, von Noviz:innen erlernt und eingeübt werden können, zugleich aber die Komplexität unterrichtlicher Situationen nicht negieren, sondern strukturieren helfen (Grossman et al., 2009). Bei Core Practices geht es nicht um umfassende Kategorien wie „Unterrichtsplanung“ oder „Klassenführung“ im Ganzen, sondern um konkret beschreibbare professionelle Vollzüge wie einen Sachverhalt verständlich erklären, ein Unterrichtsgespräch lernförderlich führen oder formatives Feedback geben. Der Ansatz verspricht, Theorie und Praxis enger zu verzahnen, indem professionelle Handlungsvollzüge explizit benannt, analysiert, modelliert, zerlegt und in geschützten Settings wiederholt erprobt werden (Fraefel & Scheidig, 2028). Damit knüpft er an transfer- und professionstheoretische Überlegungen an, die darauf verweisen, dass Wissen nicht linear in Handeln übergeht, sondern in komplexen Rekontextualisierungs- und Transformationsprozessen entsteht (vgl. Schulze-Relau & Rothland 2025). Gerade im Kontext wachsender Heterogenität (z.B. Stanat et al., 2022) und der damit in Verbindung stehenden Forderung nach Inklusion stellt sich die Frage, welche professionellen Kernpraktiken Grundschullehrkräfte benötigen, um Bildungsprozesse unter heterogenen Bedingungen lernwirksam und gerecht zu gestalten. Auch vor diesem Hintergrund gewinnt die Diskussion um Core Practices für die Grundschulpädagogik und -didaktik eine besondere Relevanz. Die hier vorgeschlagene Special Interest Group greift diese Diskussion auf und fragt, ob Core Practices für die Grundschulpädagogik und -didaktik lediglich bekannte Inhalte neu etikettieren oder ob sie ein tragfähiges, innovatives Strukturierungsprinzip für eine kohärentere und stärker zwischen Forschungs- und Professionsbezug handlungsorientiert ausgerichtete Grundschullehrkräftebildung darstellen können. Ausgangspunkt dieser SIG ist die Arbeit einer bayernweiten Initiativgruppe, die sich zum Ziel gesetzt hat, ein gemeinsames Verständnis darüber zu entwickeln, welche Core Practices für das universitäre Curriculum in der Grundschulpädagogik und -didaktik fokussiert werden sollten und wie diese systematisch adressiert und erprobt werden können. Leitend war dabei die Frage, wie ein inklusiver Umgang mit der Heterogenität der Kinder nicht nur als programmatisches Ziel formuliert, sondern als konkret einübbares professionelles Handeln konzeptualisiert werden kann. Theoretisch knüpft die Auseinandersetzung neben Grossman et al. (2009) an deutschsprachige Diskurse an, in denen Core Practices für den hiesigen Kontext weiterentwickelt und gebündelt wurden. Schellenbach-Zell et al. (2024) haben verschiedene nationale und internationale Kataloge zusammengeführt und zwölf Core Practices identifiziert, die unterschiedliche Dimensionen unterrichtlichen Handelns adressieren. Dieser Katalog bildete eine wichtige Grundlage für die hier vorgestellten Überlegungen, da er bereits eine systematische Bündelung leistet und Anschlussmöglichkeiten für die universitäre Lehrkräftebildung eröffnet. Zugleich wird deutlich, dass eine Übertragung solcher Kataloge auf die spezifischen Anforderungen der Grundschulpädagogik und -didaktik nicht unreflektiert erfolgen darf, sondern einer Profilierung bedarf, die dem besonderen Bildungs- und Erziehungsauftrag der Grundschule Rechnung trägt. Die Entwicklung des Modells, das im Rahmen der SIG vorgestellt und zur Diskussion gestellt werden soll, erfolgte daher in einem kombinierten deduktiv-induktiven Verfahren. Zunächst wurden die von Schellenbach-Zell et al. (2024) vorgeschlagenen Core Practices daraufhin geprüft, inwiefern sie für das Ziel eines inklusiven Umgangs mit Heterogenität im Grundschulunterricht zentral sind (deduktiver Zugang). Dabei wurde deutlich, dass nicht alle Core Practices gleichermaßen in der ersten Phase der Lehrkräftebildung vertieft verankert werden können. Einzelne Praktiken – etwa Classroom-Management, der Umgang mit Störungen oder kollegiale Kooperation – wurden nicht als irrelevant, wohl aber als nachgeordnet oder stärker in anderen Disziplinen (z. B. Erziehungswissenschaft, Schulpädagogik, Psychologie) verortet betrachtet. Andere Core Practices wurden aufgrund inhaltlicher Nähe zusammengeführt, um ihre Verschränkung im professionellen Handeln deutlicher zu machen. Parallel dazu wurden standortübergreifend Perspektiven von Lehrenden gesammelt, welche professionellen Praktiken aus Sicht der Grundschulpädagogik und -didaktik prioritär zu fokussieren sind (induktiver Zugang). Aus der Zusammenführung dieser Analysen wurde ein vorläufiges Rahmenmodell entwickelt, das sich auf vier zentrale Bereiche konzentriert: die mikroadaptive Begleitung von Kindern, die makroadaptive Planung von Unterricht, die Gestaltung einer inklusiven Lernumgebung sowie die Herstellung respektvoller Beziehungen mit und zwischen allen Lernenden. Zu jedem dieser vier Bereiche wurden dann zentrale Core Practices definiert, auf die in der Lehre fokussiert werden könnte. Das Modell versteht die vier Bereiche nicht als isolierte Bausteine, sondern als miteinander verschränkte Dimensionen professionellen Handelns, die im Unterricht ineinandergreifen und im Studium in ihrer Verschränkung erfahrbar gemacht, gleichzeitig aber dekomponiert werden sollten. Das Modell beansprucht dabei keine abschließende Festlegung, sondern versteht sich als orientierender Vorschlag, der standortspezifisch konkretisiert und weiterentwickelt werden kann. Die Special Interest Group ist in fünf aufeinander bezogene Teile gegliedert: 1. Zunächst wird die Grundidee eines an Core Practices orientierten Curriculums für die Grundschulpädagogik und -didaktik vorgestellt und hinsichtlich seiner besonderen Chancen für Kohärenz und kumulativ angelegten Kompetenzerwerb im Spannungsfeld von Forschungs- und Professionsbezug erläutert und diskutiert. 2. Anschließend wird das entwickelte Rahmenmodell vorgestellt und gemeinsam diskutiert. Im Zentrum steht dabei die Frage, welche Core Practices für einen inklusiven Umgang mit Heterogenität im Grundschulunterricht prioritär sind und wie diese theoretisch wie curricular begründet werden können. 3. Darauf aufbauend wird exemplarisch verdeutlicht, wie ausgewählte Core Practices systematisch angebahnt, modelliert, erprobt und reflexiv begleitet werden können. 4. In einem weiteren Schritt wird diskutiert, in welchen Formaten und Strukturen Core Practices sinnvoll im Studium verankert werden können. Dabei stellt sich die curriculare Frage, wie viele Core Practices realistisch fokussiert werden können, ohne eine oberflächliche Abarbeitung zu riskieren, und wie sie im Sinne eines Spiralcurriculums wiederholt aufgegriffen und zunehmend komplexer bearbeitet werden können. 5. Abschließend wird gemeinsam mit dem Plenum über Chancen und Grenzen des Ansatzes reflektiert. Diskutiert werden unter anderem die Gefahr einer technizistischen Verkürzung professionellen Handelns, die Abgrenzung von Core Practices gegenüber anderen zentralen Professionsthemen sowie Fragen der Abstimmung mit Fachdidaktiken, Bildungswissenschaften und den weiteren Phasen der Lehrkräftebildung. Im Spannungsfeld von Forschungs- und Professionsbezug zielt die Special Interest Group darauf, Core Practices als möglichen Vermittlungsraum zwischen wissenschaftlicher Fundierung und professioneller Handlungspraxis zu diskutieren. Sie versteht sich als Forum für einen standortübergreifenden Austausch darüber, welche professionellen Kernpraktiken für eine inklusive, lernwirksame und zukunftsorientierte Grundschule zentral sind und wie diese in der universitären Lehrkräftebildung systematisch aufgebaut werden können. Die leitende Frage ist, ob Core Practices für die Grundschulpädagogik und -didaktik tatsächlich ein vielversprechender Ansatz für die Grundschullehrkräftebildung der Zukunft sind – oder ob sie sich als neue Rahmung bekannter Inhalte erweisen. Diese Frage soll auf der Konferenz kritisch-konstruktiv weitergedacht werden. | ||
