Veranstaltungsprogramm
Eine Übersicht aller Sessions/Sitzungen dieser Veranstaltung.
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Einzelbeiträge 2.7
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„Das einzige Problem ist jetzt, dass er die Sprache nicht kennt“ – Entscheidungsprozesse von Eltern mit Fluchterfahrung am Übergang von der Grundschule in die Sekundarstufe Universität Würzburg, Deutschland Forschungsstand und theoretische Bezüge Im Übergang von der Grundschule in die weiterführenden Schulen bewältigen Eltern eine Vielzahl an Entwicklungsaufgaben (Griebel & Niesel 2020), darunter die Wahl der richtigen Schulform (Koch 2019). Im Kontext von Migration können insbesondere für Eltern mit Fluchterfahrung spezielle Herausforderungen im Zusammenhang mit ihrer prekären Lebenslage (Gogolin & Rauch 2025) bei der Entscheidung für eine weiterführende Schule angenommen werden. Gleichzeitig besteht im Übergang die Notwendigkeit, sich mit dem deutschen Bildungssystem auseinanderzusetzen – obgleich psychische Belastungen und strukturelle Barrieren (z.B. aufgrund der Sprache oder mangelnder Erfahrungen) vorliegen können. Theoretisch kann die Bildungsentscheidung als rationale Wahl (z.B. Boudon 1974) beschrieben werden, welcher Abwägungsprozesse zu Wert- und Erwartungskomponenten für die jeweilige Schulform zugrunde liegen. Für die Entscheidung von Eltern mit Fluchterfahrung werden besondere Anforderungen und Herausforderungen angenommen, aber es mangelt Studien, welche dezidiert diese Gruppe von Eltern in den Blick nehmen. Jedoch zeigen die Entscheidungsprozesse von Eltern mit Migrationshintergrund, dass sie dem Abitur und damit dem Besuch des Gymnasiums einen besonderen Wert zuschreiben (Gresch et al. 2012). Speziell für Eltern mit eigenen Migrationserfahrungen sind diese hohen Bildungsaspirationen dadurch zu erklären, dass sie ihrem Kind eine bessere Zukunft ermöglichen möchten (Becker & Gresch 2016). Fragestellung und Zielsetzung Da die Bildungsentscheidung für Eltern mit Fluchterfahrung mit spezifischen Besonderheiten aufgrund ihrer Lebenssituation verbunden ist, wird im Vortrag der folgenden Fragestellung nachgegangen: Welche Präferenzen, Entscheidungskriterien und Abwägungen nehmen Eltern mit Fluchterfahrung bei ihrer Wahl der Schulform vor? Methode und Design Es wurde eine qualitative Studie durchgeführt, um die Schulformwahl aus Sicht von Eltern mit Fluchterfahrung nachvollziehen zu können. Dafür wurden 14 leitfadengestützte Interviews mit Eltern geführt (Döring 2023), deren Kind eine 4. Klasse einer Grundschule in NRW besucht. Die Datenerhebung erfolgte in der für die Bildungsentscheidung zentralen Orientierungsphase (Munser-Kiefer & Martschinke 2018) bis zur Anmeldung an der weiterführenden Schule (12/22-05/23). In neun Interviews waren SprachmittlerInnen beteiligt, um den Einbezug der Herkunftssprachen der Eltern in den Interviews zu ermöglichen (Lauterbach 2014). Die Interviews wurden mittels der Qualitativen Inhaltsanalyse auf der Basis eines deduktiv-induktiven Kategoriensystems ausgewertet (Kuckartz & Rädiker 2024). Ergebnisse Die Eltern schreiben dem Gymnasium innerhalb der Schulformwahl einen hohen Wert zu, da es z.B. den Erwerb des Abiturs als Grundlage für weitere Bildungsabschlüsse ermöglicht. Auf der anderen Seite äußern sie Bedenken gegenüber den hohen Leistungsanforderungen, welche insbesondere für ihr Kind mit geringen Deutschkenntnissen überfordernd sein können. Daher wägen sie neben weiteren Schulformen (z.B. Gesamtschule) speziell den Verblieb in der Grundschule ab, da aus ihrer Sicht dort die Deutschkenntnisse besonders gefördert werden. Gerade wenn Unsicherheiten zum Übergang an eine weiterführende Schulform bestehen, schreiben die Eltern den Einschätzungen der Grundschullehrkraft eine besondere Bedeutung zu. Diskussion Für die elterliche Bildungsentscheidung im Kontext von Flucht stehen somit Abwägungen im Fokus, welche die Entwicklung und Förderung ihres Kindes in der Zukunft betreffen. Insbesondere im Zusammenhang mit den Deutschkenntnissen ihres Kindes wägen die Eltern den Wert der Grundschule ab. Die Ergebnisse zur Wahl der Schulform von Eltern mit Fluchterfahrung werden vor dem Hintergrund der Notwendigkeit fluchtsensibler Beratungsangebote und der Bedeutung ihrer Entscheidung u.a. für die Zukunft ihres Kindes diskutiert. Zwischen individueller Förderung und Selektionsentscheidung: zur sozialen Platzierung im Rahmen von Empfehlungsentscheidungen am Übergang in die Sekundarstufe. RPTU, Deutschland Fähigkeitsbezogene Vorstellungen und Privilegien können ableistisch wirken und Ungleichheit reproduzieren (Buchner, 2022). An wenigen Stellen der Primastufe ist dieser Umstand so folgenreich wie am Übergang in die Sekundarstufe und bildet dadurch eine Form der institutionellen Pfadabhängigkeit (Carle & Herding, 2023). Der multiperspektivische Ansatz des Transitionsmodells von Griebel & Niesel (2020) beleuchtet u.a. akteurs- wie kontextbezogene Aspekte des Übergangs, der auch von der Bildungsempfehlung am Grundschulende geprägt wird. Beobachten, Fördern und Beurteilen wird so zur Herausforderung für Lehrkräfte, gleichsam zum Menetekel für betroffene Schüler:innen und Eltern (Kottmann et al., 2018). Dabei werden Aspekte des Übergangs schon lange beforscht. Es ist bekannt, dass Lernkompetenzeinschätzungen zentrale Bezugspunkte der Übergangsentscheidung sind (Maaz et al., 2008), auch Kriterien der Lehrkräfte für Übergangsempfehlungen werden immer wieder fokussiert (u.a. Dumbacher, 2024). Untersuchungen, die Sichtweisen und das Erleben weiterer beteiligter Akteur:innen (z.B. Eltern, Schüler:innen) beachten (Vieler et al.) und dadurch multiperspektivisch ergänzen, erweitern die Datenbasis und die Grundlage für professionelles Handeln von Lehrkräften. Ein systematisches Review (Wetterich & Plänitz, 2021) gibt einen Überblick, indem gefragt wird: - Welche Aspekte deutschsprachiger empirischer Forschungsbeiträge werden unter Beachtung der Multiperspektivität der Akteur:innen bzgl. des Übergangs fokussiert? - Welche Ergebnisse für professionelles Handeln von Grundschullehrkräften im Rahmen von Empfehlungsentscheidungen lassen sich aus den Forschungsbeiträgen ableiten? Aus über 4.300 Quellen (01/15-12/25) wurden 180 qualitative wie quantitative Arbeiten aus den DACH-Staaten aufgenommen, mit einem konsensual entwickelten Kodierschema ausgewertet und Forschungsschwerpunkte am Übergang konturiert. Die darin enthaltenen Studien mit Bezug zu Übergangsempfehlungen werden mittels strukturierender, qualitativer Inhaltsanalyse (Kuckartz & Rädiker, 2024) ausgewertet und eine Übersicht der untersuchten Facetten herausgearbeitet. Es deutet sich an, dass die Schwerpunkte „diagnostische Grundlage der Empfehlung“, „Herkunftseffekte“, „Prognosesicherheit“, „Eltern“ und „Schüler:innen“ beforscht werden. Im Anschluss werden Implikationen für die Fort- und Weiterbildung von Lehrkräften, auch unter dem Aspekt Inklusion, diskutiert. | ||
